Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Die deutsche literatur
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DER ROMAN DER GEGENWART



Situation der Nachkriegsliteratur
Bei stetiger geschichtlicher Entwicklung liefert eine Genera= tion, wenn sie in die zwanziger oder dreißiger Jahre ge= kommen ist, die ersten Proben ihres Könnens, schließt sich zu Gruppen zusammen, bildet einen Stil aus und setzt sich mit der Vorläufergeneration auseinander. Überblicken wir die heu [ ... ]
Noch einmal Döblin
Erst im Jahr 1956 erschien Alfred Döblins außerordentlicher Roman: 'Hamlet oder die lange Nacht nimmt ein Ende", der 1945 in Hollywood begonnen und 1946 in Baden=Baden abgeschlossen wurde. Walter Muschg bezeichnet ihn mit Recht als den markantesten Roman der Nachkriegslitera= tur, denn hier wird wie [ ... ]
Rückblick auf die Vorgänger
Die Literatur der zwanziger Jahre — ob von Emigranten oder Nichtemigranten bestritten — läßt einheitliche Grund* züge erkennen. Sie war utopisch in ihrem Bestreben, das rationalisierte Weltbild noch einmal aus irrationalen Quel* len zu speisen. Sie nahm Werte in Verantwortung, die sich in einer [ ... ]
Gefahr des internationalen Charakters
Die Verflechtung der Nachkriegsliteratur mit Problemen, Tendenzen und Stilphänomenen anderer Literaturen, die exemplarische Bedeutung, die amerikanische oder französi* sehe, englische oder spanische Vorbilder für Vertreter der jüngeren Generation erlangt haben, ist eine Tatsache, die kaum mehr disku [ ... ]
Allgemeine Voraussetzungen
Unsere Betrachtung der Nachkriegsliteratur ist der Versuch einer topographischen Aufnahme. Rein literarische Maß= Stäbe werden zur Bewältigung der Aufgabe nicht ausrei= chen. Die Literatur als soziales Phänomen deckt sich nicht mehr mit ihren früheren Grenzen. Der Unterschied zwi= sehen Dichter und [ ... ]
Der provisorische Charakter des Begriffs Nachkriegsliteratur
Die Jahreszahl 1945 ist der Markierungspunkt, an dem wir einsetzen. Doch wäre es falsch, wollten wir mit 1945 eine Epoche der Literatur beginnen lassen. Wer aus den ersten Nachkriegsjahren nicht nur die leibliche Not, sondern den Lesehunger im Gedächtnis behalten hat, der weiß, daß es ein zögernder [ ... ]
Die ersten Romane
Die ersten Romane, die nach 1945 erschienen, waren ein Epilog zu Voraufgegangenem. Sie wurden jedoch vielfach als Neubeginn gewertet. Die apokalyptischen Utopien von Kasack, Thomas Mann, Hermann Hesse und Elisabeth Langgässer gingen mit dem Charakter der Zeit ins Gericht. Dem 'Doktor Faustus" stehen [ ... ]
Das 'Utopia von Stefan Andres
Diese Polarität ist auch ein Grundgesetz der Dichtung von Stefan Andres. Sein groß angelegter Roman 'Die Sintflut", in dem er zu einer Bewältigung der Katastrophe ausholt, gibt in zwei Bänden die Exposition des geschichtlichen Dramas. Der erste 'Das Tier aus der Tiefe", der zweite 'Die Arche" betite [ ... ]
Der ethische Impuls
Gertrud von Le Fort schrieb in ihrer Bekenntnisschrift: 'Unser Weg durch die Nacht": chaotische Zeiten seien daran zu erkennen, daß sie nur das Äußerste bestehen ließen, während alles Mittlere hinweggeschwemmt werde. Christus und Caesar, Materie und Geist sind die antagoni= stischen Eckpfeiler. Die [ ... ]
Apokalyptische Totalität
Die Gegenüberstellung von 'Utopia" und apokalyptischem Tier, von Christ und Antichrist, von Wissen und Macht zeigt etwas Neues. Die Lage wird in der Weise realisiert, daß zwei äußerste, einander ausschließende Mächte den Schauplatz beherrschen. Faschismus und Nationalsozialist mus erscheinen als [ ... ]
