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Die auto-biographische erfindung der kindheit: jung-stilling, bräker, moritz

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Das Kind, die symbolische Ordnung, das Buch



Von der Kindheit in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts zu erzählen, bedeutet auch vom Umgang des Kindes mit der Sprache und den modernen Kulturtechniken Lesen und Schreiben im Sozialisationsprozeß zu reden. Während bei Geliert oder auch bei La Roche das Problem des richtigen Verstchens galanter Liebesrhetorik bzw. der moralischen Rede und die damit unmittelbar zusammenhängende Sozialisation der Frau im Mittelpunkt des Romans stehen, präsentiert Moritz auf vierhundert Seiten die Erfahrungen eines Kindes mit einer Welt, die nur aus Stimmen und Zeichen zu bestehen scheint. Im Gegensatz zu Jung-Stillings bedenkenloser Absorption der kindlichen Identität in der großväterlichen Rede und Bräkers nachträglich reflektierten Irritationen über den Einbruch der Vaterstimme, gegen die er sein imaginäres Ich verteidigt, spielt Moritz fast alle Möglichkeiten durch, wie ein Subjekt der Rede des anderen ausgeliefert ist und sich verzweifelt bemüht, ihrer Herr zu werden. Anton ist das Produkt und zugleich Opfer des elterlichen Bespre-chens und der symbolischen Ordnung selbst. Anstatt jedoch diese und damit sein "ich" zu akzeptieren, setzt er der oktroyierten Identität seine imaginierte entgegen, indem er den Zeichen seine eigenen Bedeutungen gibt. Der Roman setzt mit einem indifferenten elterlichen Stimmengewirr ein, welches einen solchen Eindruck auf die Psyche des Kindes macht, daß es als Erklärungsmuster für Reisers abnormes Verhalten den Text nicht mehr verläßt:
Die ersten Töne, die sein Ohr vernahm, und sein aufdämmernder Verstand begriff, waren wechselseitige Flüche und Verwünschungen des unauflöslich geknüpften Ehebandes.
Anton wird in eine instabile, da auf Emotionen gegründete elterliche Gemeinschaft hineingeboren, in der die Eltern täglich durch symbolische Interaktion ihre Beziehung zueinander definieren, sei es Haß oder Liebe. Anstatt nur neutraler Beobachter zu sein, wird das Kind selbst von den Sprechakten der Eltern betroffen, da die Eltern auch ihre Liebe bzw. Ignoranz gegenüber dem Kind sprachlich bekunden, wodurch das Kind die reziproke Struktur von familiären Gefühlsbeziehungen erfährt, was wiederum das Kind zwingt, alles zu tun, "um sich bei seinen Eltern beliebt zu machen" . Bei dem Anspruch auf familiale Liebe handelt es sich jedoch nicht um eine "natürliche" Selbstverständlichkeit oder gar um ein Recht des Kindes, wie z.B. bei der gesellschaftlich überwachten, körperlichen Versorgung und moralischen Unterweisung des Kindes , sondern um den Wunsch nach einer zusätzlichen "Gabe", die nichts mit der Bedürfnisbefriedigung zu tun hat , sich allerdings hinter dieser verschanzt, und zudem immer von einer privilegierten Person, in der Regel von der Mutter, in Form ihrer artikulierten Zuwendung erwartet wird.IM Antons Wünsche an seine Eltern sind aber selbst von diesen erst in einer spezifischen Form produziert, sein Anspruch auf elterliche Liebe stellt sich als Effekt ihrer Lieblosigkeit dar, die das Kind aus ihren Reden wie z. B. bei der Geburt seines Bruders deduziert:
Da er noch nicht acht Jahre alt war, gebar seine Mutter einen zweiten Sohn, auf den nun vollends die wenigen Überreste väterlicher und mütterlicher Liebe fielen, so daß er nun fast ganz vernachlässigt wurde, und sich, sooft man von ihm sprach, mit einer Art von Geringschätzung und Verachtung nennen hörte, die ihm durch die Seele ging.
In das Wachs der kindlichen Seele ritzen sich die Reden der anderen ein, die erst im "du bist" die Identität des Kindes innerhalb der familiären Ordnung konstituieren und von einem Recht des Erstgeborenen nichts wissen. Es handelt sich hierbei nicht um die Diskurse der Moral , sondern um die Definition von Beziehungen, die wiederum pädagogische Disziplinierungen und sogar die Banalität von Alltagsreden begleiten, mithin jedem Sprechakt in einer Kommunikationssituation eigen sind:
Schon als Kind, wenn alle etwas bekamen, und ihm sein Anteil hingelegt wurde, ohne dabei zu sagen, es sei der seinige, so ließ er ihn lieber liegen, um nur die Süßigkeit des Unrechtleidens zu empfinden, und sagen zu können, alle andren haben etwas, und ich nichts bekommen.
