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Die Produktion des familiären Imaginären
Neben der Darstellung von Kindheit in der patriarchalischen Idylle bzw. nach Maßgabe des normierenden Anspruchs häuslicher Glückseligkeit, was letztlich das patriarchalische Ideal von Gemeinschaft wiederholt, bemühen sich die erwachsenen Erzähler, das Innenleben des Kindes, d.h. seine unüberprüfbaren Ängste, Glückserfahrungen, Phantasien und Wünsche zu repräsentieren. Damit betreten die literarischen Auto-biographicn das "irreale" Terrain des Imaginären. Als Effekt der gesellschaftlichen Isolation des Kindes bzw. als Gegenentwurf zu seiner familialen Identität entsteht im Inneren des Kindes ein alternativer Raum zur erlebten familiären und sozialen Wirklichkeit, der nicht mit den idealisierten Vcrgcsellschaftungsformen kongruiert. Das Kind bildet sich ein, ein anderer zu sein. Während bei Jung-Stilling die kindliche Identität nahezu reibungslos im Wünschen des großväterlichen Wunsches aufgeht, widersetzen sich die Helden von Moritz und Bräker der familialen und sozialen Rolle. In ihren Phantasien, Erinnerungen oder Spielen konstruieren sie ihr "eigentliches" Ich, unterminieren erlebte Abhängigkeitsverhältnisse und öffentliche Rollenzuweisungen und zentrieren eine eingebildete Welt um die eigene Person. Im Prozeß der Identitätsbildung kann dieses Imaginäre gar nicht hoch genug eingeschätzt werden, es begründet nämlich auch den Anspruch des Subjekts auf seine Einzigartigkeit, die sich gegen die soziale Rolle zu behaupten hat. Damit kommt es zu einer Zusammenführung von kindlichen und erwachsenen
Wünschen, was in den literarischen Auto-biographien zudem selbst produziert wird: die kindlichen Ideen werden nämlich nicht von den erwachsenen Idealen abgespalten oder in eine kindliche Märchenwelt verbannt, sondern explizit auf die Identität des Erwachsenen bezogen. Diese kindlichen Imaginationen haben viele Gesichter. Sie erscheinen im Text aus der Perspektive des Kindes als die Effekte der Sozialisation, die sich in die Seele des Kindes eingeschrieben haben und als Symptome wieder nach außen treten, die der Erzähler als solche bewußt oder unbewußt benennt: sei es als beschriebene Episode über erlittenes Unrecht, als Träume der Allmacht und Bedürfnisbefriedigung oder als phantasierte Rekon-figuration familialer Beziehungen. All das stellt der Text selbst her. Er kopiert nicht ein bereits Vorhandenes, denn jenseits der Schrift hat das Imaginäre des Kindes weder eine Anschauung noch ein Archiv. Das macht die Sprache des erwachsenen Erzählers suspekt, wenn er vorgibt, den kindlichen Phantasieproduktionen Ausdruck zu verleihen oder familiäre Gefühlsbeziehungen "objektiv" zu rekonstruieren. Und doch gibt es einen gemeinsamen Nenner der so unterschiedlich in Erscheinung tretenden Einbildungen des Kindes bzw. Erwachsenen. Sie lassen sich wieder an die familiäre Realität zurückbinden, von der sie ihren Ausgang nehmen, denn sie sind nicht nur familiär produziert und strukturiert, sondern kreisen auch in auffälliger Weise um die Figur der im Patriarchat ausgeschlossenen Mutter.
In der "Vorrede" seiner U-bensgeschichte legitimiert Bräker sein Schreiben als didaktisches Exempel und als Beweis für "die ewig weise Vorsehung", aber hinter den öffentlichen Zwecken seiner "Schreibsucht" erscheint eine "ausserordentliche Lust, so wieder einmal mein Leben zu durchgehen" . Der Gang durch das eigene Leben, welches mit der Kindheit eines verarmten Bauernjungen beginnt und über pikareske Abenteuer als Liebhaber, Diener, preußischer Soldat wieder in die Toggenburgcr Heimat und seinen bedrückenden kleinbürgerlich-bäuerlichen Alltag zurückführt, endet allerdings in koketten Äußerungen der Frustration, nur ein "Gickel Gackel" oder "Wirrwarr - aber eben meine Geschichte" geschrieben zu haben, das keine "Geständnisse, wie Rousseau's seine" enthalte. Als Beweis für die "Desorientiertheit" des eigenen Schreibens beginnt das darauffolgende Kapitel prompt mit dem Titel der französischen Apologie. Im Gegensatz zu den Lebensgeschichten, die in der dritten Person erzählt werden , versichert jedoch Bräkcrs Ich-Erzähler, nicht literarisch zu schreiben, denn er unterliegt im Vergleich mit "einem guten Schriftsteller" , entschuldigt sein "bißchen Schreiben ganz aus mir selbst" und gibt vor, nicht "zu lügen" . Narzißtische Rekonstruktion des schreibenden Ichs und postulierte Wahrheitstreue vertragen sich nicht, auch wenn der Autor das dem Leser verkaufen möchte, was der Text aber schon auf den ersten Seiten unterminiert. Wie Jung-Stilling bemüht sich Bräker um eine traditionelle chronikartige Rekonstruktion des Familiengeschlechts, gerät jedoch schon beim ersten Satz ins Stocken und erhebt Vorwürfe gegen die Vorfahren, die er für die Defizite seines Wissens um die Familiengeschichte verantwortlich macht:
Meine Vorehern. Dererwegen bin ich so unwissend als es Wenige seyn mögen. Daß ich Vater und Mutter gehabt, das weiß ich. Meinen sei. Vater kannt' ich viele Jahre, und meine Mutter lebt noch. Daß diese auch ihre Eltern gehabt, kann ich mir einbilden.
Familienverhältnisse müssen gewußt werden, sollen sie beschrieben werden. Taucht eine Lücke in diesem Wissen auf, kann die Einbildungskraft nachhelfen. Der Unterschied zwischen Vor- und Erfinden wird aufgehoben, weil weder Autor noch Leser davon wissen, was den Einbildungen freien Lauf läßt. Bräker hat keinen Grund, "ah-nenstolz zu seyn" , denn er kennt seine Vorfahren nicht einmal. Mit der anschließenden Beschreibung der sozioökonomischen Misere der kleinbäuerlichen Verwandtschaft liefert er allerdings ein Erklärungsmuster für das Nichtwissen der Genealogie, das auch die spezifische Kindheit erläutert. Angehörige der untersten sozialen Klasse können sieh keine Schulbildung leisten , lernen nicht schreiben, können einen Familientext nicht lesen, der noch geschrieben werden muß." Erst der Autodidakt Bräker besorgt seiner Familie eine Geschichte, indem er gegen die realen Verhältnisse von seinem Ich als einem anderen schreibt. Wenn die Sekundärliteratur die paradigmatische Authentizität von Bräkers Lebensgeschichte, die individuelle und zugleich für die sozioökonomischen Zustände der verarmten Landbevölkerung typische Darstellung des Alltags behauptet, so hat sie sich von der Selbstinszenierung des Erzählers und seiner Herausgeber verleiten lassen, den Text als so-zialhistorisches Dokument zu lesen, das man lediglich nach dem Repräsentierten, aber nicht nach der Art der Repräsentation fragt."" Dabei läßt Bräker keinen Zweifel daran, daß sein Schreiben ein Effekt des Lesens ist: "Ist's ein Wunder, daß ich, bey diesem meinem Lieblingszeilvertreib |dem Lesen|, dem Drang', auch meine Gedanken allmälig auf's Papier zu werfen, nicht widerstehen konnte" . Angesichts dieser Verstrickung des literarischen Autodidakten in zeitgenössische Texte der individuellen Selbslkonstruktion stellt sich die Frage, inwiefern seine eigene Selbstkonstitution im Text, d.h. das imaginäre Unternehmen "Ich bin ein anderer" die narzißtische Selbstbezüglichkeit des Gelesenen reproduziert. In einer seiner vielen selbstreflexiven Stellungnahmen zum Akt des Schreibens verlagert Bräker die Demut vor den übergroßen Vorbildern auf das Feld der Orthographie:
Was anders, als ich, nicht Ich Denn ich hah' erst seil einiger Zeil wahrgenommen, düU man sich selbst - mit einem kleinen i schreibt.
