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Die Idealisierung der Kindheit in der häuslichen Idylle
Bei der Lektüre von Campes Über die früheste Bildung junger Kinderseelen fällt die Schwierigkeit des Autors auf, den idealen Ort von Kindheit in Familie und Gesellschaft darzustellen. Demgegenüber wird der Pädagoge aber sehr eloquent, wenn es darum geht, die zu überwindende gesellschaftliche und familiäre Realität erzählerisch auszumalen. In dem pädagogischen Ratgeber wird die eigene Kindheit als abschreckendes Beispiel in allgemeingültigen Anekdoten erzählt, die immer wieder auf eine Kritik an Haushaltsangehörigen außerhalb der Kernfamilie und deren zweifelhaften Erziehungsmethoden hinauslaufen. Von positiven Bedingungen des Aufwachsens scheint es in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wenig zu erzählen zu geben, es sei denn, man erfindet sie. Aus dem gleichen Grunde schafft sich Rousseau im fiktiven Raum seine asoziale pädagogische Insel, wo er eine radikale Umgestaltung familiärer Beziehungen vornimmt, um eine ideale Kindheit zu ermöglichen: im Emile werden die traditionellen Erzieher durch den Pädagogen ersetzt. Vor diesem Hintergrund der fiktiven Beschreibung einer idealisierten, männlich dominierten Kindheitsumgebung ist auch die erste deutsche literarische Kindheitsdarstellung zu sehen. In Heinrich Jung-Stillings Lebensgeschichte wird nämlich der Versuch unternommen, zwischen traditioneller und moderner Kinderzucht zu vermitteln, mit dem gleichen Ergebnis, daß auch hier die Frau als Mutter und Erzieherin aus dem Text verschwindet. Die Erörterung dieses Textes scheint hier umso wichtiger, weil der Roman schon von den Zeitgenossen als Schilderung einer glücklichen Kindheit angesehen wurde, auf die sich nachfolgende Kindheitsdarstellungen im- oder explizit bezogen. In literaturgeschichtlichen Untersuchungen scheint außer Frage zu stehen, daß Jung-Slilling "zumindest für den deutschen Sprachbereich die Geschichte der Kindheit als Gegenstand der Autobiographie entdeckte"7". Der von Goethe herausgegebene und revidierte erste Teil der lA-bensgeschichle, "Heinrich Stillings Jugend", wird als in sich geschlossenener Text betrachtet, in dem mit Hilfe verschiedener literarischer Techniken Kindheit in der patriarchalischen Idylle inszeniert wird.7'' Es bleibt jedoch zweifelhaft, inwiefern es sich hierbei um eine "erzählerische Objektivierung von Kindheitseindrücken""" handelt, wenn ein sich selbstbewußter Erzähler in der Lage sein soll, das Innere des Kindes zu Papier zu bringen:
Die Struktur der dargestellten Wirklichkeit entspricht also dem Typus der kindlichen Hrfahrung, ohne daß sie im Hin/einen aus dieser Hrfahrung hergeleitet wird: der Hrzähler ist eine Art episches Über-Ich des Aulohiographen."
Damit wird behauptet, daß der Erwachsene subjektive Erfahrungen des Kindes quasi unbewußt reproduziert, wobei allerdings die familiäre Position des Erwachsenen ausgespart wird, obwohl das Etikett "Über-Ich" letztlich auf einer solchen beruht. Die "Struktur" des Erzählten kann aber wiederum an die Sozialisation oder die Vorstellung davon rückgebunden werden, wenn man den Text als Herausschrift familialer Identifizierung liest, die auch den Erzähler in das Erzählte einbezieht und aus dem "epischen" ein familiales "Über-Ich" macht.
Heinrich Stillings Kindheit steht im Zeichen der Väter. Sie beginnt mit der Schilderung seines Großvaters Eberhard Stilling und endet mit dessen Tod. Seine das ganze erste Buch der Lebensgeschichte einnehmende Präsenz spiegelt sich in seinem Namen, denn er wird nicht nach seiner generativen Position im Familienverband, sondern oft nach seiner häuslichen Machtposition als "Vater Stilling" bezeichnet, steht er doch als Hausvater der drei Generationen umfassenden Gemeinschaft vor. Wie der "ehrwürdige Greis" sein Regiment führt, zeigt sich an seiner strengen Beachtung von "Ordnung und Rang am Tische" , die der Erzähler durch detaillierte Schilderung der Möbel und Sitzverhältnisse zustimmend hervorhebt. Zugleich nimmt die Herrschaft des Patriarchen "zärtliche" Züge an," folgt er doch dem aufgeklärten Erziehungsziel,seinen Kindern Religion und Liebe /.ur Tugend einzuprägen, und dann im gehörigen Aller ihnen die freie Wahl im Heuraten zu vergönnen, wenn sie nur so wählten, daß die Familie nicht wirklich dadurch geschimpft würde.
Trotz letzterer Einschränkung ist die Freizügigkeit in Sachen Liebesheirat für Jung-Stilling so bemerkenswert, daß er sie in der Mitte des ersten Buches als Absichtserklärung aufnimmt, wo sie praktisch schon längst zwischen Eberhards Sohn Wilhelm und Dortchen stattgefunden hat und Eberhard diesen Akt im Eingangsdialog schon abgesegnet hatte . So in den Text eingeführt und mehrfach in seiner Generosität gegenüber den Kindern ausgewiesen, kann der Großvater zur eigentlichen Bezugsperson für den kleinen Heinrich werden. Zwar scheint in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts im Zuge der naturrechtlichen Diskussion um die Gattenehe die Verfügungsgewalt der Eltern aufgehoben, aber noch das Allgemeine Landrecht für die Preußischen Staaten von 1794 billigt den Eltern ein Einspruchsrecht gegenüber der Gattenwahl der Kinder zu." Die freie Gattenwahl und die gleichzeitige Emotionalisierung der Familienbeziehungen gelten deshalb als wesentliche Faktoren zur Umwandlung des absoluten in ein "empfindsames" Patriarchat, welches in der literarischen Idyllisierung gar "das utopische und gesellschaftskritische Potential der Familie" darstellen soll." Eine solche Auffas-sung unterschlägt jedoch die innerfamiliären Opfer, die diese Transformation mit sich bringen kann, und ignoriert die Tatsache, daß familiäre Gefühlsbeziehungen auch funktionalisiert werden können. Die "aufgeklärte Zärtlichkeit" des Patriarchen läuft nämlich auf eine Perfektionierung von Herrschaft und den Ausschluß des Weiblichen hinaus. So müssen z. B. in Jung-Stillings Lebensgeschichte der Allpräsenz des Großvaters andere weichen. Heinrichs Mutter stirbt, der Vater versinkt in Depressionen und wird "bei diesen Umständen" anfangs unfähig, seinen Sohn zu erziehen. Zwar greift im Stillingschen Haus zunächst die traditionelle Kinderversorgung, denn Heinrichs Großeltern und Tanten kümmern sich um das vernachlässigte Kind und integrieren es in den Alltag. Aber innerhalb dieser großfamiliären Gemeinschaft stilisiert der Erzähler Heinrichs Großvater zum eigentlichen Pädagogen und Muttcrersatz, indem erdessen Erziehungsmaximen im Bild der häuslichen Idylle verklärt.ss
In der Gewöhnlichkeit des bäuerlichen Alltags findet für den kleinen Heinrieh eine familiäre Urszcne statt, die seine Identität maßgeblich beeinflußt. Der Enkel spielt mit seinem Großvater und ißt dabei ein "auf ihn gespartes Butterbrot", das ihm besser schmeckt "als sonst der allerbeste Reisbrei Kindern zu tun pflegt" . Die derbe Bauernkost aus den Händen des Alten bereitet dem Kind solches Vergnügen, weil der Großvater die Rolle der Mutter übernimmt:
Dieses vertrocknete Butterbrot verzehrte Henrich auf seines Großvaters Schoß, wobei ihm derselbe entweder das Lied: "
Die Lautfolge "li" des ersten Liedes und die rhythmischen Bewegungen indizieren, daß der Großvater den Enkel in den Schlaf wiegt, hatte er doch schon bei Heinrichs Geburt gehofft, "seine altc[n] Wiegenlieder zu singen" . Die patriarchalische Idylle bedarf der Frau nicht, ihre Funktionen in der Kindersozialisation als Mutter werden großväterlich besetzt. Dieser Wechsel von der Mutter zum Großvater erscheint hier umso wichtiger, weil Heinrichs Identität zuvor als mütterliche ausgewiesen wurde, denn "der Knabe hatte und bekam der Mutter Gesichtszüge und ihr sanftes gefühliges Herz" . Auch Heinrichs Vater liest nach Lavaterscher Manier "in dem Gesichte seines verwaiseten Kindes |...| nur Dortchens Lineamente" . Doch der Erzähler baut die patriarchalische Szene der Harmonie zu einem Sozialisationsspiel aus, welche an der Physiognomie des Knaben vorbei auf eine andere Identität des Kindes zielt: die pädagogische Gestaltung der kindlichen Seele. Der Großvater will nämlich am Enkel "seine Erziehungskunst |...| beweisen" :
Mit einem Wort! Valer Stilling hatte den Kunstgriff in seiner Kindererz.iehung, er wußte alle Augenblick eine neue Belustigung für Henrichen, die immer so beschaffen waren, daß sie seinem Alter angemessen, das ist, ihm begreiflich waren; doch so, daß immer dasjenige, was den Menschen ehrwürdig sein muß, nicht allein nicht verkleinert, sondern gleichsam im Vorbeigang groß und schön vorgestellt wurde.
