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Die auto-biographische erfindung der kindheit: jung-stilling, bräker, moritz

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» Kindheit als fiktiver Text bürgerlicher Subjektivität

Kindheit als fiktiver Text bürgerlicher Subjektivität



In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts kommt es zu einer dramatischen Veränderung in der diskursiven Strukturierung von Familien. Der schon bei Geliert und in anderen Robinsonaden dargestellte Verfall des traditionellen patriarchalischen Haushalts führt zur Formierung der bürgerlichen Kleinfamilie, die nicht nur ihre Beziehungen zur Gemeinschaft und Verwandtschaft abbricht, sondern auch ihre innere Organisation umkehrt. Hierbei kommen allerdings die sozialen Experimente der Frühaufklärung, die im Rahmen der Debatte um Gelehrsamkeit und Liebesehe die Rolle der Frau teilweise aufwerteten, nicht mehr zum Zuge. Stattdessen rekonstituiert sich das Patriarchat, indem es die geschlechtliche Achse zur generativen verschiebt und die familiäre Position der Frau am Ideal der Mütterlichkeit orientiert. Damit ändert sich auch die Perspektive auf das familiäre Beziehungssystem: die Kleinfamilie wird aus der Sicht des männlichen Kindes dargestellt, zu dessen moralischer und geistiger Entwicklung die übrigen Familienmitglieder wie auch die gesellschaftlichen Institutionen beitragen sollen. Diese idealisierte Zentrierung der Sozietät um das männliche Kind ist die conditio sine qua non für die Konstitution des modernen Subjekts wie auch der bürgerlichen Gesellschaft. Das moderne männliche Ich entzieht sich nämlich im Akt der Selbstsetzung dem Diktat des alten Patriarchen, schließt die Frau als das absolute Andere aus und frönt einem durch Erziehung eingefleischten Narzißmus. Diese Inszenierung des Selbst dient schließlich auch als Spiegel für die politische Verfassung der idealen Brüdergemeinschaft .' Der Ort der Konstitution des bürgerlichen Subjekts muß als solcher aber erst produziert werden: zwischen 1750 und 1790 dokumentiert ein umfassender pädagogisch-psychologischer Textcorpus, was ideale "Kindheit" ist und wie sie in der Kleinfamilie und den schulischen Institutionen gestaltet werden soll. Die zur gleichen Zeit erscheinenden literarischen Lebensgeschichten, die eine "wirkliche" Kindheit archivieren wollen, partizipieren an der grundlegenden Idee dieses Diskurses, daß nämlich Kindheit eine besondere Lebensphase darstellt, die sich entweder radikal vom Erwachsenenstatus unterscheidet oder/und erwachsene Individualität vorbereitet, formiert oder gar schicksalshaft prädestiniert. Insbesondere in autobiographischen Romanen wird die teleologische Ausrichtung der Kindheit als Fallstudie im Konflikt zwischen Fremd- und Selbstbestimmung lesbar.