Die Frage nach der Schreibweise des Ichs führt die Selbstfindung auf das Gebiet der Sprache. Das fehlende Wissen, wie man von sich selbst schreibt, holt sich Bräker aus den Büchern, die von sich selbst als großem Ich undkindischem Ich schreiben: Goethes Werther und Rousseaus Bekenntnisse. Von letzterem konnte Bräker auch erfahren, daß die von der Sprache bereitgestellte Möglichkeit "ich" zu sagen für die Bestimmung der Identität eines Subjektes nicht hinreicht. Rousseaus Apologie hat ja nur einen Zweck: aus dem "ich" ein "Ich" zu machen:
Ich bin nicht wie einer von denen geschaffen, die ich gesehen habe; ich wage sogar zu glauben, daß ich nicht wie einer der Lebenden gebildet bin. Wenn ich nicht besser bin, so bin ich wenigstens anders."'
Die Unmöglichkeit, das "ich" zu identifizieren, welches an das Hier und Jetzt eines Sprechaktes gebunden ist, erfordert genauere Informationen über den Schreibenden. Das ist die Grundbedingung des Schreibens eines jeden Autobiographen. Seit Rousseau wird mit dem "ich"-Sagen der Anspruch verbunden, von einem anderen "Ich" zu sprechen, welches sich nicht mit dem öffentlichen "ich" identifizieren läßt, sondern sich erst mit der Geschichte des Inneren, der Seele, der Kindheit, etc. artikuliert, indem der "ich" Schreibende sich selbst zum Objekt seiner Rede macht und sein "Ich" vorstellt. J. Lacan hat diese Wendung des "ich" zum "Ich" als Täuschung und Illusion denunziert. Im Anschluß an Freuds Narzißmusbegriff nennt er die Vorstellung vom "Ich" eine Verkennung, die sich auf die kindliche Identifizierung des eigenen Spiegelbildes und der damit inszenierten Imagines von ganzer Gestalt, Autonomie, Eigentlichkeit, etc. zurückführen läßt, die sich in krassem Gegensatz zum "zerstückelte|n| Körper" des sozialen, linguistischen, fremdbestimmten "ich" befindet. Lacan versteht den gesamten Prozeß der Idcntitätsbildung des Individuums als imaginäre Geschichte, weil
|...| vor jeder gesellschaftlichen Determinierung die Instanz des Ich auf einer fiktiven Linie situiert, die das Individuum allein nie mehr auslöschen kann, oder vielmehr: die nur asymptotisch das Werden des Subjekts erreichen wird, wie erfolgreich immer die dialektischen Synthesen verlaufen mögen, durch die es, als Ich , seine Nichtübereinstimmung mit der eigenen Realität überwinden muß.
Während Bräker vorgibt, aufgrund orthographischer Regeln nur von seinem "ich" zu schreiben, basiert das ganze Unternehmen "Lebensgeschichte" auf dem Phantasma, daß es ein beschreibbares "Ich" gibt, daß die Totalität cines gelebten Lebens und die Eigentlichkeit der Kindheit existiert, die aber erst im Text hergestellt wird. Wenn - wie Lacan behauptet - das imaginäre "Ich" in der Kindheit produziert wird, dann müßten auch die Spuren der spezifischen Kindheit in der schriftlichen Re-konstruktion der Genese des "Ichs" jenseits der vom Erzähler intendierten "dialektischen Synthesen" lesbar sein. Bräkers schreibende Rückkehr in die eigene Kindheit führt zu einem zweifachen Text : er versucht im ersten Viertel der Lebensgeschichte seine ersten 16 Jahre chronologisch darzustellen; dann erinnert er sich als Vater an lustvolle Erlebnisse der Kindheit. Dabei verschieben sich allerdings die Schwerpunkte dessen, was als Einprägungen der Kindheit angesehen werden kann. Der wiederholte Rekurs auf die eigene, im Text dargestellte Kindheit gerät zum Torso der im Lesen und Schreiben sich verlierenden Suche nach dem identischen Selbst, welches der Text auf die Erfahrung der familiären Geschlechterdifferenz bezieht. Das beschriebene Ich erscheint als hilfloses Subjekt, zerrissen zwischen den Ansprüchen der väterlichen Sphäre und einem matrilinear codierten Begehren, es zirkuliert im Text zwischen den Bildern der spendenden Mutterbrust und der drohenden Stimme des Vaters.
Schon zu Beginn der Lebensgeschichte wird signalisiert: nicht die genealogische Position der Bezugspersonen wird für die literarisch dargestellte Entwicklung eines Ichs bedeutsam, sondern die Struktur der Beziehungen, auf die sich das Begehren der Figuren richtet, weil es selbst erst deren Produkt ist. Bräker kann sich die toten natürlichen Großeltern nur "einbilden", ersetzt sie aber durch die Pflegeeltern seines Vaters, die er für seine "rechten Großeltern hielt und liebte, so wie sie mich hin wieder als ein Großkind behandelten" . Diese Gefühlsäußerung gegenüber Verwandten außerhalb der Konjugalfamilie, denen Bräker nicht einmal den rechten Ort im Fa-milienstammbaum zumißt, kontrastiert mit der kargen Charakterisierung des Vaters als "ein armer Mann" . Bräker zeichnet das Bild einer vorbürgerlichen Kindheit in protoindustriellen, ökonomisch instabilen Verhältnissen, in denen das Kind im Rahmen traditioneller Arbeitserziehung "halb nackend und wild" aufwächst. Entsprechend den wirtschaftlichen Veränderungen des erweiterten bäuerlichen Dreigenerationenhaushalts wird er von unterschiedlichen Erwachsenen beaufsichtigt, erhält als "Handbub", "Geißbube" und Knecht des Vaters seine familiäre und ständische Identität und wird im elterlichen Haus rudimentär im Lesen unterrichtet. Die Schilderung dieser typisch kleinbäuerlichen Kindheit geschieht im Namen des Körpers, der einer väterlichen und mütterlichen Beschriftung unterliegt. Seit seiner Frühgeburt im Zeichen der Illegitimität ist das Kind den Eltern auch noch im neunzehnten Lebensjahr eine Last , was der Vater immer wieder mit Bräkers Unfähigkeit kommentiert, ein nützliches, d.h. arbeitseffizientes Mitglied des Haushalls zu sein. Sein früher Urteilsspruch, der Erstgeborene "sey ein armes elendes Geschöpf gewesen; nichts als kleine Beinerchen, mit einem verschrumpften Häutgen überzogen" ist symptomatisch für die - aus heutiger Sicht - gefühlsarme, mitunter erschreckend brutale Vater-Sohn-Beziehung, die im Zeichen einer tyrannischen Leibeigenschaft steht, die sich "mit der Ruthe" Geltung verschafft. Für den Vater ist der Junge zudem kaum gewichtiger als die Tiere, sind diese doch nach seiner Ansicht "oft witziger als die Buben", während das Kind nur ein "Narr", "ein verzweifelter Lappe" ist, der "auch gar kein Hirn" hat. Dieses Bewußtsein und die Anforderungen einer Überlebenswirt-schaft bestimmen den väterlichen Umgang mit dem Sohn, dessen Körper nutzbringend in die bestehende Haushaltung integriert werden soll, d.h. der Körper wird zeitsparend diszipliniert und frühzeitig als Arbeitskraft eingesetzt. Dem-gegenüber glaubt Bräker, von den seine ersten Lebensjahre dominierenden Frauen "wohl ein wenig verzärtelt worden" zu sein. Die "Mütter" nehmen den Kinderkörper vor dem Zugriff des Vaters "in Schutz" und befriedigen die Bedürfnisse des Heranwachsenden. Schon in der ersten Erinnerung wird die erfahrbare Welt deshalb in geschlechtliche Sphären aufgeteilt. Bräker erinnert sich, wie er "einer alten Baase durch Gebehrden Aepfel abbetelte" oder allein mit seiner Mutter die Nächte "nackt" in der dunklen Spinnkammer verbrachte. Eine solche im Bild einer pränatalen Dyade gipfelnde Mutter-Kind-Beziehung, die sich zudem durch ein hohes Maß an körperlicher Bedürfnisbefriedigung auszeichnet, ist aufgeklärten Männern des 18. Jahrhunderts ein Dorn im Auge. Ihrer Meinung nach soll den Kindern vielmehr über die "kindische Furcht" Angst und Respekt eingetrichtert werden, um die Befriedigung von Bedürfnissen zu reglementieren. Darauf zielt die Polemik gegen die mütterliche "Verzärtelung":
