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Kindheit in der literarischen Psychologie
Im 18. Jahrhundert wird die ständisch-religiöse Identität des Individuums durch das Bewußtsein eines autonomen Selbst unterwandert. Der väterliche Name und Gottes führende Hand geben keine hinreichenden Bedingungen mehr dafür ab, daß das Individuum seiner selbst gewiß ist bzw. die Irritationen seines Selbstverständnisses durch Rekonstituierung der vorgegebenen Ordnung aufhebt. Am Schnittpunkt zwischen Körper und Seele schlägt die moralisierte Harmonie von Geist und Natur in die Obsession des Ichs um, sich selbst er- bzw. begründen zu wollen. Diese Reise ins Innere des Menschen orientiert sich von der pietistisehen Selbstbeobachtung bis zur erfahrungskundlichen Seelenzergliederung an zwei konstanten Operationsweisen der Ich-Erforschung: der synchronen Bestimmung von Anomalie und der diachro-nen Suche nach deren Ursachen. Die Untersuchung der Abweichung des Ichs von der Norm wird in den Reden über die Melancholie, Empfindsamkeit oder Hypochondrie geschrieben, innerhalb derer sich die genetischen Kausalitätsmodelle von magisch humoralpathologischcn zu cntwicklungspsychologischcn Betrachtungsweisen verschieben."' Diese Entwicklung läßt sich an den unterschiedlichen theoretischen Implikationen literarischer Schriften rekonstruieren, die die Kindheit als Ursprungsort erwachsener Leiden beschreiben. Bevor es zu der pädagogischen Produktion der "schönen Seele" im Wilhelm Meister kommt, schreibt die Literatur von den kranken Seelen eines Werthers oder Anton Reisers. Diese Hypersensiblen haben ihrerseits einen interessanten Vor- bzw. Doppelgänger, der fünfzig Jahre früher den auto-biogra-phischen Diskurs der familiär produzierten Leiden des Ichs im deutschsprachigen Raum in origineller Weise eröffnet. Der Breslaucr Theologe Adam Bernd verfaßt nach seiner öffentlichen Diskriminierung als Häretiker die Krankheitsgeschichte seines Inneren, in der sich alle zeitgenössischen Bilder einer aus den Fugen geratenen Innenwell zu einem Horrorkabinett der Anomalien versammeln. Der postulierten Leib-Seele-Harmonie widersetzt sich ein Unterleib, dessen Disfunktionen die Seele zu den wildesten Vorstellungen anstacheln: Bernd durchforscht seine Gedärme, hat Fäkalphantasicn, verdrängt die Schwächung seiner Geschlechtskraft und fürchtet sich wohl deshalb vor der Hurerei. Zwischen Glied und Anus probt der Körper den Aufstand gegen die zeitgenössische religiöse Triebregulierung., Doch Bernd beläßt es nicht - auch in dieser Hinsicht ist Moritz sein geistiger Nachfolger - bei der detailgetreuen Beschreibung seiner körperlichen Gebrechen und Einbildungen. Seine Eigene Lebens-Beschreibung liest sich als Ätiologie der "Leibes- und Gemüths plage"38, die unter dem Namen "Melancholie" die unterschiedlichsten Symptome im Rahmen theologischer wie wissenschaftlich anthropologischer Theoriebildung zu erklären versucht. Bernd bastelt an einer Melancholietheorie, die von der traditionellen Temperamentenlehre ausgehend mit cartesianischem Gestus nach dem Nexus zwischen Körperdisfunktion und seelischen Ereignissen fragt.w Was da so heimtückisch über das Individuum herfallt oszilliert im Text zwischen physiologischen und psychologischen Erklärungsmustern. Bernd bleibt jedoch nicht dabei stehen, die "schwarze Milz" oder die "imaginatio involuntaria" f.) für seine seelischen Zustände verantwortlich zu machen, sondern beschreibt im- und explizit ein physio-psychogenetisches Modell, nach welchem die kranke Seele an die familiäre Erzeugung und Sozialisation des Individuums rückgebunden wird. Bernds Versuch, die eigene Identität von der Kindheit aus zu bestimmen, geht allerdings nicht in seinen theoretischen Erklärungsmustern zur pränatalen Frühdetermination auf, denn seine Befunde der genetischen Introspektion verweisen vielmehr auf eine sprachliche Produktion der kindlichen Seele in der Familie.
Schon die ersten Äußerungen über seine Eltern lassen aufhorchen: "Es wird dem Leser wenig daran gelegen sein, daß er wisse, wer mein Vater und meine Mutter gewesen" . Die sich an der Gelehrtenbiographie orientierende Abwertung familiärer Herkunft, die der Darstellung des sozialen Aufstiegs oder der Introspektion im Wege steht, wird aber im Verlaufe des Textes durch die auffallend negative Beschreibung der Eltern und familiärer Beziehungen überhaupt unterminiert. In dem offenen Haus, wo Bernd auch von anderen Erwachsenen erzogen wird, treten die Eltern lediglich in Erscheinung, wenn sie die Kinder bestrafen; von engen familiären Beziehungen ist kaum die Rede, im Alter von 12 Jahren lebt Bernd schon nicht mehr bei den Eltern. Auf der Ebene der erzählerischen Rekonstruktion familiärer Fakten erfährt der Leser kaum Substantielles. Auch die in der Frühaufklärung so bedeutsame eigene Familiengründung als Abschluß der Kindheit erscheint in negativem Licht. Ein jugendlicher Unfall , der Bernd in den Zustand setzt, "an kein Heiraten jemals gedenken |zu| dürfen" , bildet den Hintergrund für seine leidenschaftlichen Predigten "auf die bösen unbarmherzigen Haus-Väter und Haus-Müller" , deren sexuelle Fehltritte er anprangert . So erscheint es denn auch in dieser negativen Betrachtungsweise familiärer Beziehungen nur konsequent, wenn Bernd in kompensatorischer Manier den eigenen "Prediger-Stand" mit dem für ihn unzugänglichen "Ehe-Stand" gleichsetzt , wenn er den Tod von Familienmitgliedern erträumt oder anderen familiären Extremsituationen vom imaginierten Kindesmord ff.) bis zum immer wiederkehrenden Ehebruch nachgeht: die Haushaltsfamilic ist für ihn der Ort von Gewalt und Sexualität. Bernd bietet selbst ein mögliches Erklärungsmodell fürseine Obsessionen mit skandalösen Familienbeziehungen an, indem er die orthodoxe Sündenfallehre in eine physiologische Vererbungslehre überführt. Er veranschaulicht seine Überlegungen zur besonderen, d.h. immer anormalen Leib-Seele-Konstellation am Beispiel des Sexualtriebs:
Gleichwie dieses ein Stücke der Weisheit Gottes ist, und jeder gerne zugestehet, daß uns die Af-fecten von Gott gegeben zu unserer Glückseligkeit, und zu Erhaltung unsers Leibes und Lebens: so mag freilich wohl durch den Fall unserer ersten Litern, gleichwie unsere Seele, also auch unser Leib höchst sein verderbet worden, so daß diese Af'fecten, die uns zum Leben gegeben waren, jetzund zufälligerweise | sekundär, Anm. d. Hg. | allerhand Krankheiten, und wohl den Tod selbst befördern.