      Die bürgerliche Kindheitsidee ist allerdings eine Konstruktion ex negativa, denn sie entsteht nicht in der literarisch harmonisierten, kindorientierten, bürgerlichen Kleinfamilie, sondern auf die Art und Weise, wie sozial deklassierte bäuerliche und kleinbürgerliche Männer ihre Subjektwerdung im Rahmen einer individuellen, z.T. traumatischen Familiengeschichte erzählen. Verglichen mit der klassischen Autobiographie Goethes, die insofern der Tradition folgt, als der gesellschaftlich anerkannte Schriftsteller auch eine interessante Kindheit verbürgt, wird in den literarischen Hauptwerken Jung-Stillings, Moritz' oder Bräkers die Kindheit von lauter Niemand* lesbar, die u.a. ihren literarischen Ruhm erst durch die dargestellte Kindheit erwerben. Dabei widerfährt den Kindern der drei Texte zunächst nichts anderes als eine traditionelle Verortung in vorbürgerlichen Familienverhältnissen, die dem Kind keinen besonderen Platz, zubilligen. Unvollständige oder erweiterte Stammfamilien, instabile Klcinfamilien, kleinbäuerliche oder-bürgerliche Haushaltswesen bilden ein weites Spektrum von patriarchalisch organisierten Familien im ausgehenden 18. Jahrhundert, die erst im Prozeß der Urbanisierung und Funktionsentlastung des "ganzen Hauses" an neuen Idealvorstellungen der auf Emotionen gegründeten Gal-tenfamilie gemessen werden.' Der Ort, an dem literarische Kindheit hier inszeniert wird, ist somit ein verstellter, denn die Protagonisten befinden sich gerade in Gemeinschaften, die keine erwähnenswerte herkömmliche Geschichte haben und auch keine neuen auf der Grundlage bürgerlich-kleinfamilialer Intimität zulassen. Jung-Slilling und Bräker bemühen sich zwar um eine traditionelle Rekonstruktion des Familiengcschlechts im Sinne einer Ahnenchronik, aber verlieren sich sogleich in der generativen Ordnung, was beim ersten dazu führt, daß "die Gestalt des Großvaters den Inhalt einer Lebensphase" repräsentiert, während sich Bräker schon die Großeltern nur "einbilden"s kann. Die Eltern-Kind-Figuration führt in andere Generationen oder wie bei Moritz in fremde Häuser. Bevor Anton Reisers Eltern überhaupt erwähnt werden, wird "das ganze Hauswesen", "eine kleine Republik" des Hr. v. F.vorgestellt, die als zwiespältiges Vorbild für Reisers Haus fungiert. Im Verlauf der Romane potenziert sich diese Verschiebung. Kindheit findet stets am Unort, am anderen Schauplatz denn dem der bürgerlichen Gattenfamilie statt, die doch so eindeutig vom pädagogischen und philosophischen Diskurs als ideale Heimstatt der Kindheit favorisiert wird. Heinrich Stilling verliert früh seine Mutter und idyllisiert die vom Großvater dominierte Großfamilie; Bräker vegetiert in der desolaten Kleinbauerngemeinschaft vor sich hin und entflieht in die Einsamkeit der Natur, die er später als den eigentlichen Ort der Kindheit imaginiert; Moritz zeichnet das Bild einer zerrütteten kleinbürgerlichen Familie, in der sich Anton Reiser nur glücklich schätzt, wenn er von einem Elternteil getrennt ist, bis er schließlich in ein anderes Haus abgeschoben wird. Innerhalb der auf Reproduktion und Arbeitsteilung abzielenden generativen Zweckverbändc, für die gegenüber der bürgerlichen Kleinfamilie emotionale Beziehungsstrukturen nicht konstitutiv sind, haben die Kinder lediglich eine alters- und geschlechtsspezifische Rolle , in die sie nach traditionellen Erziehungspraktiken von mehreren Erziehern eingeübt werden. Hinsichtlich der Familienstruktur und der sozialen ldentitätszuschreibung läßt sich die Besonderheit der Lebensphase also nicht ausmachen.
