Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Die deutsche literatur

Index
» Die deutsche literatur
» DER ROMAN DER GEGENWART
» Der ethische Impuls

Der ethische Impuls



Gertrud von Le Fort schrieb in ihrer Bekenntnisschrift: 'Unser Weg durch die Nacht": chaotische Zeiten seien daran zu erkennen, daß sie nur das Äußerste bestehen ließen, während alles Mittlere hinweggeschwemmt werde. Christus und Caesar, Materie und Geist sind die antagoni= stischen Eckpfeiler. Diese zwei äußersten Erscheinungen heißen bei Stefan Andres 'Das Tier" und 'Die Arche", bei Hermann Hesse 'Die Wirklichkeit" und 'Kastalien", bei der Langgässer 'Satan" und 'Gott", bei Thomas Mann 'Trieb" und 'Intellekt".

      Man könnte einwenden, daß nur ein religiöses oder meta= physisches Weltbild imstande sei, die äußersten Gegen= sätze zu umspannen, während Kunst und Wirklichkeit, Humanität und Triebdämonie Ersatzbegriffe für metaphy= sische Gegensätze darstellten. Dem mag in der Tat so sein oder nicht so sein: doch hat es der Betrachter zunächst mit der Thematik und Symptomatik eines Zeitraums zu tun, die möglichst klar herauszuarbeiten seine Aufgabe ist, wo= hingegen er durch ein persönliches Votum des Für oder Wider in Gefahr käme, verschwommen oder einseitig zu werden.
      Wir stellen im Unterschied zu den zwanziger Jahren fest, daß die utopische Totalität nicht mehr sich selber genügt. Der Schwebezustand in 'Steppenwolf" und 'Zauberberg" ist einer Situation moralischer Entscheidung gewichen. Tho= mas Mann vertritt moralischen Rigorismus in seiner Moses» Novelle: 'Das Gesetz". Hesses Kastalien ist eine Provinz geistiger Moral. Stefan Andres macht die 'Arche" zum Areopag der Sintflut. Die Persönlichkeit verzichtet nicht auf ihr Erstgeburtsrecht. Sie aktiviert es, sie widersetzt sich ihrem äußersten Widerspiel und erweist ihm ins Antlitz ihr Recht. Utopia heißt nicht mehr Traum und Spiel, sondern Bekenntnis.
      Diese Kraftprobe hat zur Folge, daß jetzt die Haltung des Einzelnen auf Kampf und Widerstand zugeschnitten ist. Die eindeutige Aufgabe weist sie an einen bestimmten Ort. So wird im 'Tod des Vergil" der Dichter genötigt, dem Machtanspruch des Augustus eindeutig zu begegnen. So wird bei Stefan Andres der Idealist genötigt, auf das Ge= bot der Stunde die Antwort eines Bekenntnisses zu finden. Den ästhetischen löst der ethische Charakter ab. Zwar ent= hielt auch die Utopie der zwanziger Jahre ethische Mo= mente, doch in diffuser Möglichkeitsform. Der Anstoß der Ereignisse brachte sie zu energischer Kohäsion. Das Ich setzte sich in Verteidigungszustand, als die falsche Totalität seinen Bereich überschwemmte. Der bittere Zorn bei Thomas Mann und Hesse, bei Joseph Roth und Her= mann Broch , selbst bei Stefan Zweig und bei Leonhard Frank entsprang einem herausgeforderten ethischen Bewußtsein.
      Die Schrift 'Der Antichrist" von Joseph Roth war im Ver= gleich mit der moralischen Schwermut der 'Flucht ohne Ende" ein Ausbruch polemischer Prophetie. Karl Wolfskehl stieß im Exil zum Urbild des Hiob durch. Broch zog die 'Schuldlosen" zur Verantwortung. Der Titel seines Romans ist insofern bezeichnend, als auch Leopold Ziegler im Vor= wort einer Schrift über Edgar Julius Jung das Nichtwissen für die Verbrechen der Gegenwart verantwortlich macht. Nichtwissen — weit entfernt, den Täter zu entschuldigen -bildet in Wahrheit den Kern seiner Tragödie. Denn Nicht= wissen meint: sich von der eigenen Seelentiefe abscheiden und wie der Spieler auf die Gunst des Augenblicks setzen. Oder es heißt — um mit Andres zu reden —: das innere Utopia verleugnen und dem 'Tier aus der Tiefe" dienen.
     

 Tags:
Der  ethische  Impuls    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com