Heinz Risse
In Romanen und Erzählungen von Heinz Risse ist dieser Vorgang am deutlichsten abzulesen. Risse begann mit Er* Zählungen, die offensichtlich von der Lektüre Hamsuns in= spiriert waren. Der Hamsun'sche Held ist Nonconformist schlechthin. Doch ist er nicht — wie z. B. Bernard Shaw — kritischer Oppo [ ... ]
Hans Erich Nossack
Der Roman 'Wenn die Erde bebt" machte Risse im Umsehn bekannt und verbreitete sich in Ãœbersetzungen in fast alle europäischen Länder. Weniger aufsehenerregend, aber eben= so nachhaltig war der Erfolg, den Hans Erich Nossack mit seiner Erzählung 'Nekyia" in Frankreich errang. Nossack steht Risse in [ ... ]
Ilse Aichinger
Unter ähnlichen Voraussetzungen steht die Dichtung von Ilse Aichinger. Auch hier wird das 'Leiden am Ich" stilisiert. Es strömt sich nicht unmittelbar aus wie im Expressionist mus — das 'O Mensch" Franz Werfeis ist verpönt —, und doch liegt auch ihrer Dichtung ein Lebenszwiespalt zu= gründe, der [ ... ]
Moralische Abstinenz
Wenn man der Nachkriegsgeneration Mangel an politischer Teilnahme und Begeisterung vorwirft, so ist dieser Mangel die Folge von Zuständen, die der 'Schuldlosigkeit" des Apparats zum Triumph verhalfen. Die Erfahrung lehrt, daß die Frage nach der Kriegsschuld gegenstandslos geworden ist. Die Kollektiv [ ... ]
Felix Hartlaub
Felix Hartlaubs 'Tagebuch aus dem Kriege" ist nicht vom Standpunkt des idealen Beobachters geschrieben. Darin liegt seine revolutionäre Bedeutung. Im Gegensatz zu Erich Maria Remarque oder Ernst Jünger — diesen zwei pazi= fistischen und heroischen Bürgen der 20er Jahre —, ver= ziehtet Hartlaub a [ ... ]
Der Kriegsroman
In den Kriegsromanen der zwanziger Jahre ging es noch um die Einstellung zum Krieg als moralisches Phänomen. Schelers patriotischer Beitrag zur Phänomenologie des Welt= kriegs: 'Der Genius des Kriegs und der deutsche Krieg" ist heute weithin vergessen. Aber auch die pazifistische Litera= tur hat an [ ... ]
Die Moralisten
Wolfgang Koeppen hat mit seinem Roman 'Tauben im Gras" von der Stärke seines Talents ein für allemal über» zeugt. Koeppen ist Zyniker aus Moral. In den zwanziger Jahren haben Joseph Roth, der junge Hermann Kesten in 'Josef sucht die Freiheit" und 'Ein ausschweifender Mensch", auch Kurt Tucholsky die [ ... ]
Selbstspaltung
Vertreter jener Generation, die etwa vierzigjährig aus dem Krieg hervorging, mußten vielfach die Erfahrung machen, daß es mit dem Wiederanfang seine Schwierigkeiten habe. In dem Maße, wie sie die Bekanntschaft mit der Literatur anderer Länder erneuerten, wie die Bücher der Emigranten erschienen, wie [ ... ]
Humoristische Situation ohne Humor
Die Selbstspaltung oder 'Bipolarität", die Hesse im 'Kur-gast" näher erläutert, ist in der Gegenwartsliteratur nicht mehr ein Spiel mit wechselnden Masken, sondern sie be= steht in strenger Absonderung von der Maskenwelt. Das Ich geht seiner Eigenschaften verlustig. Das reine Ich steht schaudernd vo [ ... ]
Der abstrakte Stil: Sprachmoralismus
Im Sinne dieser Unterscheidung ist auch der abstrakte Stil — etwa bei Walter Jens — aufzufassen. Die Eindeutigkeit der geometrischen Figur erlangt im Hinblick auf den Men= sehen moralische Bedeutung. Doch handelt es sich hier weder um die Lebens= und Schicksalsmoral Goethes — 'So mußt du sein [ ... ]
Max Frisch: 'Stiller