Moritz erklärt seine genaue Beobachtung der kindlichen Eifersucht auf die Geschwister mit der Vererbung des mütterlichen, masochistischen "Mitleid|s] mit sich selber" , aber der Genuß an der imaginierten Versagung elterlicher Bedürfnisbefriedigung verweist auf ein anderes. Sind die Bedürfnisse gestillt, ist das Kind dennoch nicht befriedigt, weil der Liebesbeweis fehlt. Das Kind begehrt, von den Eltern als besonderes benannt zu werden, bezieht deshalb alle Re-den des anderen auf sich selbst und deutet sogar Äußerungen über Sachverhalte, spontane Redewendungen oder verbale Wutausbrüche lediglich auf der Beziehungsebene der sprachlichen Kommunikation. Dieses Anreden erscheint im Anton Reiser als "fremdes Wort" oder als ein Reden der Eltern und Autoritäten über das Kind, welches dadurch sein Selbst immer als fremdbestimmtes erfährt. Wahrend seiner Fußerkrankung wird Anton von den Eltern aufgegeben, ihm wird gar sein Sein abgesprochen, denn "er hörte beständig von sich wie von einem, der schon wie ein Toter beobachtet wird, reden" ; als die Eltern schließlich infolge einer bevorstehenden Amputation "die ersten Äußerungen des Mitleids gegen ihn" verlauten lassen, macht das "wegen der Seltenheit einen desto starkem Eindruck auf ihn" . Das Kind klebt an den Lippen der Eltern, von denen es Anerkennung und Liebesbeweise erwartet. Dadurch wird es zum Interpreten der Rede des anderen und verwirft diese oder identifiziert sich mit ihr, um "Ich" zu sagen. Die schon in der Bedürfnisbefriedigung so evidente Abhängigkeit des Kindes von den Eltern erhebt hier den anderen zu einer monumentalen Instanz, die das Urteil über das Subjekt spricht, obwohl der personale Andere doch selbst vom fremden Urteil abhängt, da die reziproke Struktur intersubjektiver Beziehungen die Seinsfrage des Subjektes am Ort des Anderen entscheidet. Von den Eltern geliebt werden zu wollen, die sich selbst nicht einmal erfüllend lieben können, bedeutet, an diese einen Anspruch richten, der unerfüllbar ist und das Begehren des Kindes bis zum Erwachsenen aufrechthält. Lacans Definition vom Begehren trifft mit ihrer inhärenten Herr-Knecht-Dialektik intersubjektiver Beziehungen die logische Grundlage von Reisers Verkennung der Macht seines Gegenübers:
Begehren ist, was manifest wird in dem Zwischenraum, den der Anspruch diesseits seiner selbst aushebt, insofern das Subjekt, indem es die signifikante Kette artikuliert, das Seinsverfehlen an den Tag bringt mit dem Appell, das Komplement davon vom Anderen zu erhallen, insofern der Andere, Ort des Sprechens, auch der Ort dieses Verfehlens ist. Was damit dem Andern zu erfüllen aufgegeben ist und eigentlich das ist, was er nicht hat, da auch ihm das Sein abgeht, ist das, was Liebe heißt, aber auch Haß ist und Ignoranz."',
Intersubjektives Sprechen heißt einen Mangel artikulieren, den der Sprechende vom Anderen kompensiert wissen will, der selbst den Mund aufmacht, weil ihm etwas fehlt. Dabei muß es sich nicht einmal um die als Aussage verkleidete Frage "Ich liebe dich!?" handeln, mit der man so gerne hören möchte, daß man selbst geliebt wird. Wie kaum ein anderer literarischer Held demonstriert Anton Reiser, daß jede beliebige Äußerung des Anderen als Urteil des Herrn über den Knecht gedeutet werden kann. Im Laufe seiner Kindheit und Jugend wiederholt er mehrmals die Urszene der Selbstkonstitution in der Rede des Anderen. Der Sohn verbleibt in der Position des gedemütigten Knechtes, indem er sich dem Wort der Eltern, Lehrer oder Mitschüler bedingungslos ausliefert, weil er unablässig begehrt, von diesen anerkannt zu werden. Als der Inspektor ihn "dummer Knabe!" nennt, glaubt Anton, "in dem Augenblick vernichtet zu sein" ; bei der Bemerkung des Kaufmanns "ich meine Ihn ja nicht!" kommt sich Anton "so unbedeutend, so weggeworfen, so nichts vor" ; schließlich bringt ihn der väterliche "Fluch [...] der Verzweiflung nahe" . Dabei handelt es sich nicht immer um Ablehnung und Ignoranz. Die öffentliche Anrede mit der latinisierten Form seines Namens, "Reiserus", durch den Gymnasialdirektor "schmeichelte Reisern nicht wenig, [...] denn mit dem'us'an seinem Namen erwachte auf einmal die ganze Reihe von Vorstellungen, einmal ein berühmter Gelehrter zu werden" . Strukturell sind aufmunterndes Lob, Anerkennung und vernichtendes Urteil das gleiche, da Anton im Sprechen des Anderen den Ort seiner Scinserfüllung bzw. -Verfehlung glaubt, indem er die Bedeutung des Signifikanten überdeterminiert. Die Imagination, der andere zu sein , wird in der Hinbildung fortgesetzt, der Andere spreche die - wenn auch vernichtende - Wahrheit über das Ich aus.
      Moritz läßt seinen Helden selbst die Reihe der Demütigungen, gegen die sich im Augenblick des Geschehens kein narzißtisches Ich erhebt, in der unbewußten Erinnerung sammeln. Die Wiederholung der analogen Situation imaginiert Anton als die Realität des vom Anderen ausgesprochenen "lästig gewesen seins" und reaktualisiert damit das entsprechende Gefühl. Sogar im Prozeß der retrospektiven Bewußtmachung seiner Reaktionen auf die Umwelt verdrängt er die Wirkung der Reden der Anderen:
Diese Worte ließen einen Stachel in seiner Seele zurück, den er vergeblich wieder herauszuziehen suchte ob er dies gleich sich seiher nichl eigentlich gestand, sondern seinen Unmut und Lebensüberdruß, aus allgemeinen Betrachtungen über die Nichtigkeit des menschlichen Lebens, und die Kitelkeil der Dinge, herzuleiten suchte - )
Demgegenüber sieht der erzählende Arzt Antons Selbsterniedrigung als Wiederkehr eines Signifikanteneffekts an, den er auf die Auswirkungen einer mißlungenen Sozialisation zurückdatiert:
Hs war die unverantwortliche Seelcnlühmung durch das zurücksetzende Betragen seiner eignen Eltern gegen ihn, die er von seiner Kindheit an noch nicht hatte wieder vermindern können.
