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Die abwesenheit der kindheit

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Männlicher Buchstabe und weibliches Herz



Der Erziehung des Vetters, die das Mädchen aus der Welt entfernt, das Selbst vom Körper trennt und das weibliche Begehren durch die Erfüllung des männlichen definiert, liegt eine neuartige Struktur zugrunde, welche für die Erfindung der bürgerlichen Kindheit konstitutive Bedeutung hat. Die rationalistische, pädagogische Rede in der Literatur macht nämlich Frauen zu Kindern, wenn es darum geht, sie in eine neue symbolische Ordnung, in die Well der Sprache, der Schrift, des Lesens und Schreibens, einzuführen. Von der hauswirtschaftlichen wie höfisch-intriganten Welt der sinnlichen Realien und eindeutigen Repräsentationen getrennt, verschiebt sich für die Gräfin der Lern- und Erfahrungsbereich in der Erziehung des Herzens zum abstrakten Medium der Sprache. Diese "Vergeistigung" des in der Erziehung Erfahrbaren führt die Edukantin in symbolisch, d.h. sprachlich vermittelte und durch Sprache erst konstituierte Welten, die diametral allem Sinnlichen gegenüberstehen, weilsie auf einem veränderten Sprachverständnis gründen. Nicht mehr die Äußerlichkeit der Dinge und Zeichen oder die normierte Kommunikation der Stände und Geschlechter sollen als Garant der Wahrheit dienen, sondern das individuelle Sinnvermeinen. Die protestantische Abkehr von der religiösen Anschauungswelt, die das sinnhafte Zeichen in das deutsche "Wort Gottes" umwandelte, ebnete den Weg für die sukzessive Intellektualisierung der Signifikanten. Der Innenbewegung - der pietistischen Selbsterforschung wie auch der Suche nach dem Sinn der Wörter - folgen Bemühungen um eine adäquate Repräsentation eines neuen Welt- und Selbstverständnisses. Dies geschieht in einer selbst produzierten Vernunftsprache, die nicht mehr vom traditionellen Symbolverständnis der Geburtsstände erfaßbar war:
Die Grundbegriffe jeder Wissenschalt, die Mittel, mit denen sie ihre Fragen stellt und ihre Lösungen formuliert, erscheinen nicht mehr als passive Abbilder eines gegebenen Seins, sondern als selbstgeschaffene intellektuelle Symbole.1''"
Seit dem 16. Jahrhundert wird innerhalb dieses Diskurses "die Zusammengehörigkeit der Sprache und der Welt [...] aufgelöst"151; Sachen, Körper und Mächte hören auf, sich in der Ähnlichkeit ihrer Bezeichnungen zu spiegeln und werden zum ima-ginierten Vorstellungsbild idealisiert, welches sich in der sprachlichen Anschauung entäußert. Die Introversion - von der Gesellschaft in die Kleinfamilie , vom Körper zur Seele - findet im veränderten Sprachverständnis ihre prägnanteste Erscheinung, aber auch das Mittel ihrer Durchsetzung. Hinter den Lettern und phonetischen Sprachzeichen tauchten das Denken, der Sinn und die Wahrheit auf, die die Sprache "vergeistigen" und sich selbst "versprachlichen"; folglich wendet man sich der Sprache selbst zu, um zum Wissen und zur Erkenntnis zu gelangen. Auch wenn Leibniz mit der Idee einer "allgemeinen Charakteristik" versuchte, für die Sprache der Vernunft eine nominalistischc Zeichensynthesis zu konstruieren, die dem Zeichen einen der höfischen