Der 'Stiller" von Max Frisch hätte kaum so viele Leser ge= f unden, wenn nicht die Grundkonzeption des Romans durch eine geschickte Inszenierung fast unsichtbar geworden wäre. Max Frisch hat ein Auge für das bezeichnende Detail, ver= steht sich aber zugleich auf seine konstruktive Verwertung. An ein [ ... ]
Gewissensfrage
Was befähigt ein Werk zur Dauer? Die Frage ist negativ leichter zu beantworten als positiv. Negativ ist zu sagen, daß ein Roman mehr sein muß als ein aktueller Schlüssel, wenn er eine andere Epoche aufschließen soll. Wir sprachen zu Anfang von der doppelten Verbindlichkeit des Romans. Zu allen Ze [ ... ]
Sinnbildliche Intimität
Zwei Bücher, die nach dem Krieg in Deutschland erschienen, tragen dieses Dilemma mehr oder weniger deutlich an der Stirn: das eine ist die 'Deutsche Novelle" von Leonhard Frank, das andere ist ein satirisches Kabinettstück des Wie= ner Dichters Heimito von Doderer: 'Die erleuchteten Fen= ster oder d [ ... ]
Luise Rinser
Eine starke Erzählerin ist Luise Rinser. Daß ihre Bücher nicht immer gleichmäßig geraten, liegt an der ungleich» mäßigen Distanz der Dichterin zum Stoff. Ihre besten Er» Zählungen — so die Novelle 'Die gläsernen Ringe" und 'Jan Lobel aus Warschau" — vermitteln uns das Gefühl, daß sie genau an je [ ... ]
Ernst Kreuder
In der Zeit unmittelbar nach dem Krieg übten jene Bücher die stärkste Wirkung, die sich über alle trennenden Schran= ken hinwegsetzten. Ernst Kreuders Erzählung 'Die Gesell» schaft vom Dachboden" mag den ersten Teil dieses Kapitels beschließen, denn sie stellt den Ãœbergang von der romanti» sehen [ ... ]
Der religiöse Roman
Der religiöse Roman der Nachkriegszeit hat drei große Vor» läufer, die kurz vor Ausbruch oder während des Krieges erschienen: 'Lennacker" von Ina Seidel, 'Der Vater" von Jochen Klepper und 'Am Himmel wie auf Erden" von Werner Bergengruen. Allen drei Romanen ist gemeinsam, daß sie — obwohl aus der [ ... ]
Grenzen des Provinzialismus
Es bleibt in diesem Zusammenhang zu fragen, wieviel von jenen Gegenbildern geblieben ist, die dem umweltentblöß» ten Menschen — zumindest im Roman — eine Heimat und eine Ordnung versprachen. Die Vorsicht, mit der wir die Frage berühren, läßt bereits erkennen, daß es sich um ein Thema handelt, de [ ... ]
Heimito von Doderer
Was hier theoretisch auseinandergesetzt wurde, ist am Wachstum zweier großer Romane abzulesen, deren Wur= zeln bis in die zwanziger Jahre hinabreichen, die aber erst nach diesem Krieg ihre breitästige und labyrinthisch ver= schlungene Krone entfaltet haben. Es sind: 'Die Strudlhof= stiege" und 'Die [ ... ]
Fälschungen
Wir können hier nur andeuten, daß das Thema 'Fälschun« gen" in der Nachkriegsliteratur eine auffallende Rolle spielt. Hermann Kasack hat ihm in seiner Erzählung 'Fälschungen" eine mustergültige Fassung gegeben. Der jüngste große Ro= man von Frank Thieß: 'Die Straßen des Labyrinths" kreist um die Fra [ ... ]
Ernst Penzoldt
Zu den Dichtern, deren Werk gehaltvolle Beständigkeit erst im Laufe der Jahre erweist und — von heute aus gesehen — das rein Zeitgenössische hinter sich läßt, gehört Ernst Pen= zoldt mit seinen Erzählungen und Romanen. Als ein Kenner der bürgerlichen Seele hat er nicht nur die Kleinstadt um ein [ ... ]
Werner Bergengruen
Als Kinder einer Zeit, die verlernt hat, an Stetigkeit zu glau= ben, finden wir nur noch in Werk und Persönlichkeit einiger Dichter die lebendige Gewähr für eigenständige Entwick» lung. Es werden ihrer immer weniger. Bergengruen hat in seinem Buch 'Der Letzte Rittmeister" die Persona des Autors mit [ ... ]