Die Beziehung zwischen "Seelenlähmung" und Signifikantenordnung stellt Moritz selbst her, indem er die Reaktion des Kindes auf seine Umwelt der Zeichen und Töne sprachpsychologisch zu erklären versucht. Durch die Reden der Eltern scheint für den jungen Reiser schon beim Spracherwerb das Verhältnis von Sprache und Denken gestört worden zu sein. Der Erzähler verweist immer wieder auf die Urszene der ersten Eindrücke, in denen sich das Kind nach Zeichen der Eltern sehnt, allerdings anderen als den gehörten. Ein Blick in Moritz' sprachtheoretische Schriften klärt den sozialpsychologischen Zusammenhang von Spracherziehung und Kinderseele. In seinen verschiedenen Untersuchungen zur Sprache in historischer, didaktischer oder erkenntnistheoretischer Hinsicht beharrt Moritz auf einem fundamentalen Nominalismus und der Idee der klassifikatorischen Sprachfunktion, was auch den Hintergrund der Sprachüberlegungen im Anton Reiser abgibt. Moritz nimmt an dem Hauptgedanken des zeitgenössischen Diskursesteil, daß nämlich Sprache und Denken zusammenhängen und deshalb jede Erziehung eine Erziehung zur Sprache ist. In seinem Aufsatz "Auch eine Hypothese über die Schöpfungsgeschichte Mosis" skizziert er die Spracherziehung als Einführung in das Benennen, Unterscheiden und Erinnern, wobei sein Beispiel interessanterweise die Differenzierungsfunktion von Sprache an der Identifizierung fami-lialer Positionen festmacht:
Mit den ersten Tönen aber, die unser Mund stammeln lernte, fing es auch an, in unserer Seele Licht zu werden. Als wir zuerst die süßen Namen: Vater und Mutter, lallten; da konnten wir in ihnen schon unsere zärtlichsten Freunde, sowohl von der toten als leblosen Welt, als von allen übrigen Menschen unterscheiden. Nun war schon ein festes Bild in unsrer Seele, wo sich mehrere anschließen konnten, die demselben eines nach dem andern folgten; und so entstand allmählich das wunderbare, starke Gewebe unsrer Gedanken, welches nun durch die Zeit so fest in einander gewürkt ist, daß nicht leicht ein Faden daraus verloren gehen kann.1

   Im Anton Reiser scheint im Hinblick auf diese Normierung der Spracherziehung etwas falsch gelaufen zu sein. Wie bisher gesehen, haben die elterlichen Namen für Anton keinen "süßen" Klang. Reisers "festes Bild" liebloser Eltern in seiner Seele liest sich als Abweichung vom Normalfall, allerdings entspricht seine negative Vorstellung von seinen Mitmenschen der gleichen sukzessiven Logik der ursprünglichen Seelcnbeschriftung. Die Unfähigkeit des erwachsenen Reisers, die Fäden seines Lebens in der Reflexion durch richtige Verknüpfung der sprachlichen Erinnerungen in einen sinnvollen Kontext zu bringen, der das Bedeutende vom Nebensächlichen, das nur Eingebildete vom adäquat Vorgestellten trennt und so Licht in das Dunkle eines Menschenlebens bringt, erklärt der Erzähler aus dem familiär produzierten Versagen des Helden. Die Selbsttäuschung ist dann ein Effekt der falschen Kleinkindcrsozia-lisation, an die sich Anton unbewußt erinnert, indem er die gleichen Fehler der Signifikation reproduziert. Im Magazin hingegen erläutert Moritz, daß die Struktur von Kindheitserinnerungen selbst die Täuschung ermöglicht. Er unterscheidet zwischen traumartigen Reaktualisierungen von Empfindungen, die sich an einer erinnerten Situation orientieren , und den Eindrücken, die Gegenstände im Gedächtnis hinterlassen haben, wobei sich allerdings der Rcalitätsbezug verändert:
In der kindischen F.inbildungskraf't stellen sich die kleinen Gegenstände viel größer dar, als sie sind, und die großen laßt sie nicht.
Diese von der Einbildungskraft im Akt der Verinnerlichung falsch eingeschätzte Proportionalität der Dinge konstituiert ihren Zeichenwert, d.h. ihre Bedeutung. In der Erinnerung wird dann nicht nur der "Gegenstand" als Zeichen vergegenwärtigt, sondern auch der falsche "Gesichtspunkt" als eingebildete Zeichenrelation des Kindes. Daraus ergibt sich in den Augen des Erzählers eines von Reisers Hauptleiden, welches sich später als egozentrische Perspektive des Ichs in Bezug auf Dinge und Menschen überträgt: so wie sich Reiser einbildet, der andere zu sein, mißt er den Signifikanten - in Moritz' Sicht - die falschen Signifikate zu, die den Zugang zum Referenzobjekt versperren. Allerdings sind Moritz' Beispiele für den verfehlten Umgang seines Helden mit der Zeichenwelt alles andere als überzeugend, denn sie stecken voller Widersprüche und lesen sich eher so, als habe der analysierende Erzähler die falsche Perspektive auf das Kind und seine Lebenswelt. Das Auseinandertreten von dargestellter Kinderwirklichkeit und psychologischem Kommentar relativiert das Konstrukt "Verkennung" und macht aus dem Außenseiter fast das Normalkind. Mit der knappen Formulierung, daß "das jugendliche Gemüt immer mehr an den Zeichen als an der Sache" hänge, versucht Moritz zu erklären, warum Reiser, für den Erzähler absolut unverständlich, Gefallen an den Handwerksbräuchen findet und sogar als Träger einer "schwarzen Schürze" glaubt, "einen gewissen Stand zu bekleiden" . Moritz' implizite Kritik an Reisers pragmatischem Zeichenrealismus ist obskur, weil sie unterstellt, daß es eine Realität jenseits ihrer gesellschaftlichen Signifikation gibt, . Moritz deutet also eine vorbürgerliche Wirklichkeit nach Maßgabe eines bürgerlichen Ideals, gegen das der jugendliche Held verstößt. In einer Gesellschaft, die noch Kleiderordnungen erläßt und ihre ständische Organisation mittels Insignien öffentlich bewußt macht,"' scheint es doch eher ein sowohl kindgemäßer als auch intelligibler Akt zu sein, wenn sich Reiser mit den Zeichen identifiziert, die durch ihre Konnotalion die Sache schon gar nicht mehr erkennen lassen. Außerdem hat Reiser schon seit seiner Kindheit die gesellschaftliche Macht der Zeichen zu spüren bekommen. Die bürgerliche Idee des bloßen Menschseins prallt auf eine soziale Realität, die dem Individuum mit der Kleidung Stand und Herkommen auf den Leib brennt: Anton glaubt "wegen seiner armseligen, schmutzigen, und zerrißnen Kleidung" von anderen Kindern ausgeschlossen oder "wegen seines schlechten Aufzuges" nicht auf das Familienfest mitgenommen zu werden und identifiziert sich stets mit seiner zweiten Haut, bis schließlich "seine Schuh [...) einen unersetzlichen Teil seines Selbst ausmachten" . Zeitlebens wiederholt sich diese gesellschaftliche Distinktion des Individuums durch seine Kleidung, was sich im erwünschten, verweigerten und schließlich zugestandenen Schulrock Reisers symbolisiert, der "ihm Mut und Zutrauen zu sich selber" einflößt, aber auch ermöglicht, "mehr Achtung bei andern zu erwerben" . Was der Erzähler als individuelle Überdetermination des Zeichens ausgibt, liest sich als die identitätskonstituierende Abhängigkeit des Einzelnen von den gesellschaftlichen Zeichen, die natürlich mit der bürgerlichen Idee des "Reinmenschlichen" kollidiert. Aber auch Antons Aufwertung von Gegenständen zu Symbolen läßt sich auf einen gesellschaftlichen Ursprung und nicht so sehr auf Antons Verkennung beziehen. Die bedeutungsträchtigsten Zeichen im Anton Reiser sind Türme, Stadttore, Wälle, etc., die der Held jeweils mit bestimmten Assoziationen verbindet:
Bei seinen Schmerzen nun, die er am Fuße duldete; bei aller Bedrückung von seinen Eltern, worunter er seufzte; was war sein Trost? was war der angenehmste Traum seiner Kindheit? was sein sehnlichster Wunsch, über den er oft alles vergaß? - Was anders, als die nahe Beschauung des Zifferblatts und der Galerie am neustädtischen Turme in H..., und der Glocken, die darin hingen.