Der Sündenfall schreibt die Pervertierung der Sexualität allen nachfolgenden Generationen ein und "befördert" mittels der vom rechten Wege abgekommenen "Affec-ten" leibliche und seelische "Krankheiten". Die phylogenetische Konstruktion der Erbsünde auf dem Gebiet der Medizin und Seelenkunde, die so einfach den Ehebruch erklären kann, wird in ontogenetischer Sicht mehrfach reproduziert. Hierbei verbindet Bernd Aberglauben, Psychologie und Humoralpathologie, eine der vielen Bernd-schen Varianten, unterschiedliche, z.T. sich wiedersprechende Diskurse kurzzuschließen. Die physio-psychische Konstitution des Individuums wird schon im Mutterleib durch die Weitergabe von Umwelteinflüssen und seelischen Erregungen der schwangeren Frau an den Embryo formiert. So glaubt Bernd seine eigene "kränkliche verderbte übele Leibes-Dispositio aus Mutter-Leibe" erhalten zu haben, denn er soll schon in den ersten Tagen seines Lebens "nichts anders getan |habenl, als Tag und Nacht geweinet und geschrien" . Der "Einfall der Schweden in Pommern" und die schlechte Ernährungslage in den Kriegswirren versetzen Bernds Mutter während der Schwangerschaft in Angst und Melancholie, was sich prompt auf das werdende Kind überträgt. Bernd weitet diese Idee der pränatalen Identitätsbildung in weiteren Beispielen aus: so soll einem seiner Schüler die göttliche Vorsehung schon "von Mutter-Leibe an dazu bestimmet" haben, Prediger zu werden; sein Neffe ist deshalb von so kräftiger Statur, weil sich die Mutter verleiten ließ, "das Kind zu sehr in Mutter-Leibe |zu] mästen" ; schließlich zitiert Bernd im Rahmen seiner Beweisführung des Einflusses der Einbildungskraft auf den Körper folgende Anekdote:
Hin schwanger Weib siehe! einen aufs längste rädern. Wie sie den einen Arm des Sünders mit dem Rade siehet zerschmettern, so kann sie nicht mehr hinsehen. Wie sie das Kind zur Welt bringet, so ist dereine Arm des Kindes zerbrochen.
Bernd löst mittels Analogiebildungen die Magie der Szene auf. Die Partizipation des Kindes an der mütterlichen "Substanz" verursacht, daß auch das Kind von deren Kettenreaktion betroffen ist. Die Mutter identifiziert sich mit dem Opfer und initiiert eine Abwehrhaltung aus Angst um den eigenen Arm, was dazu führt, daß unwillkürlich ihre "Lebens-Geister" in ihrem Arm zusammenlaufen. Der Embryo ist in diesen mütterlichen Säftekrcislauf so integriert, daß auch sein Arm von der Reaktion der Mutter beeinflußt wird. Doch was für die Mutter sich zum Guten ausnimmt, schadet dem Kind:
Der Arm der Mutter hat starke Knochen; weil aber des Kindes Arm noch weich war, so war es nicht Wunder, daß die Lebens- Geister durch ihren starken Eindruck den weichen Arm des Kindes brechen mußten.
Diese biologisch verkappte psychisch-familiäre Frühdetermination ist im 18. Jahrhundert ein häufig verwandtes Modell zur Bestimmung von kindlicher wie erwachsener Identität. Der Arzt E. A. Nicolai kommt in seinen Gedancken von der Erzeugung des Kindes im Mutterleibe nach einer ausführlichen Beschreibung der verschiedenen zeitgenössischen Theorien zur Seelenbildung zu dem Schluß, daß die Seele des Kindes sich von der Seele des männlichen Samens bis zur Geburt stufenweise entwickelt. Die prästabilierte Harmonie von Körper und Seele setzt sich während der Schwangerschaft genetisch fort, denn auch die kindliche Seele wird als Substanz aufgefaßt, die vom Blutkreislauf affiziert wird:
Gesetzt, in der Seele der Mutter entstünde ein Al'fect, mit demselben sind gewisse unordentliche Bewegungen, die in ihreN) Blute geschehen, verknüpft, diese werden bis in den Körper des Kindes l'ortgepflanzet, die Seele desselben bekomt daher eben einen solchen Trieb oder Abscheu |... f"
Geliert geht in seinen Moralischen Vorlesungen sogar noch einen Schritt weiter und behauptet, daß sich sogar die Moral der Eltern und ihr voreheliches Geschlechtsverhalten auf das Kind vererben könnten. Auch in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts verstummen diese frühaufklärcrischen Ansichten über die pränatale Identitätsbildung nicht. Noch 1791 verteidigt der Philosoph J.C.A. Grohmann mit der gleichen Anekdote, die Bernd erzählt, inwiefern in der harmonischen Mutter-Foetus-Be-ziehung mütterliche Empfindungen auf das Kind übertragen werden und sich dort dauerhaft einprägen.4''
Im Gegensatz zu diesem starren genetischen Modell kindlicher Identitätskonstitution, mit dem sich Bernd gleichwohl auf der Höhe des zeitgenössischen Diskurses zur Leib-Seele-Konnexion befindet, ist aber auch von anderen lebensprägenden Einflüssen der Kindheit die Rede. Befand sich die Schwangerschaft von Bernds Mutter schon unter dem Einfluß der Verinncrlichung äußerer Katastrophen, so steht auch der Beginn der Mutter-Säugling-Bcziehung im Zeichen einer Schädigung des Kindes, denn der Säugling verweigert die mütterliche Brust:
Weil ich auch nicht habe an der Mutier trinken wollen, so hat man mich mit Küh-Milch kümmerlich ernähren müssen; welches ich jederzeit mit als eine Ursache meiner schwachen Leibes-Con-stitution angesehen, indem mich die Erfahrung nur allzu oft an andern gelehret, daß die Kinder, so nicht mit Menschen-Milch getränket werden, schwache und elende Kreaturen am l-eibe und Gemüte werden, und vielen unordentlichen Affecten und Neigungen unterworfen sind.
