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Der abstrakte Stil: Sprachmoralismus



Im Sinne dieser Unterscheidung ist auch der abstrakte Stil — etwa bei Walter Jens — aufzufassen. Die Eindeutigkeit der geometrischen Figur erlangt im Hinblick auf den Men= sehen moralische Bedeutung. Doch handelt es sich hier weder um die Lebens= und Schicksalsmoral Goethes — 'So mußt du sein / Dir kannst du nicht entfliehen" — noch um die allgemeinverbindliche Pflichtmoral. Sondern es handelt sich um das eindeutige Wesensgesetz der Persönlichkeit, das sich von der Ãœberredung des Lebens wie vom Diktat der Pflicht freigemacht hat. Das heißt: die Persönlichkeit lebt ihrer Freiheit, die sie als jeweilige Notwendigkeit er= füllt. Das Ich ist Gesetzgeber jeden Augenblicks. Es ist eine andere Frage, ob die künstlerische Darstellung solcher Freiheit über das experimentelle Stadium je hinaus» kommt. Sartre's 'La Nausee" ist weniger Roman als Trak= tat. Aber die Situation totalen Widerstandes führt dieses Problem unweigerlich herauf. Unter der Diktatur nimmt die Freiheit die Form totaler Enthaltsamkeit an. Die persön= liehe Moral hebt durch ihr Nein das Recht des Bestehenden auf. Sie steht unter permanenter Anklage und somit in Gefahr, sich zum Rechtsgegenstand der 'Anderen" zu ma= chen. Sie kann ihre Verteidigung nur so führen, daß sie jede Kommunikation abbricht und sich mit dem Bewußtsein des eigenen Rechtes erfüllt. Im Unterschied zum Recht der Anderen ist ihr Rechtsbewußtsein von keinerlei Interesse getrübt. Das Interesse würde ihr vorschreiben, auf persön= liehe Lebensrettung bedacht zu sein, Angebote in Erwägung zu ziehen oder vor der Aussichtslosigkeit einer Lage zu resignieren, die auch durch das Opfer des eigenen Lebens nicht gewendet wird. Indem sie jedes Interesse preisgibt, rettet sie ihr nacktes Recht, das Freiheit schlechthin ist. Die Freiheit ist somit ein Wert, der ständig realisiert wer= den muß und nur durch Realisierung Wert hat. Sie ist kein Wert an sich. Auf die Kunst angewandt heißt das: der Schriftsteller hat im Roman das Gesetz persönlicher Moral zu demonstrieren. Die Vorgänge, die er zeigt, sind eine Konstruktion der persönlichen Moral.

      Dieser Punkt ist darum so wichtig, weil sich hier anstelle des ästhetischen ein ethisches Moment durchsetzt. Der ab= strakte Stil tritt unter ein moralisches Vorzeichen. So ist auch die Heftigkeit zu begreifen, mit der gewisse literarische Gruppen — so die 'Gruppe 47" — auf jeden Anklang des romantischen 'style fleuri" reagieren. Der 'Kahlschlag", von dem zuerst Wolfgang Weyrauch gesprochen hat, wird mit der Axt des Moralismus besorgt. Eine parallele Ent= wicklung findet im religiösen Roman statt. Wie dort das Beschauliche, so wird hier das Erbauliche abgelehnt. Die Moralisierung des religiösen Romans ist unter denselben Vorzeichen zu sehen wie die Abstrahierung im Zeitroman. Das Thema der Resistance wurde in Deutschland am ent= schiedensten von Walter Jens aufgenommen. In seiner No= velle 'Das weiße Taschentuch", die 1948 pseudonym er= schien, heißt — wie in seinem bekanntesten Roman 'Nein — die Welt der Angeklagten" — die Parole des einzelnen: Nein. Die Soldaten müssen dunkle Taschentücher tragen, damit keiner sich als Ãœberläufer ausweisen kann. Das Weiß ist Symbol jenes blanken Nein, das dem Widerstand als einzige Waffe bleibt. Um dasselbe Problem geht es in der