Die kompensatorische, "oft in nächtlichen Träumen" wiederkehrende Kinderphantasie, die sich später genau ins Gegenteil verwandelt und den Türmen eine ne-gative symbolische Bedeutung zuschreibt, hängt allerdings nicht am Gegenstand selber, sondern am Signifikanten, denn sie ist erst von den Reden anderer hervorgebracht worden:
|...| von der Größe dieser Glocke hatte er von Kindheit an gehört, und seine Einbildungskraft vergrößerte das Bild in seiner Seele noch zu unzähligen Malen, so daß er sich davon die romanhaftesten und ausschweifendsten Ideen machte,
Anton hat als Kind von der Glocke und seiner Größe gehört. Selbst wenn er schon einmal eine Glocke gesehen hat, bezeichnen erst die Reden der Erwachsenen die Besonderheit dieser einen Glocke mit der Beschreibung der abstrakten Kategorie der Größe. Damit ergibt sich für das Kind weniger das Problem der falschen Referentia-lität oder Perspektive, wie Moritz oben im Magazin behauptet, sondern das Problem der Signifikation, jene intelligible Prozedur des sprachlichen Schematismus, mit der dem allgemeinen Sprachzeichen eine individuelle Bedeutung beigemessen wird. Wenn der Erzähler mit der immer wiederkehrenden Glockenepisode Reisers "falsches" Verständnis der Zeichen- und Dingwelt als Ausgangspunkt seiner Verkennung anprangert, verraten die negativ konnotierten Adjektive "romanhaft" und "ausschweifend" die eigentliche Zielrichtung der Kritik am Helden. Es geht um die unkontrollierte Einbildungskraft, die sowohl Sinn als auch Unsinn erzeugen kann und den Unterschied zwischen Er- und Verkennen äußerst minimal erscheinen läßt.
      Damit ist der wohl umstrittenste psychologische Begriff der Spätaufklärung angesprochen. Die Einbildungskraft gefährdet nicht nur das moralische Wohl von Kindern , sondern ist zugleich wichtigstes Instrument der Sprachsozialisation. Erst dieses produktive Vermögen überwindet die Spaltung des sprachlichen Zeichens in Signifikat und Signifikant. In seiner Kinderlogik erhebt Moritz selbst die Einbildungskraft zum Bestandteil des Denkens, die das Disparate der Anschauungen mittels sprachlicher Synthetisierung ordnet:
Die wahre Einheil ist also unsichtbar - Alles was wir sonsl eins nennen, ist bloße Tauschung, weil wir dasjenige, was eigentlich außereinander ist, als ineinander denken - Nicht die Sache, sondern unsere Vorstellung von der Sache ist eins geworden - so ist das ganze Universum in uns-rer Vorstellung eins geworden -"'''
Wendet man diese Überlegungen auf den Anton Reiser an, so ergibt sich ein paradoxes Bild: die Verkennung des Helden, sein Zusammendenken des Auseinanderlie-genden, ist zugleich auch eine konstitutive Kategorie der "Denkkraft". Reisers Täuschung ist demnach nicht so sehr Resultat seiner falschen Perspektive auf die Welt oder seiner Einbildungen einer Einheit mit dem anderen, sondern unumgänglicher Effekt der Einführung des Kindes in die symbolische Ordnung, die das Kind erst befähigt, sich als denkendes Wesen das einzubilden, was nicht ist: den abwesenden Gegenstand, die abstrakte Idee oder die eigene Identität wie die des anderen. Die Schwierigkeit des Erzählers, zu entscheiden, was nur Einbildung oder Idee seines Helden ist, liegt auf der Hand. Moritz kann das Problem der "falschen" Signifikation noch nicht als Abhängigkeit des sinnvermeinenden Subjekts von der Sprachordnung erkennen. Seine genauen Beobachtungen der Einführung des Kindes in die Sprache illustrieren aber genau diesen gewaltigen Bruch, der sich zwischen innerpsychischen Signifikaten und den gesellschaftlichen Signifikanten auftut.
      Anton Reiser erhält seine Identität durch die Sprache des Anderen, sei es als vernichtendes Urteil oder als anerkennendes Lob, in beiden Fällen aber durch das gesprochene Wort, das sich dem Kind in mehrfacher Weise einschreibt, denn es ist vom Klang der Worte affiziert:
Überhaupt pflegte Anton in seiner Kindheit durch den Klang der eignen Namen von Personen oder Städten zu sonderbaren Bildern und Vorstellungen von den dadurch bezeichneten Gegenstanden veranlaßt zu werden.
Moritz erklärt dieses Verhalten aus der Unkenntnis der Gegenstände, so daß das Kind versucht, aus den wenigen signifikanten Anhaltspunkten ein eigenes Signifikat zu schaffen, was aufgrund der sich in der Zeit aufhebenden lautlichen Konsistenz des sprachlichen Zeichens sieh auch umso einfacher gestaltet. An mehreren Stellen hebt Moritz hervor, daß insbesondere die Mündlichkeil der Sprache der Einbildungskraft des Kindes freien Lauf läßt. Anton imaginiert sich neue Bedeutungen von Worten, identifiziert sich nur mit dem Pathos der Rhetorik in den Predigten des Pfarrer Paulmann oder assoziiert seine individuellen Vorstellungen mit dem Klang des Signifikanten. Auch dieser besondere Umgang mit dem erklingenden Wort reaktualisiert Kindheitserlebnisse, denn neben den elterlichen Tönen der Lieblosigkeit erinnert sich Anton an das gemeinsame Singen der Lieder der Madam Guion im elterlichen Haus, was er als "ein Zeichen der so seltnen wechselseitigen Harmonie und Übereinstimmung bei seinen Eltern" deutet und später als den positiven "Ton der Stimme der Eltern" betrachtet. Die von außen, vom gesprochenen Wort angeregte Einbildungskraft ermöglicht dem Kind die Präsenz seiner eigenen Signifikate und damit auch die Selbstpräsenz im Akt seiner imaginären Schöpfungen, da der instabile Signifikant der verklingenden Rede die Möglichkeit sprachlosen Denkens, d.h. eines ungestörten Bei-sich-seins suggeriert. In diesem Konflikt zwischen dem angeeigneten und dem fremden Wort des Anderen oszilliert das Ich, dessen Identität in eine imaginäre und symbolische gespalten ist, was sich im Rahmen von Lacans dezentrierender Subjekttheorie wie folgt darstellt. Mit dem "Spiegelstadium", der "jubilatorischen" Aufnahme des eigenen Spiegelbildes beim Kleinkind im Alter von 6-18 Monaten als Identifizierung des ganzheitlichen Ichs mit einem anderen entwickelt sich das autonome Ich , welches als Selbstbewußtsein oder Subjekt der Aussage der gleichen Verkennung wie das Kleinkind folgt, nämlich im anderen das mit sich selbst Identische zu sehen, und damit zugleich die Abhängigkeit vom Anderen zu verleugnen. Dieses ontogenetisch hergeleitete Ich des Imaginären , das narzißtische Ich, das reflexive Ich des Selbst-bewußtseins oder das Subjekt des Signifikats, ist jedoch nicht nur auf den anderen zwecks Selbstkonstitution angewiesen, sondern zugleich auch in das ganz Andere verstrickt, das die eingebildete Selbstgewißheit und Ganzheit des Ichs bedroht. Das Ich des Symbolischen liest sich mit Lacan als Effekt der Signifikantenkette, als Ich der Äußerung oder Subjekt des Signifikanten, welches von außen konstituiert wird.