Wie bei der pränatalen Identitälsbildung formuliert Bernd in der Betrachtung der Primärsozialisation das Analogieschema der Wechselwirkungen von Leib und See-le, wobei er die Bedeutung der Mutter-Kind-Dyade lediglich aus ernährungsphysiologischem Gesichtspunkt erkennt. Allerdings bleibt hier Bernd die Antwort auf die Frage schuldig, wie sich denn die schlechte Ernährung auf die Seelenbildung überträgt, und warum er überhaupt als Kind die Mutter abgelehnt hat. Was der Autor nicht ausspricht, benennt der Text. Auch wenn sich der Diskurs über die Qualität des mütterlichen Stillens bis ins späte 18. Jahrhundert auf dieser Ebene der Säftelehre hält, so wird doch die Seelenbildung des Kleinkindes nicht mehr physiologisch sondern psychologisch verstanden. Für Rousseau, die Philanthropisten und den Erfahrungs-seelcnkundler Moritz ersetzt die Stimme die Mutterbrust, werden Kommunikationsstrukturen und familiäre Verhaltensregulationen als Mittel und Ursachen der spezifischen Identitätsbildung angesehen. Doch genau dieser für die Spätaufklärung so typische epistemologische Bruch mit der Substanzenphilosophie in Richtung auf ein pädagogisch-psychologisches Interaktions- und Sprach verständnis wird von Bernd bereits angedeutet, wenn auch nicht vollständig in bezug auf den Kausalnexus zwischen Sprache und Empfindung erkannt. So wie Bernd von seiner ablehnenden Haltung der Mutter gegenüber und von seinem anhaltenden Weinen erst durch die Erzählungen der "Mutter und Geschwister" erfahren hat, besteht auch die eigene Erinnerung an die ersten frühkindlichen Erfahrungen, die "einen tiefen Eindruck in das Gehirne müssen gemacht haben" , aus den Reden der anderen:â„¢
Es gedenket mich noch, als ob es gestern geschehen wäre, daß man mich in einer Mulde gebadet, |...| dannenhero die Redens-Art in meiner Heimat hei den Leuten gar gewöhnlich und bekannt ist, daß, wenn sie sich über ihre Kinder erzUrnen, oder ihre Untugenden bejammern, sie auf eine liederliche und sündliche Weise wünschen | Verwünschungen ausstoßen, Anm. d. Hg.] und sagen: Ach wenn ich dich in der ersten Hade-Mulde hätte ersaufen lassen!
Das Bild der strafenden Mutter, die dem Kind gar das Sein abspricht und seinem Anspruch auf Zuneigung ein Ende bereitet, ist der Effekt der familiären Verwünschungen während der körperlichen Reinigung, denn die Redensarten schreiben sich dem Kind als Wahrheit der Muttcr-Kind-Beziehung ein. Reagiert hier nicht das Kind auf den "kastrierenden" Muttermund, indem es die mütterliche Brust verweigert und sich vor allen unreinen Flüssigkeiten fürchtet?41' Erst aus der erzählerischen Distanz kann Bernd die das Kind täuschenden "fürchtcrliche|n| Impressionen" als Effekt der "ängstliche[n] Reden und Discourse der Alten" entlarven und stellt fast nebenbei die Beziehung des Signifikanten zu den seelischen Empfindungen des Kindes her:
|...|.
Das liest sich wie der Prätext zu Moritz' und Campes Vorstellungen von der Konstituierung und Evozierung psychischer Energien durch die Signifikantenordnung. Die unwillkürliche Reaktualisierung der Empfindung bei der Wiederkehr des Signifikanten verweist zudem auf die ersten Antizipationen eines unbewußten Gedächtnisses, in welchem die Kindheitserfahrungen eine Spur hinterlassen haben. Im Hinblick auf Bernds wichtigste psychische Leiden fällt auf, daß sich die Struktur dieser Urs-zene stets wiederholt. Seine Analfixierung, seine Ängste vor Sexualität und Selbstmord, seine Messerphobie und seine Sorge, verrückt zu sein, werden immer erst durch die Reden des anderen inszeniert und lassen sich auf die erste Kindheitserinnerung rückbeziehen:
Ich war noch nicht 14 Jahre alt, so träumele meiner ältesten Schwester, als ob sie mich in einem Zuber, oder Tonne, so mit Pflaummus, oder mit einer solchen Materie angelüllet, welche demselben ähnlich geschienen, in Lehens-Gefahr, und bis in den Hals stecken gesehen, so dal! ich mich auf alle Weise bemühet heraus zu kommen, aber lange Zeit herauszukommen nicht vermögend gewesen.
Wieder befindet sich Bernd in einer Situation körperlicher Unreinheit, doch diesmal wird er nicht gewaschen, sondern von seiner Schwester beschmutzt, denn das "Pflaummus" ist "vielmehr wahrhafter Kot gewesen" . Den erzählten Traum der Schwester steigert Bernd zur Zwangsneurose. Er hat Angst, "am Durchfall sterben [zu| müssen" , hört eingebildete Stimmen sagen, daß er "selbst im Kot der Sünden bis über die Ohren" steckt, er ist besessen, seine Verdauung und Ausscheidungen zu beobachten und trifft sogar die verschiedenen Präventivmaßnahmen, um nicht in seiner Funktion als Prediger während des Gottesdienstes ausscheiden zu müssen . Schließlich endet die Lebens-Beschreibung in der Etablierung des "analen Charakters"50: aus Angst vor dem Ungewöhnlichen und Ungestaltenen übt sich Bernd in der Schönschrift und erläßt " Gesetze" für die eigene Haushaltung.
Die Kontinuität des Signifikanten in Bernds Einbildungen und deren versuchter Kur qua Selbstreflexion ist verblüffend. Die mütterliche Redensart, das Kind besser im eigenen Dreckwasser ersäuft haben zu sollen, wandelt sich zur Vision, im eigenen Kot zu ersticken oder zumindest öffentlich durch die unreinen Säfte bloßgestellt zu werden. Darüberhinaus wird auch die Initiation der in der Kindheit begründeten Neurose wiederholt. Bernds fundamentale Einbildungen werden immer von den Reden der Frauen ausgelöst. Neben Mutter und Schwester ist die von ihren Selbst-mordvisionen erzählende Magd die dritte Frau, deren Rede einen gewaltigen Eindruck auf Bernd ausübt:
Ich kam vor Tische; und siehe, ihre entsetzlichen Reden, als wenn der Satan in ihr wäre, wie sie vorgab, erneuerten meine Plagen. Ich erschrak über sie, da mir alle Glieder meines Leibes zu zittern und zu beben anfiengen, und gedachte geschiehet dies im grünen Holze, was will am dürren, und mit dir werden [Luk 23, 31, Anm. d. Hg.|, der du viel ein größerer Sünder bist?