Symbolverwendung ähnlichen eindeutigen Repräsentationswert zuschreibt,IS bezeugen andere Bemühungen der ra-tionalistisch-hermeneulischen Sprachtheorie, daß der Bruch mit überkommenen Vorstellungen von Sprache eine vollkommen neue Verständigung über die Sinngebung erfordert. Die Eindeutigkeit von Rede und Schrift wird zwar durch "dunkle Stellen" unterminiert, deren Verständnis zudem noch von der Perspektivität des Hörers/Lesers abhängt; darüber hinaus ist das Subjekt "genöthigt, sich dem Hypothetisehen in der Sprache zu unterwerfen"l54, denn das Band zwischen Signifikant und Signifikat ist in seiner Willkürlichkeit erkannt, aber der idealisierte, d.h. der vernünftige Sprecher gibt sich dennoch als Herr der Sprache aus. An die Stelle des priesterlichen oder herrscherlichcn Wortes, dem der Einzelne Folge leistet, weil es die Wahrheit als Handlungsanweisung verkörpert, tritt der vernünftige, autonome Sprecher, der Sinn und Wahrheit selbst garantieren soll. Auf der Grundlage eines veränderten Zeichenbegriffs entsteht ein neues Selbstverständnis des bürgerlichen Menschen. Von der reinen Äußerlichkeit der Sprache befreit, die eher Sinn verstellt denn erhellt, wird das Subjekt als selbstreflexives geboren, indem es sich seit dem Descartesschen cogito bemüht, "von der Welt der handhaften symbolischen Dinge über die Idealvorstellungen der Imagination |...| bis zur Welt der Begriffe"IM' vorzudringen, deren Verhaftetsein am Ausdruck jedoch die richtige Erkenntnis gefährden kann:
Man weiß, auf wie vielerley Arten Religion und Sittenlehre theils ganz, theils stückweise, geglaubt, verworfen, nach den Trieben des Herzens umgeändert, oder in andere Formen gebrach! werden und wie schwer es dabey ist, nicht nur die Wahrheit, sondern auch den wahren Grad der Erheblichkeil eines jeden Satzes zu bestimmen, und bey der einmal festgesetzten Bestimmung zu bleiben.1"

   Wenn auch Geliert glaubt, daß die Wahrheit von Religion und Vernunft bzw. Tugend "nicht so wohl in das Gedächtnis, als in den Versland zu prägen" ist, dann zeichnet sich mit dem Verstehensproblem der ganz auf die Sprache angewiesenen vernünftigen Morallehre die Notwendigkeit einer rationalistischen Spracherziehung ab, die das Subjekt erst befähigt, in eigener Autorität die Wahrheit eines Satzes zu erkennen. Die Spracherziehung bildet deshalb den Motor des bürgerlichen Autonomiegedankens. Schon Wolffs Vorstellungen der Kindererziehung beginnen als Einführung in die Sprache, denn "mit der Zergliederung der Begriffe |...| bey dem Lesen" wird den Kindern erst die "Erlangung deutlicher Begriffe bey gebracht"15", die sie aus der sinnlichen Welt in eine "geistige" überführen. Das frühaufklärerische Programm zur "Menschwerdung" heißt letztlich Spracherziehung, mit der sich das Bürgertum erst über die ständische Bevormundung hinwegzusetzen versucht. So wie der Herr R. seinen Bediensteten mittels Lektüre "vernünftig und tugendhaft" und damit über die Standesunterschiede hinweg zum Menschen machen will, der zunächst nur in seiner Rede eine Existenz hat, sollen auch Frauen lesen und "Menschen" werden, allerdings - und damit kehre ich zum Ausgangspunkt meiner Untersuchung zurück - anders als die Männer.