     
   Im Anton Reiser ist die Differenz von symbolischem und imaginärem Ich familiär codiert, denn sie repräsentiert den Unterschied der Geschlechter, die das Kind besprechen. Dabei wird das auf Emotionen zielende gesprochene Wort der Frau zugeordnet:
Aber von seinem zweiten und dritten Jahre an erinnert er sich auch der höllischen Qualen, die ihm die Märchen seiner Mutter und seiner Base im Wachen und im Schlafen machten: [...]
Die Welt der Einbildungen, des Aberglaubens und der Märchen ist eine Frauenwelt, an dessen Mündlichkeit das Kleinkind teilnimmt und von der es erst Material für seine eigenen Imaginationen erhält, denn so wie sich das Selbstmitleid der Mutter auf das Kind vererbt haben soll, "teilte ihm seine Mutler auch eine kindische Furcht vor dem Gewitter mit" . Neben Angstträumen erfährt das Kind aber auch lustvolle Phanlasiegebilde aus der mütterlichen Rede. Wenn Reiser später nicht mehr am Muttermund, sondern an dem des Prediger Paulmanns klebt, fließen die gehörten Worte "wie Honig von seinen Lippen" und geben Antons "Phantasie ein neues Spiel" . Es scheint kein Zufall zu sein, daß just in dem Augenblick, wo das die Mutterstimme ersetzende Predigerwort Antons eigenen Signifikaten freien Laufläßt, ein "sehr junges Frauenzimmer" seine Einbildungskraft erfaßt und "auf Antons Herz einen Eindruck" machte, "den er bisher noch nicht gekannt hatte" . Die verklingenden Worte der Predigt versetzen Reiser in Empfindungen, die nichts mehr mit dem religiösen Kontext der priesterlichen Rede zu tun haben, aber die Grundlage dafür bilden, daß das Bild der jungen Frau "nie in seiner Seele verloschen" ist. Schließlich kehrt die Rede der Mutter wieder zu ihr zurück, denn in der gemeinsamen Sympathie für das gesprochene Wort und den von ihm evozierten Gefühlen vereinigen sich die Seelen von Mutter und Sohn zu der Symbiose, die sich Reiser immer gewünscht hat:
Und so bald er nur mit seiner Mutter allein war, was konnte er wohl anders tun, als ihr von dem Pastor P... erzählen? - Sie halte ohnedem eine unbegrenzte Khrfurcht gegen alles Priesterliche, und konnte mit Anton recht gut in seinen Gefühlen für den Pastor P... sympathisieren. - O! welche selige Stunden waren das, da Anton so sein Herz ausschütten, und stundenlang von dem Manne sprechen konnte, gegen den er, unter allen Menschen auf Erden, die meiste Liebe und Achtung hatte.
Das Kind gibt nur wieder, was die Mutter ihm eingegeben hat, indem Anton ihr Begehren zu seinem eigenen macht und letztlich nicht den Pfarrer anerkennt, sondern die mütterliche Rede über diesen. Bei der gesprochenen Sprache, die das Kind in der Regel zuerst aus dem mütterlichen Mund vernimmt und die wie die mütterlichen Augen oder ihre Brust zu imaginären Identifikationen einlädt, die zudem libidinös besetzt werden können, suggeriert die Zerstörung des Signifikanten die Fülle, Identität und Präsenz des Signifikats, einen fließenden Sinn, der die Seelen der Kommunizierenden nur für Bruchteile von Sekunden zu verlassen scheint und die Selbstgewißheit des Subjekts hinsichtlich der Verfügungsgewalt über die Signifikate kaum in Frage stellt. Gegenüber dieser Seelenvereinigung im quasi sprachlosen Kommunizieren der Signifikate vertritt der Vater eine andere Sprache und ein anderes Sprechen, welches nicht auf der Mündlichkeit, sondern auf dem "Lesen nützlicher Bücher" beruht:
Kr redete daher auch eine Art von Büchersprache, und Anton erinnert sich noch sehr genau, wie er im siebenten oder achten Jahre oft sehr aufmerksam zuhörte, wann sein Vater sprach, und sich wunderte, daß er von allen den Wörtern, die sich auf heit, und keil, und ung endigten, keine Silbe verstand, da er doch sonst, was gesprochen wurde, verstehen konnte. Auch war Antons Vater außer Hause ein sehr umgänglicher Mann, und konnte sich mit allerlei 1-euten über allerlei Materien unterhalten.
Das Kind versteht die abstrakte Sprache der Rationalität nicht. Keine angsterregenden Bilder oder lustvollen Gefühle lösen die vom Vater artikulierten Signifikanten aus, denn sie sind die reine Sprache, lautliche Substanz einer Schrift, die der kleine Anton noch nicht lesen kann. Diese Zeichen repräsentieren nichts als sich selbst und ihre Differenz zueinander, aber sie erfüllen "außer Haus" eine wichtige Funktion, da sie erst den Zugang zum Anderen, zur Gesellschaft und der Signifikation des Allgemeinen erlauben. Diese Sprache, die der heranwachsende Anton erst mit dem Lesen nach der Buchstabiermethode und mit dem sinnlosen Deklamieren und Auswendiglernen in der lateinischen Stadtschule erfährt, bleibt ihm zeitlebens fremd und steht im diametralen Gegensatz zu der die kindliche Phantasie entzündenden Muttersprache, die sich wiederum nicht schreiben läßt, denn selbst im "seligen Vorgefühl" seiner eigenen dichterischen Ideen "konnte die Zunge nur stammelnde einzelne Laute hervorbringen" . Gegen Antons offensichtlichen, auf die Mutter und das imaginäre Ich verweisenden Phonozentrismus schildert Moritz eine Anekdote, die sich heute auch als Kritik an der metaphysischen Sprachauffassung lesen läßt, die Sprache als Repräsentation eines Denkens, eines Signifikats, eines Selbstbewußtseins ansieht:

  
Nichts klang ihm z. B. rührender und erhabener, als wenn der Präfektus anhub zu singen:
Hylo schöne Sonne

Deiner Strahlen Wonne
In den tiefen Flor -Das Hylo allein schon versetzte ihn in höhere Regionen, und gab seiner Einbildungskraft allemal einen außerordentlichen Schwung, weil er es für irgend einen orientalischen Ausdruck hielt, den er nicht verstand, und eben deswegen einen so erhabnen Sinn, als er wollte, hineinlegen konnte: bis er einmal den geschriebenen Text unter den Noten sähe, und fand, daß es hieß: Hüll' o schöne Sonne, usw.
