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Sozialisation als Reterritorialisierung der Frau
Die Schwedische Gräfin ist nicht nur wiederholt als "Familienroman" bezeichnet worden, sondern gilt geradezu als Paradigma eines bürgerlichen "Erziehungsromans". Die Selbstdarstellung der Lebensgeschichte der Gräfin wird dementsprechend als Phasenmodell der Erziehung gelesen: Erwerb von Tugenden durch planvolle Erziehung - Bewährung der Tugenden in Extremsituationen - Erziehung des Lesers durch Darstellung des gelingenden Tugendlebens.1" Die vom Roman ausgegebene Erziehungsmaxime, das "Herz recht in Ordnung zu bringen" , und die propagierte gesellschaftliche Funktion der Erziehung, die den Stand durch den moralischen Charakter ersetzt und auf die tugendhafte Ehe zielt, sind dabei lediglich im Sinne eines rationalistisch begründeten, bürgerlichen Bildungsbegriffs reproduziert worden, der Tugend als Affekt- und Wunschkontrolle durch Einsicht in die religiöse Vernunft definiert." Analog zur komplexen Widersprüchlichkeit des Verhaltens der Erwachsenen im Umgang mit Kindern bewegt sich aber auch die bewußte Erziehung zwischen tradierten Sozialisationspraktiken und modernen Modellen einer diskursiven Wissensvermittlung und "Seelenbildung". Diese soll den vom Stand determinierten Untertanen zum gebildeten Kulturmenschen, mobilen Individuum und tugendhaften Ehepartner wandeln, indem dem äußerlich beherrschten, aber zunehmend mobilisierten Körper eine verinnerlichte "Seele" zugesprochen wird, über die das Individuum in freier Entscheidung selbst verfügen soll. Dieser
Rhetorik der Individuation liegen gesellschaftliche Interessen zugrunde. Die sich entgrenzende europäische Welt der Neuzeit, deren Gesellschaftsordnung sich vom stabilen, ständisch-feudalen zum bürgerlich-kapitalistischen Staat veränderte, verlangte nach sozialer und persönlicher Mobilität und einer auf Innovation und Akkumulation zielenden, ungezügelten Produktionsweise bei gleichzeitiger Beibehaltung der tradierten patriarchalischen Herrschaftsordnung. Erziehung wird deshalb notwendig, weil das Ausscheiden des Einzelnen aus der traditionellen Hausgemeinschaft, die ihn in eine vorherbestimmte ständische, praktisch-christliche Lebensführung einübte, neue identitätsausbildende Institutionen bedingt, die erst den "persönlichen Stand" oder die Ich-Bildung als Grundlage moderner Individualität ermöglichen. Dabei ist die Erziehung der Seele von zentraler Bedeutung, denn sie zielt auf die Ersetzung der Objekt- bzw. Körperbeziehungen durch Identifizierung mit abstrakten Normen in Form einer verinnerlichten Instanz, die als Triebkontrolle oder angestrebter idealisierter Seinszustand ihren Ausdruck findet. Die Instabilität der Familien in der Schwedischen Gräfin und die damit einherge-hendc Befreiung des Individuums aus der ständischen und hausherrschaftlichen Ordnung verlangt nach einem solchen neuen Orientierungssystem zur Identitätseinschreibung, welches traditionelle Sozialisationsformen ablöst.
Der Roman kennt keine besonderen Räume der Sozialisation. Die patriarchalischen Häuser befinden sich in Auflösung, von Erziehungsinstitutionen wie z. B. der Schule ist keine Rede, und die beiden traditionellen Orte der außerfamiliären Sozialisation - Marianes Kloster und Carlsons Armee - dienen eher der Verwahrung asozialer Individuen denn der intentionalen Erziehung.""' Diesen Institutionen wird im Text zudem die Formierung von vernünftiger Individualität abgesprochen. So scheint Marianes Klostererziehung der "strengen Lebensart" nach den "Regeln einer hohen Keuschheit" , wohl weil sie im protestantischen Aufklärungsdiskurs nur als katholische Triebkontrolle hingestellt wird, einen "Mangel des Witzes" zu implizieren: "Von ihrem Verstände will ich nicht viel sagen. Sie war in dem Kloster erzogen" . Gegenüber der Verwahrung von illegitimen Kindern und den rudimentären Formen der im Roman angedeuteten traditionellen Hauserziehung, die auf ständische und christlich-moralische Kontinuität zielt, hebt sich allerdings jene moderne Erziehung ab, mit der der Text beginnt: die erzieherische Reterritorialisierung der entwurzelten Frau, deren Bildung die bei Carlson angedeutete, aber fehlgeschlagene bürgerliche Tugenderziehung präzisiert. Betrachtet man jene Passagen des Romans, in denen es explizit um Erziehung geht, dann fällt auf, daß die Edukanten hauptsächlich Frauen sind: die Erzählerin, Florentine, das kosakische Mädchen. Von den illegitimen Kindern abgesehen sind andere Romanfiguren bereits erzogen, ohne daß deren Sozialisierung nähere Beachtung der Erzählerin findet. Bei diesen handelt es sich um Männer, die ihrerseits als Erzieher auftreten: der Vetter, der junge Graf, Herr R. und Steeley. Sie stehen am Anfang einer literarischen Personalisierung der Erziehung, die wie in Lessings Emilia Gttlotti und Nathan oder wie in Sophie La Roches Sternheimm die Mann-Frau- Beziehung zum Paradigma einer neuartigen "Menschenbildung" erhebt. Die "modernen" Erzieher vermitteln nicht mehr tradierte Fertigkeiten und Verhaltensregeln, die hauswirtschaftliche, berufsständische oder gesellige Fähigkeiten des Individuums fördern, sondern konzentrieren sich auf eine symbolische Wissensvermittlung und Seelenbildung für Frauen, um sie in eine neue Welt der "Herzen" und "Buchstaben" zu überführen, was letztlich heißt, eine tugendhafte Ehefrau zu produzieren. Deren "Moralisierung" zielt auf die Einhaltung der Monogamie, auf die Kontrolle weiblicher Aktivitäten und auf ihren Unterhaltungswert für den zukünftigen Ehemann. 'm