Was hier als beabsichtigte Erziehungsmethode gedeutet wird und die sozioökono-mische wie personale Misere der Kindheit verdeckt, gründet auf philanthropischen Überlegungen, die dem Großvater vom Erzähler unterstellt werden. Als Folge der frühaufklärerischen Mißerfolge, die Moral der Erwachsenen den Kindern in erwachsener Begrifflichkeit beizubringen, wie z. B. in Gellerts Schwedischer Gräfin, wird die Pädagogik der Aufklärung subtiler. Erziehungsinhalte werden den Altersstufen angepaßt, Kinderspiele pädagogisiert bzw. neue erfunden, die "Belustigungen" zweckgebunden, die Erzieher schließlich zu musterhaftem Verhalten angeregt.^ So beschreibt Basedow in seinem Elementarwerk die Pädagogisierung des kindlichen Alltags als Handlungsanweisung an den familiären Erzieher:
Man muß die Freiheit, nach ihrem Gefallen unschädlich zu spielen, den Kindern zwar nicht einschränken, aber ihr könnt machen, dal! sie last niemals andere Spiele wählen, als dazu ihr sie reizen wollt, und welche also nützlich sein können, gewisse Fertigkeiten des Körpers, gewisse Begriffe des Verstandes, die Krlernung des künftig nötigen Memoirenwerks und die Erleichterung künftiger Tugenden zu befördern.*
Die Funktionalisierung des Spielcns zielt auf effektivere Körperkontrolle, Begriffsund Tugendvermitllung. Die Moral und Vernunft der Erwachsenen, jenes "Ehrwürdige", das dem Großvater schon eingangs des Textes zugedacht wurde , wird den Kindern "gleichsam im Vorbeigang" wortwörtlich in die Seele "gespielt", was man anderen wie z.B. Bräker in den Körper bleute: "Ferner prügelte mich der Vater nicht selten, wenn ich nicht hütete, wo er mir befohlen hatte" . Pädagogische Nutzung kindlichen Vergnügens kann aber nur gelingen, wenn der kindliche Alltag überwacht wird und zwar nicht von allen Erwachsenen eines Haushaltes, sondern einzig vom bewußten Erzieher, was bereits Rousseau verlangte. Erst die Personalisierung der Erziehung ermöglicht jene neue "schwere Kunst, |...| beherrschen ohne Vorschriften zu geben", an deren Ende die vollkommene "Unterwerfung" im "Schein der Freiheil"8'' steht:
Seid ihr [die Erzieher| nicht Herr seiner Eindrücke [des Kindes] nach eurem Belieben? Seine Arbeiten, seine Spiele, sein Vergnügen und sein Kummer - liegt nicht alles in euren Händen, ohne daß es davon weiß? Zweifellos darf es tun, was es will, aber es darf nur wollen, von dem ihr wünscht, daß es es tut. F-s darf keinen Schritt tun, den ihr nicht für es vorgesehen habt, es darf nicht den Mund auftun, ohne daß ihr wißt, was es sagen will.1'"
Die totale Kontrolle des Kindes findet ihre Erfüllung in der pädagogischen Produktion einer spezifischen Kindheit. An die Stelle der religiösen Prädestination setzt sich die pädagogische, aber beiden ist gemeinsam, daß der Mensch fremdbestimmt ist und als "Maschine" oder "Marionette" von den Händen anderer gesteuert wird; die Herr-Knecht-Beziehung bildet den Grundstein des pädagogischen Verhältnisses, ohne daß der Zögling weiß, daß er ein Knecht ist. Damit stellt sich all jenes Gerede von der bürgerlichen Autonomie, das Anleihen bei der rousseauistischen Erziehung macht, um "sclbstbestimmte" Subjekte zu konstituieren, als Betrug heraus. Da, wo sich das Subjekt seiner selbst und seines Begehrens gewiß ist, sitzt ein anderer, der Erzieher, der dem Zögling erst ein "Selbst" gibt und "sein Begehren zum Begehren des Anderen" macht.'" Die erzieherische Ausrichtung der "Belustigungen" des Kindes hat beim jungen Heinrich Stiliing denn auch den gewünschten Erfolg. Der Großvater erzeugt im Kind eine "Liebe", um es effektiver zu erziehen:
Dadurch |durch die Belustigungen! gewann der Knabe eine Liebe zu seinem Großvater die über alles ging; und daher hatten denn die Begriffe, die er ihm beibringen wollte, Eingang bei ihm. Was ihm sein Großvater sagte, das glaubte er ohne weiteres Nachdenken.
Die didaktische Ausnutzung des Vergnügens des Zöglings und die Personalisierung des Er/.iehungsverhältnisses formiert die Psyche des jungen Stiliing, die wiederum erst das Kind glauben machen, was der Vater ihm sagt. Mit der Verschiebung des Kindergenusses vom "vertrockneten Butlerbrot" über die "Belustigungen" zur "Liebe zu seinem Großvater" besetzt das Kleinkind nicht mehr die Objekte libidinös, sondern ersetzt sie durch Identifizierung von Beziehungen , seien sie ödipal oder durch die Intcrnalisierung von Vorbild und Gesetz bestimmt. Fortan orientiert sich das Ich in seinem unbewußten Konflikt zwischen Triebansprüchen und deren Kontrolle am internalisierten Modell der Identifizierung. Will der kleine Stiliing den Großvater zunächst nur als "Objekt" haben , stellt sich im Laufe des Romans heraus, daß er Großvater sein möchte.'' Seine Lebensg,eâ– schichte endet damit, daß "Jung"-Stilling selbst "auf dem bequemen Großvaterstuhl" sitzt und sein "ältester Enkel" ihm in einer den Text beschließenden Nachschrift das Signum des alten Stilling verleiht, nämlich "der ehrwürdige Greis" zu sein. So hört der Roman im Namen dessen auf, in dem er begonnen hat. Diese Kontinuität verweist auf die analoge Dauer der innerpsychischen Instanz des Frcudschen "Über-Ichs", die ebenso wie die Beziehung von Enkeln und Großvätern Generationen überspringt, da sie keiner Temporalität zu unterliegen scheint:
In der Regel folgen die Kitern und die ihnen analogen Autoritäten in der Erziehung des Kindes den Vorschriften des eigenen Über-Ichs. |...| So wird das Über-Ich des Kindes eigentlich nicht nach dem Vorbild der Kitern, sondern des elterlichen Über-Ichs aufgebaut; es erfüllt sich mit dem gleichen Inhalt, es wird zum Träger der Tradition, all der zeitbeständigen Wertungen, die sich auf diesem Wege über Generationen fortgepflanzt haben.'