Bernd datiert den Einfluß der weiblichen Rede selbst auf seine Kindheit zurück, in der er "wegen der Mährgen [erfundenen Geschichten, Anm. d. Hg.], welche die alten Weiber, und andere Leute den Kindern erzählten, ein furchtsames Tier gewesen" ist . Mit diesen Reden kommt der Aberglaube ins Spiel. Der Satan, die Hexen und Huren, Gestalten, die Bernd immer zu unreinen Säften macht, während der Text sie als Frauen darstellt, treiben seine Imaginationen zur Blasphemie, denn er hat seine stärksten Zwangsvorstellungen regelmäßig in der Karwoche bzw. während des Gottesdienstes . So wird der Protest gegen die übergroße Gestalt der Mutler laut, denn sie ist "eine eifrige Lutheranerin, und dem Leben nach eine rechte Pietistin" und singt bei allen häuslichen Verrichtungen vordem Kind Erbauungslicder, woran sich Bernd erinnert, "ohne Zweifel wegen des tiefen Eindrucks, den es in der Jugend bei mir gemachet" . Hat die mütterliche Rede den kleinen Adam Bernd schon kastriert, denn sie macht ihm klar, daß er keinen Phallus habe, wegen dessen die Mutter ihn begehren könnte, so erscheint sie im Verlaufe der Autobiographie als Funktion eines Übcr-Ichs, welches im Namen der Religion das Individuum zwingt, seine Säfte bzw. seine Triebe in Ordnung zu bringen.S Die mit der Ablehnung der Mutterbrust beginnende Verleugnung der oralen Lüste , die Verdrängung der genitalen Sexualität und die regressive Analfixierung stellen sich als Effekt einer kleinbürgerlich-pietistischen Sozialisation dar," die den Körper abschaffen will und doch als Schauplatz der Versuchung braucht, gegen die das Individuum seine religiöse Konditionierung unter Beweis stellen muß. Zugleich eröffnet diese Repression laut Fou-cault die Möglichkeit, im Gewände "wissenschaftlicher" Klassifikation der "perversen" Phänomene über den Körper und die Sexualität reden zu können, die nicht mehr in Form der ars crotica sondern als scientia sexualis erscheint."' Man kann die gesamte humoralpathologische Mctaphorik von Bernds Versuchen, die Leiden der Säfte und die durch sie infizierten Einbildungen erklären zu wollen, vor diesem Hintergrund als Anstrengung lesen, den todbringenden Säften Einhalt zu gebieten und zugleich endlos über sie schreiben zu können, sind sie doch selbst durch die Reden der Frauen erst erzeugt worden. Bernd errichtet Dämme gegen alles Flüssige, gegen jene frei fließenden Substanzen, die weder der Vernunft noch der religiösen Moral gehorchen wollen und sich in Bildern einer befreiten Sexualität mit dem Namen "Hurerei" oder den unkontrollierten Ausscheidungen bemerkbar machen und letztlich auf die Frau als eingebildeten Aggressor zielen. Mit Hilfe von Gebeten und zeitgenössischen Erklärungskonzepten der Seelenkonstitution subsumiert Bernd das empirische Material der Selbstbeobachtung unter das Dogma der von der schwächlichen Leibes-Disposition infizierten Einbildungskraft. Aber im Übergang von der religiös-deduktiven zur genetiseh-individualhistorischen Erklärung kranker Individualität werden die familiären Einsprecher frühkindlicher Sozialisation wieder laut, was dazu führt, daß die beschriebenen Funde der Seelenerkrankung die angewandten theoretischen Konzepte unterminieren. Schließlich kann Bernd nur noch hilflos ein Nichlwissen konstatieren, das der Text auf vielfältige Weise benennt:
Hin schwaches Haupt mit seinen Ursachen ist und bleibt ein Geheimnis, das noch kein Philosophus und Ar/t ganz, aussludirel, und die Würkungen desselben a priori völlig demonstriret.
Während bei Bernd die Sozialisalionsbedingungen und -normen noch hinter dem Krankheitsbild und seiner psychosomatischen Ätiologie verschwinden, hat Moritz, eine Antwort auf die Frage nach den Ursachen eines "schwachen Hauptes", indem er das, was Bernds Text schon mitteilt, zum Programm des "psychologischen Romans" erhebt: die Identität der kranken Seele ist in seiner Sozialisalion begründet, die sich nicht auf Substanzen, sondern auf Worte, das Besprechen und die individuelle Verarbeitung des Cichorien bezieht.
Die Vorreden zu den vier Teilen des Anton Reiser beschreiben die entwicklungs-psychologische Fundierung des Romans im Geist der Erfahrungsseelenkunde und Romanlheorie. Letztere verschiebt im Laufe des 18. Jahrhunderts den Schwerpunkt des literarischen Schreibens von der Fxempeldichtung des tugendhaften Charakters in einer Welt der Bewährungsproben auf die Repräsentation des individuellen Bildungsprozesses des Helden. Blanckenburgs Forderung in seinem Versuch über den Roman nach dem introspektiven Erzählen beinhaltet nämlich eine anthropologische Teleologie, derzufolge der Dichter das von innen her gebildete Subjekt und die kausalen Zusammenhänge dieses Bildungsprozesses darstellen soll:
Die Bildung und Formung der Person in diese, oder jene Gestalt, das Resultat ihrer innern Geschichte, muH dureh solche Begebenheiten hervorgebracht werden, als [...] nöthig waren zu dieser Wirkung."
Moritz stellt seinem Roman fast wörtlich Blanckenburgs mimetisches Prinzip der Liierarisierung der Seelenbildung voran: der Anton Reiser soll "Biographie" eines Charakters sein, welche "vorzüglich die innere Geschichte des Menschen schildern" und selbst "die anscheinende Geringfügigkeit mancher Umstände" im Hinblick auf ihre individuelle Wirkungsweise in Bedeutung umwandeln soll. Hier ist keine Rede mehr von den inneren Substanzen, von der Leib-Seele-Konnexion oder vom Kontlikl der reinen Säfte mit allem Teuflischen. Die moderne Aulo-biographie reduziert fünfzig Jahre nach Bernd das vom Menschen F.rzählbare auf die Geschichte seiner Seele unter besonderer Berücksichtigung der Bedingungen ihrer frühen An-fange. Die germanistische Literatur hat dieser Parallele von Romantheorie und Vorredenpostulat viel Aufmerksamkeit geschenkt und auf die Differenzen zwischen Theorie, Anspruch, Programm und Durchführung hingewiesen. Moritz und Blanckenburg partizipieren an der zeitgenössischen Geschichtsphilosophie und Entwicklungspsychologie, die die Subjektzentrierung zum Paradigma der Moderne erheben und auf die Innerlichkeit des Individuums als Ort seiner Identitätsbestimmung zielen. Beide Autoren verwenden zudem eine analoge finalkausale Programmatik, derzufolge sich in der mikroskopischen Betrachtung bzw. strukturierten Darstellung eines chaotisch scheinenden Menschenlebens "das Untcreinandergeworfe-ne und Verwirrte ordnet" . Doch während es Blanckenburg um die literarische Darstellung eines Vcrvollkommnungsprozesses im Sinne der Theodizee geht, endet bekanntlich der Anton Reiser mit der Dezentrierung des Subjekts, denn der Roman bricht ab, nachdem er das Scheitern einer Existenz, oder die Selbsttäuschung eines Ichs endlos vorgeführt hat. Der Anspruch der vierten Vorrede wird von diesem offenen Ende des Romans widerlegt:
Widerspruch von außen und von innen war bis dahin sein ganzes Leben. - Iis kömmt darauf an, wie diese Widersprüche sich lösen werden!