Im Haus ihres Vetters, wo die Erzählerin ihre Kindheit und Jugend verlebt, begegnet sie zunächst einem anachronistischen Erziehungsprogramm, welches der Vetter in der Maxime zusammenfaßt: "Vormittags |... ] soll das Fräulein als ein Mann, und Nachmittags als eine Frau erzogen werden" . Gegen den Willen seiner Frau übernimmt der Vetter selbst im Beisein seiner Söhne die koedukative Unterweisung in "Sprachen und andere|n] Pedantereyen" , während seine Frau das Mädchen in "Wirthschaftssachen" und "Galanterie" einführt, was der vernünftigen Erziehung durch den Vetter allerdings im Wege steht. Den drohenden Konflikt zwischen den beiden geschleehtsspezifischen Erziehungsinhalten kommentiert die Erzählerin mit einer merkwürdigen Stellungnahme zu seiner gewaltsamen Auflösung:
Aber zu meinem Glücke starb meine Frau Base, ehe ich noch zehn Jahre alt war, und gab meinem Vetter durch ihren Tod die Freyheit, mich desto sorgfältiger zu erziehen, und die Übeln Hindrücke wieder auszulöschen, welche ihr Umgang und ihr Beyspiel in mir gemacht hatten
Der Tod der Base, den die bereits erzogene Gräfin aus der Erzähldistanz so emphatisch erwähnt, ermöglicht die Einführung der Frau in eine aufklärerische Erziehungspraxis, nämlich die Teilnahme des Mädchens am vernünftigen und moralischen Männerdiskurs, wie ihn der Vetter betreibt. Auch wenn die Koedukation und der "wissenschaftliche" Unterricht als Fortschritt in der Mädchenerziehung angesehen werden kann,1"1' entmündigt der Ausschluß der Base zugleich die Gräfin und beraubt sie ihrer häuslichen und gesellschaftlichen Funktionen. Die Erzählerin wird einer traditionellen, vornehmlich von Frauen durchgeführten "Lehrzeit" entzogen, die sich nach den pragmatischen Anforderungen des Hauswirtschaftens und nach den persönlichen "sexualpolitischen" Bedürfnissen der aristokratischen Frau im Rahmen ständischer Beschränkungen richtete.' Die weibliche Nachmittagserziehung fällt weg und damit der Unterricht in "Wirthschaftssachen", in dem die weiblichen Angehörigen des "ganzen Hauses" mit den praktischen Fähigkeiten der Haushaltsführung und der Produktion von häuslichen Konsumgütern vertraut gemacht wurden. Diese Unterweisung bestand jedoch nicht nur in der mündlichen Vermittlung von "weiblichen" Fertigkeiten , wie sie seit dem 19. Jahrhundert in einem reduktionistischen Frauenbild anzutreffen sind, sondern in einer tradierten Ökonomik. Seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts erscheinen innerhalb der oft als "Hausvätcrliteratur" bezeichneten deutschen Hauswirtschaftsbücher eigene Sitten- und Realien-Lehren für die "Hausmutter", deren Aufgaben neben der Überwachung des Gesindes von der Vich-wirtschaft bis zur Hausmedizin reichten. Zwar war die Hausmutter dem Hausvater hinsichtlich ihrer rechtlichen und christlich-dogmatischen Positionsbestimmung untergeordnet, aber ihr kam ein für den Haushalt lebensnotwendiges, praktisch-technisches Wissen zu, von welchem die Frau mit dem Rückgang der "erwerbswirtschaftlichen Komponente" des Haushalts jetzt zunehmend ausgeschlossen wird. Der späteren Gräfin von G** fehlen diese Kenntnisse, was sie vom ökonomischen Wissen der Männer abhängig macht. Als sie ihr aristokratisches Vermögen in bürgerliches Kapital umwandelt, übergibt sie das Geld ihrem holländischen Wirt und später dem Kaufmann Andreas zur gewinnbringenden Investition und gesteht, "we der ich, noch mein Mann [der bürgerliche Erzieher!], noch Caroline wußten recht mit dem Gelde umzugehen" . Von noch weitreichenderer Bedeutung für das veränderte Frauenbild ist die demonstrative Ablehnung der galanten Erziehung. Die Gräfin reduziert das aus Frankreich kommende Ideal gesellschaftlicher Bildung, höfischer Lebenskunst und welterfahrener Souveränität" auf "eine Eitelkeit", eine "Begierde zu gefallen" ."5 Dabei ist die Ablehnung des Galanten als Komplementärbegriff der "politischen" Klugheit des Hofes in bürgerlichen Kreisen der Frühaufklärung keineswegs so eindeutig. Nach der Würdigung der nachahmenswerten französischen Lebensart bei Christian Thomasius wird in den Moralischen Wochenschriften die galante Etikette mittels den Anforderungen der Tugend und einer natürlichen, vernünftig-frommen Lebenshaltung in die "Geselligkeit" transformiert." Erst mit diesem neuen Begriff erscheinen die negativen Konnotationen der "Galanterie", wie sie bei Geliert beschrieben werden. Das Galante wird der Äußerlichkeit, der narzistischen Gefallsucht und den Modetorheiten gleichgesetzt, somit auf negative Attribute der höfischen Frau reduziert, von der die idealisierte Landadelige/Bürgerin durch "innere Schönheiten", eine tugendhafte Ehe und die propagierte Identifizierung mit der Mutterrolle abgegrenzt und in der häuslichen Sphäre eingegrenzt wird. Innerhalb der höfischen Geschlechterbeziehung kommt dem Galanten aber eine besondere Funktion zu. Männer und Frauen des Adels partizipierten gleichermaßen