Trotz des ahistorischen Anspruchs des Frcudschen Modells statischer Instanzen und ihrer Inhalte, läßt sich zumindest für das 18. Jahrhundert aufzeigen, daß bei allen pädagogischen Reformbestrebungen die "zeitbeständigen Wertungen" der Erziehung in ihrer äußersten Abstraktheit kaum in Frage gestellt werden. Daß ein Kind in ein tradiertes Wertesystem eingeführt werden soll, wird von Francke bis zu den Philanthropisten nicht angezweifelt; seit der pietistischen Pädagogik geht es lediglich um die adäquate Technik, Seelen und damit die Internalisierung von Gesetz und Vorbild zu produzieren, die den Menschen effizienter glauben und gehorchen lassen. Die Historizität der Ausdifferenzierung des Über-Ichs läßt sich an dieser spezifisch pädagogischen Funktionalisierung der Seele nachweisen, einer Zivilisationstechnik, die den Körper von innen und nicht durch die strafende Hand des anderen kontrollieren soll.1' Doch dazu muß sich die familiäre Beziehungskonstellation ändern, denn erst die von Rousseau geforderte In-timisierung der Erziehung scheint die Umwandlung von Fremd- in Selbstzwang zu ermöglichen, indem sie in der "Liebe" das beste Mittel der "Dressur" entdeckt.% Vor diesem Hintergrund kann der Erzähler den Großvater als aufgeklärten Pädagogen und traditionellen Patriarchen zugleich zeichnen. Die exklusiven Gefühle, die der Großvater für den kleinen Heinrich hat, werden zur Formierung eines spezifischen Ichs funktionalisiert. Die Identität des Kindes will der Großvater ganz explizit durch die Hausgeschichte bestimmt wissen. Die erzählerische Rückkehr zu den Vätern bedeutet für Stilling die Einreihung des Enkels in die Ahnenkette, die er als eine moralische ausweist:
LaÜ dir das die größte Khre in der Welt sein, daß dein Großvater, Urgroßvater und ihre Väter alle Männer waren, die zwar außer ihrem Hause nichts zu befehlen halten, doch aber von allen Menschen geliebt und geehrt wurden.
Heinrich will die vom Großvater erzählte patriarchalische Familiengeschichte sogar "nett aufschreiben, damit ich's nicht vergesse" . Doch was er im äußeren Gedächtnis, der Schrift, speichern will, ist ihm selbst durch die Idealisierung des Großvaters eingeschrieben. Obwohl der Erzähler die Kindheit "objektiviert" dar-stellen will , idyllisiert er die Internalisierung des Über-Ichs so sehr, daß er ihr selbst folgt. Er bricht genau an dieser Stelle in den Text ein, an der Heinrich die "weißgebliebcnen Blätter mit seinen Ahnen vollpfropfte" :
Mir werden die Tränen los, da ich dieses schreibe. Wo seid ihr doch hingetlohen, ihr sel'ge Stunden? Warum bleibt nur euer Andenken dem Menschen übrig! |...| Ihr, meine Tränen, die mein durchbrechender Geist herauspreßt, sagt's jedem guten Herzen, sagt's ohne Worte, was ein Mensch sei, der mit Gott, seinem Vater, bekannt ist, und all seine Gaben in ihrer Größe schmeckt!
Die gewalttätige Expressivität des "durchbrechenden Geistes", die pietistische Kehrtwende, die aus des Großvaters "Butterbrot" Gottes wohlschmeckende "Gaben" macht, transzendieren ein Unsagbares, das der Text ausspricht. Affiziert von der Rekonstruktion der "sel'gen Stunden" - im buchstäblichen Sinne eine Nachschrift der in der Kindheit mit "Ahnen" vollgepfropften Seilen - wird die Stimme des Großvaters zu Gottes Wort, transformiert die väterliche Ahnenreihe zur metaphysischen Gestalt eines Urvaters. Diese Dominanz des Großvaters läßt kaum Raum für die Schilderung der Erlebnisse und Erfahrungen Heinrichs. Erst nach des Großvaters Tod, mittlerweile in "Henrich Stillings Jünglingsjahren" , beschäftigt sich der Erzähler mit Heinrich, dessen Identität nochmals in Bezug auf den Ahnen ausgewiesen ist:
Vater Stilling ist hin, nun will ich seinem Knkel, dem jungen Heinrich, auf dem Fuß folgen, wo er hingeht, alles andere soll mich nicht aufhalten.
Auch wenn der Großvater die Fabel des Romans und sein Geist das Geburtshaus Heinrichs verläßt , verzeichnet der Enkel die erfolgreiche Über-Ich-Produktion. Heinrich imaginiert ihn im Himmel als "Vater Stilling mit hellem Glanz ums Haupt" , in einem Bild also, das sich kaum von dem "meines himmlischen Führers" unterscheidet. Die pietistische Goltesvorstellung erklärt denn auch diesen Zusammenhang: Gott selbst war Stillings Erzieher, denn er habe ihn "nach einem vorbedachten Plan geleitet, gebildet und erzogen" . Damit sind der erste und der letzte Lehrer, der Großvater und Gott eins. Was der Erzähler jedoch als Fügung Gottes schreibt, liest sich mit Freud als Funktion des Über-Ichs, die erst - kollektiv intcrnalisiert - die Rede von der göttlichen Leitung ermöglicht:
Das Über-Ich ist für uns die Vertretung aller moralischen Beschränkungen, der Anwalt des Stre-bens nach Vervollkommnung, kurz das, was uns von dem sogenannt Höheren im Menschenleben psychologisch greifbar geworden ist.'"
Heinrich Stillings sozialer Aufstieg zum Schriftsteller und Augenarzt, begleitet von der "Befolgung meines religiösen Grundtriebs" , geschieht im Zeichen des "sogenannt Höheren", für das der Erzähler den Namen "Gott", der Text jedoch den idealisierten Großvater einsetzt.
Die patriarchalische Idylle wird allerdings gestört. Der natürliche Vater, Wilhelm Stilling, hat seine eigenen Vorstellungen, "seinen Sohn beugsam und gehorsam zu erziehen" , nämlich nach den Grundsätzen quietistischer Lehren. Wie später Anton Reisers Vater und der Hutmacher Lobenstein versucht Wilhelm, nicht nur den Körper durch die Seele zu kontrollieren, sondern ganz abzuschaffen, um seinem religiösen Vorbild folgend "einen innern Frieden" zu finden, "der alle sinnliche Vergnügen weit übertrifft" . Kr scheint mit seiner planmäßigen Erziehung einem weitverbreiteten Ruf zu folgen, der seit Franckes Kritik an der "überall höchst verderbte|n] Art der Kinderzucht'"'* ein Jahrhundert lang nicht verstummt. Noch 1778 stellt C.F. Flögel fest, daß "die erste Erziehung, welche wir von unsern Aeltern bekommen, |...| die mangelhafteste"1''' sei. Wilhelm scheint der Kritik zuvorzukommen und wird Agent der Modernisierung der Erziehung, indem er "negative" Erfahrungsräume für das Kind ausschaltet und durch "positive" Lernwelten ersetzt. Was er an Heinrich ausprobiert, beschreibt in seiner Radikalität letztlich das Prinzip des umfassenden Wandels in der Kindererziehung:
Wilhelm erlaubte niemalen dem Knaben mit anderen Kindern zu spielen, sondern er hielt ihn so eingezogen, da« er im siebenten Jahr seines Alters noch keine Nachbarskinder, wohl aber eine ganze Reihe schöner Bücher kannte.
Auf der Ebene der Vater-Sohn-Beziehung wird die historische wie pädagogisch inszenierte Trennung von Familie und Sozietät, Kind und vielen Erwachsenen reproduziert, beginnt die "Verwissenschaftlichung" der Sozialisation durch "Zerstörung naturwüchsiger und traditioneller, selbstverständlicher und nichtgeplanter Soziali-sationsprozesse," und durch die "Spezialisierung der Erziehertätigkeit"1"0. Wilhelm kaserniert seinen Sohn, schließt sich mit ihm in eine Kammer ein, um nichts in der Erziehung dem Zufall zu überlassen. Zur besseren Kontrolle der kindlichen Erfahrungsmöglichkeiten wird auch die Außenwelt begrenzt; sogar Heinrichs "Spielplatz." ist institutionalisiert:
Diese Gegend war nicht größer, als Wilhelm aus seinem heilster übersehen konnte, damit er ihn nie aus den Augen verlieren möchte. War denn die gesetzte Zeit um, oder wenn sich auch ein Nachbarskind Heinrichen von weitem näherte, so pfiff Wilhelm, und auf dieses Zeichen war er den Augenblick wieder bei seinem Vater.