      In diese Darstellung der äußeren Familienorganisation greifen jedoch die Erzähler ein, indem sie Kritik an der ökonomischen und moralischen Zurichtung des Kindes üben und damit von den Möglichkeiten einer anderen Identität als der der ständischfamiliären Leibeigenschaft schreiben. Während in Gellcrts Schwedischer Gräfin de-territorialisierte Kinder vergeblich mittels Erziehung reterritorialisicrt und deshalb beseitigt werden, ohne daß die Prämissen und Methoden der Moralerziehung in Frage gestellt werden, vom fehlenden Bewußtsein der individuellen kindlichen Psyche als Erziehungsprodukt ganz zu schweigen, schreiben die auto-biographischen Autoren vom pädagogischen und psychologischen Experimentierfeld "Kindheit" in Familie und Gesellschaft und machen ihre Texte zu Sozialisationsspielen, in denen ein Subjekt familiär produziert wird." Es geht daher im folgenden nicht darum, eine behauptete soziohistorische Realität der literarischen Kinder zu rekonstruieren, sondern um die Reden über selbige im Text. Die Erzähler analysieren Sozialisationsbe-dingungen und Einschreibepraktiken, familiäre Beziehungskonstellationen und individuelle Selbstbcfreiungsmöglichkeiten aus der Sicht der die Erziehung erleidenden Kreatur, was aber erst das erwachsene Ich in der Identifikation oder Verwerfung, der Verinnerlichung einer Stimme oder Trauer über ihren Verlust als den Effekt des familiären Besprechens des Kindes benennen kann. Damit dient die literarische Kindheitsdarstellung mehreren Zwecken. Sie führt die besondere Formation des Subjekts auf Urszenen im Sinne von Campes "frühester Seelenbildung'"' zurück, in der Schicksal und Charakter des Erwachsenen determiniert werden. Der literarische Text konstituiert eine neue Geschichte des Individuums, die weder in den Erziehungsabsichten aufgeht noch auf äußere Umstände des Aufwachsens reduzierbar ist, sondern sich auf die individuelle Verarbeitung von familiären Eintlüssen bezieht. Zugleich formuliert der Text eine ideelle Kindheit, sei es explizit als verlorener Glückszustand oder implizit als Maßstab für die Darstellung der negativen Kindheit des Protagonisten. Das macht die Rolle des Erzählers suspekt, denn mit der Konstruktion einer idealisierten Kindheit schreibt sich ein erwachsenes Begehren in den Text, das selbst wiederum ein Effekt der Kindheit des Erzählers sein kann und den Unterschied zwischen Erzähler und erwachsenem Helden in Frage stellt. Die Seele des Kindes, an der die Individualität des Erwachsenen oder seine rückwärtigen Träume festgemacht werden, wird erst im literarischen Text anschaulich, der mit der Rekonstruktion des familiären Stimmengewirrs die Psyche des Kindes und zugleich des Erwachsenen an die symbolische Ordnung bindet.
      Die Kindheitsdarstellungen in den auto-biographischen Romanen stehen im Zeichen einer psychogenetischen Selbstbegründung: als Geschichte der individuellen Seele und des "Ich"-Sagens, d.h. der teleologischen Stilisierung der Subjektwer-dung. Wie die aufgeklärte Pädagogik betrachtet die Literatur diese Bildung der Seele als individuellen Entwicklungsprozeß, der vom Gedächtnis archiviert wird, welches - wie Rousseau im Emile schreibt - mit der Erlernung der Sprache einsetzt:
In dieser /weilen Phiise zu objektivieren, oder einem externen Gedächtnis anzuvertrauen: der Text der Lebensgeschichte löst die innere Selbstschau ab. Ich bin Ich, weil ich eine erzählbare Geschichte habe. Das, was erzählt wird, ergibt sich dann aus den hypothetischen Kausalitätskonstruktionen eines erwachsenen Selbstbewußtseins, welches seine Individualität selbst willkürlich setzt, indem es Produzent und Garant der eigenen Geschichte ist, in der nur das Ich Kontinuität hat. Der Auto-Biograph findet in der Kindheit als Geschichte das ästhetische Objekt par excellence, denn sie existiert nur in der Erinnerung des sich Erinnernden bzw. der Vorstellung des Schreibenden. Sie ist ein Gewesenes, das vor seiner "Archivierung" im Text keine Anschauung hat, womit die Repräsentation eigentlich etwas "abbildet", was außer ihr nicht existiert. Wenn die Kindheit nur durch die schriftliche Darstellung vergegenwärtigt wird, dann supplementiert der Text zugleich auch eine Präsenz, die sich nie präsent war, denn als Kind hat man keine Kindheit, die sich ja gerade durch ihr Gewesensein auszeichnet.' Die Erinnerung an die eigene Erfahrung und ihre Wiederaneignung im Text bestätigen nicht nur dem erwachsenen Selbstbewußtsein seine Identität im Rekurs auf seinen Ursprung als Kind, sondern erklärt auch eine andere Kontinuität, nämlich die des Kindes im Manne:
Diese ausführliche Darstellung meiner frühen Jugend mag recht kindisch erschienen sein, und das tut mir leid, aber obwohl ich in gewisser Hinsicht als Mann geboren wurde, bin ich andrerseits lange ein Kind geblieben und bin es in vielem noch heute. Ich habe nicht versprochen, dem Publikum eine große Persönlichkeit vorzuführen, sondern mich selbst, wie ich bin, zu zeichnen, und, um mich in reiferem Alter zu kennen, muß man mich in meiner Jugend richtig gekannt haben."