Rcisers Imaginationen werden vom geschriebenen Signifikanten zerstört, alle Empfindungen und Vorstellungen auf einen Übertragungsfehler mündlicher Kommunikation reduziert. So wie die gesellschaftliche Kleidersymbolik dem Kind die soziale Scham einprägt, bestimmt die Signifikantenkette in der Differenz von "Hylo" und "Hüll' o" die allgemeinen Signifikate, die Reisers Vorstellungen als Einbildungen denunzieren. Von entscheidender Bedeutung für die Subjektkonstitution ist hier der im Unterschied zwischen geschriebener und gesprochener Sprache repräsentierte Zugang des Subjekts zum Signifikanten. Anton erfährt den Signifikanten, über den er nicht mehr verfügt, was ja auch das "fremde" gesprochene Wort sein kann, als "Scheidewand", die sich zwischen ihm und den anderen aufbaut. Unzählige Male versucht er die Selbstgewißheit seiner selbst, die Selbstpräsenz seiner Signifikate, mit anderen Worten sein imaginäres Ich , gegen den Anderen und seine Sprache durchzusetzen. Als er sich einmal mit Philosophie beschäftigt und versucht, ohne Sprache sich selbst gegen die sozial und familiär erfahrene Beschränkung seiner Existenz zu begründen, wird sein Bemühen von den Worten begrenzt, die als "eine bretterne Wand, oder eine undurchdringliche Decke" das Denken der Signifikate hemmt:
Er stieß hier an die undurchdringliche Scheidewand, welche das menschliche Denken von dem Denken höherer Wesen verschieden macht, an das notwendige Bedürfnis der Sprache, ohne welche die menschliche Denkkraft keinen eignen Schwung nehmen kann -
Die Unmöglichkeit der sprachlosen Reflexion verhindert auch die sprachlose Selbstreflexion, eine Einsicht, die Anton in dieser Form nicht gelingt. Was sich als "Scheidewand" oder nur "Worte" in die Selbstpräsenz des Denkens des imaginären Ichs drängt, bezeichnet letztlich das Ich des Symbolischen als Effekt des Signifikanten. Rcisers Einstieg in die Metaphysik fragmentiert sein Denken über Dasein, Geist und "sein verhaßtes Selbst" , zerschneidet die imaginierte Totalität von Identität:
Und wo blieb der Geist nach der Zerstörung und Zerstückung des Körpers? - Alle die Gedanken von so viel tausend Menschen, die vorher durch die Scheidewand des Körpers bei einem jeden von einander abgesondert waren, und nur durch die Bewegung einiger Teile dieser Scheidewand einander wieder mitgeteilt wurden, schienen ihm nach dem Tode der Menschen in eins zusammen zu fließen -
Moritz' Metaphorik der Geist-Körper-Konnexion spart den Ausdruck Sprache zwar aus, aber beschreibt alle ihre Funktionen, denn auch die Sprache ist ein "Körper", eine "Scheidewand" und zugleich ein Denk- und Kommunikationsmittel, dessen "Bewegung einiger Teile" erst Sinn und Verständigung herstellt. Antons Suche nach Einheit des von der Sprache Fragmentierten reproduziert aber genau deren klassifikatorische, d.h. zerstückelnde Funktion:
- die Scheidewand sollte gleichsam durchgebrochen werden - Alles und Dasein mußten wieder untergeordnete Begriffe von einem noch höhern, viel umfassendem Begriffe werden -
Das Subjekt verliert sich in der sprachlichen Ordnung und ihren Differenzen und versucht in einer Art Abwehrhaltung die Einheit mit sich und der Welt zu bewahren, indem es hinter den vielen willkürlichen Zeichen ein ursprüngliches Transzendcntal-signifikat vermutet, mit dessen unerreichbarer Kenntnis die Wiederherstellung der verlorenen Selbstpräsenz unmöglich wird. Sollte demnach nur der Tod, die Rückkehr in den Mutterleib, die Scheidewand durchbrechen und die Differenz von Imaginärem und Symbolischem aufheben? Der Text bietet eine andere Möglichkeit an: Anton versucht das Ich seiner Imaginationen zu sein, indem er die "von ihm selbst gemachte Erdichtung" und die damit verbundene eingebildete Identität real werden läßt. Er phantasiert sich als Freimaurer, der im Duell einen anderen Studenten erstochen hat, und bringt sich in ernste Schwierigkeiten, da er den Unterschied zwischen theatralischem Spiel und gelcbter Erfahrung fallen läßt. Aus den neurotischen Verkennungen eines Ich des Imaginären steigen plötzlich die Alpträume der Schizophrenie auf, die aus dem Spiel Ernst machen und von dem Arzt Moritz auch als solche gebrandmarkt werden:
|...| denn da er einmal bloß in der Ideenwelt lebte, so war ihm ja alles wirklich, was sich einmal fest in seine Einbildungskraft eingeprägt hatte, ganz aus allen Verhältnissen mit der wirklichen Welt hinausgedrängt, drohte die Scheidewand zwischen Traum und Wahrheit bei ihm den Kin-sturz.
Am Ende des Romans zerbricht kurzfristig die Scheidewand zwischen dem Imagi-nierten, dem Realen und Symbolischen, leuchtet in der Psychose ein Licht auf, welches der Erzähler nicht Erkenntnis, sondern Verkennung nennt. Der Leser, Dichter und Schauspieler Reiser verwirklicht seine Einbildungen, indem erder familiär und sozial oktroyierten Identität die Formel "Ich bin ein anderer" entgegenhält und sich nicht mehr dem Signifikanten unterordnet. Statt der Abhängigkeit vom fremden Wort schafft sich der Imaginierende zu seinen Ideen eigene Zeichen, in denen er seine Romanexistenz verdoppelt, die dem Leser des Aman Reiser die Grenzen der Identifikation mit dem bloß Erdichteten, mit den individuellen Signifikaten vorhält. Moritz wiederholt hier seine so/.ialpsychologischc These, die den Roman eröffnet: die fehlende familiäre Anerkennung und Liebe zwingt das Subjekt in die Welt der Produkte der Einbildungskraft, die den real erfahrenen Mangel kompensieren. Damit verweist Moritz auf die wohl entscheidendste Sozialisationstechnik des 18. Jahrhunderts: das Kind erlernt neben der Identifikation mit dem personalen Anderen und seinen Reden auch die mit Texten.