Klausur, Parzellierung des Raumes, Zeitplanung und restriktive Signalcodes sind nur einige Elemente von Disziplinartechniken, mit denen gegen Ende des 18. Jahrhunderts der individuelle Körper in staatlichen Institutionen überwacht und abgerichtet wird. Diese "Mikrophysik der Macht" findet ihre architektonische Umsetzung im Panopticon, jenem Turm innerhalb eines ringförmigen Gebäudes, der es dem Auge der Macht gestattet, alles zu überblicken, ohne selbstgesehen zu werden."" Die Zurichtung des gelehrigen Körpers, seit dem 18. Jahrhundert zunehmend Privileg der staatlichen Institutionen, führt Wilhelm in die häusliche Primärsozialisation ein. Die Entrüstung der germanistischen Sekundärliteratur über das Erziehungsverhalten des Vaters, umso unverständlicher, als die zeitgenössische "schwarze Pädagogik" nichts anderes tut, folgt der polaren Konstruktion des Erzählers, der den Gegensatz von väterlicher und großväterlicher Erziehung aufbaut. Dabei ist der Unterschied zwischen Liebe und Überwachung irrelevant, hat doch der Großvater sein Panopticon weniger sichtbar im Innern des Kindes schon längst errichtet. Obwohl sich mit der Isolation des Kindes die praktisch-funktionale zur symbolisch-formalen Erziehung wandelt, die ihren Ausdruck darin findet, daß der Vater im Gegensatz zur mündlichen Tradition des Großvaters das Schriftprinzip einführt, wird die Identität des Kindes nicht maßgeblich geändert. Heinrich kehrt zum Großvater zurück, erzählt ihm seine gelesenen Geschichten und schreibt das auf, was der Großvater ihm sagt, d.h. er wendet nur formal an, was der Vater ihm beigebracht hat, denn die Inhalte der Erziehung bestimmt der Großvater. Die patriarchalische Idylle wird also eigentlich nicht gestört, da der Vater konstitutiv zu ihr gehört. Mit seinem Eindringen in die großväterliche Sozialisation des Kindes wird die väterliche Imago vielmehr durch Aufspaltung genauer spezifiziert. Der Vater, den Heinrich "fürchten und verehren mußte" , vertritt den Anspruch "göttlicher und menschlicher Gesetze" , deren Übertretung die Bestrafung nach sich zieht; der Großvater hingegen wird zum Vorbild , welches jedoch unerreichbar bleibt, da der Erzähler es zur göttlichen Sphäre rechnet. Freud hat darauf hingewiesen, daß beide Instanzen letztlich komplementäre Funktionen des Übcr-Ichs sind, dessen Aufkommen die ontogenetische Überwindung des Ödipuskomplexes signalisiert.10' Von Ödipus zu reden, heißt die Frau als Mutter zu benennen, doch gerade die hat im patriarchalischen Haus Stillings keinen Platz.
War die Identität des Kindes durch den Großvater mit der Aufnahme in die Ahnenreihe festgelegt, so fungiert Heinrich für den Vater - wie die Kinder in Gellerts Schwedischer Gräfin - lediglich als genetisches Zeichen der Eltern:
[...] es war sein [Wilhelms] und Dortchens Sohn; und über diesen Aufschluß stürzte alle seine Neigung auf Heinrichen, und er fand Dotierten in ihm wieder.
Doch was der Vater im Sohn zu finden glaubt, bleibt abwesend, denn die mütterliche Sphäre steht von Anbeginn im Zeichen des Todes. Heinrichs Mutter "hatte zarte Glieder und Hände, sie wurde geschwind müde, und dann seufzte und weinte sie" . Dortchens so eingeführte Melancholie soll denn auch der Grund für ihren raschen Tod sein, denn unter dem Signum der "Wonne der Wehmut [...) durchdrang ein tödlicher Schauer Dortchens ganzen Leib" . Hin bekanntes Motiv sollte man meinen. Vordem Hintergrund des pietistischen "Trauergebots" wird die Melancholie pathologisch, führt die innere Selbstschau zur Vernichtung des Körpers u.a. im Selbstmord als Effekt einer Überfunktion der "schwarzen Galle"." Bevor die Scelcn-krankheit in der Spätaufklärung in Verbindung mit dem Schwärmertum in die Einbildungskraft der Dichter übergeht , verweist sie auf den Körper, oder spezifischer auf den Unterleib . Auch Dortchens Tod läßt sich als Verdrängung des Körpers und der Sexualität lesen. Außer ihrer Liebe zu Wilhelm leistet sie nichts im Stillingschcn Haus, was der Erzähler mehrfach hervorhebt . Bevor Heinrichs Mutter stirbt, singt sie als Epilog auf ihr Ende das Lied der drei Jungfräulein, die auch ein "tödlicher Schauer" durchdringt, der sich als Metapher der Defloration herausstellt:
Der Mann nahm ein Messer scharf und spitz. Und stielt es den Jungfräulein zart: In ihr betrübtes llerzelein. Zur Krde fielen sie hart. .Sternelein blinzet zu Leide!
Dortchen stirbt jedoch nicht nach dem Zeugungsakt und auch nicht nach der Geburt von Heinrich. Erst als Heinrich "anderthalb Jahr war" hat sie als Mutter und lebende Frau ausgedient, ihr Tod lallt mit der Abstillung des kleinen Heinrich zusammen. Die Frau stirbt, weil ihr Stillen, "sie säugte ihren Heinrich alle Augenblicke, denn das war nun einmal ihr Alles" , ein Ende findet und sie somit keine Funktion im Stillingschcn Haus mehr zu haben scheint. Während der pädagogische und popularphilosophische Diskurs mit dem Abstillen die Disziplinicrung des Kindes in der Mutter- Kind-Beziehung fordert, wird die Mutter in der Leidensgeschichte ganz abgeschafft. Dortchens toter Körper wird wie die ermordeten Jungfrauen im Himmel verklärt, so daß sich Heinrich "nur ihre noch übrige Gebeine zu sehen" wünscht. Die Mutter als tote Frau stört das patriarchalische Idyll nicht, in dem die väterliche Rede auch erst die Objekte des Begehrens schafft. Heinrich kann sich nämlich mit der Frau nur als Reliquie identifizieren, wird wie der Vater ihr "Liebhaber" , denn er begehrt nicht die Mutter, sondern das Bild, das der Vater von ihr zeichnet:
Heinrich verliebte sich so in seine Mutter, daß er alles was er von ihr horte, in sein Eignes verwandelte, welches Wilhelmen so wohlgefiel, daß er seine Freude nicht verbergen konnte,
Sich in die Mutter verlieben, heißt hier Internalisierung der väterlichen Rede, die immer schon vermittelt, was die Frau ist. Dadurch wird der gesamte Bereich symbioti-seher und narzißtischer Bezüge des Kindes zur Mutter ausgeschaltet, der auch in Heinrichs Träumen und Phantasien nicht erscheint. Die paternalistische Primärso-zialisation weiß von keiner Mutter, so daß die ödipale Einschreibung des Vaters "Du sollst ein solcher werden, wie dein Vater einer gewesen ist" den Ort des Dritten, an den sich das Begehren des Kindes richtet, leer läßt, den der Großvater konfliktlos besetzen kann, weil der Vater ihn nicht begehrt. Obwohl sich der orale Erziehungsprozeß auf den Großvater verschiebt, dessen Butterbrote, Wiegenlieder und Geschichten die Mutterbrusl ersetzen,'" wird der Großvater nicht mögliches Liebesobjekt, sondern Vorbild für den kleinen Heinrich, was denn auch jegliche erotische Identifizierung zunichte macht und den Körper des anderen den Wünschen verschließt. In diesem Punkt treffen sich großväterliche und väterliche Erziehung: die Funktionali-sierung der Sinnenfreuden und die gänzliche Verleugnung des Körpers zielen auf die Etablierung einer tugendhaften Kinderseele. Der Ausschluß der Frau läßt das Kind in der patriarchalischen Idylle auf-bzw. untergehen, denn seine Identität wird im Namen der Väter festgeschrieben, ohne ihm identifikatorischen Spielraum zu lassen. Die Frau, die geliebt werden darf, hat nur die Gestalt eines "verblichenen Engels" , und bewegt sich als Leiche in einem Himmel, der von den männlichen "Voreltern" besetzt ist und in den der Großvater nach einer Vision mit Dortchen eingehl . Diese Nähe von Mutter, Großvater und Gott ergibt sich allein schon daraus, daß die Frau als Mutter im Pietismus den Platz Gottes einnimmt. "I Kon-sequenlerwcise beziehen sich die Verbole des "bösen" Vaters auch nicht auf den Zugang zur realen Mutter, zum Körper, zur Sexualität oder zu den Naschwaren,",K sondern nur auf die Nebeneffekte der Erziehung zur quietistischen Körperverleugnung: das Lügen. In der symbolischen Welt der frommen Bücher und väterlichen Befehle lernt Heinrich "alle erdenkliche Kunstgriffe |...| seine Lügen wahrscheinlicher zu machen" . Er lügt allerdings nicht, um geheimen Kinderfreuden zu frönen, sondern "aus Furcht für den Züchtigungen" . Das Lügen an sich deutet hier auf die beginnende Internalisierung des Über-Ichs, denn Heinrich hat nichts zu verbergen außer der Nichtbefolgung der väterlichen, von der Familie aber nicht mitgetragenen Gebote, die sich zudem lediglich auf die Religionsausübung beziehen. Heinrichs Revolte gegen die väterliche Autorität kommt nicht offen zum Ausbruch. Die unverhohlene Freude des Kindes über die gelungene Lüge wird einer höheren Instanz unterstellt, indem Heinrich Gott dankt, "daß er ein Mittel gefunden, einem Strafgericht zu entgehen" . Auf der Textebene wird die Kongruenz von Gott und Großvater nochmals akzentuiert, denn dieser vertritt schließlich die Interessen des Kindes und überzeugt seinen Sohn von der Unsinnigkeit, Gehorsam mit Gewalt erzwingen zu wollen.