an diesem Verhaltenscode zur Regulierung der "amour passion"; das Monogamiegebot konnte beiderseitig hintergangen werden, denn Liebe und Ehe dienten unterschiedlichen privaten wie gesellschaftlichen Zwecken; schließlich erschien der Begriff des Galanten sogar in Verbindung mit der weiblichen Gelehrsamkeit." Außerdem ermöglichte die zumindest theoretisch vorhandene sexualpolitische Egalität einen sozialen wie politischen Machtgewinn der Frau, bot doch die höfische Körperzirkulation zwischen Seelenliebe und Libertinage genug Möglichkeiten der direkten Machtausübung, wie sie in den Intrigen des galanten Romans in unendlichen Variationen dargestellt werden." Die Gräfin von G** nimmt wie später auch La Roches Fräulein von Sternheim am höfischen Spiel nicht teil. Hätte sie die galante Erziehung durch die Base nicht so brüsk abgelehnt, wäre ihr vielleicht der folgenreiche Ausgang der Begegnung mit dem Prinzen von S. am Hofe erspart geblieben. Der verheiratete Prinz, der die Gräfin verführen will, hat in ihren Augen "unstreitig nicht die erlaubtesten Absichten", denn er wagt es, ihr "von einer Neigung zu sagen, die ich verabscheute" . Galante Verhaltensmuster und moralische Gebote prallen vollends aufeinander, wenn die beiden ihre unterschiedlichen Eheauffassungen zitieren, um zu sagen, was der/die eine vom anderen will/nicht will:
Erlauben sie mir, daß ich es ihrer Gemahlinn darf melden lassen, daß sie bey mir sind, damit sie mir das Glück ihrer Gegenwart auch gönnt. Sie ist schon in Gedanken bey mir, fieng er an. Und mein Gemahl, antwortete ich, ist auch bey mir, wenn er gleich im Kelde ist.
Mit der Erwähnung des Gatten will die Gräfin den Prinzen abweisen und ihre eheliche Treue verteidigen, die für den Prinzen in Liebesangclegenheiten überhaupt keinen Wert darstellt, da ihm Liebe und Ehe zwei verschiedene Dinge sind. Wenn er die Gegenwart seiner Frau gedanklich herbeiruft, will er - wenn auch auf etwas zynische Art - die Beziehung zur Gräfin in die angemessene Perspektive rücken, da sie als Mätresse in die repräsentative und die Erbfolge regelnde Funktion seiner Ehe nicht eingreift."1' Die Vergegenwärtigung verheiratet zu sein, soll aber für die Gräfin gewährleisten, daß sie selbst das Monogamiegebot einhält. Sie weiß nämlich der "Ehrerbietung |...| nicht genug zu widerstehen" und hat zur Abwehr des Verlangens des Prinzen "meine ganze Philosophie nölhig, die ich bey meinem Vetter, meinem Gemahl und seinem Vater gelernt hatte" . Drei Männer ruft die Frau zu Hilfe, ihr Begehren zu kontrollieren. Diese Verinnerlichung des Anspruchs des Gatten auf eheliche Treue wird erst durch eine dementspre-chende Erziehung ermöglicht, die der traditionellen Frauenbildung der ökonomischen Re-/produktion und gesellschaftlichen Repräsentation diametral entgegensteht.
Der zweifache Tod von Vater und Base zu Beginn des Romans verhindert die häusliche, ständische aber auch spezifisch weibliche Identitätsausbildung der Gräfin. Was bleibt, ist die Frau als Mensch, ein Körper, der jenseits familiärer und tradierter Bezugssysteme von männlichen Erziehern reterritorialisiert wird. Dieser Prozeß vollzieht sich über den Entwurf von Frauenbildern, männlichen Vorstellungen und Phantasien, die in der Literatur und Populärphilosophie produziert werden, um den insbesondere bürgerlichen Frauen, die in der marktabhängigen städtischen Familie von Produktion, gesellschaftlicher Kommunikation und Repräsentation zunehmend ausgeschlossen wurden, einen neuen Aufgabenbereich, eine veränderte Identität, einen spezifischen "Geschlechtscharakter" zuzuweisen. In der Schwedischen Gräfin wird nun nicht bloß das fertige Produkt "bürgerliche Frau" vorgestellt, sondern die Produktion selbst veranschaulicht, dessen Techniken erstaunliche Parallelen zur Erfindung der bürgerlichen Kindheit aufweisen. Die paternalistische Beschriftung der Frau findet im Namen des toten Vaters statt. Dessen "Rechtschaffenheit" ist das Signum, das die Männer zu Erziehern macht, denn sie alle legitimieren ihr Reden und Handeln mit dem Hinweis auf dieses Abstraktum, welches seit Textbeginn an den natürlichen wie rechtlichen Vater geknüpft ist. Die väterliche oder männliche Dominanz in der Erziehung gründet sich nicht nur auf die hausherrschaftliche und ökonomische Macht sondern auch auf das exklusive Wissen der Männer um Tugend und Vernunft. Gleichzeitig macht die Figur des Vetters als ersten Erziehers der Gräfin auf einen fundamentalen Wandel in der Erziehungskonstellalion aufmerksam. Zwar ersetzt er den natürlichen Vater, weil er die gleichen moralischen Qualitäten aufweist und zudem als rechtlicher Vater die Erzählerin verheiratet, aber innerhalb der verwandtschaftlichen Ordnung gehört er trotz seines Alters der Generation der Edukantin an. Diese generative Ebenbürtigkeit wird auf personaler Ebene wiederholt - später fungieren die Ehepartner als brüderliche Erzieher - und erweitert so die Erziehung zu einem lebenslangen Prozeß, der im Namen der Rationalität auch eine Gleichheil der Erziehungspartner suggeriert:
Ich durfte meinem Vetter nichts auf sein Wort glauben, ja er befahl mir in Dingen, die noch über meinen Verstand waren, so lange zu zweifeln, bis ich mehr Hinsicht bekommen würde.
