Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Die deutsche literatur

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Ad infinitum



Es ist in diesem Essay nicht auf Vollzähligkeit abgesehen. Der Versuch, Wesenszüge eines Porträts der Gegenwarts= literatur zu entwerfen, leidet unter einer doppelten Begren= zung: einmal sollte dem Bezeichnenden, auch wo es nicht zu künstlerischer Vollendung gelangt, dem in sich Selbst-verständlichen vorgezogen werden; zum andern sollte der persönliche Umriß gewahrt bleiben, der sich dem Verfasser aus eigener Lektüre ergeben hat.

      Doch im Begriff, dem Weg ein vorläufiges Ziel zu setzen, drängt sich ihm eine Fülle von Lese=Erinnerungen auf, die ihm das Fragmentarische seines Bemühens zum Bewußtsein bringen. Die Erzählung des deutsch-böhmischen Dichters Josef Mühlberger 'Die Knaben und der Fluß" mit ihrem Dreiklang von Liebe, Freundschaft und Tod hebt sich gedämpft von dem schwermütigen Largo der Landschaft ab. Halb Mythos, halb Ideal gesellt sich ihm in der Erinnerung Wilhelm Lehmanns Roman 'Ruhm des Daseins", der herber im Geschmack, aber mit Schicksal und Landschaft ähnlich verschwistert ist. Horst Langes 'Schwarze Weide" und 'Die Ulanenpatrouille" lassen daran denken, wie eng und zahm die deutsche Literaturlandschaft geworden ist. Bei dem schlesischen Dichter steht sie noch gegen das Elementare hin offen. Sprache und Handlung in ihrer bitteren Trunkenheit sind voll jäher Gewalt und Leidenschaft, aber zugleich voll mystischer Gemütstiefe.
      Bei allen diesen Schriftstellern, denen wir den Österreicher Franz Turnier zugesellen könnten, spüren wir das Bestre-ben, heimatliche Elemente — des Stils, der Landschaft oder der Wesensart — in ein weiteres Spannungsfeld zu versetzen.
      Der Roman von Gertrud Fussenegger 'Das verschüttete Antlitz" erscheint uns darum wichtig, weil hier die Auseinandersetzung zwischen deutschem und tschechischem Charakter in Gestalten eingeht, deren Schicksal persönlich und überpersönlich zugleich ist, wenngleich die Durchführung des Themas der Dichterin nicht ganz rein gelungen ist. Das heißt: wir finden im Roman der Nachkriegszeit im großen und ganzen zwei Richtungen ausgeprägt: die eine strebt danach, ein Stück angestammter Welt — sei das nun Geschichte, Landschaft, religiöse Ãœberlieferung, ererbte Humanität — in die Zukunft hinüberzuretten, ohne doch auf die Auseinandersetzung mit der Gegenwart zu verzichten. Die andere pocht auf die Autarkie der moralischen Persönlichkeit und wittert in allem, was nach Tradition schmeckt, eine subtile Verschleierungstaktik oder feige Ausflucht. Der kritische Betrachter hat es weder mit utopischen noch mit traditionalistischen Illusionen zu tun. Er kann den Vertretern beider Richtungen die Achtung nicht versagen, wenn sie mit ihrem Bekenntnis dichterisch ans Ziel kommen. Er hat für den schneidenden und kompromißlosen Moralismus Wolfgang Weyrauchs, der über den Gefühlskomfort und die verlogene Schablone ingrimmig herfällt und die" gutmütige Selbstvergebung des Spießers mit den schärfsten Kuren purgiert, ebensoviel Sympathie wie für die religiöse Unbedingtheit eines Jochen Klepper, der am Bestand einer geistigen Tradition festhält.
      Es gibt Schriftsteller, die eine ähnlich unparteiliche Haltung einnehmen, und es scheint mir von Bedeutung, daß sie zumeist an der Kreuzung uralter Kulturstraßen geboren sind. Im Laufe unserer Betrachtung sind wir des öfteren dem Namen Kasimir Edschmids begegnet. Edschmid hat nicht nur Reisebücher über Italien geschrieben, die in Deutschland am weitesten bekannt sein dürften, sondern er hat sichin den zwanziger Jahren mit einem romanisch anmutenden Elan in die literarische Schlacht geworfen. 'Sechs Mündungen" und 'Die achatenen Kugeln" waren Prosadokumente des Expressionismus. Er hat den ersten Sportroman geschrieben , hat die versnobte Gesellschaft persifliert , hat in 'Byron" den romantischen Einzelgänger und Weltmann präsentiert , hat in seinem Roman 'Deutsches Schicksal" ein nicht ganz unbedenkliches Turnier für die Auslanddeutschen geritten und hat nach diesem Krieg seinem Wahlhelden Byron zwei weitere mit dem Anfangsbuchstaben B beigesellt: Georg Büchner und Bolivar.
      Der Roman über Bolivar 'Der Marschall und die Gnade" enthält im Auszug alle Elemente, die an Edschmid von jeher fasziniert haben.