      Das von anderen Kindern, Verwandten und dem Gesinde getrennte Kind erhält in der isolierten pietistischen Kleinbürgcrfamilie einen neuen Gesprächspartner: das Buch, gründete auf diesem doch schon die innere Familienorganisation. Im Alter von acht Jahren lernt Anton unter Anleitung des schriftkundigen Vaters mit Hilfe einer

"Anweisung zum Buchstabieren" lesen, mit einer weitverbreiteten Methode also, die mit dem Erlernen unbedeutender Zeichen zunächst einmal mühevolle Arbeit heißt. Mit dem Zwang, die Buchstaben eindeutig in ihrer Differentialität zu identifizieren und sich ihre Verbindungsregeln einzuprägen, muß sich das Kind Gesetzen unterwerfen, die zunächst nur eine logisch-funktionale Ordnung repräsentieren und noch keine Bedeutung. Darauf zielt auch die Lesedidaktik der Aufklärungspädagogen, die die anschauliche Welt mit Hilfe von Klassifikationsmodellen in "vernünftige" Teile zerlegen, um dann aus den zerstückelten Teilen die ordnenden Verknüpfungsregeln des Ganzen zu deduzieren, die wiederum ein Ganzes konstituieren, welches durchaus das Attribut "künstlich" verdient. In seiner Ausführlichen Abhandlung der Literalmethode beschreibt J.H. Hahn die rein logischen Ziele der Buchstabiermethode, denn der Lehrer soll sich bemühendas Ganze, mit allen seinen Haupt- und Nebenleilen, durch eine Tabelle, in richtiger Ordnung, genauer Verbindung, mit Anzeige, warum eben dieses und wie es miteinander zusammenhänge, der Jugend vorzustellen |...].17''
Was letztlich nicht einmal auf einen einheitlichen Satz, sondern auf ein undurchschaubares Abstraktionsspiel mit Anfangsbuchstaben hinausläuft, die lediglich hierarchische Strukturen repräsentieren, dient aber einer anderen "Hauptabsicht bei dieser Lehrart", nämlich den Kindern "Flatterhaftigkeit und Unachtsamkeit, Unlust und Trägheit zum Lernen, Unarten und Mutwilligkeit im Herumgaffen, Plaudern, Spielen, Zanken und Lärmen, Furcht und Scheu vor dem Schulgehen usw. abzugewöhnen"177. Mit dem Lescnlcrnen soll der Kinderkörper im Namen einer höheren Ordnung diszipliniert, die kindliche Lust am unbeschwerten Umgang miteinander bestraft und zudem noch die kindliche Identifizierung mit dem Über-Ich gefördert werden. Die Kultivierung der Kinder durch das Lesen erfolgt im 18. Jahrhundert als mehrfache paternale Beschriftung, denn die Väter und privaten Erzieher produzieren Didaktiken und Lesebücher und überwachen das Lesenlernen, um aus "wilden" Straßenkindern gebildete Bürger zu machen, die Einhaltung und Fortbestand der väterlichen Ordnung garantieren. Auch für den kleinen Reiser beginnt das Entziffern von Buchstaben mit solcher "Mühe" , daß er fast daran "verzweifelte" ; auch für ihn findet die Einführung in die "Büchersprache" im "Namen des Vaters" statt,17'' von dem er in der Schriftsprache seinen Namen "Reiserus" erhält, mit dem er später in gedruekter Form nicht nur seine Identität, sondern auch seinen sozialen Rang ausweisen kann. Die Aussicht auf gesellschaftliche Anerkennung soll die Mühen des Lesenlernens mildern, was Moritz in seinem eigenen Lesebuch für Kinder beschreibt:
Als ich lesen lernen wollte, mußte ich erst einen Buchstaben nach dem andern kennen lernen, hätte ich damals diese geringe Arbeit gescheut, so würde ich jetzt aus keinem Buche Nutzen schöpfen können, und jedermann würde mich wegen meiner Ungeschicklichkeit verachten.1*"
Der Roman Anton Reiser stellt insofern ein historisches Novum dar, als in ihm erstmalig auch die Effekte, Begleiterscheinungen und Freuden des Lesens und Lesenlernens aus der Perspektive des Kindes beschrieben werden. Aus dem langsamen Hervorstottern biblischer Namen entsteht die Erkenntnis des kleinen Reiser, "daß wirklich vernünftige Ideen durch die zusammengesetzten Buchstaben ausgedrückt waren" . Als Belohnung für die Mühe erhält das lesende Kind Sinn. Darüber hinaus bewirkt der Durchbrach zu den Signifikaten aber zugleich auch eine unersättliche "Begierde zu lesen" , weil das Lesen einen doppelten, familiär produzierten Mangel kompensiert, was sich mit Moritz' lesepädagogischer Nutzenkalkulation deckt:
Auch schien ihn dieses |das Lesen| bei seinen liltern, noch mehr aber bei seinen Anverwandten in einige Achtung zu setzen |...|. Durch das Lesen war ihm nun auf einmal eine neue Welt eröffnet, in deren Genuß er sich für alle das t Inangenehme in seiner wirklichen Welt einigermaßen entschädigen konnte.