Heinrichs Kindsein geht in den erzieherischen Intentionen auf. Kein anderes Selbst erscheint in der patriarchalischen Organisation der Kindheit. Als potenziere er gar noch die väterliche und großväterliche Sozialisation: Heinrich wird ein frommer Leser, kindlicher Bibelausleger und Schreiber, der als "lateinischer Junge" zur "Freude und Hoffnung seines Hauses" aufsteigt und damit schon in Kindertagen die Ahnen übertrifft. Damit wird auch die harte, den Jungen von aller Welt isolierende Erziehung des frömmelnden Vaters und die Religion als Instrument der Rationalisierung legitimiert, denn erst das väterliche Schriftprinzip ermöglicht Heinrich schließlich "lateinische Historien zu reden, zu verstehen, lateinisch zu reden und zu schreiben" . Gegenüber der vom Vater ausgewählten Lektüre präsentiert der Text aber auch "weibliche" Texte, die mündlich vorgetragen werden ."" Heinrichs Umgang mit dem Symbolischen manifestiert ein weiteres Mal die Affirmation des Vaterprinzips. Während ihm beim von der Base vorgetragenen Märchen von Joringel und Jorinde nur "bang" wird , wird sein intellektueller Ehrgeiz, von der Ahnengeschichte des Großvaters so angereizt, daß er sie niederschreibt. Die Bevorzugung der Schrift führt auf die Urszcne zurück, als der Vater ihm das Lesen beibrachte. Die Isolation von der Welt zwingt Heinrich im Symbolischen das Reale zu suchen; die Identifikation des Geschriebenen mit der Vorstellung von Wirklichkeit macht die Differenz von Text und Leben hinfällig: ' diese Personen, deren Lebensbeschreibungen er las, blieben so fest in seiner Einbildungskraft idealisiert, daß er sie nie in seinem Leben vergessen hat" . Selbst wenn Heinrich als Effekt der Leseerziehung anfängt, "sich mit Idealen zu belustigen" , läßt sich das kindliche Phantasieren kaum als "Poesie der Kindheit oder als geniale kindliche Empfindsamkeit ausgeben," denn der Leser erfährt außer der Umwandlung der sichtbaren Natur "zu lauter idealischen Landschaften" nichts von dem, was ein Kind imaginieren könnte. Keine Beziehungskonstellationen werden durchgespielt, keine Emotionen in "dichterische Einfälle" umgesetzt, die Identifikation mit dem literarischen Anderen wird nichtillustriert. So bleiben die Phantasien leer, verdoppeln nur das Gelesene, lassen aus der Natur religiöse Wallfahrtsorte werden, an denen noch nicht einmal die Mutter auftaucht. Der einzig unbeaufsichtigte Freiraum des Kindes, sein durch die Lektüre initiiertes Imaginieren, reaktualisiert die väterliche wie großväterliche Stimme, die schon das Lesen überwacht:
Die Helden aller Romanzen, deren Tugenden übertrieben geschildert wurden, setzten sich unvermerkt, als so viel nachahmungswürdige Gegenstände in sein Gemüt teste, und die Laster wurden ihm zum größten Abscheu; doch aber, weil er beständig von Gott und frommen Menschen reden hörte, so wurde er unvermerkt in einen Gesichtspunkt gestellt, aus dem er alles beobachtete.
Heinrich kennt keine Hingabc an den Text, keine verderbliche Lesesucht, findet in den Zeichen nur die Reden der Väter, was der Text im Signifikanten "unvermerkt" preisgibt, beruhte doch darauf die gesamte Erzichungsdoktrin des Großvaters, dem Kind Tugenden "im Vorbeigang" einzuprägen. So bleibt die patriarchalische Idylle stabil, irritieren keine unlauteren Wünsche, kann kleinfamiliäres Konfliktpotential erst gar nicht aufkommen, geht die Identität des Kindes in den Wünschen der Väter auf. Die Kindhcitsgcschichten eines Bräker oder Reiser haben da anderes zu berichten.
Jung-Stillings kleinbürgerlich-patriarchalische Kindheitsidylle wurde schon von Zeitgenossen als literarisches Vorbild gelobt, an dem sich andere Kindheitsdarstellungen zu messen haben.1" So vergleicht Ulrich Bräker in Lebensgeschhhte und Natürliche Ebentheuer des Armen Mannes im Tockenburg sein eigenes "Geschreibe" mit dem "Modell eines Heinrich Stilling" und kommt dabei zu folgendem Schluß:
"Aber, Himmel! welch ein Conlrast! Stilling und i'c/i"! dacht ich. "Nein, daran ist nicht zu gedenken. Ich dürfte nicht in Stillings Schatten stehen". Freylich hau' ich mich oft gerne so gut und fromm schildern mögen, wie dieser edle Mann es war. Aber könnt' ich es ohne zu lügen?
Die eigene Kindheitsgeschichte kann mit dem gelesenen Vorbild nicht konkurrieren, weil Bräker die Schilderung des moralischen Charakters im patriarchalischen Idyll Stillings als Wahrheit über ein reales Ich versteht, während bei seiner Lebensge-schichte "Schildern" und "Sein" nicht kongruieren. Bräker lobt die Kindheitsgeschichte des anderen u.a. wohl auch wegen der Subsumierung des Kindseins unter einer stabilen Familienorganisation im Namen des Vaters, wovon in Bräkers desolater Klcinbauernfamilie wenig zu spüren ist. Sozialhistorische Studien verweisen auf diese zeitgenössische ideologische Funktion des Ideals pictistisch-paternaler "Häuslichkeit", allen destabilisierenden Einwirkungen der Moderne entgegenzuwirken." Mit der beginnenden Einschränkung der politischen Gewalt des Vaters durch eine aufgeklärtere Gesetzgebung, den wirtschaftlichen Anforderungen an die Mobilität des Individuums und dem "Niedergang" der Tugend im Gescllenstand sollte die "väterliche" Verhaltensnormierung insbesondere in der Familienerziehung individueil internalisiert werden, um der Deterritorialisierung Einhalt zu gebieten. Die väterliche Identitätszuschreibung, die in Jung-Stillings Lebensgeschichte so reibungslos zu funktionieren scheint, gelingt jedoch weder der Figur Ulrich Bräker noch Anton Reiser, obwohl oder gerade weil deren Bedingungen des Aufwachsens mit denen des literarischen Vorbildes in Bezug gesetzt werden. Karl Philipp Moritz liefert das theoretische und literarische Pendant zu Jung-Stillings patriarchalischer Idylle, indem er den sozialen Ort der Kindheit am Ideal der Häuslichkeit festmacht. In seiner Schrift Versuch einer praktischen Kinderlogik bestimmt er den Erfüllungsort menschlicher Existenz jenseits der gesellschaftlichen Verhältnisse in der Intimität bzw. Isolation von Haus und Natur:
Wenn um dos einzelne Haus auch alles übrige wegfiele, so bleibt mild umher die schöne offne Natur, die eigentlich das wahre Kleinem ist, worin der Mensch, sobald er aus seiner Wohnung tritt, atmen und sich bewegen sollte - Sich dieser einlachen Glückseligkeit, ohngeachtet der unauflöslichen Verflechtung in den menschlichen Verbindungen, die einmal da sind, so viel wie möglich zu nähern, ist das Bestreben der Weisen. Das höchste Ziel seiner Wünsche ist häusliche '/Alfriedenheil, verbunden mit dem ungestörten Genuß der schönen Natur.'"'