Die Wahrheit des erwachsenen Subjekts kann mit der seiner Kindheit gesagt werden, die sich wiederum in Spuren des erwachsenen Selbst lesen läßt, die der Autor darstellt. Doch Rousseau entschuldigt sich auch, daß selbst das Schreiben über Kindheit "kindisch" sein könnte. Die Betonung der Differenz zwischen Kind und Erwachsenem verweist nämlich auf eine andere Qualität der Kindheit, deren Kenntnis nicht nur dazu befähigt, das Selbst des erwachsenen Jean-Jacques zu verstehen, sondern auch zugleich, warum der Erwachsene noch Kind ist bzw. sein möchte. Die geschichtliche Hermeneutik der eigenen Person beschwört zugleich die Verstrickung des Erwachsenen in die lustvolle Erinnerung an das Andere, an das Kindsein und seine Vergegenwärtigung in der Erzählung herauf: Ich weiß wohl, dali dem Leser nicht viel daran lieg!, das alles zu wissen, aber mir liegt daran, es ihm zu sagen. |...| vorausgesetzt, man lättt mich so weitläufig als möglich erzählen, damit ich um so länger meine Freude habe.

     
   Die Erinnerung ist nicht nur eine sprachlich-logische Operation, sondern Reaktuali-sierung von Gefühlen. Damit kommen Lust und Unlust an Urszenen, narzißtische Spiegelung in der eigenen Geschichte und panischer Schrecken über vergangenes Trauma in die erinnernde Selbstrcflcxion über das eigene Werden. Sojedenfalls liest es sich in Rousseaus Bekenntnissen: der Autor kehrt in obsessiver Manier zu den "ersten Eindrücken meines Gefühlslebens" zurück und erinnert sich der "Heiterkeit meiner Kindheit" wie auch des "Gefühl[s| erlittener Gewalttätigkeit und Ungerechtigkeit"1''. Die Erinnerung spaltet die erlebte Kindheit in positive und negative Erfahrungen auf. Diese Heterogenität der erinnerten Kindheitserlebnisse, die sich allein schon daraus ergibt, daß die Idee des Ichs sowohl von der Ordnung der Sprache wie der bcwußten Erinnerung abhängt, wird dabei unter das Dogma der bewußten Gefühlskontinuität subsumiert. Seit Rousseaus Bekenntnissen erfüllt die auto-biographische Kindheitserinnerung diesen doppelten Zweck: als literarische Erklärung der erwachsenen Indidividualität und als "Freude" bereitender Text. Es handelt sich dabei um eine komplexe Konstruktion, die Kindheit als teleologisch, entwicklungspsychologisch konzipierten Ursprung oder Idyllisierung des Vergangenen beschreibt und zugleich das Andere der Kindheit heraufbeschwört und wiederbelebt. Kindheit bezeichnet eine zusammengedrängte Erfahrung oder Vorstellung körperlicher und seelischer Schmerz- oder Lustzustände, die unbewußte Spur der Einschreibungen der Sozialisation, aber damit auch das Konglomerat bewußter Wünsche des Kindes." So kommen die Einbildungen und mit ihnen das Begehren in die erinnerte wie vorgestellte Kindheit, die die Einbildungskraft erst hervorgebracht hat. Die Differenz von Einbildung und Erinnerung , die die rationalistische Philosophie an Begriffen des Vernünftigen, Objektiven, Gewesenen orientiert, wird erst durch den psychoanalytischen Begriff eines unbewußten Gedächtnisses getilgt. Hundertfünfzig Jahre nach Rousseau hat Freuds Psychoanalyse aus der Kindheit einen komplexen Text gemacht, der sich zwischen dem, was war, und dem, was hätte sein können, in einer Schwebe von Selbstbetrug und Begehren hält. Zunächst besteht Kindheit nur als fragmentierte Erzählung des Patienten, festgemacht an bedeutungsvollen, erinnerbaren und assoziierten Einzelheiten, deren Zusammenhänge erst vom Zuhörer und Schreiber in einem neuen Text hergestellt werden, weil er ein Konzept zur Organisation des Vereinzelten, Unbedeutenden, Fragmentarischen hat. Freud hat dabei selbst den Unterschied zwischen der Erzählung des Patienten, literarischen Kindheitsdarstellungen und eigenen Erinnerungen eher getrübt denn erhellt, mit dem Ergebnis, daß seine Organisations-