      Daß zuerst die Frau, u.a. als spätere Erzieherin ihrer eigenen Kinder, die Erfahrung von Welt durch/als Sprache lernen konnte oder mußte, erscheint um so eindeu-tiger, da die Frau systematisch in der Neuzeit deterritorialisiert wurde, indem z.B. die traditionelle Symbolwelt der Frau gerade im Namen der "Menschwerdung" bekämpft wurde, die vorgab, soziale Differenzen aufzuheben. Haushälterische Tätigkeiten und nachbarschaftliche Beziehungen und damit die Grundlage einer oralen Frauenkultur wurden zunehmend in der Öffentlichkeit eingeschränkt, so daß das Buch und die Lektüre den leeren Raum füllten und der Frau eine neue soziale Stellung als Gattin und Mutter zuschreiben konnten, die mit ihrer "schönen Seele" das Zentrum der familiären Tugend abgeben sollte.151' Von den ersten Bemühungen eines protestantischen Schulwesens für Mädchen bis hin zu August Hermann Franckes deutscher Übersetzung von Fran-cois Fenelons Trade de l'education des ßlles wurde der Schriftkun-digkeit der Frauen zur Erlernung des rechten Glaubens höchste Priorität eingeräumt, galten sie doch in der Glaubensunterweisung als dem Manne gleichgestellt, aber zugleich auch als amoralischere und damit lernbedürftige Wesen, die beim Lesen ihren und andere Körper vergessen sollen."'" Um eine tugendhafte, aber nicht gelehrte Ehefrau zu werden, lernt die Gräfin keine "hohe und tiefsinnige Philosophie", der Vetter bringt ihr vielmehr "die Religion auf eine vernünftige Art" bei, wobei die vom Vetter stets unternommene Lernzieldifferenzierung verdeutlicht, was darunter zu verstehen ist: jegliche gesellschaftliche Anwendung des symbolischen Wissens wie auch die durch den Vernunftgebrauch vermittelte Selbstgewißhcit werden von vornherein ausgeschaltet, die Frau soll mit dem Erlernten nicht "in Gesellschaften pralen" oder ihre "Ehrbegierde |...| stillen" . Der mündlichen Unterweisung durch den Vetter, die sich auch um "Sprachen" , d.h. "Französisch und etwas Latein und Italienisch" bemüht, folgen Lesestunden im Hause des Grafen, die das erzieherische Abhängigkeitsverhältnis reproduzieren:
Der Büchersaal ward mir in kurzer Zeil an der Seite meines Gemahls der angenehmste Ort. Er laß mir aus vielen Büchern, die theils historisch, Iheils witzig, theils moralisch waren, die schönsten Stellen vor, und brachte mir seinen guten Geschmack unvermerkt bey.
Die Gräfin wird in die Welt der Schriftsprache eingeführt, damit in eine selbstreflexive Welt, an der sie zunächst nur rezeptiv partizipieren darf, um den "guten Geschmack" des Mannes zu übernehmen und einen spiegelbildlichen Konversationspartner abzugeben. Der pädagogische Diskurs der Frühaufklärung verdichtet sich an dieser Stelle. Die Enge der häusliehen Eingrenzung der Frau wird mit der Lesbarkeit der Welt kompensiert. Anstatt selbst am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, sollen Frauen aus Texten erfahren, wie sie "gesittet, liebreich, großmütig, gelassen und im Stillen ruhig" werden, denn die Erziehung des Herzens, an deren Ende die tugendhafte Ehefrau steht, hat jenseits der Buchstaben keine Anschauung. Die Gräfin liest noch nicht selbst, die Schrift erscheint ihr wie die Erziehung selbst als männliches Prinzip, denn auch ihr eigenes Lesen wird später von Männern beaufsichtigt. Beim Vorlesen des vom Gatten ausgewählten Lesestoffes stellt sich Bildung analog zur vetterlichen Erziehung "unvermerkt" ein. Daß die Gräfin eigentlich nicht weiß, warum und wie sie weiß, verdeutlicht ein entscheidendes Dispositiv der männlichen Erziehung, das die Frau zum Kind macht. Die rationalistische Kindererziehung basiert nämlich auf diesem Anteil des Unbewußten, wenn es darum geht, das Kind in die symbolische Ordnung einzuführen. Nach Wolff erlernt das Kind gerade beim Spiel, bei der Benennung der Erfahrungswelt und bei der analytischen Zergliederung von Rede und Schrift die Differenzen und Ordnungen produzierende Funktion der Sprache "unvermerekt"."' Auch die Erziehung der Frau durch Sprache ist an diese Form des "Betrugs" gekoppelt, denn die Zuhörende kann nicht zwischen Wahrheit und Lüge eines Sprechers unterscheiden, dem sie die Wahrheit, das Wissen und die Gebildctheit unterstellt, an dessen wörtlicher Autorität sie nicht zweifelt. Der der Vernunftsprache mächtige Herr R. demonstriert, daß in der pädagogischen Rede gelogen werden muß. Wenn er Carlson und Mariane von der moralischen Unhaltbar-keit ihrer inzestuösen Vereinigung überzeugen will, bedient er sich "eines Scheingrundes, der in der Stunde des Affekts eben so viel Kraft zu haben pflegt, als die Wahrheil" .