In gewissem Sinne löst jedoch der Diagnostiker Moritz die Widersprüche von Reisers Selbst, indem er das heterogene Material "Menschenleben" in eine Ordnung zwängt, die strukturell den Unterschied zwischen "Selbsttäuschung" und "Selbstfin-dung" tilgt. Während Moritz in der ersten und zweiten Vorrede das Chaos eines vergangenen Lebens, "die abgerißnen Fäden" und das "Mißtönende" in der entwicklungsgeschichtlichen Betrachtung dessen, "was anfänglich klein und unbedeutend schien" , zu einem sinnvollen Ganzen von "Harmonie und Wohlklang" ordnen will, und damit sich der Idee von Blanckenburgs "vollkommenem Charakter" annähert, differenziert er in der vierten Vorrede die "ästhetische Theodizee"5", indem es ihm nicht mehr um die Harmonisierung des Menschenlebens, sondern um die Erklärbarkeit seiner Individualität geht:
Eigentlich kämpften in ihm, so wie in tausend Seelen die Wahrheit mit dem Blendwerk, der Traum mit der Wirklichkeit, und es blieb unentschieden, welches von beiden obsiegen würde, woraus sieh die sonderbaren Seelenzusüinde, in die er geriet, zur Genüge erklären lassen.
Die Verwendung des Präsens am Ende des Satzes legt offen, daß mit der Auflösung der Widersprüche die nosologische Bestimmung von Antons kranker Seele, nämlich "mancherlei Arten von Selbsttäuschung, wozu ein mißverstandener Trieb zur Poesie und Schauspielkunst den Unerfahrnen verleitet hat" , durch den Erzähler für den Leser gemeint ist und nicht die Selbsterkenntnis des Helden, was denn auch erklärt, warum jede Vorrede von pädagogischen Legitimationen begleitet wird. Moritz schreibt keinen teleologisch ausgerichteten Bildungsroman, sondern eine Krankengeschichte für andere kranke Seelen "zur Lehre und Warnung" und "für Lehrer und Erzieher" , um "den Blick der Seele in sich selber |zu| schärfen" . Damit verschiebt sich die Struktur des Romans von der exemplarischen Darstellung eines möglichen Vollkommenheitsideals zur didaktischen Ätiologie der kranken Seele, in der der besondere Krankheitsfall allgemeine Strukturen menschlicher Existenz expliziert.w
Die Bestimmung der Gesundheit und Krankheit des menschlichen Inneren basiert nämlich auf dem gleichen kausalgenetischen Modell. Moritz und Blanckenburg suchen nach dem Nexus von äußerer Umwelt und Seelenbildung, indem sie Datenbanken der empirischen Psychologie für die literarische Rekonstruktion der Ontogenese von Individualität schaffen wollen:
Der Dichter wird in der Zusammensetzung seines Charakters. Rücksicht auf seine Zeit, seine Hr-/iehung, sein Alter, sein Land, seine Religion, seinen Stand im bürgerlichen Leben, auf die Hi-genschat'ten selbst, die er ihm gieht: mit einem Wort, auf seine ganze Verfassung Rücksicht nehmen müssen, damit diese ächte Tugend und dieser wahre Verstand diesen samtlichen Umstünden angemessen, und seine Eigenschaften nach dem Endzweck, den er mit ihm hat, und nach dem Zirkel, in dem er ihn wirken lassen will, geordnet seyn mögen.''"
Der Dichter Moritz, komponiert die Gestalt Anton Reiser genau nach dieser von Blanckenburg geforderten Synthetisierung komplexer sozialpsychologischer Koordinaten menschlicher Existenz, ohne allerdings Blanckenburgs Moraldidaxe zu folgen. Anton wird in pietistische und kleinbürgerliche Verhältnisse einer streitsüchtigen Ehegemeinschaft hineingeboren, wo das Kind "von der Wiege an unterdrückt ward" , was mit der sozioökonomischen "Unterjochung" des Kindes in der Lehre beim Hulmacher Lobenstein oder beim Besuch der verschiedenen Schulen ergänzt bzw. verdoppelt wird, bis Reiser schließlich zur "durch bürgerliche Verhältnisse unterdrückten Menschheit" zählt. Erst aufgrund dieser durchgehenden Beengung wird Reiser zum Leser und Schwärmer, entllieht er in den kompensatorischen Raum der "idealischen Welt" , der später seine "unwiderstehliche Leidenschaft für das Theater" bewirkt. Die Kette der Umstände und ihre kausalgenetische Verknüpfung konstituiert die Identität des Helden. Auch wenn Moritz' "Endzweck" der Darstellung von dem Blanckenburgs abweicht und Reisers "Zirkel" der seiner eigenen imaginativen Verkennung ist, gründet diese negative Identität des sich selbst Täuschenden auf der gleichen Ursache-Wirkung-Relation wie die des vollkommenen Charakters:
Bey den, auf uns wirkenden Ursachen, vermöge deren ein gewisser Gemüths/ustand so und auf diese Art erfolgt, kommt es nicht allein auf die, auf uns wirkende Ursache an, sondern auch auf den damaligen Zustand unsrer Gemüthsverfassung, und tausend Kleinigkeiten mehr, die alle zusammen kommen müssen, wenn eine gewisse Wirkung erfolgen soll.1'
Während Blanckenburgs positive Teleologie auf den Bildungsroman zielt, richtet Moritz mit derselben kausalgenetischen Methode die Teleologie negativ aus und be-schreibt die Eolgen der Behinderung bzw. Fehlentwicklung von "Bildung" als Geschichte des pathologischen Subjekts.