Mit der Einführung der Frau in die rationalistische Methode des Zweifeins beginnen auch die Widersprüche vernunflbetonler Erziehung. Das frühaufklärcrische Kurzprogramm zum selbständigen Denken - glauben, zweifeln, einsehen - stößt sich nämlich am männlichen Befehl, der natürlich selbst nicht angezweifelt werden darf. Die methodische Unterminierung der Autorität gesteht der zu erziehenden Frau ja nur eine scheinbare Gleichheit zu, da die Einsicht schon determiniert ist: es handelt sich um die Vernunftgemäßheit der Religion und die Vorteile der Tugend. Damit die Erzählerin nicht auf eigene Gedanken kommt und gar bestehende Ordnungssysteme anzweifelt, wie es in der rationalistischen Begründung der Ausschweifung in Schnabels Insel Felsenburg geschieht, wenn Lemelie mit Hilfe einer naturrechtlichen Vertragstheorie Inzest und ehelose Sexualität vereinbaren will, differenziert der Vetter sein Erziehungsziel gegen alle möglichen Aufwertungen der Frau als dem Manne ebenbürtige Erziehungspartnerin oder gar Erzieherin:
Sie soll nur klug, und gar nicht gelehrt werden. Reich ist sie nicht, also wird sie niemand, als ein vernünftiger Mann, nehmen. Und wenn sie diesem gefallen, und das Leben leicht machen helfen soll: so muß sie klug, gesittet und geschickt werden.
Um die arme, verwaiste Landadelige auf dem Heiratsmarkt attraktiv zu machen und um sie zu vergesellschaften, wird sie "veredelt". Erziehung bedeutet im Haus des Vetters also nicht Selbstzweck, schon gar nicht Beibringen von Fertigkeiten oder individuelle Selbstfindung. Die Erzählerin wird auf das Leben der Erwachsenen vorbereitet, in dem der Vetter ihr nur die Rolle der Ehefrau zugedacht hat. Auch den Erziehungsinhalt stimmt er auf die späteren Heiratschancen ab, denn die "Klugheit" soll die Defizite kompensieren, die die Erzählerin von Hause aus mitbringt, um - unbemittelt wie sie ist - zumindest von einem vernünftigen Mann geheiratet werden zu können. Neben dem Besitz, wird die zweckgerichtete Bildung einer Frau als Kriterium für die Eheaussichten propagiert, denn mit ihrer Hilfe sollen männliche Bedürfnisse befriedigt werden.
Nun greift Geliert in der Opposition von "klug" und "gelehrt" einen zeitgenössischen pädagogischen Diskurs auf, der seit dem 17. Jahrhundert mit der Metapher der "gelehrten Frau" eine geschlechtsegalitäre Erziehung und ein neues Weiblichkeitsbild diskutierte, zugleich aber männliche Ängste und Phantasien über Frauen und Sexualität artikulierte. Insbesondere in den Moralischen Wochenschriften und in populärphilosophischen Schriften wurde anläßlich der Häufigkeit autodidaktischer Bildung von Frauen der Versuch unternommen, eine allgemeine bürgerliche Frauenbildung durch ausgewählte Leseprogramme und sogenannte "Frauenzimmerbibliotheken" zu kanonisieren, die den Frauen und Mädchen der höheren Stände neben religiösen Erbauungsschriften, Haushalts- und Sittenlehren auch die Wissenschaften zugänglich machen sollten. Erst die Entdeckung der Frau als "Menschen", die sich aus der Funktionslosigkeit der Frau im marktabhängigen Haushalt, ihrer politisch-gesellschaftlichen Isolation, aber auch aus religiösen und rationalistischen Eigalitätsüberlegungen ergab, ließ die Frage nach ihrer Erziehung aufkommen. In seinem Politischen Philosophusâ– kritisiert Christoph August Heumann jene Eltern, dieihre Töchter nicht als Menschen, sondern als Affen Iracliren. und sie in nichts unterweisen lassen, als daß sie nur etliche Gebete und Psalmen |...| auswendig können, und über dieses die Kunst zu nehen, zu spinnen, und zu kochen verstehen.12''
Deshalb fordert er, "weil nun die Töchter eben so wohl Menschen sind, als die Söhne, |...| einerley Aufferziehung beydcrseits"l2' Damit wäre den Mädchen eine gleichberechtigte Stellung in Familie und Erziehung zugedacht, was auch andere Frtihaufklärcr mit dem Hinweis auf die weibliche Studierfähigkeit andeuten. So vermerkt beispielsweise Georg Christian Lehms in der Vorrede seines Buches Teutschlands Galante Poetinnen , "daß das Weibliche Geschlecht so geschickt zum Studieren/ als das Mann liehe/" ist. Anstatt jedoch gesellschaftliche Zustände über Erziehungspostulate zu ändern, nimmt Heumann die Gleichberechtigung der Frau wieder zurück, indem er die Ausbildung der Töchter auf ihre zukünftige Rolle in Haushalt und Ehe beschränkt, "weil sie zu öffentlichen Aemtern und Professionen zu gelangen keine Hoffnung haben"l28. In einer Fußnote gibt er allerdings Aufschluß über die eigentliche Motivation von Männern, sich um die weibliche Bildung zu sorgen. Er bindet die Gelehrsamkeit an die Galanterie und reduziert so den Wissensdurst von Frauen auf den Bereich der Sexualität. Wie in der männlichen Kritik am weiblichen Romanlesen unterstellt er,daß nemlich das gelehrte Frauen/immer insgemein unter allen Disciplinen die Ariern amandi am meisten studire. und von derselben Profession mache.'21'