      Neben der männlichen Propagierung des weiblichen Lesens zur Bestimmung der Frauenrolle als tugendhafte, gebildete Ehefrau, Mutter, Hausfrau,16' werden auch Leseinhalte und Gattungen von Männern kontrolliert. An diesem Diskurs partizipiert auch Geliert mit der Konstruktion seiner Erzählerin, deren Funktion in der literaturpädagogischen Rede evident wird. Frauen werden nämlich im Roman selbst als antizipiertes Lesepublikum vorgestellt. Wenn sich Gellerts Gräfin an ihre "Leserinnen" wendet, impliziert "sie", daß außer den speziell für Frauen geschriebenen Wochenschriften insbesondere der Roman ein für Frauen konzipiertes Medium ist, welches einem erzieherischen Anspruch umso mehr Genüge tut, als Frauen schon in der unterstellten "weiblichen Lesewut" beim Lesen galanter Romane ein Rezep-tionsmuster etabliert haben, dessen sich der "Roman als moralische Anstalt" bedienen kann, indem er die ausschweifende Einbildungskraft der Leserinnen domestiziert. Die Gräfin wird beim Unterricht durch den Ehemann jedoch nicht "gewitzt", sie versteht ihrem Gatten zuhörend die Vernunftgrunde nicht, warum z.B. ein historisches, logisches oder moralisches Urteil so und nicht anders ausfällt, sondern sie hat nur ein ästhetisches Empfinden:
Und ob ichs gleich nicht allemal sagen konnte, warum eine Sache schön, oder nicht schöne war: so war doch meine Empfindung so getreu, daß sie mich selten betrog.
Das Wissen der männlichen Erzieher, deren "Belesenheit" , löst bei der Frau nur eine "Empfindung" aus, die sie mit Attributen des Eheverhältnisses beschreibt: sie ist "getreu" und "betrog" nicht. Empfinden bedeutet nicht Teilnahme an der rationalistischen Moral oder dem Wissen der Männer, sondern intuitives Fühlen, welches im Falle der Gräfin von Männern evoziert und kontrolliert wird. Auch wenn es sich bei der Empfindung um die allgemeine zeitgenössische Bestimmung des ästhetischen Urteils handelt, so darf nicht unterschätzt werden, daß diese "weibliche" Urteilskraft gegenüber dem "männlichen" logischen Urteilsvermögen als minderwertiger angeschen wird. Zu einer produktiven Anwendung des symbolisch vermittelten "Wissens", d.h. der verin-ncrlichten Rede des Mannes kann es deshalb auch nicht kommen. Während der Herr R. mit seinem Buch "Der standhafte Weise im Unglück" die altruistische Moralerziehung vom Manne aus fortschreibt und der Graf sich mit seiner Kenntnis der Zeichen seine Gefangenschaft angenehmer gestaltet, bleibt für die Gräfin die Morallehre ein Schwall leerer Worte. In den entscheidenden Bewährungssituationen sind "alle Trostgründe der Religion und Vernunft |...| bey meiner Empfindung ungültig" . Wenn die Affekte die Gräfin überwältigen - das macht Geliert gleich dreimal deutlich: beim vermeintlichen Tod des Gatten, in der Ma-rianenepisode und bei der Rückkehr des Grafen -, zeigt sich, daß der Mann, der Herr R., der eigentliche Kenner und Stratege des moralischen Wissens ist, denn er löst die Konflikte mit der Körperwclt auf, indem er dem Realen die neue Ordnung einschreibt, welche immer wieder in den Signifikanten "Vernunft" und "Religion" erscheint, die für die Gräfin letzten Endes unverständlich bleiben.
