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Das 'Utopia von Stefan Andres



Diese Polarität ist auch ein Grundgesetz der Dichtung von Stefan Andres. Sein groß angelegter Roman 'Die Sintflut", in dem er zu einer Bewältigung der Katastrophe ausholt, gibt in zwei Bänden die Exposition des geschichtlichen Dramas. Der erste 'Das Tier aus der Tiefe", der zweite 'Die Arche" betitelt, spannen die Vorgänge in den Rahmen einer apokalyptischen Vision.
      Worin besteht für Andres das Wesen der Diktatur? Denn um eine Deutung dieses Phänomens ging es ihm in der 'Sintflut", ohne daß sein plastisches Panorama darunter gelitten hätte. Es besteht im Verlust der Bürgschaft, in der Inflation der Werte, in der Maßlosigkeit gesetzgeberischen Eigenwillens. Die Diktatur verliert die Möglichkeit der Selbstbesinnung. Sie steigert ihren Wahn zur Totalität der Psychose. Das 'Tier aus der Tiefe", das sich die Krone der Herrschaft zuspricht, entthront mit dem Augenblick seines Machtantritts die höhere Welt. Stefan Andres opfert nicht die Autonomie der Persönlich= keit. Doch faßt er sie nicht im Begriff des Ich, das ihre Fülle zum Punkt einschrumpfen läßt, sondern im Begriff des Wunsch= und Schaubildes. Das Ich bezeichnet bei ihm nicht als graphischer Punkt die Lagebefindlichkeit eines Körpers, sondern es ist Entwurf, Spannung auf ein Ziel hin, Wunschprojektion oder Utopie. Es sei hier daran er= innert, daß auch bei Ortega y Gasset der Charakter als ein Spannungsphänomen ständig realisiert und im Bilde des Bogenschützen gefaßt wird. Der Ort des Ich ist nicht sein körperliches Hiersein, sondern er wird gesucht in einem transzendenten Ãobersichhinauswollen. Die geheimnisvolle Wunschsphäre des Ich nennt Andres 'Utopia". Insoweit behält er die utopische Tendenz der zwanziger Jahre bei. Er schildert Idealisten, Sucher nach dem Lebenssinn, Aben= teurer, Irrfahrer im Namen einer Idee. Das quijoteske Ele= ment ist in seinen Büchern unverkennbar. Es wimmelt darin von Einzelgängern, Outsidern, Emigranten. Stefan Andres war selber Emigrant. Er hat das Dritte Reich als Außen= seiter erlebt. Sein 'Utopia" ist die 'Arche", eine Felsen= bürg im Süden Italiens, die er im Zweiten Band seines Ro= mans schildert. Die Arche ist der Hort der echten Totalität, während in dem

Tier die falsche Totalität aus dem Abgrund aufsteigt. Die echte Totalität ist daran zu erkennen, daß sie sich von einem Absolutum herleitet, ihm untergeordnet und gehor= sam bleibt. Freilich kann dieses 'Absolutum" nur durch Selbsterkenntnis gefunden und als persönliches 'Utopia" gelebt werden. Aber die 'Utopia" steht im Dienst eines Höheren, während das gekrönte Tier nichts über sich kennt.

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