Denn weil diese |die Mütter] sich insgemein mit denen Kindern gar zu familiair machen, und wenig über ihren Respect hallen, so gellen ihre Worte auch ordentlich nichts bey den Kindern, sondern sie mißbrauchen die mütterliche Güligkeit /.ur Satisfacüon ihrer A[fE)
Hinter dem Rücken des väterlichen Anspruchs setzt die Mutter die Bedürfnisbefriedigung fort, die die Natur, insbesondere in der Gestalt der Tiere, dann selbst übernimmt. Auf allen möglichen Ebenen wiederholt sich diese die Mutter-Kind-Beziehung reproduzierende Symbiose mit den Tieren: sie wärmen und ernähren ihn, "einige liebten mich sonderbar" , schließlich liest der Junge sogar in den "Geißaugen" die Zeit . Die aus der Sicht des erwachsenen Kindes beschriebene "verstohlene" Allianz der Mutter und die Einbildung der Tiere als Multerersatz verweisen auf die Dauer eines Imaginären, welches die ursprüngliche Trennung von der Mutter kompensieren soll. Noch zweihundert Jahre später wird diese sinnlich-sym-biotische Beziehung von Kind und Natur in einer Lebensgeschichte beschrieben. Der italienische Ziegenhirt und spätere Linguist Gavino Ledda wiederholt in seiner Biographie Padre Padrone Bräkers Regression in eine bukolische Natursymbiose als Abwehr gegen das väterliche Herr-Knecht-Verhältnis. Doch während Leddas Held die Zeit als Hirte relativ unberührt erlebt, dringt die Vernunft des Vaters in Bräkers "natürliche" Kinderwelt und begrenzt die kindliche Ereiheit: "Ferner prügelte mich der Vater nicht selten, wenn ich nicht hütete wo er mir befohlen hatte, und nur hinfuhr wo ich gern seyn mochte" . Das väterliche Wort unterbindet die Symbiose, verdrängt die mütterliche Bedürfnisbefriedigung, begrenzt das kindliche Wollen und nimmt den Jungen "in's Joch" . War die väterliche Rede schon Anspruch auf die Liebe des Sohnes, so erscheint sie hier als Gesetz, welches den kindlichen Genuß im Namen wirtschaftlicher Rationalität untersagt. Gegenüber der väterlichen Praxis, den kindlichen "Eigenwillen" im Namen der Vernunft, der Religion, der Ökonomie, aber mit den Mitteln brachialer Gewalt zu brechen, schreibt Bräker den Protest gegen die Willkür der paternalen Herrschaft aus der Sicht der leidenden Kreatur. Er entflieht dem Vater und was dieser für ihn repräsentiert, indem er sich noch in der erinnernden Rekonstruktion der Kindheit eine idyllische, mütterlich besetzte Natur einbildet. Was in der Kindheit die Natur bedeutete, ist ihm später die Erinnerung an die imaginierte Idylle: beide die-nen der Kompensation des realen Mangels, den die Auflösung der Mutter-Kind-Symbiose mit sich bringt.
Die Regression in die eigene Kindheit verhindert Bräkers Identität als Vater, was ihn letztlich apathisch macht und den zweiten Teil seiner lj?bensgeschichte zur nicht endenden Selbstreflexion über den Verlust des kindlichen Glücks erhebt. Sein unlösbarer psychischer Konflikt besteht nun darin, daß er als Vater selbst in der fami-lialen Position ist, Stellvertreter der väterlichen Ordnung zu sein, die er mit seinen Einbildungen und Erinnerungen unterwandert. In den Erziehungsmethoden gegenüber den eigenen Kindern schreibt er zwar die väterliche Handschrift fort, denn er nimmt an ihnen "eine scharfe Kinderzucht" vor und verwirft die väterliche Güte, weil er seine "Authorität behaupten wollte" . Doch die Nachahmung des väterlichen Vorbildes mißlingt, war sie doch schon in seiner Jugend durch die Identifikation mit der Mutter verstellt. Bräker gibt sich selbst als "zärtliche|r| Vater" aus und nimmt während der Schwangerschaften seiner Frau "mit vielem Vergnügen" die "Kindermagdstelle" ein. Schließlich gerät ihm der väterliche Appell an die Kinder zur Apotheose der Muller:
Sie ist eure Mutler - hat jedes von euch neun Monath' unterm Herzen getragen - mit Sehmerzen gebohren, und mit unbeschreiblicher Arbeit und Sorglull erzogen. Bedenkl's, meine Lieben! |...| wie gut es euch war, diese und keine andre Mutler zu haben!
Bräker beschreibt nicht die Mutter seiner Kinder, die er als Ehefrau ablehnt und unaufhörlich kritisiert, sondern die Mutterfunktion an sich, denn was er über seine Frau sagt, hat in seiner Abstraktheit die Struktur einer enzyklopädischen Definition von Mutter-an-sich. Bräkers eigenes Begehren führt ihm hier die schreibende Hand, in der Mutler seiner Kinder sieht er seine eigene Mutter bzw. alle Mütter dieser Welt. Die Identifikation mit dem anderen, die im Namen der Mutter die Vaterschaft verwirft, will die duale Dimension von Beziehungen gegen den störenden Anspruch des Dritten aufrechthalten, was das Ich immer wieder auf seine narzißtischen Imaginationen reduziert: "Diese |seine Jungen] schweben mir täglich vor Augen, und ich sehe mich in ihnen, von meiner ersten Kindheit an, wie in einem Spiegel" . In den eigenen Kindern die Kindheit wiederholen zu wollen eröffnet das Feld der Einbildungen, die ein Begehren lesbar machen, welches im Tod Erfüllung findet. Erst das Sterben ermöglicht die Rückkehr in die Symbiose, wird doch schon der eigene tote Vater "in unser aller Mutter Schooß hingelegt" . Damit sich aber bei seinem Tod nicht das Erdenschicksal wiederholt, nämlich Vater und Ehemann statt bemuttertes Kind sein zu müssen, bittet Bräker Gott um den Ausschluß der eigenen Frau im Himmel:
Beßter Vater! In deinem Hause sind viele Wohnungen; also hast du gewiß auch mir ein stilles Winkelgen bestimml. Auch meinem Weibe ordne ein artiges - nur nicht zu nahe bey dem meinigen.
Im Gegensatz zu Werthers Projektion der Erfüllung seines Begehrens in einer von ihm geschaffenen himmlischen Familie kann Briiker sein Paradies nur negativ bestimmen, was aber offenläßt, wer seine jenseitigen Nachbarn sein werden. Bräker verweigert der Frau den Zutritt zu seinem Paradies, weil sie "nichts von Sinnlichkeit" weiß; andererseits ehelichte er aber nicht die beiden Frauen, die er sinnlich begehrte . Die Sexualität wird von der Vaterschaft abgetrennt, weil Bräker nur die gesellschaftliche Funktion übernimmt, da sein Begehren auf einem anderen Schauplatz als dem der genitalen Sexualität spielt. In seinen "Geständnissen" gibt der Erzähler selbst eine Erklärung für die Selbstkasteiung, die schließlich zu der ungewollten Vernunftehe führte:
In meinen Jugendjahren erwachten nur all/ufrühe gewisse Naturtriehe in mir; etliche Geißbu-ben, und ein Paar alte Narren von Nachbarn sagten mir Dinge vor, die einen unauslöschlichen Eindruck auf mein Gemüth machten, und es mit tausend romantischen Bildern und Fantaseyen erfüllten, denen ich, trotz alles Kämpfens und Widerstrebens, oft bis /um unsinnig werden nachhängen mußte, und dabey wahre Höllenangst ausstuhnd.