Friedo Lampe
Ob wir das Werk von Doderer, Penzoldt oder Bergengruen betrachten: immer finden wir, daß es zwar von Heimat» kräften genährt ist, ohne daß das Heimatliche als Selbst« wert verewigt würde. Vielmehr wird es über sich hinaus= gehoben, tritt in Spannung zu anderen Kräften und erlangt dadurch sinnbildlic [ ... ]
Landschaftlicher Expressionismus
Die Versinnbildlichung der Heimatsphäre erhält bei dem böhmischen Dichter Johannes Urzidil den Namen 'Die Ver= lorene Geliebte". Die Erzählungen, die hier unter einen gemeinamen Titel treten, schlagen die Brücke zwischen den zwanziger Jahren und der Jetztzeit. Sie spielen zur Haupt* sache in Prag, a [ ... ]
Gerd Gaiser
In der Nachkriegsliteratur haben sich die Heimatkräfte weitgehend erschöpft. Weder finden wir das Bestreben, ihrer in der Totalschau innezuwerden, noch bekleiden sie die Rolle eines mythischen Ideals. Auch hier leben vereinzelte Tendenzen fort, die sich jedoch nicht mehr zur Ganzheit schließen wolle [ ... ]
Friedrich Georg Jünger
Das Werk Friedrich Georg Jüngers beruht auf ganz anderen Voraussetzungen, schon darum, weil Jünger einer älteren Generation angehört und nicht wider ein verlorenes Ge= Schichtsbewußtsein mythische Ersatzbegriffe ausspielt, son= dem ein verirrtes Geschichtsbewußtsein mit ursprünglichen Kräften neu ve [ ... ]
Erhart Kästner
Der unfeste Zustand der modernen Gesellschaft bringt es mit sich, daß sich der Einzelne aus einer Art Heimwehgefühl in frühere Ordnungen einleben kann. Wider die romantische Selbsttäuschung jedoch, irgendeine dieser Ord-nungen könnte auch wieder die unsere sein, falls es uns gelänge, den geschichtli [ ... ]
Sentimentalisches und naives Abenteuer
Ein Abenteurer — wenn auch ein spekulativer — ist Kästner gewiß. Bietet doch in einer Zeit der Gesellschaftsreisen und des Touring=Menus das Erlebnis schlechthin die Chance des Abenteuers! Jedem Columbus auf diesem Gebiet — mag er Sardinien oder die Ägäis bereisen — folgt die Invasion gesch [ ... ]
Rheinische Hochsprache
Ziehen wir die Grenzen des Rheinlands nicht zu eng, so lassen sich in seinem Bereich zwei Stilarten unterscheiden: die eine ist derb und volkstümlich und von schlagendem Realismus; die andere ist von lauterer Form und strebt nach klassischer Harmonie und Rundung. Gelegentlich sind beide Stilarten im [ ... ]
Schwäbische Dichter
In dem schmalen aber gediegenen Werk von Albrecht Goes finden wir alle Elemente versammelt, die von einer schwäbi» sehen Tradition zu reden sinnvoll erscheinen lassen. Wir meinen nicht den naheliegenden Vergleich mit Eduard Mö= rike, da Theologie und Dichtung sich nicht nur einmal im schwäbischen Pf [ ... ]
Robert Walser
Wenn wir chronologisch verführen, hätten wir sein Werk schon an viel früherer Stelle erwähnen müssen. Denn Wal» ser, der 1878 zur Welt kam, hatte Christian Morgenstern und Hermann Hesse zu Generationsgefährten, die ihm ihre Liebe und Hochachtung bezeugten, er übte Einfluß auf Kafka und zog seine poe [ ... ]
Ad infinitum
Es ist in diesem Essay nicht auf Vollzähligkeit abgesehen. Der Versuch, Wesenszüge eines Porträts der Gegenwarts= literatur zu entwerfen, leidet unter einer doppelten Begren= zung: einmal sollte dem Bezeichnenden, auch wo es nicht zu künstlerischer Vollendung gelangt, dem in sich Selbst-verständlich [ ... ]

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