Prinzipien das disparate und heterogene Material strukturieren. Ähnliches ließe sich von den Auto-Biographen behaupten, denn auch sie vereinheitlichen ein Disparates, Fetzen von Erinnerungen und Einbildungen zu einem Text, indem sie das "Geplapper" der Kindheit teleologisch ausrichten. Es soll hier nicht behauptet werden, daß die Psychoanalyse schon hundert Jahre früher erfunden wurde, aber es bleibt festzuhalten, daß die Texte der literarischen Kindheiten im/explizite Prinzipien artikulieren, sich dem vergangenen Anderen anzunähern und ihm im Text erst zu einer Existenz verhelfen, aus der sich sowohl diese Ordnungen als auch die Stimmen der Kindheit wieder ableiten lassen. Dieses Ineinander von Kontinuität und Autonomie der Kindheit begleitet jede rückschauende Rede der Erwachsenen, bildet das Paradigma für Geschichten aus einer Kindheit und die Geschichte der Kindheit.1''
Das fundamentalste Organisationsprinzip der auto-biographischen Kindheils-konstruktion ist der Anspruch auf Originalität. Rousseaus Hinweis, daß er sich nicht in der Tradition der Gelehrtenbiographie befindet, die das Schreiben über sich mit der gesellschaftlichen Anerkennung seiner erwachsenen Person rechtfertigt, verdeutlicht nachdrücklich die moderne Auffassung davon, was Schreibens wert ist: "Wenn ich nicht besser bin, so bin ich wenigstens anders"20. Demgegenüber findet in Christian Wolffs Eigene Lebensbeschreibung "Kindheit" noch nicht statt, steht die Geburt schon im Zeichen der akademischen Karriere. Aber auch die pietistischen Autobiographien eines Spener oder Franeke referieren lediglich die Herkunftskoordinaten, gehen über die vorschulische Kindheit hinweg und geben keine Auskunft über iden-titätsprägende Besonderheiten familialer Sozialisation, denn die Identität des erzählten Ichs wird immer schon unter eine vorgegebene Ordnung subsumiert . Die pietistische Selbstbeobachtung geht in der Bestätigung des Schemas auf, welches die Idee eines besonderen Ichs erst gar nicht aufkommen läßt. Beginnend mit den Selbst-Irritationen in Adam Bernds Eigene Lebens-Beschreibung und dem ersten Band von Jung-Stillings Lebensgeschichte wird jedoch Kindheit im Zuge einer Säkularisierung der religiösen Autobiographie erzählbar, scheint die kleinste Trivialität einer normalen Durchschnittskindheit erwähnens- und lesenswert, indem ihr eine subtile Bedeutung für das Verständnis des erwachsenen Ichs unterstellt wird: sei es als Ausgangspunkt einer "Gemüths-Plage" oder als verklärende Erinnerung an familiäre Urszenen im Zeichen der Vorsehung. Für das Subjekt hat die Re-konstruktion der Kindheit die Funktion der historischen Sinngebung, denn mit der Aushöhlung der ldcntitätszuschreibung durch subjektferne Ordnungen wird die Individualität des dargestellten Ichs einzig von dem in der Kindheit produzierten Selbst und dessen lebensprägenden Erfahrungen mit seiner Umwelt abgeleitet. Die eigene Kindheit als Geschichte, d.h. aber auch als Fiktion, wird zum Ersatzgrund für die Herkunft. Damit kann prinzipiell jeder von einer Kindheit schreiben, denn der Erwachsene muß nicht erst zur "Persönlichkeit" aufgestiegen sein, damit Kindheit für ihn bedeutend wird. Selbst für den "Plebejer" Ulrich Bräker ist die eigene "Geschichte |...| sonderbar genug", auch wenn er nicht glaubt, daß sein "Schicksal für andre etwas seltenes und wunderbares enthalte" . Die Besonderheit des Subjekts ist seit ihrem Aufkommen eine fiktive Konstruktion, die stillschweigend die Kongruenz von erzählter "Geschichte" und erlebtem "Schicksal" voraussetzt, wobei die Struktur des ästhetischen Produkts auch die Einzigartigkeit des Beschriebenen repräsentieren soll. So formuliert es schon Rousseau im Vorwort zu den Bekenntnissen:
Dies ist das ein/ige Bild eines Menschen, gemalt nach der Natur und in der ganzen Wahrheit gemalt, das es gibt und wahrscheinlich je geben wird.