Im Gegensatz zu Johann Christoph Gottscheds Versuchen, die Gelehrsamkeit der Frauen gerade im Kampf gegen ihre "dämonisch-erotische" Weiblichkeit einzusetzen, legitimiert Heumann die Verhinderung der gelehrten Frauenbildung, indem er die imaginierte weibliche Begierde als Wesensmerkmal von Frau ansieht, das auch gegenüber rationalistischer Eindämmung Bestand hat. Heumanns Überlegungen, daß die Frauen, wenn sie studieren, doch nur an das Körperliche denken, sind kein Einzelfall im frühaufklärerischen Männerdiskurs über Frauen. Körper, Sexualität und Aggression werden als die Vernunft zersetzenden Attribute des Irrationalen fast ausschließlich den Frauen zugeschrieben. So wie die Erzählerin die Galanteric, die als erotisch-politischer Kommunikations- und Verhaltenscode von beiden Geschlechtern praktiziert wurde, auf die weibliche "Eitelkeit" reduziert, "zu der unser Geschlecht recht verschn zu sein scheint" , vermerkt das an Leserinnen adressierte Nutzbare, galante und curiöse Frauenzimmer-Lexikon unter dem Stichwort "Geilheit" lediglich die geschlechtsspezifischc Zuschreibung der sexuellen Begierde:
Denen Mediiis Suhuitas genant, ist bey denen Weibes-Bildern eine continuirhehe Begierde und steter appetit nach dem Liebes-Werck. |...].nl
In Zedlers Universal-Lexicon wird die Auffassung vom weiblichen Begehren als "Krankheil" weiter klassifiziert, der männliche Diskurs über die Hexen mit dem Resultat wiederaufgenommen, daß potentiell jede Frau Symptome der "Geilheit" aufweist oder im Geheimen von der "Krankheit" befallen ist, was sogar die Ehemänner bedroht und deshalb die Erziehung der Frau zur tugendhaften Ehefrau geradezu herausfordert." Geliert, der in seinen Moralischen Vorlesungen "einen Vorhang vordie Greuel dieser Leidenschaft" zieht, teilt in der Schwedischen Gräfin zunächst einmal nicht die geschlechtsspezifische Zuschreibung der Ausschweifung. Männer wie Frauen sind gleichermaßen unmoralisch und verstoßen gemeinsam gegen Sexualordnungen. Durch die Hintertür der Romanstruktur kommt aber die Vorstellung von der Frau als Triebmensch, die zum wahren "Menschen" erst erzogen wird, wieder zum Vorschein: in den ausführlichen Schilderungen der gelungenen Sozialisation ist nur von der Tugenderziehung der Frau nach den Prinzipien der Männer die Rede. Vor diesem Hintergrund wird die Erziehung der Frau zur "klugen", aber nicht "gelehrten" Ehefrau Bestandteil eines Programms zur Domestizierung weiblicher Sinnlichkeit, die sich Männer einbilden bzw. vor der sie sich fürchten. Die Körperfeindlichkeit der die bürgerliche Mittelmäßigkeit repräsentierenden Konstruktion der "klugen Ehefrau""' setzt sich auch in der moralischen Erziehung fort, betont doch die Gräfin, daß ein "artiges" liebenswerter als ein "schönes Frauenzimmer" ist . In dieser Differenz zwischen verinnerlichtem moralischem und äußerlichem ästhetischem Attribut des Frauseins zeichnet sich die Transformation der nach rationalistischen Prinzipien begründeten Tugenderziehung ab: die Frau wird jeglicher Sinnlichkeit beraubt, und erhält stattdessen eine vernünftige Seele:"
Kr |der Vetter] lieh mir seinen Verstand, mein Her/ recht in Ordnung /.u bringen, und lenkte meine Begierde zu gefallen nach und nach von solchen Dingen, die das Auge einnehmen, auf diejenigen, welche die Hoheit der Seele ausmachen. Kr sah, daß ich wußte, wie schön ich war; um destomehr lehrte er mich den wahren Werth eines Menschen kennen, und an solchen Eigenschaften einen Geschmack linden, die mehr durch einen geheimen Beyfall der Vernunft und des Gewissens, als durch eine allgemeine Bewunderung belohnet werden.