      Die erzieherische Produktion der tugendhaften, empfindsamen Ehefrau durch Rede und Schrift geht einher mit einer Sinn- und Verständigungskrise, die darin gründet, daß sich die symbolische Ordnung zwischen die Körper und das Ich schiebt, die die Selbstverständlichkeiten der Geschlcchtcrkommunikation aufhebt und zudem jegliche Repräsentation des neuen Selbst in starren Formeln verstummen läßt. Im Zuge der De- und Reterritorialisierung werden die Figuren sprachlos, wenn es darum geht, über sich oder zu anderen zu reden. Was die Sekundärliteratur als "Unsagbarkeitstopos" bezeichnet, ist vielmehr selbst ein Effekt der Erziehung, bei der das weibliche Individuum auf ihr erzogenes Herz begrenzt wird, welches in der Sprache der männlichen Vernunftmoral nur das stotternd wiedergibt, was ihm eingetrichtert wurde. In den Ehebeziehungen, auf welche alle Erziehung hinausläuft, wird das Scheitern der Diskursivierung der Herzen evident, die Vernunft und Liebe zusammenbringen will. Während nach der Wölfischen Politik die naturrechtlich aufgefaßte Ehe der Reproduktion und der Einhaltung des Monogamiegebots dient,lh" proklamieren Gellerts Figuren, wie hier der Herr R., im Rückgriff auf Thomasius die vernünftige Liebesehe:"'
Die Liebe und meine Philosophie sind einander gar nicht zuwider. Eine recht zufriedne Ehe bleibt, nach allen Aussprüchen der Vernunft, die größte Glückseligkeit des gesellschaftlichen Lebens.
Seinem Prinzip der Vermittlung binärer Oppositionen folgend transformiert Geliert Liebe in Ehe, indem er einfach das Begriffspaar "Liebe" und "Philosophie" durch "Ehe" und "Vernunft" ersetzt und den Antagonismus durch den subtilen Kurzschluß aufhebt, daß die letztere erstere beherrscht. Der Herrschaftsanspruch der männlichen Vernunft, die das Herz für die Ehe formt, wird durch die veränderte Beziehungsrela-tion verschleiert, wie ja auch der Mythos von der präslabilierten Harmonie von Körper und Seele die exponierte Stellung der Seele unterschlägt.17" Gegenüber Wolff spielt die Reproduktion und Kindererziehung für die Bestimmung der Ehe bei Geliert keine konstitutive Rolle, womit zugleich der Beischlaf vom Zeugungszweck getrennt wird. Im Vorangegangen wurde vielmehr gezeigt, daß Kinder lediglich an die Illegitimität der Beziehung gemahnen. Erst in Gottscheds Popularisierung der Wölfischen Philosophie werden beide Ansichten vereinigt, wird die Ehe "zu Erzeugung und Erziehung der Kinder, und Beförderung der gemeinschaftlichen Glückseligkeit geschlossen"171. Doch was verbirgt sich hinter dem Begriff der ehelichen "Glückseligkeit", in der Liebe und Vernunft harmonieren sollen? Wie gesehen erteilt Geliert der außerehelichen Liebe eine Absage. Der Prinz wird zurückgewiesen; Carolines briefliche Verzichtserklärung indiziert nicht nur das Ende des illegitimen Verhältnisses, sondern auch ihrer Hoffnungen auf Erfüllung in der Ehe. Auch alle anderen Liebesbeziehungen werden abgebrochen oder in der rechten Ehe legalisiert, deren Struktur ein Moralcodex definiert. Wird die Ehe zwischen Graf und Gräfin noch von den Vätern initiiert, so sind andere Verheiratungen Liebesehen, die auf der freien Gatten wähl gründen und damit schon auf das Ideal der romantischen Liebe vorausweisen. Die Gräfin verdeutlicht.daß es sich hierbei um eine neue Beziehungsform handelt, deren literarische Repräsentation dem am galanten Roman geschulten Leser ungewöhnlich erscheinen muß:
Viele können es nicht vertragen, wenn sie die Liebe verehlichter Personen so zärtlich abgeschildert sehen, als die Liebe zwischen unverehliehten, weil man sieht, daß die meisten Ehen die Liebe eher auslöschen, als vermehren.