Bräker widersetzt sich der sexuellen Initiation durch andere Jungen, transformiert die pubertären "Leidenschaften" in "die bösen Neigungen" und verweist die durch die Reden der anderen evozierten "Naturtriebe", wohl die Festschreibung der Geni-talität des Jungen, in den Bereich der Phantasie. Mit der Benennung der eigenen Sexualität durch den anderen nimmt nicht nur "mein Hirtenstand ein Ende" , sondern auch die Kindheit, an die sich der Heranwachsende umso verzweifelter klammert, als er das väterliche Gesetz als "symbolische Kastration" erfährt, der er entgehen möchte. Die Entdeckung des eigenen sexuellen Körpers und des Körpers des anderen als dem Ort der Befriedigung der Sinnlichkeit wird wie schon die Mutter-Kind-Bezichung durch die väterliche Intervention bedroht:
Denn um die nämliche Zeil hatte ich von meinem Vater, und aus ein Paar seiner Ueblingsbüchcr, allerley. nach meinen itzigen Begriffen übertriebene, Vorstellungen von dem, was eigentlich fromm und reinen Herzens sey, eingesogen. Da wurde mir nur das allerstrcngste Gesetz eingepredigt; da schwebten mir immer unüberstcigliehe Berge, und die schwersten Stellen aus dem Neuen Testament von Hand' und Küß' abhauen. Augausreißen u.s.f. vor.
Mit den Metaphern "Einsaugen" und "Augausreißen" wird Bräkers psychischer Konflikt als Differenz zwischen oraler und genitaler Sexualität markiert. Der pubertierende Junge verschluckt sich an der väterlichen Nahrung, die gegenüber der mütterlichen keine körperlichen Bedürfnisse befriedigt, sondern als verinnerlichtes väterliches Wort, und als solches ist das Wort Gottes immer zu verstehen, den Triebkörper bekämpft, die eigenen Wünsche denunziert und das sündige Fleisch bestraft. Mit der Erinnerung an die ödipale Wendung 14'' in Bräkers Psychogcnese verschwindet seine Mutter vom Text. Obwohl sie das Ende des Romans überlebt, wird sie nach dem Tod ihres Gatten nicht mehr erwähnt. Hat ihr Sohn die väterliche Stimme so verinnerlicht , daß erden Mutterbezug abbricht, da sie als Objekt des Begehrens wegfällt, was Freud mit dem "Untergang des Ödipuskomplexes" bezeichnet?1''" Der Text widersetzt sich dieser einfachen Schlußfolgerung. Die Mutter fällt weder der Logik des chronologischen Schreibens noch dem Inzesl-verbot zum Opfer, denn sie vertritt gegenüber ihrem Sohn ausdrücklich jene Allianz der Sinnlichkeit, die der Vater seit der Kindheit verbietet:
Einst aber hatte meine Mutter die Schwachheit, mir, und zwar als wenn sie stolz darauf wäre, zu sagen: Aennchen sehe mich gem. Dieser Bericht rannte mir wie ein Feuer durch alle Glieder.
Auch nach dem Ende der Kindheit wiederholt sich die Aufteilung der Welt in eine mütterliche und väterliche Sphäre, und in keiner kommt Bräker wirklich an. Das Feuer brennt nicht allzu lange und in das eine "Glied" fährt es auch nicht. Schon beim ersten Rendezvous wehrt sich der mittlerweile Zwanzigjährige gegen alle sinnlichen Versuchungen und muß in der Nähe der geliebten Frau "wieder meinen Vater fürchten" , dessen imaginierte Präsenz auch zukünftige Begegnungen mit Frauen nicht zum Vollzug kommen läßt: immer wenn "alles bis zum Genüsse fix und fertig war, so fuhr ein zitternder Schauer mir durch Mark und Beine, daß ich zurückbebte" . Inszeniert die mütterliche Stimme ein Begehren, so kastriert die väterliche, beides spürt Bräker am Körper, in den seit seiner Geburt die Differenz, der Geschlechter als Bedürfnisbefriedigung oder Prügel eingeschrieben ist, die in den Beschreibungen von Körperempfindungen als "Feuer" oder "zitternder Schauer" wiederkehrt. Bräker ist zwischen diesen hin- und hergeworfen, was ihn immer weiter ins Feld der Imaginationen treibt. Zwischen der Realität des Körpers und der symbolischen Ordnung entsteht die Bewegung des Imaginären als Effekt des Symbolischen.,sl
Im Gegensatz zu Jung-Stillings alle Sinnlichkeit zerstörenden Unterwerfung unter das väterliche Gesetz bewirkt Bräkers Lesen von Erbauungsschriften gerade das Gegenteil. Die naive Lektüre jenseits der väterlichen Aufsicht ermöglicht nicht nur die Identifikation mit dem Abwesenden , sondern auch die Produktion eigener "spanischer Schlösser" , die immer wieder auf das eine zielen: "das schöne Geschlecht war freylich von jeher meine Lieblingssache" . Bräker versucht seine ökonomischen und libidinösen Niederlagen "in einer idealischen Welt" zu kompensieren, entflieht in die Romanlektüre oder erinnert sich an seine Kindheit und verfehlten Liebesabenteuer. Wie die narzißtische Spiegelung oder die Mutter-Kind-Beziehung ist die imaginäre Beziehung zum anderen dyadisch strukturiert, sie schließt nicht nur den Anspruch eines möglichen Dritten aus , sondern auch die Defizienz des anderen selbst, der ja auch nur ein unbefriedigter/unbefriedigender Begehrensmensch ist:
Wenn ein Weibsbild, sonst noch so hübsch, da stuhnd oder saß wie ein Stück Fleisch - mir auf halbem Weg entgegen kam, oder mich gar noch an Frechheit übertreffen wollte, so hatte sie's schon bey mir verdorben; |...|.
Lacans lapidarer Kernsatz seiner strukturalen Psychoanalyse, "das Begehren ist das Begehren des Anderen"l52, entfaltet sich hier in seiner ganzen Dialektik. Bräker sucht beim anderen, was ihm als Kleinkind von der Mutter erfüllt wurde, nämlich universale Bedürfnisbefriedigung, Anerkennung oder Liebe. Damit wird dem anderen zugedacht, das zu haben oder zu sein, was Bräker selbst abgeht. Doch auch der andere begehrt von Bräker das ihm Fehlende, will ihn gar "an Frechheit übertreffen", was den anderen auf das reduziert, was er in Wirklichkeit ist: "ein Stück Fleisch". Die fundamentale Struktur des Mangels in intersubjektiven Beziehungen läßt Bräker unbefriedigt, verlagert den Erfüllungsort seines Anspruchs ins Imaginäre, hält so sein Begehren aufrecht und perpetuiert es in die Unendlichkeit der Neurose:
Sagen wir, das Phantasma in seiner fundamentalen Verwendung ist das, vermittels dessen das Subjekt sich auf der Rbene seines dahinschwindenden Begehrens halten kann, dahinschwindend deshalb, weil die Befriedigung des Anspruchs sofort ihm sein Objekt nimmt.1"'
Die schon in der Pubertät so explizit gewordene Verdrängung der eigenen Sexualität und des Genitalen hält die Spanne zwischen Bedürfnis und Wunscherfüllung aufrecht, verlagert das eigentliche Sein des Ichs in imaginäre Räume und damit in die Kindheitsphantasien. Zwar zeugt Bräker mit seiner Frau sieben Kinder, aber sein Genießen spielt an anderem Ort: in der Erinnerung, "um mehr zu genießen als ich wirklich genossen habe" , bzw. in der die Realität kompensierenden Phantasie:
Hier fiengen sich dann auch, besonders Kine Art der Kinder meiner Einbildungskraft - und zwar die schönste von allen - an. sich in Wirklichkeit umzuschalten, und kamen mir eben nahe an den Leib. .