Die Erziehung gegen die aristokratische Repräsentation, gegen die Lust des Schau-ens und Gesehenwerdens, aber auch gegen die ökonomisch-administrativen Funktionen der Hausfrau geht nach Innen, wo der Mensch seinen "wahren Wcrth" jenseits von Stand, Besitz und Geschlecht findet. Nicht mehr das reine Außen, der andere oder der eigene Körper, die sichtbaren Dinge - und damit aber auch nicht die sozialen und politischen Körper - dienen der Selbstaffirmation und Identitätsbestimmung. Im isolierten Innern des später bürgerlichen Hauses entsteht ein weiteres Inneres: die weibliche Seele, die allerdings von außen, vom geliehenen männlichen Verstand erst produziert wird. Da das Organ des Verstehens der Frau erst vom Mann implantiert wurde, fällt auch die introspektive Wahrheitsfindung mit Hilfe der männlichen Vernunft und seiner moralischen Begriffe immer wieder auf den Ort seines Ursprungs zurück. Anstatt nämlich mit den Sinnen sich und die anderen wahrzunehmen und sich darü ber zu verständigen, soll die Frau nur den einen Sinn erkennen, der als sittliche Norm nicht nur völlig entkonkretisiert ist, sondern letztlich nur auf sich selbst, d. h. die vom Mann ausgegebene Wahrheit verweist. Die Frau gilt dann als erzogen, wenn sie die ihr eingesprochene Tugend dermaßen internalisiert hat, daß sie keinen äußeren Gott oder die despotische Gewalt von Polizeiordnungen oder Hausverfassungen zur Einhaltung der Moral bedarf: '-,s
Und diesen Begriffen, die er |der Vetler] mir beybrachte, habe ichs bey reifern Jahren zu verdanken gehabt, daß ich die Tugend nie als eine beschwerliche Bürde, sondern als die angenehmste Gefahrtinn betrachtet habe, die uns die Reise durch die Welt erleichtern hilft.
Die Personalisierung der Erziehung, die die abstrakten Werte und Begriffe der neuen Moralordnung an den exklusiven Erzieher bindet, verschiebt die Beherrschung der Körper auf eine Scelen-diätetik, innerhalb der sich jenes Über-lch konstituiert, welches nach Freud nicht nur als innerpsychischer Richter oder Zensor auftritt, sondern auch zum Vorbild idealisiert werden kann.I,h Auch wenn die Gräfin die Tugend zur Abwehr der äußeren Anarchie ihrer Lebensumstände in eine Freundin verwandelt, kann kein Zweifel daran bestehen, daß die "Gefahrtinn" im Namen des Mannes das weibliche Ich kontrolliert. n Mit ihrer Hilfe widersteht die Gräfin den Verführungsversuchen des Prinzen bzw. ihrem eigenen Begehren und zwingt sich später sogar, zugunsten ihres ersten Mannes ihre Liebe zum Herrn R. zu unierdrücken. Im Gegensatz zu den unerzieh-baren Kindern , die immer den anderen benötigen, der sie auf ein Fehlverhalten, einen Affekt oder einen Regelverstoß hinweist, geschieht die tugendhafte Verhaltensregulierung bei den erzogenen in ihnen selbst. Wie diese repressive Selbstkontrolle funktioniert, demonstriert der erzogenste von allen, der bürgerliche Herr R., indem er seine Ehefrau an den Grafen übergibt und seine "Liebe von diesem Augenblicke an in Ehrerbietung" verwandelt, um das Monogamiegebot nicht zu gefährden. Diese internalisierte Reterritorialisierung erscheint im bürgerlichen Diskurs immer als eine Notwendigkeit, um der absoluten Freiheit, die sich aus der Befreiung von ständischer und familiärer Bevormundung ergibt, wieder ein Maß zu geben."" Nach dem Tod ihres Gatten, dem "lieben" Despoten, hat Amalie nicht nur die Freiheit, Steeley aus der Gefangenschaft zu befreien, sondern kann ihn sogar als ihren Partner wählen. Das sind aber auch schon der Frei-heiten genug, der Liebesstrom wird eingedämmt: "wir fühlten die Liebe so sehr, daß wir genöthiget wurden, uns strenge Gesetze vorzuschreiben" . Die Begrenzung des eigenen Begehrens kann nur von innen, vom Ich kommen, da das Außen - die Kirche, die Ständeordnung, das "ganze Haus" - sukzessive seine Herrschaft über die Seelen verliert." Sollten die im Innern der Menschen errichteten Dämme doch einmal brechen, dann setzt eine gemeinschaftliche Disziplinierung ein, von der Michel Foucault sagt, sie "verfertige" Individuen: "sie ist die spezifische Technik einer Macht, welche Individuen sowohl als Objekte wie als Instrumente behandelt und einsetzt"140. Während die illegitimen bzw. unerziehbaren Kinder für ihre moralischen Vergehen am Körper bestraft werden und einen grausamen Tod finden, disziplinieren sich die Erzogenen selbst, und zwar durch Psychoterror eines sadomasochistischen Tugendspiels. Die zum Freundschaftsideal hochstilisierte menage ä quatre soll den Protagonisten die eigene Unmoral vor Augen halten, ihr Begehren aktivieren und zugleich wieder eingrenzen. Diese gemeinschaftliche Selbstkontrolle wird noch dadurch potenziert, daß die Gräfin dem Grafen ihre Beziehungsgeschichte mit dem Herrn R., "und zwar in dem Beysein desselben umständlich erzählen soll" , wobei sich "mein ganzes Herz weigerte" . Die pädagogische Instrumentalisierung dieses Zwangs, das intime Verhältnis rekonstruieren zu müssen, verzeichnet der Graf als "kleine Marter", als "Strafe für eure Untreue" und funktionalisiert auch die Anwesenheit der früheren Liebhaber im Namen der Disziplinicrung:
Und ihr, mein lieber R. |...| seht zu eurer Strafe eure vorige Ciemahlinn in meinen Armen. |...] Caroline , seht nur, wie euch meine Gemahlinn betrachtet. Kann sie sich wohl besser an mir rächen, als durch eure Gegenwart. Die tugendhafte Selbstbescheidung unter den Augen des vergebenen Geliebten wird im Wert her schon wieder zerbrechen, die frühaufklärerische tugendhafte Freundschaftsutopie wird als Folter entlarvt, an der das begehrende Subjekt zugrunde geht. Die Unterdrückung des Begehrens, welches nie ganz abgebaut werden kann, liebt doch die Gräfin zuletzt auch noch ihren zweiten Mann, kann aber einen anderen Genuß bewirken, der sich gerade aus dem Mangel des Körperlichen nährt und die gelungene Tugenderziehung zur nekrophilen Empfindsamkeit führt. Als der Körper des geliebten Grafen im Tod gänzlich verschwindet, beschreibt die Gräfin diese Mangelerfahrung geradezu in der Sprache der körperlichen Liebe:
Ich will meinen Schmerz, über seinen Tod nicht beschreiben. Er war ein Beweis der zärtlichsten Liebe, und bis zur Ausschweifung groß. Ich fand Wollust in meinen Thränen, |...|.