      Und zwar haben sie darum fasziniert, weil sie in höchst origineller Mischung auftreten. Joseph Roth läßt seinen Franz Tunda an einer Stelle sagen, die Russische Revolution sei ein ebenso interessantes Phänomen wie Wagners 'Par-sifal". Schlägt man den 'Byron" von Edschmid auf, so findet man im Vorspruch Angaben über die Ernährungsweise seines Helden. Das heißt: Edschmid ist an einem Phänomen schlechthin interessiert — physiologisch, historisch, ästhetisch. Er liebt, es auf ungewöhnliche Art anzugehen. Nichts scheut er so sehr wie die ausgetretenen Wege; vielmehr bevorzugt er Schleich- und Indianerpfade, und diese Freude am jugendlichen Abenteuer erhält seine Bücher elastisch. Kein Wunder, daß der Leser mit in Spannung gerät. Dieses Vorgehen, das in früheren Werken gelegentlich nach Attitüde schmeckt kommt in dem Roman 'Der Marschall und die Gnade" zu seinem vollen Recht. Edschmid schwärmt für Tatsachen. Und ebendiese Mischung von Schwärmerei und Tatsachensinn zeichnet die Epoche aus, die ihm seine Wahlhelden liefert. Büchner ist ein enttäuschter Romantiker, der seinen Traum in die Aktion wirft. Byron ist Dichter und Freiheitskämpfer, Gesellschaftskritiker und Einzelgänger. Bolivar ist Staatsmann und utopischer Schwärmer. In Edschmids Italienbüchern wird der Traum der Hohen-staufen ergriffen nachgedichtet, zugleich aber mit dem zähen Tatsachensinn des Lateiners konfrontiert. Wenn den Romanen der Sinn für Repräsentation auszeichnet, so hat ihr Edschmid zwar auch seinen Zoll entrichtet, doch hat sein deutsches Weltgefühl ihr einen lyrischen Anhauch verliehen. In dem Nachwort zu seinem jüngsten Roman gibt Edschmid Rechenschaft von seiner Herkunft. Der Urgroßvater lebte in Worms am Dom; von seinen siebzehn Kindern wander« ten die meisten aus — nach Kanada, nach den Vereinigten Staaten, nach Syrien. Der Großvater war ein Schüler Schleiermachers und Professor der Theologie; der Vater ein Schüler Röntgens und Professor der Physik. Auf dem Lud= wig=Georgs»Gymnasium, das Edschmid besuchte, hatten Gervinus, Georg Büchner und Stefan George Vergil und Homer gelesen. Ein Zweig der mütterlichen Familie lebte im Elsaß. Hier erblickte der Zwölfjährige zum erstenmal das Straßburger Münster. Und als er älter geworden war, ging er auf Reisen und ließ sich mit dem Abenteuer der Literatur ein.
      Nur ein Weltwanderer wie Edschmid kann soviel Freimut aufbringen, daß er die Geschichte seines Werdegangs, der so im Zeichen lebendiger Tradition steht, mit einem Gegen» bild beschließt: 'Doch manchmal erinnere ich mich daran, daß ich an einer einsamen Stelle dieser Erde einen kräftigen jungen Burschen traf, der mit seinem Hund spazieren ging ..., er sagte es mir gleich, von Kontinent zu Kontinent, einer jener sympathischen Narren, die langsam aussterben. Er äußerte bescheiden, daß er nichts von Büchern und dem, was von ihnen ausgehe, halte. Er gestand, daß er weder lesen noch schreiben könne, und nicht die Absicht habe, es zu lernen. Jedermann, meinte er freundlich, müsse allein, ohne Voraussetzungen, ohne Nachhilfe, aus sich selbst heraus, auf eigene Verantwortung, die Welt, ihre Wirklich» keit, ihre Tragik und ihren Prunk ergründen. Dies allein habe menschlichen Wert.
      Es war natürlich reiner Unsinn, was er vorbrachte, während er neben mir auf dem Block einer Inka=Ruine saß; aber von Zeit zu Zeit, wenn ich die Entwicklung der Welt überdenke, erinnere ich mich an dieses Gespräch, und ich gestehe, daß es mich dann immer wieder, jedesmal mehr, tief beun= ruhigt."
Die Begegnung zwischen dem Geschichtsweisen und dem geistigen Selfmademan — und stellt nicht sie am treffend» sten die Situation der Nachkriegsliteratur dar? — ist umso tiefer beunruhigend, als ihr nicht mit einem kategorischen Entweder/Oder Herr zu werden ist.
      Hebbels Wahlspruch 'Wirf weg, damit du nicht verlierst" gilt zweifellos für den eingefleischten Traditionalisten. Nicht jedes Bemühen um neue Form ist eo ipso Experiment und darum von dem Konservativen abzulehnen. Denn die über= lieferte Form wird zur Fälschung, wenn sie dem geistigen Stand der Zeit nicht mehr entspricht. Der historische Ro= man ist in seiner Form abhängig von unserem aktuellen Verhältnis zur Geschichte. Der psychologische Roman kann nicht an den Wandlungen vorbeisehen, die in der Seelen= künde eingetreten sind. Die soziologische Frage geht vor allem den Schriftsteller an, der noch an den Idolen der Ver= gangenheit hängt.
      Andererseits ist nicht jedes Experiment sinnvoll. Die Stärke eines Schriftstellers bemißt sich daran, wieviel an Tradition er umzuformen vermag. Die nackte Konstruktion, die sich des Wissens um Tradition entschlägt, ist ebenso ein Beweis von Schwäche wie das bemühte Handwerk, das traditionelle Vorbilder kopiert. Große Dichtung hat nie den Strom über= lieferten Wissens gescheut, sondern ihn als Schwemmland für die eigene Saat genutzt.
      Es ist leicht, die Welt ins Chaos zu stürzen, wenn man zu= vor ihre Oberfläche blank gefegt hat. Das Experiment der 'tables tournantes" langweilt auf die Dauer genau so wie das Legespiel nach bewährten Mustern. Dichtung ist ein dynamisches Phänomen und als solches nach Spannungsgraden zu messen. Nicht ob man die Tra= dition bejaht oder verneint, ist das Entscheidende, sondern ob man sich ihr gewachsen zeigt.
     

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