Bräker versucht sogar mehrfach, seine Einbildungen, d.h. seine phantasierten Frau-engeslalten, die gesichtslos sind und nie beschrieben werden, real werden zu lassen. Seine Hoffnung, "daß ein Kind meiner Fantasie mir begegnen möchte" verwirklicht sich gegen Ende der Lebensgeschichte:
Einst stuhnd wirklich eine solche Geburth meiner Einbildungskraft - und doch gewiß ohne mein Zuthun da, gerade auf der Stelle, die ich im Geist ihm bestimmt hatte. Himmel, wie erschrack ich! Zwar näherte ich mich demselben; aber ein Eieberfrost rannte mir durch alle Adern. Zum Unglück oder Glück stuhnden zwei böse Buben nahe bey uns, kickerten und lachten sich Haut und Eenden voll; [...].
Erregte der mütterliche Hinweis auf Aennchens Liebe noch "ein Feuer" in Bräkers Gliedern, so scheint hier die Kälte eines "Fieberfrost|es|" jede sexuelle Energie gegenüber den Einbildungen zu besiegen. Das verzweifelte Festhalten an der Realität des Imaginierten wird jedoch nicht durch die erfolgreiche In-ternalisierung der väterlichen Rede gefährdet, sondern durch die anwesenden "Buben", die Bräker "wegen meinem unschenirten Wesen" öffentlich denunzieren. Endete die Kindheit mit der Benennung der genitalen Sexualität durch die anderen Hirtenjungen, so schließt der zweite Teil der Lebensgeschichte mit einer analogen Szene. Die Jungen, die wohl Bräkers sexuell anstößige Aktivität bloßstellen , zerstören die Verwirklichung seiner Phantasien. Bräker ist davonso entnervt, daß er seine "Sinnlichkeit dem T**" übergibt und den Roman seines Lebens beendet. Damit stellt sich die Frage, wie Bräker den in der Kindheit programmierten psychischen Konflikt eigentlich löst, den Lacan als Option charakterisiert:
So verlauft in Wahrheit der subjektive Konflikt, in dem es sich nur um die Abenteuer der Subjektivität handelt, bis das personale Ich gegen die Instanz des Ich nach Maßgabe des religiösen Katechismus oder der indoktrinierenden Außlärun^ gewinnt oder verliert.
Bräkers Lebensgeschichte zeigt, daß dem Subjekt sein "Ich" nicht so ohne weiteres ausgetrieben werden kann. Der Held läßt sich weder auf sein kleines "ich" reduzieren, noch wird er psychotisch, indem er z.B. die Realität seiner Imaginationen in der Wirklichkeit mit aller Gewalt durchzusetzen versuchte. Stattdessen löst der Erzähler den Konflikt in einer eigentümlichen Identifikation mit seinem Helden. Er wiederholt dessen imaginäre Einheit mit der Mutter bzw. die Ablehnung des Vaters, indem er die Differenz zwischen erzählendem und erzähltem Ich aufhebt; er strukturiert unbewußt den Text so, daß mit der doppelten Lebensrekonstruktion auch das in der Kindheit produzierte Imaginäre wieder auftaucht; schließlich verhilft er erst dem Imaginären zur Anerkennung, denn er gibt dem "Ich" im Text eine öffentliche Existenz. Während der Erzähler dieses "Ich" als Abweichung von der sozial und familiär zugedachten Rolle beschreibt, so zeigt der Text, inwiefern dieses "Ich" durch eine spezifische Sozialisation im Subjekt produziert wurde und wie das Subjekt mit dieser familialen Beschriftung umgeht. Bräkers lebenslange Imaginationen lassen sich somit als Effekte einer spezifischen zweifachen Körperbeschriftung in der Kindheit lesen. Mit der Darstellung solcher von realen und phantasierten Beziehungen gebildeten, unbewußten Vorstellungen kommt dem Erzähler eine schwierige Aufgabe zu, die Bräker mit der Gleichsetzung von Ich und Erzähler und Jung-Stilling durch die Widerspiegelung der patriarchalischen Wirklichkeit im Innern des Kindes scheinbar leicht bewältigten. Demgegenüber hebt Karl Philipp Moritz die Differenz zwischen Erzähler und Held schon durch die Parallele Arzt und Patient so überaus deutlich hervor. Deshalb wird die Rekonstruktion von Reisers Imaginationen auch meist auf der Grundlage eines eindeutigen Unterschiedes von Erzählerurteil und Einbildungen des Helden gelesen.I Doch genau dieser Abstand wird problematisch, zuweilen sogar aufgehoben, wenn der Erzähler sich mit der Psyche seines Protagonisten identifiziert, um dessen Einbildungen überhaupt schildern zu können. Wenn er gleichzeitig die inneren Erlebnisse seines kindlichen und jugendlichen Helden als Kompensation der ungünstigen familiären Umstände versteht, wird die Frage aufgeworfen, inwiefern Moritz das kindliche Innenleben nach Kriterien des modernen, bürgerlichen Kindheitsdiskurses beschreibt, die er einer äußerlieh gesehen vormodernen Kindheit überstülpt. Das kindliche Imaginäre wäre dann nicht so sehr Resultat des Elternverhaltens und der Einbildungen des Helden, sondern die zwischen beiden Erklärungsformeln eingeschobene literarische Konstruktion. Indem Moritz oder der Erzähler, wie ja auch schon Geliert, die Auflösung der traditionellen patriarchalischen Hausgemeinschaft beschreibt, die ihm mit Fleischbeins Haus zugleich aber noch als Vorbild für harmonische Familienbeziehungen dient, das er am Ideal der häuslichen Glückseligkeit festmacht, entsteht in der neu formierten Kleinfamilie ein Vakuum. Während der Erzähler auf die Notwendigkeit der häuslichen Liebe beider Elternteile pocht, füllt der Text die Leerstelle mit einem von Erzähler und Held imaginierten neuen Mutterbild.