     
   Die Unmittelbarkeit des Vermittelten, das Authentische des bloß Repräsentierten bilden ein der bürgerlichen Subjektphilosophie immanentes Paradox, das sich insbesondere im modernen auto-biographischen Schreiben widerspiegelt. Wird die Einzigartigkeit des beschriebenen Ichs aus der erlebten bzw. erinnerten Besonderheit seiner Kindheit abgeleitet, dann kristallisiert sich das Leben der Unbedeutenden in seiner unbedeutendsten Phase, denn das Kind hat noch nichts geleistet, erworben und zu wenig erfahren, und dennoch will Bräker "mit welcher Wonne |...| besonders in die Tage meiner Jugend" zurückkehren, sieht Jung-Stil-ling "in den ersten Kinderjahren den [pietistischen] Grundtrieb"2'' eingeimpft, erklärt


Moritz mit der Kindheit die "geheimen Leiden" seines Helden . Bei aller Fremdbestimmung und Abhängigkeit des kindlichen Individuums soll im Rücken der familiären Individuation ein anderes Selbst entstehen, das nicht in der sozialen oder familiären Rolle aufgeht und zum ersten Mal in der Schrift des von ihm Berichtenden unter Bezeichnungen wie "Seele", "Geist" oder "Inneres" des Kindes erscheint. Es handelt sich dabei um eine widerspruchsvolle Konstruktion, die die Autonomie des kindlichen Gemüts gegenüber der Abhängigkeit seines Körpers behauptet. Im Prozeß der zivilisatorischen, d.h. sozialen, moralischen und ökonomischen Abrichtung des kindlichen Körpers verlagert sich das Selbst ins Innere des Menschen. Stilling, Bräker, die ausgeschlossenen und geprügelten Kinder, oder Reiser, der "von der Wiege an unterdrückt ward" , profilieren sich als Prototypen einer "Selbstbehauptung"2'', die sich letztlich als Effekt der familiären Repression herausstellt, die aber ihrerseits im Dienst des Zivilisationsprozesses steht. Die Transformation der fremdbestimmten und von sich selbst entfremdeten Natur in eine zweite verinnerlichte, sich autonom gebende "Naturwahrheil" gelingt nur, wenn die Introversion total ist, allerdings anders als in Rousseaus pädagogischer Insel. Analog zu Gellerts Produktion einer männlich kontrollierten Fraucnseele im exklusiven Inneren der bürgerlichen Ehe, bedeutet die Selbstkonstitution des Kindes Isolation von anderen Kindern, Erwachsenen und vom eigenen Körper, Aufgabe von Welt, um zu einer eigenen zu gelangen, die den Mangel an der anderen kompensieren soll: Anton Reiser erfährt immer dann sich selbst, wenn "er sich von aller Welt verlassen glaubte" . In der Dialektik der Aufklärung sehen Horkhcimcr und Adorno diesen Selbstbewußtseinsprozeß des Kindes als Wiederholung phylogenetischer Entsagung:
Furchtbares hat die Menschheil sich antun müssen, bis das Selbsl, der identische, zweckgerichtete, männliche Charakter des Menschen geschaffen war. und etwas davon wird noch in jeder Kindheit wiederhol!.