Schrift von Andersch: 'Die Kirschen der Freiheit". Jens tastet nach einer neuen Form des Romans. Die gesell» schaftlichen Vorwände der Gattung sind aufgebraucht, aber auch der Individualismus hat sein Daseinsrecht eingebüßt. In dem Roman 'Vergessene Gesichter" leuchtet er in eine obsolet gewordene Welt hinein. Interessanter als Experi= ment ist der Roman 'Der Mann, der nicht alt werden wollte", in dem Jens versucht, die Konvenienz gelebten Lebens von der abstrakten biographischen Linie abzu= scheiden. Im Vergleich mit den täuschenden Varianten des gelebten Daseins stellt die Schicksalsfigur den gereinigten Text dar. Jens ist Philologe. Wissenschaftliche Akribie wird ihm — wie dem Geometer und Konstrukteur Frisch — zum Leitbild objektiver Richtigkeit. In seinem jüngsten Ro= man hat er die Abenteuer des Odysseus entfabuliert und im Reinzustand dargestellt.
      Die Gefahr der Methode besteht darin, daß sie Charaktere nur aus dem Gesichtspunkt weltüberwindender Weisheit zu sehen vermag. Deshalb finden sich bei Jens immer wieder Hauptfiguren, die als Greise, Blinde oder zum Tode Ver= urteilte mit der Welt abgeschlossen haben. Odysseus wird so zum asketischen Weisen, doch könnte nichts seinem überlieferten Charakter mehr widersprechen. Der morali= stische Systemzwang, dem Jens unterliegt, drückt sich in dem verlagerten Akzent aus, der auf Greisenalter, Gebre= chen oder sonderlinghafte Weltentfremdung fällt, weil nur so der moralische Standpunkt dichterisch plausibel gemacht werden kann. Das beschwört die Gefahr herauf, daß der starke moralische Impuls seiner ersten Bücher und Hör= spiele auf die Dauer genrehafte Form annimmt und dem ästhetischen Experiment den Platz abtritt. Diese Gefahr ist durchweg zu beobachten. Oft fehlte nur ein weniges, und aus der Figur des Moralisten würde die umweltfreie Figur des reinen Humoristen. Aber dieser Schritt wird nicht getan. Die Verschlüsselung einer ehe= mals freien Tendenz bringt Arno Schmidt, der nach seinem ersten Buch 'Brand's Haide" als Hoffnung angesprochen wurde, um die mehr als exklusive Wirkung in einem sehr engen Kreise. Schmidt ist erfinderisch en detail — die große Gefahr des experimentellen Kunstgewerbes, das eine an sich kahle Fabel mit dem Sprachhobel zu Schnitzeln und Locken aufkräuselt.

     
Fred von Hoerschelmann, den wir als packenden Erzähler in seinem Buch 'Die Stadt Tondi" kennenlernten, hat sich die Figur des Blinden ebenso wenig entgehen lassen wie Walter Jens — und zwar in seinem Hörspiel 'Ein Weg von acht Minuten", das alle Fäden einer komplizierten Ge= schichte in der abgeklärten Psyche eines alten Mannes zu= sammenlaufen läßt. Martin Walser hat in der Erzählung 'Templones Ende" das Thema völliger Vereinsamung ab= strakt durchkomponiert.
      Nie ist die junge Literatur so alt gewesen wie in unserer Zeit. Alter oder Blindheit sind Chiffren für den moralischen 'Waldgang", wenn auch ohne romantische Waldsphäre. Die Konstruktion führt zu künstlerischem Leerlauf, wenn ihr nicht ein erfinderisches, das heißt unberechenbares Mo= ment ständig die Waage hält. Das Erfinderische bewirkt jene kleinen Abweichungen, die den Leser spüren lassen, daß es trotz der eingehaltenen Linie Widerstände zu be= zwingen gibt. Wird die Konstruktion geradlinig zu Ende geführt, so blickt der Leser ungeduldig auf das Ziel der gedachten Strecke voraus.
      In den Romanen von Arthur Koestler bewirkt diese kleinen Abweichungen eine außerordentlich geschmeidige Psycho= logie. In den Romanen von Sartre die lebendige Dialogfüh* rung.
      Rolf Schroers führt seine Romane und Erzählungen immer wieder an einen Punkt, wo das Schicksal mit entmenschter Mechanik zuschlägt. Dem 'Trödler mit den Drahtfiguren" entspricht in seiner jüngsten Erzählung 'In fremder Sache", die brillant geschrieben ist, der Rothaarige, dessen nacktes Grinsen medusisch schlechthin ist. Schroers' Romane spie= len im Niemandsland zwischen einer komfortablen bürger= liehen Gesellschaft, die er satirisch befehdet, und der Rand= zone reiner Gewalt . In einer Gesellschaft, die mit Berufung auf ihre Interessen alles be= schlagnahmt hat — auch das Recht — muß sich der einzelne Mensch seines Nebenmenschen annehmen. Hier taucht eine uralte Rechtsauffassung auf, die unter Sühne die Stell» Vertretung in Fleisch und Blut versteht. Die gespannte Po= larität von Archaismus und christlicher Moral, die jedoch zu abstrakter Moral geworden ist, kennzeichnet die Bücher von Schroers. Bei Herbert Eisenreich lesen wir, daß für ihn die erzählte

Geschichte der Lyrik näher steht als dem Roman. Und zwar nicht — wie man annehmen sollte — weil Geschichte und Ge= dicht persönlicher gefärbt sind, sondern umgekehrt. Lyrik und Geschichte greifen Figuren aus dem stetigen Strom des Geschehens, ohne seinen Fluß zu hemmen. Der Autor hält sich streng zurück.
      Die Lyriker Hans Bender und Heinz Piontek sind starke Erzähler. Die packende Geschichte von Bender 'Die Wölfe kommen zurück" ist eine östliche Ballade in strenger Erzähl= form. Die Geschichte 'Iljas Tauben" ist eine geschlossene Novelle. Heinz Piontek beweist in seinen Erzählungen 'Vor Augen" dieselbe plastische Sehkraft wie in seinen Gedich= ten. Bender hat ausgeprägteres Formbewußtsein.
     

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Der  abstrakte  Stil:  Sprachmoralismus    





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