Die tugendhafte Frau wird zur empfindsamen, indem sie die Lust des äußeren Körpers negiut und in der Seele eine neue entstehen läßt, die den Verlust des Körpers lustvoll beklagt. Versuchte die Base mit ihrer körperzentrierten Erziehung, den Ansprüchen von Männern nach den Regeln der Galanterie Genüge zu tun, die den Frauen zumindest rudimentär einen selbstbestimmten Handlungs- und Erfahrungsraum eröffnete, so beseitigt der Vetter den Körper der Erzählerin, um ein "von Natur [...] gutes Herz" so zu modellieren, daß der vernünftige Mann dieses auch besitzen möchte. Damit hat die Moralerziehung ihren Signifikanten gefunden: das Herz als Sitz der Gefühle oder Affekte, die mittels der Tugend auf Selbstlosigkeiten, z.B. Empathie, Bescheidenheit und Mitleid reduziert werden sollen. Mit einem solchen geläuterten Herzen wird der Geliebte erkannt, seine Abwesenheit aufgehoben, erhält die Besitzerin einen für die Eheschließung konstitutiven Tauschwert, bittet der Graf in seinem Werbungsschreiben doch darum, ihm "ihr Herz auf ewig zu schenken" . In der gräflichen Ehe zeigt sich erst die Funktion des erzogenen Herzens, auf das es der Graf abgesehen hat:
Kr |dcr Graf| schien mir vollkommen zu gehorchen; es war ihm unmöglich, mir etwas anzuschlagen; er hielt alles für genehm, was ich verlangte. Allein mitten in dieser zärtlichen Un-terthünigkeit wulile er sich bey mir in einer gewissen Ehrfurcht zu erhalten, da ich bey aller meiner Herrschaft nicht sowohl meinen Willen, als vielmehr sein Verlangen in Gedanken zu Rathe zog, und in der Thal nichts unternahm, als was er befohlen haben würde, wenn er hätte befehlen wollen.
So wie die Erzählerin die Vernunft des Vetters intcrnalisiert hat und dieses Übcr-Ich ihre "Gefährtinn" nennt, ist auch ihr Begehren transformiert und auf die Befriedigung des männlichen Verlangens reduziert. Die auf rationalistischen Techniken basierende Antizipation des Wunsches des Grafen ermöglicht zudem die imaginierte Umkehrung der Herrschaftsverhältnisse, die die Paradoxie hervorbringt, daß der Befehlende der "Gehorchende" sein soll. Nach einer ähnlichen "Dialektik" scheint Goethes "Dienen lerne beizeiten das Weib nach ihrer Bestimmung!/Denn durch Dienen allein gelangt sie endlich zum Herrschen" in Hermann und Dorothea14* konstruiert zu sein, womit das klassische Hohelied auf die tugendhafte Hausfrau anhebt.
Geliert wiederholt die Erziehung der Frau vom empfindenden Körper zum empfindsamen Herzen gleich mehrfach. Die Herzensbildung zum Dienst am Manne macht auch nicht an den Grenzen despotischer, unzivilisierter Territorien halt. Neben der Frau erscheint die Wilde als vorzüglicher pädagogischer Beschriftungskörper und dient zudem der Legitimitation des universellen Tugendanspruchs, beweist doch das kosakische Mädchen, "daß es auch unter dem wildesten Volke noch edle und empfindliche Herzen giebt" .I44 Der aufgeklärte Erzieher Steeley demonstriert an ihr die kolonialistische Gewalt dieser Erziehung:
Da Steeley das vortreffliche Herz seiner Schönen wahrgenommen: so hat er sich alle Mühe gegeben, sie zu bilden, und ihre edeln Empfindungen von den rauhen Eindrücken ihrer Erziehung zu reinigen. Sie hat, durch die Liebe ermuntert, im kurzen seine Meynungen und seine Sitten angenommen, und so viel Verstand bekommen, daß er sich keine Gewalt mehr hat anthun dürfen, ihr gewogen zu seyn.