     
Die These, daß die Beherrschung der äußeren und inneren Natur als "Introversion des Opfers" der Preis für die Subjektwerdung des Menschen im Zivilisationsprozeß ist, erfährt hier eine historische Präzisierung. Es ist nämlich weniger die ontogenetische Wiederholung des Opfers, sondern die spezifische historische Sozialisationslogik, die aus Kindern Kindheiten macht. Stillings und Bräkers imaginativ-sinnliche Erlebnisse allein in der Natur, wo das Kind sich selbst erfährt, ergeben sich erst als Folgen einer desorientierten Sozialisation, wie auch Reisers Verdrängung aus einer nie erlebten "natürlichen Kinderwelt in eine unnatürliche idealische Welt" . Auch wenn Reisers kompensatorische Selbstfindung und Selbstbefriedigung in der symbolischen Welt der Bücher und in der imaginären seiner Einbildungen schließlich zu "Selbsthaß und Selbstvcrachtung" führt und gar in "Selbsttäuschung" endet, kann die tragische Auflösung des Ichs in Moritz' psychologischer Handschrift nicht darüber hinwegtäuschen, daß Selbsterkenntnis und -verkennung durch das gleiche Medium vermittelt werden. Die in die radikale Sclbstbezüglichkeit mündende Isolation und Vernachlässigung macht die literarischen Kinder zu lA'sern, die erst im anderen sich selbst suchen. Als Leser hat Heinrich Stilling lustvolle "dichterische Einfälle" und kann die Natur "zu lauter idealischen Landschaften" umwandeln ; aufgrund der durchs Lesen trainierten intellegiblen und rhetorischen Fähigkeiten stilisiert ihn der Erzähler sogar zum Wunderkind ; schließlich begleiten gelesene Lebensgeschichten die Erinnerung an die eigene Kindheil:
|...| als er einmal Gottfried Arnolds Leben der Allväter bekam, konnle er gar niehl mehr aufhören zu lesen, und dieses Buch, nebst Rcil/ens Historie der Wiedergeborenen, blieb sein bestes Vergnügen in der Well, bis ins zehnte Jahr seines Alters; aber alle diese Personen, deren Lebensbeschreibungen er las, blieben so fest in seiner Einbildungskraft idealisiert, daß er sie nie in seinem Leben vergessen hat.
Bräkers "bis zu den Thränen" rührendes Lesen in der Natur , Stillings oder Reisers' Identifikation mit anderen, literarischen Personen und deren Lebensgeschichten, verschieben die Identität des Kindes mit sich selbst auf einen anderen Schauplatz: ganz man selbst zu sein, bedeutet, ein anderer oder irgendwo anders zu sein. Der Platz der kindlichen Seele wird von Büchern oder Reden der anderen umstellt bzw. verstellt. Wie sich die individuelle Ich-Bildung durch den anderen im Einzelnen ausnimmt, hängt von der Frage ab, welche Zusammenhänge es zwischen familiären und literarischen Identifikationsmustern gibt.