Das Rezept zur Kontinuität der Liebe in der Ehe erscheint hier in den Signifikanten bürgerlicher Mittelmäßigkeil. Mit "Klugheit und Behutsamkeil", "Maß seiner Empfindungen" und der Harmonie von "sinnliche|r|" und "geistige|r| Liebe" soll die Liebende in der Ehe die Erfüllung finden, die doch zuvor - insbesondere dem Mann - in der außerehelichen Beziehung verheißen wurde. Ebenso wie schon Gellerts Konzept, die Autonomie des Subjekts von der standesübergreifenden Gattenwahl her zu begreifen, evoziert das Monogamiegebot an die vom Reproduktionsdiktat befreite Liebe Widersprüche und Verunsicherungen der befreiten Individuen . Zudem kann von der Einzigartigkeit und Exklusivität der Liebe, die später Werther zum Schicksal wird, noch nicht die Rede sein. Die Gräfin, Ama-lie, Stccley, Marianne und der Graf lieben mehrere Personen nacheinander, wobei sich die aufrichtige Liebe als konstant darstellt, liebt doch die Gräfin ihren zweiten "so zärtlich, als meinen ersten Gemahl" , was dann auch den wiederholten Partnerwechsel ermöglicht. Problematisiert wird nicht der psychische Konflikt, den das eigene und das Begehren der zwei Ehemänner hervorruft, sondern nur die Einhaltung der Moral, die die Liebenden zwingt, die Ansprüche ihrer Herzen zu modifizieren oder gänzlich aufzugeben. Die Einschreibung der Monogamie im Namen der vernünftigen Moral verdeckt dabei lediglich die männliche Ordnung des Frauentausches, dem sich die Gräfin selbsttätig unterordnen soll. Der Graf und der Herr R. verhandeln wie schon die Väter die Besitzrechte an der Gräfin aus, während diese noch "über die grausamste Wahl" nachdenkt, "welchen ich wählen sollte", obwohl sie diese Möglichkeit gar nicht hat, denn "ich gehörte dem letzten so wohl, als dem ersten zu" . Es entbehrt jeder Logik, warum die Gräfin zu ihrem ersten Gatten zurückkehrt, es sei denn, sie bezieht sich auf die Befolgung des väterlichen Vertrags, der die erste Ehe konstituierte. Die Freiheit der Gattenwahl wird wieder zurückgenommen; bei seinem Tod überläßt der Graf explizit dem Herrn R. seine Frau. Auch wenn die Gräfin am Ende des Romans dem Prinzen eine erneute Absage erteilt, geschieht dies im Namen der männlichen Tauschmoral. Sie wehrt sich gegen dessen Heiratsantrag, indem sie den Herrn R. als ihren "Gemahl" bezeichnet und sich damit selbst in ein von ihrem Gatten vorgeschriebenes Besitzverhältnis begibt: "Ich sterbe; und ihnen, mein lieber R., überlasse ich meine Gemahlinn" .