Auf der Suche nach der Störung in Reisers Bildungsgang gelangt das subjektzentrierte Erzählen bei der Kindheit an. Hier treffen sich Entwicklungspsychologie und -roman, denn beide behaupten, daß das Innere des Menschen eine erzählbare, sukzessive Geschichte und damit auch einen Anfang hat. Um die Beschaffenheit der Seele lesbar zu machen, wird nach dem Ursprung ihrer Individualität gefragt. Kindheil bedeutet dann nicht mehr auswechselbarer Ort für die Beweisführung des Geltungsanspruchs einer universalistischen Moral der Erwachsenen wie in der Excm-peldichtung , sondern Ausgangspunkt der "innern Geschichte" des Menschen, nach der die Individualität der dargestellten Figur als gewordene konzipiert ist. Ein Muster zur Erklärung seines absonderlichen, stets wiederkehrenden Verhaltens und Empfindens durchzieht den gesamten Anton Reiser: die zuweilen unerträglich redundant wirkende Formel "von Kindheit auf/an", die sich sowohl auf Wieder-holungszwänge als auch auf die bewußtmachende Erinnerung bezieht. Diese entwicklungspsychologische Kategorie gewinnt Moritz, aus seinen Überlegungen zur Selbstbeobachtung im Rahmen der erfahrungsseelenkundlichen Ich-Ergründung. Bereits in seinen "Beiträgen zur Philosophie des Lebens" , in vieler Hinsicht eine Art Propädeutik und Stoffsammlung zum Roman, behauptet Moritz den Wert der Erinnerung an die eigene Kindheit:
Blicke in die Jahre deiner Kindheit zurück, erinnre dich an deine unschuldigen Spiele, an deine ersten Freuden, und an den frühesten Kummerdeines Lebens, und es wird vor deiner Seele dämmern, wie die Morgenröte, wenn sie durch trübe Wolken hervorbricht.''
Beobachtende Annäherung an die Kindheit heißt Etablierung von Urszenen; der Blick ins vergangene Innere sucht nach ersten Leid- und Glückserfahrungen, die die Erkenntnis eines Unsagbaren versprechen, das nur in der poetischen Sprache Ausdruck findet. Die Verwendung der Lichtmetaphorik innerhalb der deskriptiven Handlungsanweisung zur Selbstbeobachtung macht schon vor dem Erscheinen des Romans deutlich, daß die Hislorisierung der Seele an einem Punkt anlangt, der einem die Sprache um- bzw. verschlagen läßt. Ist die Erinnerung selbst schon an narrative Elemente gebunden, denn was sich in der Kindheil einprägt, kann nur als sich selbst erzählte Szene erinnert werden, so entfernt sich Moritz gänzlich von einer rationalen Sprache, will er das Ergebnis der Reise in die eigene Geschichte ausdrücken, denn "wunderbare Empfindungen durchströmen mein Herz, wenn ich mich in die Jahre meiner Kindheit zurückdenke"64. Doch was "dämmert" und "strömt" aus der Kindheit herüber, daß es Aufklärungspotential über das Ich in sich trägt und zugleich Affekte hervorruft? In seinem "Vorschlag zu einem Magazin einer Erfarungs-Seelen-kunde", 1782 im Deutschen Museum erschienen, differenziert Moritz die Bedeutung von Kindheitserinnerungen. Sie dienen ihm als didaktisches Modell zur Ausbildung des Selbst- bzw. Menschenbeobachters im Rahmen der Begründung der Erfahrungs seelcnkunde. Zunächst sind diese Erinnerungen der Beginn der Sammlung von "Fak-ta", empirisches Material eines nicht in der Welt Seienden, die Geschichte von Empfindungen, die Moritz, bis dahin nur in Autobiographien und anderen "Erdichtungen" vorgefunden hat, denen er allerdings aufgrund ihrer Wirklichkeitsferne mißtraut. Der Selbstbeobachter gewinnt diese Daten der in der Kindheit produzierten Seele, indem er zum objektiven Geschichtsschreiber seiner selbst wird, denn er sollerstlich die Geschichte seines eignen Herzens von seiner frühesten Kindheit an sich so getreu wie möglich entwerfen; auf die Erinrungen aus den frühesten Jahren der Kindheit aufmerksam sein, und nichts für unwichtig halten, was jemals einen vorzüglich starken Eindruck auf ihn gemacht hat, so daß die Erinrung daran sich noch immer zwischen seine ührigen Gedanken drängt.
Die Forderung nach Detailrealismus in der Rekonstruktion der Erinnerungen will auf das möglicherweise Verdrängte der Kindheit aufmerksam machen, welches sich immer noch unwillkürlich ins gegenwärtige Bewußtsein "drängt". Moritz führt hier einen noch vagen Begriff des Unbewußten in die Betrachtung der eigenen Seele ein, das die rationalen Gedanken zu stören scheint und seinen Ursprung in der Kindheit hat. In seinen "Erinnerungen aus den frühesten Jahren der Kindheit" beschreibt er dieses Unbewußte als "Erinnerungen von Erinnerungen" ; es scheint sich hinter einem "Vorhang" zu befinden, repräsentiert sich als "eine ganz er-loschne Idee |...| im Traume" oder als Metempsychose:
Sollten vielleicht gar die Kindheitsideen das feine unmerkliche Band seyn, welches unsern gegenwärtigen Zustund an den vergangnen knüpft, wenn anders dasjenige, was jetzt unser Ich ausmacht schon einmal, in anderen Verhältnissen, da war?
Die Erinnerung der Kindheitsidecn allein reicht noch nicht aus, die unbewußte Beziehung zwischen dem erwachsenen Ich und der Kindheit zu erklären. Moritz, verweist durch den zweifachen Gebrauch des Attributs "anders" darauf, daß die Erkenntnis der Bedeutung dieser traumartigen Ideen dem Bewußtsein versperrt ist. Dennoch geht er von der prinzipiellen Möglichkeit aus, diese Kindheitsideen und damit das eigene Unbewußte rational deuten zu können, nämlich dann, wenn der Selbst-beobachter die selbstkritische Distanz zu seiner Erinnerung aufrechthält. Obwohl die Selbstbeobachtung im Hinblick auf ein "gegenwärtiges wirkliches Leben" ansetzt, darf sie nicht zur Glorifizierung des Ichs im Hier und Jetzt führen und "die Spuren seines Genies [...) in den frühesten Begebenheiten seines Lebens oder in seinen kindischen Handlungen suchen wollen" . Ein solches Vorgehen nennt Moritz, Eitelkeit, Egoismus und Selbsttäuschung, was er seinem Romanhelden schier endlos vorwirft. Nur in wenigen Augenblicken hat Anton Reiser die Einsicht in die familiäre Entstehung seines Minderwertigkeitskomplexes, daß nämlich "verdrängt zu werden von Kindheit an sein Schicksal gewesen war" . Antons Akt der "Denkkraft", die objektive Beziehung zwischen äußeren und inneren Bedingungenseines Seins herzustellen, wird vom Erzähler auch sogleich belohnt, indem er eine mögliche Heilung des kranken Selbstgefühls durch die adäquate Perspektivierung der Erscheinungen in Aussicht stellt:
Indem er einen Blick auf das Ganze des menschlichen Lebens warf, lernte er zuerst das Große im Leben von dessen Detail unterscheiden. Alles was ihn gekränkt hatte, schien ihm klein, unbedeutend, und nicht der Mühe des Nachdenkens wert.