Der Erzähler beschreibt im Anton Reiser die Unterdrückung des Kindes durch beide Elternteile, indem er - wie oben ausgeführt - familiäre Interaktionen am Ideal der häuslichen Glückseligkeit mißt, an das Antons Eltern nicht heranreichen können. Moritz ergänzt den traditionellen Begriff mit dem modernen Verständnis von familiärer Liebe, wenn er davon ausgeht, ein Kind sollte die "Liebkosungen zärtlicher Eltern" erfahren. In der Konjugalfamilie sollen Beziehungen auf Emotionen gründen, verspricht sich doch Frau Reiser "von ihrem Manne noch mehr Liebe und Achtung, als sie vorher bei ihren Anverwandten genossen hatte" . Zumindest aus der Sicht der Mutter definiert der Erzähler die Verbindung als moderne Liebesche, womit zugleich der "erste Keim zu aller nachherigen ehelichen Zwietracht" gepflanzt wird, denn der Konflikt zwischen dem weiblichen "Herz" und dem "lieblosen Wesen ihres Mannes" ist unausweichlich. Mit der freien Partnerwahl als Voraussetzung der Liebesehe kommt die Idee der Gleichberechtigung in die Familienbeziehung und unterwandert die paternalistische Hausordnung. Während im patriarchalischen Haus Fleischbeins die oktroyierte Religionsauffassung die Harmonie der Gemeinschaft gewährleistet, wird bei den Reisers der väterliche Machtanspruch eingeschränkt, was Moritz mit dem unentschiedenen Konflikt der konkurrierenden Glaubensbekenntnisse der Eltern veranschaulicht. Für das Kind schwindet damit die Vorherrschaft der väterlichen Imago. Der elterliche Zwiespalt, in den kein Patriarch schlichtend eingreift, bringt das Kind in die ausweglose Situation, seine Beziehung zu den Eltern als Reflex auf die erlebte Disharmonie stets neu definieren zu wollen. Der Erzähler läßt das Kind dem Vorbild der Eltern folgen, Beziehungen auf Zuneigungen zu gründen, denn er "wußte nicht, an wen er sich anschließen, an wen er sich halten sollte, da sich beide haßten, und ihm doch einer so nahe wie der andre war" . Man könnte einwenden, daß die schlechte Ehe der Eltern doch einfach nur kontingent sei. In struktureller Hinsicht macht es für das Kind jedoch überhaupt keinen Unterschied, ob sie sich lieben oder hassen, weil seine Reaktion die gleiche wäre. Das auf den anderen zwecks Bedürfnisbefriedigung angewiesene Kleinkind ist in diesen elterlichen Streit miteinbezogen, denn Anton kann seine Ansprüche nur an die Eltern richten und macht daraus eine für das
Beziehungsgeflecht der bürgerlichen Kleinfamilie konstitutive Wahl der Identifikation. Da es außer den Eltern keine Bezugspersonen in der Familie gibt, die sich des Kindes annehmen könnten, imaginiert das Kind, sich auf eine Seite der zerstrittenen Erwachsenen schlagen zu müssen und begibt sich damit in eine den Eltern ähnliche Position, glaubt Anton doch den Schiedsrichter abgeben zu können, "wenn er einem von seinen Eltern Unrecht geben sollte" . Das "sollte" indiziert aber auch, daß das Kind möglicherweise in diese Rolle z.B. mit der infantilen, aus keiner bürgerlichen Kindheit wegzudenkenden Elternfrage "Wen hast du lieber, Papa oder Mama?" erst gebracht wurde. Das historische Psychodrama kleinfamilialer Sozialisation ist mit einer solchen Verortung des Kindes zwischen Vater und Mutter eröffnet. Das Kind befindet sich in einer familialen Position, die nicht mehr nur Gehorsam verlangt oder ein Erbe in Aussicht stellt, sondern die durch einen "Vater, den er bloß fürchtete" und eine "Mutter, die er liebte" definiert wird.1
Der Anton Reiser beginnt mit der Produktion der kindlichen Seele in der exklusiven Vater-Mutter-Kind-Beziehung, die dem Kind ein Begehren einschreibt, welches nicht wie bei Bräker oder Jung-Stilling aus der primären Bedürfnisbefriedigung erwächst, sondern von Anfang an auf Gefühle zielt, die erzeugt und wiederholt, umgekehrt oder aufgehoben werden:
So schwankte seine junge Seele beständig /.wischen Haß und Liebe, zwischen Furcht und Zutrauen, zu seinen Eltern hin und her.
Die Organisation der familiären Beziehungen auf der Grundlage von Gefühlsidentifizierungen schafft Komplexe, die die Identität und das Verhalten des Individuums formieren. Anton wiederholt bis zum Ende des Romans seine imaginierte Rich-terrollc. Er gibt beiden Elternteilen abwechselnd die Schuld am familiären Unglück, versucht deren antagonistischen Religionsauffassungen gleichzeitig zu folgen und modifiziert dementsprechend seine Gefühle gegenüber Vater und Mutter, was sich in ambivalenten elterlichen Imagines manifestiert. Gilt Antons Vater gegenüber dem Sohn als "kalt und verschlossen" , weil er als Quietist sogar zu "sanften und zärtlichen Leidenschaften" gar nicht fähig ist, so ist Antons Mutterbild weitaus gespaltener. Anton fühlt sich von seiner Mutter "wegen einer wirklichen Unart" ungerechterweise gezüchtigt; zudem verleidet sie durch "ihr unaufhörliches Verbieten von Kleinigkeiten und beständiges Schelten und Strafen |...] alle edlern Empfindungen" des Kindes. Das Kind fürchtet die strafende Mutter, die ihm die wenigen Vergnügen verwehrt und es ihm sogar unmöglich macht, "sich je die Liebe und Achtung" des anderen "wieder zu erwerben, die er durch seine Mutter verloren hatte" . Obwohl als vom Vater vernachlässigte, unbefriedigte Frau in den Text eingeführt, gibt der Erzähler auch der Mutter Schuld am häuslichen Elend:
Vielleicht wäre auch alles im Ehestande besser gegangen, wenn Antons Mutter nicht das Unglück gehabt hätte, sich oft für beleidigt, und gern für beleidigt zu halten, [...]. Leider scheint sie diese Krankheit auf ihren Sohn fortgeerbt zu haben, der jetzt noch oft vergeblich damit zu kämpfen hat.
Das sind Urteile eines sich souverän gebenden Erzählers, wie sie im Buche stehen. Sie haben gleich mehrere Funktionen. Die an Adam Bernds substantialistische Vererbungstheorie erinnernde Erklärung des Selbst des Kindes widerspricht an sich Moritz' empirischer Symptomatologie der kranken Seele. Anton soll doch sein schwaches Selbstbewußtsein durch die erlebte familiäre und soziale Unterdrückung und nicht durch Vererbung von Krankheiten erhalten haben. Die Parallelität der so unterschiedlichen Paradigmen zur Erklärung der individuellen Selbstkonstitution, d.h. die zweifach ausgewiesene negative Beschriftung der Kinderseele macht das Versagen des Helden fast unabwendbar und formuliert eine "Theodizee des Elends". Das wiederum relativiert die Kritik des Erzählers an der Figur, denn wie kann er Anton noch für dessen Egozentrik verantwortlich machen, wenn er das Leiden am Selbst als vererbte Krankheit ausweist? Betrachtet man andererseits das "forterben" als metaphorischen Ausdruck zur Umschreibung psychologischer Einflüsse der Erwachsenen auf das Kind, dann kommt Moritz schon dem psychoanalytischen Begriff der "Familienneurose" nahe.1-â„¢ Der Narzißmus der Mutter und die Labilität des Vaters, wie auch ihr Ehestreit ließen sich dann als individuelle Neurosen der Eltern ansehen, die wiederum schädigend auf die Seelenbildung des Kindes wirken. In dieser Hinsicht deckt der Roman den pathogenen Einfluß der Familienstruktur und die Inter-depcndcnz der Neuroscnbildung auf. Im Zusammenhang mit der Logik innerfamiliärer Beziehungen deutet die Beschreibung elterlicher Defizite darauf hin, daß auch ihnen das Sein abgeht, da auch sie Opfer ihrer Verhältnisse sind, was sie weitaus "menschlicher" macht als die Patriarchen und dem Kind erst die Option der Identifikation erlaubt. Die sich selbst bemitleidende Mutter ist dafür dem Kind ein weitaus geeigneteres Objekt als der zumindest gegenüber seinem Kind selbstgerechte Vater.
Trotz aller negativen Attribute, die der Sohn der Mutter zuschreibt, benennen Antons Erinnerungen auch eine andere Vorstellung, die in Beziehung zur "bösen" Mutter die Konstitution des kindlichen und erwachsenen Selbst erhellt. Die Literatur beschreibt die andere Seite des Mutter-Kind-Verhältnisses, indem sie der von der Pädagogik geforderten disziplinierenden Mutter die sorgende und schützende Mutter gegenüberstellt:
Eine von Antons seligsten Erinnerungen aus den frühesten Jahren seiner Kindheit ist, als seine Mutter ihn in ihren Mantel eingehüllt, durch Sturm und Regen trug.