Der Struktur nach wiederholt Steeley die Erziehung der Gräfin durch den Vetter, indem er die traditionelle Sozialisation der Kosakin auslöscht und dem "gereinigten Menschen" eine Tugend vermittelt, deren Endzweck darin besteht, ihm zu gefallen. Die Frau wird nicht mehr durch einen vermittelnden Erzieher auf die Liebe vorbereitet, sondern vom zukünftigen Liebhaber gerade durch die Erziehung begehrenswert gemacht. War das männliche Begehren gegenüber der Wilden fast ein Gewaltakt, wohl auch deshalb, weil die Kosakin die Beziehung zunächst selbst inszenierte, so liebt Steeley die Erzogene um so mehr, weil er sich in ihr selbst liebt. Der weibliche Verstand stammt aus dem Kopf des Mannes, der sich dann in seinen "Meynungen" und "Sitten" im anderen spiegeln kann, was er Zuneigung nennt. Letztlich leugnet diese Erziehung jegliche Gcschlechterdifferenz, macht sie doch die Seele der Frau lediglich zum alter ego des Mannes. Auch die gesellschaftliche Funktion der modernen Frauenerziehung beschränkt sich auf die Multiplikation der männlich produzierten Seelen. Neben der intellektuellen, ökonomischen und moralischen Unterordnung der Frau unter den Ehemann kommt ihr nämlich nur noch die Rolle der Erzieherin zu. Nicht jedoch am eigenen Kind, welches als Schandmal der Bigamie keine pädagogische Beachtung findet und die Verknüpfung Ehefrau - Mutter - Erzieherin noch nicht zuläßt, sondern gegenüber dem bürgerlichen Kind aus legitimen Verhältnissen: Florentine. Die Namensgebung, vollzogen an der adoptierten, aber nicht an der eigenen Tochter, deutet auf die erfolgreiche erzieherische Beschriftung des Individuums. An ihr reproduziert die Gräfin die planvolle Erziehung, die sie selbst erfahren hat. Das fremde Mädchen wird dazu bestimmt, weil sich die Gräfin in ihr spiegeln kann: wie die Gräfin entstammt Florentine als einziges Kind legitimen Verhältnissen, sie ist bürgerlicher Herkunft, also aus dem Stand, dem die Gräfin in Holland selbst angehört und dessen Ideale sie vertritt, schließlich wird Florentine wie die Gräfin zur "natürlichen" Waise. Die Gräfin folgt dem Modell, die galante Frau durch die kluge Ehefrau zu ersetzen, wozu das Mädchen gerade deshalb prädestiniert ist, da sie "sehr gute natürliche Gaben" hat; d.h. sie bringt schon die Qualitäten mit, zu denen die Gräfin erst erzogen wurde: "Die Artigkeit vertrat bei ihr die Stelle der Schönheit" . Die Erzählung der Erziehung durch die Gräfin, in der sie sich zunächst als eigentliche Erzieherin vorstellt, gerät unversehens zur Lobeshymne auf die männlichen Lehrer, die zum wiederholten Male veranschaulicht, daß Frauen nur "in ihrer Gesellschaft klug und gesetzt werden" . Schließlich beendet die Erwähnung von Florentines Heirat den Erziehungsbericht, womit sich die vom Vetter ausgegebene pädagogische Losung erfüllt, weibliche Herzen auf die monogame, tugendhafte Ehe vorzubereiten. Die Geistes- und Kulturgeschichte hat diesem Prozeß der Seelenerziehung viele Namen gegeben. Aber ob es sich nun um die Begriffe "Innerlichkeit", "Empfindsamkeit" oder "Pietismus" handelt, unter die die bürgerliche Individualisierung des frühen 18. Jahrhunderts subsumiert wird, kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß manche Individuen mehr und andere weniger an der Begrenzung auf das Innen profitieren. Die lutherisch-protestantische Produktion des "inneren Gottes" erfordert nämlich in seiner Kultivierung in Haus und Familie ein Frauenopfer. Wenn die Frau auf das Außen - die Welt, die Gesellschaft, alle politischen und ökonomischen Produktionen, ja sogar auf den eigenen Körper - zugunsten der bürgerlich-männlichen Herrschaft verzichten soll, impliziert das noch nicht, daß sie über ihr Innen verfügen kann. Hinter den rationalistischen Termini "Verstand", "Vernunft" und dem religiösen "Gewissen", die das Innen der Frau produzieren und kontrollieren, verbirgt sich nämlich die männliche Machtzentrale, die die despotische Hof- und Hausverfassung noch offen demonstrierte. Die bürgerliche Autonomiebewegung, die Gott durch das vernünftige Ich ersetzte, läßt sich nur als männlicher Diskurs lesen, der der Frau in der Erziehung oktroyiert wird. Wenn die Frau immer schon Objekt der symbolischen und ökonomischen Repräsentation des Mannes, seines Diskurses und seines Begehrens ist14'', dient die verinnerlichle Tugend der Aufrechthaltung der männlichen Ordnung, denn die "Vernunft" setzt die Einsicht in das Monogamiegebot durch, d.h. die zwischen den Vätern oder dem Herrn R. und dem Grafen ausgehandelten Besitz-rechte an der Frau.1'" Die Decodierung der tradierten oder galanten Verhaltensformeln hat weibliche Bedürfnisse neuen Bestimmungen durch die Männer unterworfen. Von der gewünschten bzw. gefürehtelen unbegrenzten Wollust der galanten/gemeinen Frau wandeln sich die männlichen Vorstellungen zur tugendhaften Empfindsamkeit einer bürgerlichen Frau, deren Gelassenheit die von ihr selbst gewünschte Unterordnung unter den männlichen Willen darstellt. |