Die "richtige" Selbstbetrachtung und Relativierung der eigenen Geschichte führen dazu, daß Anton an der in den Vorreden von Moritz, behaupteten Selbsterkenntnis qua Rekonstruktion und Strukturierung der Ursachenkettc von Individuation teilhaben darf. Reiser kann das, "was bei vielen Menschen ihr ganzes Leben hindurch, ihnen selbst unbewußt, und im Dunkeln verborgen bleibt" , ins Licht der Erkenntnis setzen. Für einen kurzen Augenblick steht er auf einem der Türme, der Metapher für die "Höhen der Vernunft" , die er sonst immer nur von unten sieht, und die zum Symbol seiner Desorientierung werden: er überblickt sein Leben, kann das Bedeutende vom Unwichtigen scheiden und mißt den Kindheitsereignissen den "adäquaten" Kausalwert in Bezug auf seine erwachsene Identität zu. Damit hätte Reiser an sich das von Moritz, angegebene Bildungsziel der Selbstanalyse erreicht. Der jugendliche Held verfällt jedoch immer wieder den in der Kindheit etablierten Wicderholungszwängen. Er ist zu selbstkritischer Objektivierung seiner Leiden und Freuden nicht fähig, denn er ist dem "Trieb, der immer wiedergekehrt war" , hilflos ausgeliefert; er erliegt der Selbsterhöhung in seinen "idealischen Welten" oder reproduziert die in der Kindheit erfahrenen Leiden:
Der Gedanke des Läsligseins, und daß er von den Leuten, unter denen er lebte, gleichsam nur geduldet würde, machte ihm wiederum seine eigene Existenz verhaßt. Alle Erinnerungen aus seiner Jugend und Kindheit drängten sich zusammen. Er häufte selber Schmach auf sich, und wollte verzweiflungsvoll sich einem blinden Schicksal aufs neue überlassen.
Reiser ist kein reflektierender Held. Er kann die von Moritz geforderte Hermeneutik der Selbsterkennung nicht anwenden, weil er eher der Vergangenheit ausgeliefert als dazu fähig ist, sich ihrer kritisch zu erinnern. Die Wiederkehr des emotional Gleichen drängt sich ihm geradezu auf; anstatt jedoch die Vorstellung, lästig zu sein, kau-salgcnetisch aus den besonderen sozialpsychologischen Bedingungen der erinnerten Kindheit abzuleiten, vergegenwärtigt Reiser nur das analoge Gefühl, das dann die Einbildung, immer schon lästig gewesen zu sein, als "Schicksal" deklariert, dem sich das Subjekt unterwirft. Die Affektkonlinuitäl läßt den rationalen Blick auf die Seele nicht zu, sondern führt nur zu ihrer "Lähmung"7". Die Rückschau in die eigene Kind heit bedeutet nämlich auch, sich der Gefahr auszusetzen, die Freuden bzw. Leiden der Kindheit zu wiederholen, woran Reiser letztlich wieder scheitert. Im "Vorschlag" formuliert Moritz dieses Problem der Selbstanalyse, die sich gerade an dem orientiert, was sich nicht unter die narzißtische Perspektive des Ichs subsumieren läßt und den Selbstbeobachter in die schizoide Situation bringt, zugleich Objekt und Subjekt der Betrachtung zu sein:
|...| er müßte sich Zeit nehmen, die Geschichte seiner Gedanken zu beschreiben, und sich selber zum Gegenstande seiner anhallendsten Beobachtungen zu machen; ohne alle heftige Leidenschaften müßte er nicht sein, und doch die Kunst verstehn, in manchen Augenblicken seines Lebens sich plötzlich aus dem Wirbel seiner Begierden herauszuziehen, um eine Zeitlang den kalten Beobachter zu spielen, ohne sich im mindesten für sich selber zu interessieren.
Der in die Kindheit Blickende begibt sich in einen komplizierten Schwebezustand, denn er muß gerade den "Findrücken" nachgehen, die sich "unmerklich unter unsre übrigen Ideen" mischen und "denselben eine Richtung [geben|, die sie sonst vielleicht nicht würden genommen haben" . Zugleich soll er sich aber von seinem in der Selbstbetrachtung evozierten narzißtischen Ich trennen, um die eigenen Affekte rationalisieren zu können, indem er seine eigene, erinnerte Kindheitsgeschichte objektiviert. Der analytische Rückblick soll dieses Verschüttete, Verdrängte oder Vergessene und doch Vorhandene durch die schriftliche Fixierung bewußt machen, denn die innersubjektive Krinnerung ist zu anfällig, die Affekte der Kindheit zu wiederholen. Das der Selbstbetrachtung immanente Problem der Ich-Verstrickung in die eigene affektbeladene Geschichte wird gelöst, indem das sich erinnernde Ich das Frinnerte im von der Erinnerung abgespaltenen Text archiviert, wo es die eigene Geschichte wie ein Fremdes liest, das einer anderen Ordnung angehört als der selbslgewissen Erinnerung. Diese Prozedur ist für Moritz eine "Kunst", die der Held Anton Reiser nicht beherrscht, so daß ein anderer die Kindheit des Protagonisten diagnostiziert und als "Geschichte seiner Gedanken" beschreibt: Moritz' erzählerisches Verfahren ersetzt das imputierte, aber verfehlte Bildungsziel Reisers. Die Differenz zwischen der illu-sionsverhaftelen Selbstbezogenheit des jugendlichen Helden und dem analytischen Erkenntnisvermögen des Erzählers gleicht der des pädagogischen Verhältnisses, welches Moritz, im "Vorschlag" auf dem überlegenen Bewußtsein des Lehrers gründet:
Denn dies macht eben die Scheidewand zwischen den Gedanken des Lehrers und des Schülers; dieser Vorhang muß erst aufgezogen werden, damit der erstere seinen stärksten Feind in der Seele des Jünglings zuerst entdecken, den erst überwinden, und dann mit aller Macht in dieselbe eindringen kan, bis dem reinen Strom der Wahrheit sich kein Damm mehr entgegen sezt.
Diese Beziehung bildet die Erzählformel für den Roman Anton Reiser, in dem allerdings der letzte Schrill der pädagogischen Überwindung von Egozentrik nicht gelingt, da der Erzähler nicht in die Seele des Helden eindringt, sondern es dabei beläßt, die Feinde der Wahrheit in der Seele des Kranken aufzudecken, sie zu benennen und ihre Entstehung in der Kindheit zu situieren.