Mit diesem Bild intrauteriner Geborgenheit assoziiert Anton eine der wenigen positiven Erfahrungen seiner Kindheit. Nur in der symbiotischen Beziehung, die zudem sprachlos ist, schätzt er sich glücklich, weil in ihr Bedürfnisse
unmittelbar befriedigt werden, ohne daß der Anspruch eines Dritten dazwischenfunkt. Die bewußte Erinnerung an die Bedürfnisbefriedigung repräsentiert nach Lacan die unbewußte mütterliche Ima-go.M) Das zu früh geborene, d.h. vorzeitig von der Mutter getrennte Kind kompensiert die traumatischen Erfahrungen von Geburt und Entwöhnung mit einer affektiven Mutterfixierung, die sich in allen Sehnsüchten nach einer Rückkehr in den Mutterbauch, nach einer oralen Verschmelzung mit der Mutterbrust oder im Todes-wunsch wiedererkennen läßt. Da die Imago weder durch die "böse" Mutter gesättigt, noch durch ein Familiengefühl, das im Reiserschen Haus erst gar nicht aufkommt, sublimiert wird, wird das phantasierende Kind und schließlich auch der Erwachsene davon beherrscht. Der unbewußte Wunsch einer symbiotischen Einheit mit der Mutter artikuliert sich in Antons Verhalten und Einbildungen. Unzählige Male verläßt Anton Reiser das elterliche Haus, kehrt in dieses zurück, passiert es heimlich, als wolle er in masochistischer Manier die traumatische Trennung von der Mutter wiederholen. Als Antons Mutter tödlich erkrankt, droht das Ende der imaginierten Mut-ter-Kind-Dyade:
Es war ihm, als ob er in seiner Mutter sich selbst absterben würde, so innig war sein Dasein mit dem ihrigen verwebt. |...| Es war ihm schlechterdings nicht möglich, daß er den Verlust seiner Mutter würde ertragen können. - Was war natürlicher, da er von aller Welt verlassen war, und sich nur noch in ihrer Liebe und in ihrem Zutrauen wieder fand.
Das Selbst des Protagonisten hängt an der Mutter wie das Kind an ihrem Rockzipfel. Gegen die familiäre und soziale Verdrängung und Verachtung baut Anton eine imaginäre Einheit mit der Mutter auf, als könne er die Geburt rückgängig machen und in die physiologische Daseinsverwebung zurückkehren. Begründet wird die Einbildung mit einer weiteren, die das Begehren artikuliert: die strafende "böse" Mutter soll plötzlich die liebende Vertraute sein. Dies geschieht umso einfacher, als sich Anton mit seiner Mutter identifiziert. An die Stelle der Symbiose tritt die "affektive Identifikation" mit dem anderen im sogenannten "Spiegclstadium", jener ontogene-tischen Entwicklungsstufe auf dem Weg zum selbstbewußten Ich , woran Lacan die Entstehung der narzißtischen Beziehung des Ich, die "Wiederherstellung der verlorenen Einheit seiner selbst" gegen die familiäre und soziale Fragmentierung festmacht. Die Möglichkeit der endgültigen Trennung vom Identifikationsobjekt wird imaginär aufgehoben, indem sich Anton einbildet, auch am Inneren der Mutter, ihren Erfahrungen und Wünschen, teilzuhaben. Als die Mutter beim Anblick eines toten Nachbarkindes den eigenen Tod herbeisehnt, identifiziert sich Anton mit dem Wunsch der Mutter:
Wenn sie mich nur auch erst so hintrügen, sagte Reisers Mutter, die freilich im Leben nicht viel Freude gehabt hatte, und Reiser, der sich doch noch viel Freude versprechen konnte, stimmte innerlich so herzlich in diesen Wunsch mit ein, als ob ihm das größte Herzeleid widerfahren wäre.
Der Roman endet in der analogen spiegelbildlichen Verkennung des eigenen Schicksals, indem sich Anton nur noch im anderen sieht, um sich dessen projiziertes Glück als sein eigenes zu imaginieren. In der Identifizierung mit der gescheiterten Existenz des Dr. Sauer wiederholt sich ein letztes Mal die Gleichsetzung des Selbst mit dem anderen:
Reiser fühlte sich von einer solchen Teilnehmung angezogen, als ob das Schicksal dieses Mannes sein eigenes, oder mit dem seinigen doch unzertrennlich verknüpft gewesen wäre. Es war ihm als müßte dieser Mann noch glücklich werden, wenn die Dinge in ihrem Gleise bleiben sollten.
Die Identifikation mit dem anderen als Spiegelbild reaktualisiert die frühkindliche Mutterbindung im Zeichen des Imaginären, von dem sich der Erzähler auch hier mit der wertenden Formel "als ob" distanziert. Die kindlichen Einbildungen und die introspektiven Erklärungen zur Selbstkonstitution haben einen langen Weg zurückgelegt: von der physio-psychischen Mutter-Kind-Analogie eines Adam Bernd gelangt der Mutlerbezug beim kindlichen Wünschen des mütterlichen Wunsches an. Aber trotz dieser psychologischen Modifikationen bleibt die Struktur der Beziehung die gleiche, wird die Mutter-Kind-Dyade zum Ort der Wahrheit des Subjektes. Die Konstitution des bürgerlichen Subjekts geht nicht mehr in der Geschichte der väterlichen Vernunft auf , sondern verschiebt sich zur Geschichte der Mutter-Kind-Beziehung, in der sich die Individualisierung und psychische Differenzierung, aber auch die Isolierung des Menschenkindes abspielt . Innerfamiliäre Beziehungen sind dann nicht mehr mit der familiären Position des Individuums identifizierbar: der Sohn versteht sich nicht mehr nur als Nachfolger des Vaters, der ihm zwar seinen Namen aber nicht auch zugleich ein generative Stabilität garantierendes Über-lch einschreibt, er ist auch Sohn einer Mutter, mit derer sich identifizieren kann. Trotz aller Bemühungen, die Mutter ins Reich der Toten zu verbannen oder ihr Verhalten explizit zu denunzieren , veranschaulicht der Text, daß im kleinfamilialen Dreieck die Muller zum Objekt der Identifikationswahl des Kindes wird.
Der Roman schreibt aber nicht nur von den möglichen Einbildungen seines "kranken" Helden, die der Erzähler in den beiden vorangegangenen Beispielen insbesondere durch die Verwendung des Konjunktivs als solche kennzeichnet. Auf der Ebene des "objektiven" Berichts der Diagnose wiederholt sich der gespaltene Mutterbezug. Der Erzähler wirft nämlich der Mutter in ihrem Verhalten gegenüber dem Sohn "Demütigungen" vor:
Denn ob er nun gleich in Gesellschaft gesitteter Kinder unterrichtet ward [in der Stadtschule], so ließ ihn doch seine Mutter die Dienste der niedrigsten Magd verrichten. Kr mußte Wasser tragen, Butter und Käse aus den Kramläden holen und wie ein Weib mit dem Korbe im Arm auf den Markt gehen, um Eßwaren einzukaufen.
Der traditionellen Teilnahme des Kindes an der familiären Haushaltung hält der Erzähler die formale Schulbildung entgegen, die gesittet macht, während die doch nicht ungewöhnliche funktionale Beschäftigung das Kind erniedrigen soll. Diese Kritik am mütterlichen Verhalten kontrastiert mit einer Reisers Imaginationen so ähnlichen
Beschreibung mütterlicher Gefühle, die sich weniger auf die Realität alltäglicher Verrichtungen als auf einen dahinter liegenden, frommen Wunsch bezieht:
So nahe, wie seine Mutter, nahm doch niemand in der Welt an seinem Schicksal teil - sooft er sich Abends zu Bette legte, sprach sie das Gott walte über ihn, und schlug über seine Stirne das Kreuz dazu, wie sie ehemals getan hatte, damit er sicher schlafen sollte, und kein Abend und kein Morgen verging, wo sie ihn, auch in seiner Abwesenheit nicht mit in ihr Gebet einschloß.