Der Kleinbürger Reiser skizziert den Weg des Bürgers im Kampf um gesellschaftliche Anerkennung, indem er seil den ersten Hrfolgserlebnissen der kindlichen Lektüre den Pfad der formalen Bildung nicht mehr verläßt und sich seine wenigen Lorbeern mit lateinischen Deklamationsübungen und dem Verfassen von Reden und Gedichten verdient. Auch wenn der Anton Reiser dem Paradigma folgt, wonach sich die bürgerliche "Lebensgeschichte mehr und mehr als Lesergeschichte"IKI darstellt, ist der Roman alles andere als eine erfolgreiche Parabel der sozialen Mobilität im Zeichen der formalen bürgerlichen Bildung. Das Lesen bringt den Leser nämlich in eine doublc-bind-Si-tuation. Ks führt im Akt der Kompensation gerade auch von dem weg, wofür es Ersatz schaffen soll. Was gesellschaftlich gesehen sozialen Aufstieg bedeuten kann, eröffnet im privaten Raum Genuß, d.h. verschwenderische, lustbetonle Unterhaltung, die Moritz als Vertreter des vernunftgeleiteten, nützlichen Lesen nicht gut-heißt. Während sich die deutschen Aufklärer von Rousseaus Bücherhaß abgrenzen und vielmehr die Unterscheidung von guter und moralisch verderblicher Lektüre diskutieren, geht es Moritz auch um die richtige Motivation des Lesers. Gerade aufgrund der "falschen" Funktionalisierung seiner Lektüren, die für die familiäre und soziale Unterdrückung entschädigen sollen, "denn das Buch mußte ihm Freund, und Tröster, und alles sein" , verpaßt Reiser mehrmals den sozialen Aufstieg. Zudem wird der Mangel an Anerkennung und Liebe in der Kleinfamilie und in der Schule durch den Einstieg in die Büchcrwelt fortgeschrieben, in der sich das erst durch die Isolation zum Lesen gebrachte Kind immer weiter von der Realität entfernt und damit die möglichen Kinderfreuden an einen anderen Ort verschiebt:
So ward er schon früh aus der natürlichen Kinderwelt in eine unnatürliche idealische Welt verdrängt, wo sein Geist für tausend Freuden des Lebens verstimmt wurde, die andre mit voller Seele genießen können.
Der Genuß an den "Freuden des Lebens" - was immer das sein mag, so muß es sich doch hierbei um Freuden handeln, die in einem gesellschaftlichen und damit normierten, überwachten, sanktionierten Raum stattfinden - wird durch die Lektüre "verstimmt", deren in der solitären Beschäftigung gewonnenen Freuden als realitätsfremd abqualifiziert werden. Mit dieser immer wiederkehrenden Formel des erzwungenen Weltentauschs kritisiert Moritz nicht das kindliche Lesen an sich, gilt ihm doch das Buch als eine "Erfindung des Menschen, die alles andere übertrifft"'*â– ', sondern wie viele seiner Zeitgenossen die kindlichen Lesepraktiken und deren Konsequenzen auf das Sozialverhalten und die Einbildungskraft des Lesers. Reiser stellt den für die sozialen Unterschichten typischen "wilden" Leser dar, dessen Lektüre von der Zufälligkeit des verfügbaren Leseangebotes bestimmt wird,IK so daß er u.a. auch eine "Abhandlung über das Hervorbringen der einzelnen Laute durch die Sprechwerkzeuge |...] aus Mangel an etwas Besserm" liest. Angefangen von den mütterlichen und väterlichen Schriften konsumiert Reiser alle erhältlichen Autoren und Gattungen . Sieht man von den Lesefibeln und dem ersten bedeutenden Jugendbuch, Föneions Telemach , einmal ab, handelt es sich dabei durchweg um Erwachsenenliteratur. Gegen diesen unkontrollierten Zugang zu den Büchern der Eltern erheben sich seit den siebziger Jahren die Pädagogen, die wie z.B. Campe den Eltern raten, den Lesestoff für Kinder unter moralischen Gesichtspunkten auszuwählen:
|... | laßt uns ja vorsichtig sein in der Wahl der Bücher, die wir unsern Kindern in die Hände gehen wollen! |...| Ein einziges empfindendes oder zu empfindsames Duodezbändchen bringt mehr fehlerhafte Dispozitionen in die junge Sele, als ganze Folianten, vol der lautersten Vernunft, wider ausglätten können. Und o wie viel sind diser Bändchen! Wie fügen sie umher von Nachttische zu Nachttisch, von Familie zu Familie, und wie girig saugen junge Leser und Leserinnen aus ihnen das süße Gift falscher oder übertribener Empfindsamkeit ein, welches um so viel verfürerischer ist, weil es in der Schale der feinsten Sitlichkeit aufgetragen wird.

Der Elternberater benutzt in seinem Aufruf zur Pädagogisierung des kindlichen Lesens ein verräterisches Vokabular. Erst die Lesekritik scheint Bücher zu Drogen zu machen, die verbotene Lüste in Aussicht stellen, liegen sie doch in Schlafzimmern herum, in denen vielleicht an anderem gesaugt wurde. Die Verwendung der gleichen ernährungsphysiologischen Metaphorik in der Disqualifizierung des Stillens durch die Amme und des kindlichen Lesens von Literatur verdeutlicht, daß die unlauteren Bücher die schlechte Amme ersetzen, die "mit ihrer feilen Milch zugleich das Gift einer schändlichen, durch Ausschweifungen erzeugten Krankheit aus ihren Brüsten saugen läßt"186. Campe schafft selbst die "Arzenei wider die moralische Seuche der Empfindsamkeit", eines der "wirksamsten Gegengifte", indem er in unkaschierter Eigenwerbung seinen Robinson Krusoe für Kinder ankündigt, den durch "Reinigung und Umkleidung" entgifteten literarischen Verführer, der als das meistverbreitete Werk der beginnenden Kinder- und Jugendbuchproduktion fast die Bibel als Kinderlektüre ersetzt. Diese Moralisierung des Lesens zielt auf die Freiheit des Kindes, sich jene Befriedigung aus den Büchern zu holen, die durch eine komplexe Triebregulierung im sozialisierten Alltag verhindert wird und die gerade deshalb an den freien körperlichen Umgang mit den Ammen erinnert, gegen den die Pädagogen so wettern. Auch Anton Reiser wird von dem literarischen Gift infiziert, so daß er "im Lesen nach und nach seinen Schmerz vergaß" , bis ihn die morphiumartige Wirkung der Literatur süchtig macht:
Das Lesen war ihm nun einmal so zum Bedürfnis geworden, wie es den Morgenlandern das Opium sein mag. wodurch sie ihre Sinne in eine angenehme Belaubung bringen - |...| Indes waren diese .Stunden noch die glücklichsten, welche er gleichsam aus dem Gewirre der übrigen herausriß - seine Denkkraft war vollkommen wie berauscht - er vergaß sieh und die Welt. -
Da die unzuverlässigen Eltern von einer Leseerziehung nichts wissen, führt Moritz als "Mentor" des lesenden Kindes18'' seinen Zeitgenossen einen Fall von Lesesucht mit seinen psychologischen und sozialen Folgen für den Süchtigen vor. Mit diesem Ausdruck erfindet die im Zuge der Expansion des Buchmarktes und der steigenden Alphabetisierung in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts sich ausbreitende Lesedebatte der Spätaufklärer eine neue "Zivilisationskrankheit", der vornehmlich Frauen, Kinder, Jugendliche und Angehörige der sozialen Unterschichten zum Opfer fallen. I

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Das  Kind,  symbolische  Ordnung,  das  Buch    

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