Allein schon durch den fremden Namen ist Anton nicht mehr Karl Philipp, wird die Selbstbeobachtung zum von den Affekten befreiten, ärztlichen Blick auf den Patienten, an dem seelische Krankheitserscheinungen, ihre ontogenetischen Ursachen und deren Folgen für den Erwachsenen mit Hilfe des nosologischen Wissens des Er-
Zählers festgestellt und beschrieben werden. Im Gegensatz zu den Vorabdrucken von einzelnen Auszügen im Magazin zur Erfahrungsseelenkunde, die wie andere dort veröffentlichte autobiographische Fragmente einen propädeutischen Zweck zur Begründung einer neuen Wissenschaft erfüllen und dementsprechend funktionali-siert werden, ist der Anton Reiser jedoch nicht nur Krankheitsgeschichte in diagnostischer Absicht oder "sozialpsychologisch orientierte Pathographie"71. Er ist auch Roman und damit literarische Konstruktion, die die Erscheinungen der kranken Seele und ihre Begründung in der Kindheit nicht nur beschreibt, kommentiert und analysiert, sondern erst erfindet und im nicht-diagnostischen, d.h. im ästhetischen Sinn arrangiert. Gegen die traditionelle Lesart der Krankengeschichte als Autobiographie des sich erinnernden Erzählers läßt sich die Fiktivitäl des Textes an der Verwendung von poetischer Sprache, an den Differenzen zwischen der Darstellung der Lebensgeschichte im Romantext und in anderen Quellen, an Brüchen auf der Darstellungsebene und an der literarischen Komposition der Beziehung zwischen Erzähler = Arzt und Held = Patient festmachen. Das ästhetische Produkt betreibt selbst Entwicklungspsychologie, um das für den Helden Unsagbare zum Sprechen zu bringen, indem es die "Erinnerung" der Kindheitserlebnisse zweifach interpretiert: aus der sich täuschenden Sicht des erwachsenen Helden , der neurotischen Wieder-holungszwängen unterworfen ist, und in der wissenden Rede des Erzählers . Dieses Verfahren führt u.a. dazu, daß sich Reiser als Melancholiker fühlt, während ihn Moritz, als Hypochonder und Schwärmer bezeichnet, der an den "Leiden der Einbildungskraft" krankt. Die Formen der erzählerischen Re-konslruktion von Kindheit entsprechen nun aber eher literarischen als szientifi-schen Methoden. In dererfahrungsseelenkundlichen Krankengeschichte wird die Lebensphase aus den Symptomen und Erinnerungen des kranken Erwachsenen zur psy-chogenetischen Begründung der Seelenkrankheit deduziert, was aber zumeist, wie die Geschichte des Magazins zeigt, mit der Sammlung psychologischer Raritäten endet. Der Roman hingegen beginnt mit der Darstellung von Urszenen , deren Bedeutung der Erzähler selbst erst im Hinblick auf die Konstitution der kranken Seele als Kette von familiär und sozial bedingten Verfehlungen des Helden herstellt. Die Zufälligkeit der seelenprägenden Einflüsse entscheidet der Erzähler bzw. durch ihn der Autor. So behauptet er die Identität der Figur als Spur des Milieus, in dem Anton aufwächst, was er im Laufe des Romans demonstriert, indem er z.B. die spezifische familiäre Scclenbildung seines Helden vom Beginn der Darstellung an als unü-berwindbares Hindernis für eine normale Selbstfindung bezeichnet:
Diese ersten Hindrücke [die familiäre Unterdrückung des Kindes] sind nie in seinem Leben aus seiner Seele verwischt worden, und haben sie oft zu einem Sammelplätze schwarzer Gedanken gemacht, die er durch keine Philosophie verdrängen konnte.
Damit hat der Erzähler das Scheitern seines Helden schon festgeschrieben, noch bevor dieser überhaupt ein Bewußtsein von seiner Kindheit oder gar die Mittel zu ihrer Erkenntnis hat. Der Held kann sich nicht selbst von der negativen familiären Seelenbeschriftung befreien und doch wird er es in den vier Büchern der Geschichte seiner Kindheit und Jugend ohne Erfolg versuchen. So legitimiert der Erzähler seine Existenz in Form der die Verkennungen seines Helden begleitenden diagnostischen Stimme des Arztes, die nicht nur den Gang der Katastrophe, sondern auch durch die Analyse der Leiden die dem Helden unzugänglichen Möglichkeiten der Heilung beschreibt. Diese Diskrepanz zwischen der Erkenntnis des Erzählers und der Verkennung des Helden stellt einen fundamentalen Bruch mit zeitgenössischen Vorstellungen vom vollkommenen Roman dar , wo die Perspektiven von Held und Erzähler gegen Ende idealiter konvergieren. Stattdessen versichert der Erzähler den Leser unzählige Male, daß Reisers Ich ein anderes ist, welches der seiner selbst gewisse Erzähler entlarvt, indem er das "künstlich vcrflochtne Gewebe eines Menschenlebens" durch die Darstellung der katastrophalen Bedingungen von Antons Kindheit wieder auflöst, denn er hat es zuvor erst "aus einer unendlichen Menge von Kleinigkeiten" nach einer Webtechnik zusammengeflochten, die dem Helden unbekannt ist. Der erwachsene Reiser erscheint so als das zwangsläufige Produkt eines Verfahrens, welches nicht so sehrauf der Erinnerung als auf der "vorstellende|n| Kraft" des Erzählers beruht. Damit "weiß" der narrative Diskurs nicht nur mehr als der Held, sondern als der Erzähler, denn der glaubt an die Objektivität seiner Rekonstruktion. Was Moritz als Effekt negativer sozialpsychologischer Bedingungen des Aufwachsens ansieht, repräsentiert der Text in ambivalenter Form. Zum einen unterschlägt Moritz die Normen, nach denen er eine katastrophale Kindheit, das falsche Lektüreverhalten oder die Lieblosigkeiten der Eltern erst als solche ausweisen kann, andererseits leiht er dem Helden seine Stimme, um z.B. innerpsychische Sensationen des Kindes, dessen Denkoperationen oder Einbildungen zu re-konstruieren. Dabei kann es zu irritierenden Überschneidungen zwischen souveränem Erzähler und verkennendem Held kommen, die sich in der Sprache der Darstellung manifestieren und die Frage evozieren: wer spricht? In den auto-biographisehen Romanen entsteht die dargestellte Kindheit genau an diesem Ort zwischen der normativen Idealisierung von erfüllender Kindheit und den von Erwachsenen re-konstruierten Imaginationen des Kindes.
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