Im Gegensatz zu den zuvor zitierten, eindeutig von Reiser produzierten Einbildungen verschiebt Moritz' Handschrift den vom Protagonisten imaginierten Mutterbezug zum Idealverhalten der gewünschten Mutter. Das Wissen des Erzählers darüber, daß Reisers Mutter "auch in seiner Abwesenheit" des Sohnes gedenkt und ihre Routinegebete Anteilnahme bedeuten sollen, entlarvt ein Begehren. Mütter sollen an ihre Söhne denken, sie anerkennen, sie begehren, auch wenn ihr offensichtliches Handeln keinen Anlaß zu einer solchen Vermutung bietet. Der Unterschied zwischen diagnostischer Beobachtung und den von dieser denunzierten Einbildungen Reisers wird mit solchen Formulierungen aufgehoben. Erzähler und Held rücken aneinander, weil sie ein ähnliches Begehren haben. Dieses Begehren erscheint in kleinen Brüchen, Unstimmigkeiten oder offensichtlichen Widersprüchen der Darstellung innerfamiliärer Beziehungen. Es kreist immer um die Figur der Mutter, deren Funktion in der Familie und im Prozeß der Subjektkonstitution von der Literatur, wenn auch dem Erzähler/Autor unbewußt, eine zentrale Stellung eingeräumt wird. Abgesehen von den sozialen Implikationen dieses innerfamiliären Aufstiegs der Mutter prägt der Mutterbezug aber auch die psychische Identität des Kindes/Erwachsenen. Die zweifach geschriebene Struktur der Mutter-Kind-Dyade bestimmt fast ausschließlich alle Beziehungen, die Anton Reiser zu seinen Mitmenschen eingeht. Sein Wunsch nach affektiver Verschmelzung mit dem anderen, sei dieser nun Spiegelbild der Einbildungen oder Schicksale oder idealisierter Gesprächspartner, mit dem sich Reiser in den Weiten der Metaphysik verliert , schließt jeden Dritten aus, leugnet die Andersheit des anderen und sucht sich Räume der Isolation von aller Welt:
Am allervertraulichsten wurden sie | Anton und der Mitlehrling August | aber, wenn sie zusammen in der sogenannten Trockenstube saßen. Dieses war ein in die Erde gemauertes, oben mit Backsteinen zugewölbtes Loch, worin gerade ein Mensch aufrecht stehen, und ohngefähr zwei Menschen sitzen konnten. [...] Anton und August [saßenl in dem halbunterirdischen Loche, in welches man mehr hineinkriechen als hineingehen mußte, und fühlten sich durch die Enge des Orts, der nur durch die Glut der Kohlen schwach erleuchtet wurde, und durch das Abgesonderte, Stille und Schauerliche dieses dunklen Gewölbes, so fest zusammengeschlossen, daß ihre Herzen oft in wechselseitigen Ergießungen der Freundschaft überströmten. Hier entdeckten sie sich die innersten Gedanken ihrer Seele; hier brachten sie die seligsten Stunden zu.
In diesem Bild einer symbiotischen Beziehung, das als Kupferstich bezeichnenderweise das Titelblatt der Erstausgabe ziert, wiederholt Anton Reiser den Mutterbezug. In der Herzensgemeinschaft mit dem anderen verbinden sich die Seelen zweier Menschen, die in der vertraulichen Abgeschiedenheit des Gewölbes ihre reale Opferrolle in der ausbeuterischen Werkstatt Lobensteins, durch ihre quietistische Organisation ein Abbild von Reisers Familie, vergessen können. Die Seelenkommunikation scheint sich sprachlos zu vollziehen, die Signifikate der "wechselseitigen Ergießungen" bedürfen des Signifikanten nicht, weil sie die "zusammengeschlossenen" Seelen erst gar nicht verlassen. Die dyadische Beziehung braucht keine Worte, da der andere Spiegelbild des Selbst ist. Zugleich trägt die Schilderung der Lokalität der Symbiose die Handschrift eines unbewußten Wunsches nach Rückkehr in den Mutterleib, denn das "zugewölbte Loch" hat alle Attribute des Uterus und macht den eindringenden, aufrecht gehenden Menschen zum Kleinkind, das, um die Geburt zurückzunehmen, in den Ort seines Ursprungs "hineinkriechen" muß. Bei dieser Schilderung handelt es sich nicht um Reisers Einbildungen. Die Spiegelung und Verschmelzung mit dem anderen wird aus der "objektiven" Perspektive des Dritten, nämlich des Erzählers, beschrieben. Erst seine poetische Sprache konstruiert die "Seligkeit" der beiden Jugendlichen mit der Beschreibung eines Ortes, an dem sie sich gegenseitig ihr Begehren nach Anerkennung und Zuneigung erfüllen, was die Realität ihnen verweigert. Während Moritz an anderer Stelle Reisers Wunsch, "sich in die Vorstellungen anderer Menschen hineinzudenken und sich selbst darüber zu vergessen" als einen seiner "kindischen Wünsche" abqualifiziert, trägt hier die metaphorische Darstellung Spuren des in der Kindheit produzierten Mutterbezuges seines Helden, was Moritz zudem gleich mehrmals wiederholt, indem er Reisers Identifikation mit dem anderen in ähnlich abgeschiedenen, dunklen und warmen Orten staltfinden läßt . Indem der Erzähler auf der Ebene der Erzählung von Reisers Seelenleben die Struktur von dessen Imaginationen reproduziert , verhilft erden Einbildungen der kranken Seele zu ihren ästhetischen Bildern und damit letztlich zur Anerkennung eines wenn auch kompensatorischen Begehrens. Dieses Verfahren ist nur möglieh, weil Moritz mit der Poetisierung des kindlichen Seelenlebens und der Mutter-Kind-Beziehung aus der Sicht des Kindes nicht nur literarisches, sondern auch theoretisches Neuland betritt, indem er die konstitutive Bedeutung der Mutter-Kind-Dyade für die individuelle Subjektbildung in Gestalt von lebensprägenden psychischen Beziehungsvor-stellungen des Kindes beschreibt. Was sich zwischen der erzählerischen Re-konstruktion der Kinderseele und den Einbildungen des Helden in den Text schiebt, ist vom zeitgenössischen theoretischen Diskurs über die MutterKind-Bezie-hung nicht erfaßbar. Die Pädagogen, Mediziner und Popularphilosophen wollen vom affektiven Mutter-Bezug nichts wissen. Vielmehr suchen sie in der Mutter den Agenten zur Durchsetzung der männlichen Rationalität im Sozialisationsprozeß ."' Damit wird die Literatur zum Schauplatz, wo Mann von der Mutter schreibt: in der zweifachen Herausschrift, nämlich als Sozialisationseffekt des Helden und als Textbegehren des Erzählers.
Anton Reisers Kindheit und Jugend ist maßgeblich von dem Wiederholungszwang geprägt, sich in der Spiegelung mit dem anderen als Bestätigung seines Seins eine Ersatzidentität zu beschaffen. Allerdings begibt er sich damit in die Abhängigkeitvom anderen, der das imaginäre Band, welches immer zu Antons Verkennungen führt, mit seinem Blick oder seiner Sprache zerschneiden kann. Wenn der Erzähler nicht mit seiner diagnostischen Rede therapeutisch eingreift, tut es die Konfiguration der Szene selbst. Als sich Anton bemüht, sich beim Pfarrer Marquard durch eine "theatralische Szene" beliebt zu machen, zerstört der anwesende Dritte den Akt der Heuchelei:
In Gegenwart eines Dritten, und vorzüglich nun in Gegenwart seines Vaters vor dem Pastor M... niederzuknien, war ihm unmöglich. [...]- seinen Vater neben sieh in bittender Stellung vordem Pastor M... stehen zu sehen, war ihm unerträglich -
Wie in der triangulären Beziehungsstruktur der Kleinfamilie drängt sich der Dritte in die imaginäre Beziehung zum anderen und unterbindet Reisers Begehren. Der Vater blickt nicht nur auf seinen schauspielenden Sohn, sondern artikuliert einen eigenen Wunsch gegenüber dem Pastor, wobei seine "bittende Stellung" Reisers eigene "Fußfallszene" verdoppelt und ihm so einen Spiegel vorhält, der mit der Repräsentation der "gewöhnlichen" Realität von Abhängigkeitsverhältnissen die imaginierte Macht über den anderen kastriert. Doch der Erkenntniswert des aufklärenden Spiegelbildes ist gering. Das Imaginäre scheint sich nämlich in der Dialektik von familiärer Bedürfnisbefriedigung, kindlichem Liebesanspruch und elterlicher Anerkennung bzw. Verweigerung zu behaupten. Reiser scheint die Spaltung des Subjekts im Medium der Sprache umgehen zu wollen, wenn er sein imaginäres Ich gegen das symbolische durchsetzen will. Wie in kaum einem anderen Roman seiner Zeit, entfaltet Moritz damit die ganze Dramatik der Ich-Bildung bei der Einführung des Kindes in die symbolische Ordnung.
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