Da jedoch sowohl die "häusliche Zufriedenheit" als auch der "Genuß der schönen Natur" Produkte bürgerlicher Privatisierungskultur des 18. Jahrhunderts sind, die u.a. in der literarischen Idylle konstituiert wurden," ist auch das Mißlingen ihrer individuellen Etablierung denkbar, kann die unauflösliche "Verflechtung" des Individuums "in den menschlichen Verbindungen" die Annäherung an den Glückszustand verhindern. Das ist der Hintergrund, vor dem die Umstände in Reisers Eamilie beschrieben werden, denn erst die Vorstellung einer ideellen Häuslichkeit ermöglicht die Darstellung der Antitamilie, die das begabte Kind nicht zum sozialen Aufsteiger, sondern zum asozialen Versager macht. Im Vergleich mit den anderen hier behandelten auto-biographischen Schriften läßt Moritz keinen Zweifel daran, daß die Identitätsbildung seines Helden zunächst in der katastrophalen Kotnmunikationsstruktur innerhalb der Reiserschen kleinbürgerlichen Familie begründet ist. Das Kind wird als Opfer einer lieblosen Ehegemeinschaft dargestellt, die im eigenen Hause den Konflikt zwischen quietistischer und orthodox protestantischer/pietistischer Religionsauffassung austrägt, was Moritz für so bedeutsam hält, daß er den Roman nicht mit Antons Vorfahren, sondern mit dem "Stammbaum einer Sekte""" eröffnet. Am Anfang eines Romans über die Auswirkung der kindlichen Seelenbildung auf die Identität des Erwachsenen stehen religiöse Texte und deren Autoren: die Schriften der Mad. Guyon, Fenelons, Luthers, Übersetzungen und die Bibel. Reisers kleinbürgerliche Eltern verstehen diese Bücher nicht und doch dringt mit ihnen der gesellschaftliche Zwist der Religionsgemeinschaften in die Intimität der Kleinfamilie:
So wurde der hausliche Friede und die Ruhe und die Wohlfahrt einer Familie Jahre lang durch diese unglücklichen Bücher gestört, die wahrscheinlich einer so wenig, wie der andere verstehen mochte. Unter diesen Umstanden wurde Anton geboren, und von ihm kann man mit Wahrheit sagen, daß er von der Wiege an unterdrückt ward.
Nicht die Eltern, sondern die "unglücklichen Bücher" scheinen die Schuld daran zu tragen, daß der Ort des bürgerlichen Glücks zu einem "Haus der Unzufriedenheit, des Zorns, der Tränen und der Klagen" und die Kinderseele "zu einem Sammelplatze schwarzer Gedanken gemacht" wird. So ist zumindest die Eröffnung des Romans erzählerisch angelegt. Im Gegensatz, zum elterlichen Haus gibt es aber einen Ort, wo die Texte verslanden werden. Im gesellschaftlich isolierten Hauswesen des Herrn von Fleischbein kommen Konflikte wie in der Reiserschen Familie erst gar nicht auf, weil der Patriarch und die von ihm indoktrinierte Religionsauffassung für die Stabilität sorgen:
Dies Haus nun machte für sich eine kleine Republik aus, worin gewiß eine ganz andre Verlassung, als rund umher im ganzen Lande herrschte. Das ganze Hauswesen bis auf den geringsten Dienstboten bestand aus lauter solchen Personen, deren Bestreben nur dahin ging, oder zu gehen schien, in ihr Nichts wieder einzugehen, alle Leidenschaften zu ertöten, und alle liif>enheil auszurotten.
Während die Sekundärliteratur immer wieder Moritz' kritisch- ironisierende Haltung gegenüber den Quictislen herausgestrichen hat,"1' präsentiert der Text ein weitaus ambivalenteres Bild des Fleischbeinschen Hauses, aus dem nicht nur die "unglücklichen Bücher" kommen, sondern auch Antons erste Erfahrungen mit einer Art von Gemeinschaftsharmonie, die ihn für die Übel in der eigenen Familie entschädigen. Zwar kritisiert Moritz die obskure Lehre der Selbstverleugnung und entlarvt z.B. im Hause Lobenstein die frühkapitalistische Rentabilität des quietistischen Zwangs zur Unterordnung, aber andererseits hebt er die soziale Sicherung des Einzelnen in der Sekte hervor und stilisiert Fleischbein zum ersten Ersatzvater Rcisers. In einem weiteren Schritt läßt sich sogar die vorgeschriebene Selbstaufgabc noch positiv deuten, wovon sich die Egozentrik von Reisers Mutter und die Rechthaberei seines Vaters so auffällig abheben. Die Organisation des Fleischbeinschen Hauswesens gleicht in ihrer Struktur Eberhard Stillings Haus, denn auch hier handelt es sich um eine patriarchalische Gemeinschaft, in der Herr von Fleischbein "wie ein Heiliger verehrt" wird. Frauen erscheinen nur als tote Geister oder in untergeordneten Positionen jenseits der konjugalen Familienstrukturierung, so daß sich der von Ehc-pflichten befreite Hausherr der Lebenshaltung der Gemeinschaftsmitglieder "ganz, und ungestört widmen" kann. Der Unterschied zwischen Fleischbeins Haus und Reisers Familie besteht in dieser vom Autor aufgebauten Opposition intersubjektiver Beziehungen. Im quietistischen Kloster begegnet man dem Kind mit "Mitleid" und "liebreiche|m| Betragen", hier trifft Anton auf einen freundlichen Vater, der sich "weit gütiger, als zu Hause, gegen ihn betrug", und findet sogar den "erste[n] Freund seiner Jugend" . Während im religiösen und patriarchalischen Herrrschaftsgcfüge der Einzelne auf der gleichen Ebene wie alle anderen Untergebenen steht und mit ihnen Beziehungen zur gegenseitigen Bedürfnisbefriedigung eingeht, findet das Kind zuhause nur die "erneuerte Zwietracht seiner Eltern" als Ausdruck einer schlechten Ehe, in der insbesondere der Mutter wegen ihres "unaufhörliche[n] Schelten und Toben" die Schuld an den familiären Mißständen gegeben wird. Schließlich macht sie sogar den angenehmen Aufenthalt Antons in der patriarchalischen Gemeinschaft zunichte: "allein diesmal sollte Anton nicht so viel Freude als im vorigen Jahre dort genießen, denn seine Mutter reiste mit" . Der Erzähler zeichnet das Bild einer zerrütteten Ehegemeinschaft, die dem Kind weniger häusliches Glück verspricht als die autoritäre Gemeinschaft. Der labile Vater, der an das Vorbild des Herrn von Fleischbein nicht heranreichen kann, und die egozentrische Mutter, die sich laut Erzähler selbst bemitleidet, verwehren dem Kind die Anteilnahme, die es im traditionellen Hauswesen erfahren hat. Moritz skizziert frühkindliche Sozialisationsbedin-gungen, die allen Prinzipien zeitgenössischer Pädagogik entgegenstehen. Die Aufklärer von Heumann bis Campe hatten sich darum bemüht, mit dem Ausschluß anderer Erwachsener fundamentale familiäre Beziehungsstrukturen dem gesellschaftlichen Einfluß zu entreißen und so um das Kind zu zentrieren bzw. erwachsene Verhaltensweisen so zu regulieren, daß das Kind weder moralisch anstößigen noch emotional aufregenden Handlungen und Reden ausgesetzt wird.12" Im Anton Reiser können die Pädagogen hingegen lesen, daß die Reduktion der Familienmitglieder noch nicht das Glück des Kindes bedeutet. Auf der gleichen Linie sieht die Forschung den Beginn des Romans. Anton wird zum Prototyp des durch familiäre, religiöse und soziale Mißstände "deformierten Charakters" erklärt, der insbesondere unter den übertriebenen religiösen Vorstellungen der Eltern zu leiden hat. In so-ziohistorischer Betrachtung stellt sich das Kleinkinderschicksal Reisers allerdings eher als ein Normalfall dar. Die Kleinfamilie an sich garantiert noch keine kindzentrierte, intentionale Sozialisation, da die Erwachsenen, namentlich die Väter, selbst "ohne eigentliche Erziehung aufgewachsen" , gar nicht wissen, wie sie insbesondere mit Kleinkindern umgehen sollen. Die Reduktion des Haushaltes auf die Vater-Mutter-Kind-Gemeinschafl verengt den Raum für kindliche Bezugspersonen und erfordert von den Eltern, als professionalisierte Pädagogen zu agieren. Zudem werden die Selbstverständlichkeiten im Umgang mit Kindern zielsicher vom pädagogischen Diskurs in Frage gestellt und den Eltern fehlendes erzieherisches Bewußtsein und Wissen vorgeworfen.12' Der Ausschluß von Großeltern, anderen Verwandten und dem Gesinde aus der Haushaltsfamilic wird u.a. von der Literatur fest-geschrieben, wobei sich zugleich die Notwendigkeit einer neuen Definition der Familie im Sinne einer Gefühlsgcmeinschaft ergibt, die gegenüber dem Kind den Verlust anderer Erwachsener kompensiert und an die Stelle des körperlich-funktionalen Umgangs der Vielen symbolisch-moralisierte Kommunikationsformen der Wenigen setzt.1
Auch Moritz hat ein solches Bewußtsein von ideeller Familienorganisation, ohne welches er das häusliche Elend gar nicht so mikroskopisch beschreiben könnte. Er mißt nämlich die moderne Familienbeziehung an der Kategorie der häuslichen Liebe:
In seiner frühesten Jugend hat er nie die Liebkosungen /ältlicher Litern geschmeckt, nie nach einer kleinen Mühe ihr belohnendes Lächeln.
