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Apokalyptische Totalität



Die Gegenüberstellung von 'Utopia" und apokalyptischem Tier, von Christ und Antichrist, von Wissen und Macht zeigt etwas Neues. Die Lage wird in der Weise realisiert,daß zwei äußerste, einander ausschließende Mächte den Schauplatz beherrschen. Faschismus und Nationalsozialist mus erscheinen als Exponenten widersacherischer Prinzi= pien. In Joseph Roths Aufsatz: 'Zu einem Wiegenfest" wird Hitler als ein Bote der Hölle angesprochen. Im 'Dok= tor Faustus" von Thomas Mann tritt nicht nur der leib= haftige Satan auf, sondern es wird auf das deutsche Ver= hängnis schlechthin reflektiert. Bei Hesse ist es die Wirk= lichkeit überhaupt, die zu Kastalien in Gegensatz tritt. Der Titel 'Die Sintflut" läßt erkennen, daß Andres unter der Diktatur eine alles überschwemmende Katastrophe ver= steht.

      Hermann Kasack ließ auf 'Die Stadt hinter dem Strom" einen satirischen Roman 'Das Große Netz" folgen, der vom Publikum bei weitem nicht so günstig aufgenommen wurde wie sein erster Roman. Nicht nur weil sich die Verhältnisse inzwischen gründlich gewandelt hatten, sondern auch weil eine Totalsatire sich um den Ort bringt, von dem aus allein das Bestehende glaubwürdig zu erschüttern ist. Kasack denunzierte im 'Großen Netz" den Scheincharakter der mo= dernen Zivilisation und Organisation, die sich imstande fühlen, auch den Weltuntergang als Monstrefilm zu in= szenieren. Doch es widerfuhr Kasack, daß er am Ende seines Romans aus Scherz und Schein Ernst werden und sein per= sönliches 'Utopia" in Nichts aufgehen ließ. Das entzog der Satire den Boden. Der Weltuntergang — mag er auch nur zum Schein inszeniert werden — beseitigt nicht nur die Ziel= Scheibe der Satire, sondern auch den satirischen Schützen. Die 'Apokalypse", von der hier die Rede ist, stellt sich als das Negativ einer Utopie dar. Ursprünglich lehrte die Uto= pie in Form eines Wunschbildes, wie es in der Welt sein sollte. Sie enthielt ein moralisch=pädagogisches Moment. Die negative Utopie beschränkt sich darauf zu zeigen, wie es in der Welt nicht sein sollte, aber fatalerweise sein wird. Zu dieser Beschränkung sieht sie sich genötigt, weil sie der Ratio den Glauben versagt. An ihre Stelle tritt Fatalismus. Schon in dem großen Roman von Robert Musil, der den Umschlag von der positiven in die negative Utopie bezeich= net, emigriert der Held in ein Jenseits=der=Ratio. Nach= dem er alle verfügbaren Möglichkeiten essayistisch durch= probiert hat — wozu ihm die 'Parallelaktion" Gelegenheit gibt —, nimmt er den Weg ins Imaginäre. Ausgerüstet mit allen Erkenntnis« und Wissensmethoden, die der Rationalis» mus dem Menschen geliefert hat, macht er sich an die Erforschung des unbekannt gebliebenen Kontinents der Seele. Er entreißt ihn seinem religiösen Fabelzustand und macht ihn zum Gegenstand vorurteilsloser Wissenschaft, wobei ihm jedoch die Erfahrung nicht erspart bleibt, daß seine Instru= mente an dem Gegenstand versagen. Empirisches Konsta= tieren, phänomenologisches Beschreiben ist das Äußerste, wozu es der Forscher Ulrich bringt.
      Die negative Utopie bleibt abhängig von der Basis, die sie zur Erforschung des seelischen Kontinents verlassen hat. Eine ansehnliche Zahl von Nachkriegsromanen bewegt sich im Niemandsland jenseits der Ratio, ohne jedoch ihrer Paß= kontrolle zu entrinnen.
     

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