      Der Text soll auf vielfältige Weise das Verschüttete, eine vom Kind nicht aussprechbare, da ihm unbewußte, aber doch von ihm erlebte Wahrheit zum Sprechen bringen. Das autonome Selbst des Kindes wird somit erst in der Schrift des von ihm Schreibenden präsent, wie ja auch die schreibende Selbstvergewisserung erst das Selbst produziert. Alle Kindheitserzähler sind sich der Gefahr der Fiktivität ihrer Schreibprodukte bewußt, denn sie wissen, daß ihnen der Leser auf Glaub' und Treu' ausgeliefert ist. Aus diesem Grund versichern sie ihm immer wieder, daß ihre "Be-obachtungen größtenteils aus dem wirklichen Leben genommen sind" , "die Geschichte selbst nach der Wahrheit geschildert und beschrieben" ist oder "von andern glaubwürdigen Menschen" stammt. Die an die Robinsonaden erinnernde Behauptung der Authentizität ist umso gewichtiger, als sie unüberprüfbar ist, da sie sich auf ein Unsagbares bezieht, denn das Innen des Kindes ist ein verschlossener Text, der aus Erinnerungen, vagen erwachsenen Vorstellungen oder mittels analytischer Empathie rekonstruiert werden soll, auch wenn das heißen kann, die "Träume eines Fieberkranken" nachzuvollziehen. Der Wahrheitsanspruch der Auto-biographien bezieht sich immer wieder auf einen unaufhebbaren Rest an Authentizität, die nur dann in Frage gestellt werden kann, wenn der Autor, Erzähler das Authentische des Singulären als allgemeine Wahrheit ausgibt. Die Unerfüllbar-keit des Anspruchs, die unsichtbare Natur , ein unbewußtes Gedächtnis oder gar die unbekannte Wahrheit des Menschseins auszusprechen, ist schon im literarischen Schreiben begründet, das nicht referiert, sondern produziert. Immer wenn ein Autor die "Wahrheit" sagen will, "lügt" und "betrügt" er. Der Hofrat Jung gibt vor, von Heinrich Stilling eine Lebensgeschichte zu schreiben; nach fünf immer länger werdenden Bänden und 27 Jahren Schreibzeit lüftet er ein Geheimnis, das für jeden Leser schon keines mehr ist, nämlich daß Autor und literarische Figur identisch sein sollen . Der Unterschied von Eigennamen und erdichtetem Namen, den der Autor durch seine spätere Annahme des Doppclnamens wieder aufheben will, verweist auf "allerlei Verzierungen" der Jugendgeschichte, nämlich die literarische Bearbeitung von Erinnerung bzw. Vorstellung einer Kindheit. Wenn sich die biographen auf eine Wahrheit der Kindheit, des Lebens oder Menschseins zurückziehen wollen, sei es die göttliche Vorsehung oder die wahre "innere Geschichte des Menschen" , sprechen die Texte von vielen anderen. Veränderte Namen oder geheimnisvolle Namensabkürzungen , unglaubliche Zufalle und Kausalitäts-konstruktionen oder gar die Nachschrift anderer Texte , von der literarischen Textorganisation ganz zu schweigen, führen den Leser in ein Feld der Ambiguitäten eines ästhetischen Zeichensystems, wogegen die Autoren anschreiben, denn die Re-konstruktion eines eigentlichen Selbst darf alles andere nur nicht vieldeutig oder gar eingebildet sein." Jung-Stilling gibt in seinem "Rückblick auf Stillings bisherige Lebensgeschichte" autoritäre Direktiven, wie der Text seines Lebens zu lesen sei ; Bräker behauptet in "Vorrede" und "An hang", in den er sogar noch einen fiktiven apologetischen Dialog einbaut, kein Kunstwerk zu schaffen, sondern nur sein Leben zu beschreiben ; Moritz schickt den vier Teilen des Anton Reiser jeweils eine Erklärung der Autorintention voraus und versichert in den letzten drei "Vorreden", daß es sich beim Text um eine "getreue Darstellung" handelt . Doch wovon? Es blieb einer biographistisch orientierten Literaturwissenschaft vorbehalten, den Text nochmals mit dem Leben seines Schreibers gleichzusetzen, doch nicht in der romantischen Vorstellung der Universalpoesie, wonach das Leben ein Roman sei, der sich selbst schreibt,' sondern indem sie den Text seiner Litcralität beraubt, aus den ästhetischen Bildern ein einziges Abbild von "Realität" macht und die "Selbstbehauptung" des literarischen Kindes in den Schreibversuchen eines Autors sieht." Bei derartigen Unternehmungen wird unterschlagen, daß das Leben eines Autors in anderen Texten, zumeist auch nicht-literarischen, steht, deren Referentialität eine andere als die eines literarischen Textes ist. Ästhetische Texte im allgemeinen und die Auto-bio-graphien und Kindheitsdarstellungen im besonderen produzieren nämlich erst das Original, von dem sie vorgeben, Kopie zu sein. Der ästhetische Text, wird er verstanden als "Gewebe" vieler Stimmen und Codes ,' macht aus der einen Wahrheit des Erinnerten die vielen Wahrheiten der Einbildungen, die im folgenden anhand einiger typischer Modelle auto-biographischer Kindheitsre-konstruktion analysiert werden.
     

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