Die Einführung der "Liebe" in die Eltern-Kind-Beziehung geschieht vor dem Hintergrund ihrer Negation in der Darstellung. Das Ideal bürgerlicher Kindheil erscheint im poetischen Text nur negativ, d.h. in der Abwesenheit ihrer notwendigen Kons.titulionsbedingungen, denn die ersten literarischen Kindheiten finden weder in bürgerlicher noch in ausgesprochen liebevoller kleinfamiliärer Umgebung statt und doch werden sie daran gemessen. Die Familie als Emotionsgemeinschaft, die ihre Kinder statt mit Essen mit Zärtlichkeiten ernährt und sie in die Dialektik von Liebesbeweis und Liebesentzug einführt, ist eine Erfindung der zweilen Hälfte des 18. Jahrhunderts. In den popularphilosophischen Schriften der Frühaufklärung wird man vergeblich nach diesem familiären Liebesbegriff suchen. Für Thomasius ist die Vorstellung der familiären Liebe so abstrakt, daß er darunter lediglich die vernünftige Eltern-Kind-Beziehung im Sinne wechselseitiger Pflichten versieht, die darauf zielen, die Differenz zwischen Kindern und Erwachsenen zu beseitigen:
Die Gesellschaft der Lllern und Kinder zielet der Natur nach auf eine verniinffligc ungleiche Liebe/ in erster Linie die naturrechlliche Definition wechselseitiger Rechte und Pflichten, wobei der Ausdruck "Liebe" von dem juristisehen Terminus "Verbindlichkeiten" ersetzt wird. Während Gottsched die "Beförderung der gemeinschaftlichen Glückseligkeit" in der "ehelichen Gesellschaft" postuliert, gibt er sich in seinen Ansichten zum Umgang mit Kindern als Traditionalist zu erkennen, der "die kindliche Furcht" als emotionale Grundlage der Eltern-Kind-Beziehung versteht. Körperliche Liebe oder symbolische Liebesbekundungen spielen im frühaufklärcrischen Diskurs auf einem anderen Schauplatz denn dem der Familie. So wie erotische Liebe und Ehe einander ausschließen, denn "wenn man Hochzeit macht so hat der Liebes-Roman ein Ende"12'', hat auch die Zärtlichkeit keinen Platz im familiären Umgang mit Kindern. Vielmehr polemisiert der die Hausbeziehungen regulierende Diskurs gegen das zu enge Verhältnis zu den kleinen Geschöpfen, was mit dem Ausdruck "thörichte Affenliebe""" gebrandmarkt wird. Die Kontinuität der Vorstellung von elterlicher "Liebe" als Erzeugung von Furcht wird noch im Anton Reiser veranschaulicht, wobei die Zivilisationstechnik zur Verfeinerung elterlicher Autorität, die Schläge in Blicke oder Worte umwandelt, gelegentlich von körperlichen Züchtigungen unterbrochen wird . Doch Moritz legt seinem Helden gerade die Kritik an diesen Vorstellungen und Praktiken in den Mund, denn Anton sehnt sich nach etwas, wovon er wie seine Zeitgenossen kaum eine Vorstellung haben kann:1-"
Woher mochte wohl dies sehnliche Verlangen nach einer liebreichen Behandlung bei ihm entstehen, da er doch derselben nie gewohnt gewesen war. und also kaum einige Begriffe davon haben konnte?
Anton erhält die "Begriffe" von dem, der über seine Empfindungen und Einbildungen schreibt. Der biographische Bericht über das kindliche Seelenleben eines anderen ist zugleich auch immer Schauplatz des Begehrens des Berichtenden, der das Kind sagen läßt, welche Kindheitserfahrungen gemacht und wie sie vor dem Hintergrund des zeitgenössischen Kindheitsdiskurses beurteilt werden könnten. Die Frage nach dem Ursprung von Antons Liebesbedürfnis ist nur eines von vielen Beispielen, wo sich selbsttäuschende Rede des Helden und diagnostischer Bericht darüber derart überschneiden, daß die Unterschiedslosigkeit ihrer Prämissen geradezu zu der Ineinssetzung von Held/Patient und Autor/Arzt einladen. Reisers Wunsch, von den Eltern begehrt zu sein, entsteht dadurch, daß sein Autor an einem Diskurs partizipiert, der Familienbeziehungen emotional strukturiert wissen will, wie z. B. Lessings Plädoyer für die Liebe zu Kindern in Nathan der Weise: "Denn ist/nicht alles, wasman Kindern tut, Gewalt?" woraus er folgert: "Und Kinder brauchen Liebe,/wärs eines wilden Tieres Lieb'auch nur"'32. Vor diesem Hintergrund bedeutet für Anton Reiser Kindheit die Erfahrung elterlicher Gewalt, die das Kind auf seiner Suche nach Liebe und Anerkennung in imaginäre Welten zwingt, die auch der erwachsene Reiser nicht mehr verläßt, erhält er doch nicht einmal "eines wilden Tieres Lieb'". Obwohl der Text diese Sehnsucht nach Liebe, Zärtlichkeit und Anerkennung - wie noch zu sehen ist - endlos fortschreibt, gibt er auf der Darstellungsebene nur eine Antwort auf Moritz' Frage nach Reisers Begriff der Liebe: Reisers/Moritz' Idyllisierung von familiären Gemeinschaften.
Moritz begleitet den Blick des vereinsamten Reiser in "verschiedene häusliche Einrichtungen und Familien in ihren Wohnzimmern versammlet", was "einen so angenehmen Eindruck auf die Seele" macht, daß der Erzähler die Szene als allgemeine Erfahrung auch der übrigen Schüler kennzeichnet, die mit Reiser zum Neujahrssingen durch die Stadt ziehen. Während "seine Mitschüler nun zu Hause gingen, und der zärtlichen Bewillkommung ihrer Eltern entgegen sahn, ging Reiser einsam und verlassen auf der Straße umher" . In einer der Freitischfamilien, nämlich beim philosophischen Schuster Schantz, findet Reiser schließlich einen Ersatz, für "alles Unangenehme seines Zustandes", so daß er sich dort "mit völligem Zutrauen gewissermaßen wie zu Hause fühlte" . Erst die Etablierung der idealisierten Norm der Häuslichkeil, die der Autor zum kulturellen Allgemeingut erhebt, indem er andere aussprechen läßt, was Anton fehlt , ermöglicht die literarische Kritik an den sozialen Umständen der Kindheit. Das Leiden an der eigenen Kindheit ist also genau genommen die Reaktualisierung des angeblichen Ungcliebtseins durch seine Eltern und damit kein ursprüngliches Leiden. Es kann erst auf der Oberfläche des Textes erscheinen, da die elterliche Zwietracht einen Verstoß gegen die Norm der Häuslichkeit darstellt, die im traditionellen Haushalt des Herrn von Flcischbcin noch existiert. Moritz illustriert diese Norm mit einer Ortszuweisung: dem bürgerlichen Wohnzimmer, dessen Romantisierung im 19. Jahrhundert er schon vorwegnimmt, indem er die "häusliche Glückseligkeit" als Keimzelle menschlicher Gesellschaft definiert. Im Wohnzimmer, wo Anton Reiser nur Flüche und Mißhandlungen erlebt, soll das Individuum "Sicherheit, Ruhe, Geselligkeit, Beschützung" und somit den Gegenpol zu einer entfremdenden Außenwelt finden:
In sein eigentliches Wohn/immer, in dem Schöße seiner Familie, drängt sich sein wirkliches Dasein, das durch die bürgerlichen Geschäfte gleichsam zerstreut wurde, am meisten wieder zusammen."
Das politisch ohnmächtige, ökonomisch abhängige Individuum findet nur in der Einsamkeit des privaten Raums zu sich selbst, da die Öffentlichkeit mit ihrer Sozial- und Herrschaftsordnung den bürgerlichen Menschen daran hindert, sich als autonom zu konstituieren. Diese Idealvorstellung von Familie, die das Paradox bürgerlichen Autonomiedenkens unterschlägt , bildet den eigentlichen Hintergrund der Möglichkeit, Reisers familiäres Elend als Ausgangspunkt seiner Daseinsverfehlung zu beschreiben. Reiser wird von der "Idee des Nichtzuhausefindens" verfolgt, da er das elterliche Haus als Ort des Ausschlusses erlebt hat. Während "er allein auf der Stube zurückbleiben mußte", werden die anderen Familienmitglieder "zu einem kleinen Familienfeste gebeten" . Der Ort des projizierten, aber verwehrten Glücks wandelt sich so zum Symbol der "Eingeschränktheit des einzelnen Menschen" . Die Heimatlosigkeit des durch die "lieblosen" Eltern in die Welt getriebenen Kindes findet erst in einer dem Wohnzimmer komplementären Idylle einen Beruhigungspunkt:
Dies Plätzchen war ihm nun, weil er es immer besuchte, auch gleichsam eine Heimen in der großen ihn umgebenden Natur geworden; und er fühlte sich auch wie zu Hause, wenn er hier saß, und war doch durch keine Wände und Mauern eingeschränkt, sondern hatte den freien ungehemmten Genuß von allem, was ihn umgab.
Folgt man Moritz' Modell der lebensprägenden Bedeutung von Kindheitserlebnissen, dann läßt sich die Vorstellung von der Natur als "Heimat" auf jene Phase in der freien Natur beziehen, in der Anton Reiser allein mit seiner Mutter zwei Jahre lang auf dem Lande verbrachte, was der Text als Reisers erste positive Reaktion auf seine Umwelt erwähnt. Der Übergang von der Enge des elterlichen Hauses in die offene Landschaft gewähren dem Kind "ziemliche Freiheit und einige Entschädigung für die Leiden seiner Kindheit" . Die von der ursprünglichen Anschauung der Natur evozierten Vorstellungen "mischen sich noch immer unter seine angenehmsten Gedanken, und machen gleichsam die Grundlage aller täuschenden Bilder aus, die oft seine Phantasie sich vormalt" . Diese Kindheitserinnerung gibt der Autor als "Grundlage" der Täuschung des Helden aus, der das Material des Erinnerten in Phanlasicprodukte umwandelt, d.h. ästhetisiert. Doch auch die Naturanschauung des Kindes ist eine Täuschung, da das Kind die Natur nicht als solche erfährt, sondern als Kompensation für familiäre Mißstände. Die Natur ist nicht an sich schön oder angenehm, erst der Blick der leidenden Kreatur macht sie dazu:
Alles stellte sich ihm auf einmal aus einem andern Gesichtspunkte dar - er fühlte sich aus alle den kleinlichen Verhältnissen, die ihn in jener Stadt mit den vier Türmen, einengten, quälten, und drückten, auf einmal in die große offene Natur versetzt, und atmete wieder freier - sein Stolz und Selbstgefühl strebte empor - sein Blick schärfte sich auf das, was hinter ihm lag, und faßte es in einem kleinen Umfange zusammen.
Die "Naturschönheit" als Kontrapunkt negativ erfahrener gesellschaftlicher Verhältnisse spiegelt das Selbstgefühl des Blickenden. Sie hat ihre positive Qualität nur durch ihre Differenz zur Gesellschaft, die die Menschennatur unterdrückt bzw. von sich selbst entfremdet. Die Nähe von Selbsterkenntnis und Selbsttäuschung wird schon durch diese Gegenüberstellung zweier Zitate evident. Das Selbst des Anton Reiser befindet sich immer auf einer Gratwanderung zwischen Er- und Verkennen, die nur der Erzähler nach Belieben zur einen oder anderen Seite ausschlagen läßt, weil er selbst an dem zivilisationskritischen Antagonismus von Natur und Gesellschaft festhält, demzufolge Natur sowohl eine positive Gegenwelt alsauch eine Täuschung darstellt. Kritisiert er die Reisersche Spiegelung in der Natur als Täuschung, so spricht er andererseits mit Rousseau die gesellschaftliche und familiäre Entfremdung der Menschennatur aus und reproduziert Werthers Gegensatz von Stadt und Land. Die von sich selbst durch familiäre und soziale Unterdrückung entfremdete Menschennatur genießt allerdings nicht das "zu Hause in der großen freien Natur", denn Anton besucht den idyllischen Ort "nie, ohne seinen Horaz oder Virgil in der Tasche zu haben" . In der Natur wird die Landschaft nicht gesehen, sondern als idealisierte in Büchern gelesen, war sie doch auch schon im Wohnzimmer von Moritz nur ein ästhetisches Produkt:
Und doch ist das Wohnzimmer mitten in der großen und offnen Natur so angenehm - denn es hat Fenster, wodurch der Anblick der ganzen schönen Natur bloß ans Auge gebracht werden kann, ohne daß unser Gefühl der Unbequemlichkeit eines rauhen Luftchens ausgesetzt wird.1"'
Die Natur durch das Fenster sehen, eingerahmt wie ein Gemälde, und bei der Kontemplation die Annehmlichkeiten der familiären Wärme nicht missen, das ist der Ausblick auf das 20. Jahrhundert, wenn das Fernsehen sogar die exotische, unverdorbene Natur in die gute Stube holt. Moritz setzt seinen Helden in dieses aus dem Wohnzimmer betrachtete, vom Rczipienten gelesene Bild hinein und läßt den Protagonisten die ästhetische Beschäftigung des Bürgers nachahmen. Bedeutet für Anton die Privatisierung des idealen Bürgers faktisch Vereinzelung, da ihm das häusliche Glück verwehrt wird, so partizipiert er andererseits an der bürgerlichen Vorstellung von Kunst als "schöner Natur", in der er die Erfüllung all jener Wünsche zu finden denkt, die ihm als asozialem und dem Bürger als machtlosem, von sich selbst entfremdetem Subjekt in der gesellschaftlichen Sphäre nicht gewährt werden. Die Unfähigkeit, in der Natur diese selbst zu genießen, wiederholt eine Zivilisationstechnik, die wiederum an das Wohnzimmer rückgebunden ist: in der familiären Sozialisation lernt das Kind lesen, womit es sich für das entschädigen kann, was die Idee häuslicher Glückseligkeit verspricht, aber nicht immer halten kann. Die "unglücklichen Bücher" der Eltern transformieren sich schnell zum "Freund und Tröster" des Kindes. Zugleich wird der negative Einfluß der Schriften auf das Kind fortgesetzt, denn das eigene Lesen bildet die Grundlage für Reisers Verdrängung "aus der natürlichen Kinderwelt in eine unnatürliche idealistische Welt" . Moritz schreibt hier eines der vielen Paradoxa, die den gesamten Roman durchziehen und Reisers Leiden eher als Effekte eines Diskurses über bürgerliche Menschwerdung denn als Leiden seiner Einbildungskraft darstellen. Eine "natürliche Kinderwelt" gibt es nämlich nicht. Mit der vom Diskurs propagierten Ausschließung der Kinder aus der Welt der Erwachsenen, was im Roman als Urszene von Reisers sozialer Isolation beschrieben wird, indem sich Reiser erinnert, wie "seine Eltern ihn oben auf derStube allein gelassen hatten, während daß sie unten bei dem Wirt bei einer Gasterei waren" , ergibt sich die Notwendigkeit, eine neue Welt für Kinder als Ersatz für die verlorene Teilnahme an der Erwachscnenwelt zu schaffen. Der Roman führt ansatzweise eine künstliche Kinderwelt im Sinne der didaktischen Simulation von Erwachsenenwelt im verkleinerten Maßstab vor, in der das kleinbürgerliche Kind noch nicht ankommt. Anton erhält Lesefibeln und Fenelons Telemach zur Lektüre und spielt das Gelesene nach, doch gerade diese Welt denunziert Moritz als "unnatürliche". Folglich kann sich die "natürliche Kinderwelt" nur auf die Welt der Kinder beziehen, d.h. des Verbandes Nichterwachscncr auf der Straße und in der Nachbarschaft. An diesen Gemeinschaften nimmt jedoch Anton nicht teil, denn er scheint auch von anderen Kindern isoliert zu werden, nicht zuletzt deshalb, weil die Eltern ihn angeblich zur eingebildeten Minderwertigkeit erzogen haben. Die Widersprüche erscheinen gleich auf mehreren Ebenen. Moritz, mißt die sozial deklassierte Kleinfamilie an einem literarisch konstituierten Ideal, nämlich der patriarchalischen Häuslichkeit, deren Binnenbeziehungen er wiederum nach dem Modell der kindzentrierten, auf Gefühlen gegründeten Kon-jugalfamilie beurteilt. Zugleich lehnt er aber die kleinfamiliäre Kultivierung einer eigenen Kinderwelt als "unnatürlich" und "idea |