      Die monogame Liebesehe bereitet aber auch durch ihre zumindest intendierte Exklusivität das Territorium der Versubjektivierung vor. Das bürgerliche Ehepaar grenzt sich ab und aus, lebt "an dem volkreichsten Orte in der größten Stille", kommuniziert durch "Gefälligkeiten und Gegengefälligkeiten" und unterhält sich "mit Lesen und Denken" . Isoliert von der Welt kann diese nur noch am anderen erfahren werden. Das Subjekt konstituiert sich in selbstreflexiven Zweierbeziehungen, dem Blick nach innen bzw. in Bücher. Dort findet das Subjekt wie in der Liebe nur sich selbst, "denn wie oft lieben wir nicht uns in Andern?" . Gegen Ende des 18. Jahrhunderts verzeichnen Romane von Werther bis Lucinde den Universal anspruch der neuen Liebessemantik: alle Selbstreflexion bricht sich als narzißtische Spiegelung im exklusiven anderen, sei dieser Partner, Text oder Natur; die Beziehung von individuellem Subjekt und Welt reduziert sich auf eine Liebe, in der der andere zugleich Verdoppelung des Selbst als auch alles Andere, das dem Selbst Fehlende, die Welt sein soll.17' Um die Verunsicherung auf der Suche nach dem anderen Selbst zu begrenzen, schreibt die Morallehre den Menschen ein der Affektenlehre ähnliches, ausschließliches, hier moralisches Wesen zu, welches am Verhalten des anderen "gelesen" wird. In Heumanns Politischem Philosophus wird z.B. ein umfangreicher Kriterienkatalog der "Gemülhs- Leibes- und Glücks-Qualitäten"17'' der Frauen erstellt, nach dem der Mann seine Ehefrau aussuchen soll. Auch in den Moralischen Vorlesungen erteilt Geliert Lehren zur Partnerwahl, die den rechten Partner als Komplettierung des Selbst begreifen, was fast zwangsläufig in der Konstruktion von Geschlechtscharakteren endet.17'' Bei dieser Entscheidung, die allerdings in der Schwedischen Gräfin beiden Geschlechtern zufällt, initiieren doch die Gräfin und Amalic ihre bürgerlichen Ehen selbst, findet die Erziehung des Herzens ihre praktische Anwendung, denn "man höre bey seiner achtsamen Wahl zuerst auf die Stimme des Herzens" . Wenn Geliert dieses zuvor als Sitz der Tugend definierte , endet die Partnersuche im plumpen Narzißmus: "Tugend ist das, was ein edles Herz am meisten wünscht" . Der geliebte Andere - wobei es gleichgültig ist, ob es sich um den Ehepartner oder Freund handelt - muß als alter ego ein gutes Herz haben, d.h. gebildet und tugendhaft sein. Das nach diesen Kategorien ausgcrichlete, in der Erziehung produzierte subjektive Erkenntnisvermögen, welches nur die Verdoppelung der eigenen Tugend im anderen sucht, ist allerdings nicht verläßlich. Das identifikatorische Lesen des anderen zur Bestätigung eines Selbst, welches durch die Erziehung und die Einführung in die symbolische Ordnung immer schon ein fremdbestimmtes ist, gerät in der Kommunikation mit den Mitmenschen aus den Fugen.
      Schon gegenüber möglichen Freunden versagt die Erkenntnis des Herzens. Carlsons Mörder Dormund "gewann unsere Vertraulichkeit sehr bald", weil er vom Büchcrlesen "einen gewissen Witz" bekommen hat und zudem "etliche Sprachen" beherrscht. Die in der Tugenderziehung produzierte Fähigkeit, die "Hoheit der Seele" zu erkennen, orientiert sich am "moralischen Schein" der Signifikanten, dessen intendierte Verstellungsfunktion den Protagonisten entgeht. Es muß schon äußerst handfest zugehen, damit im Erscheinen des anderen nicht die Spiegelung des Selbst, sondern die traditionellen Verhaltensmuster der Unaufrichtigkeit und Egozentrik gelesen werden können. Im despotischen Rußland haben die so hochgelobten "geheimen Triebe der Freundschaft und des Mitleidens" einen Tauschwert, den die Gebildeten erst erfahren, wenn sie für das Mitleid bezahlen müssen:

Nunmehr nahm unser Aufseher Ahschied. Wir dankten ihm unaussprechlich für seine Menschenliebe, ob wir sie gleich meistens erkauft hatten. Wir umarmten ihn [...].
Dem Grafen und Steeley fällt der selbst benannte Widerspruch zwischen gekaufter Liebe und freundschaftlicher Umarmung nicht im eigentlichen Sinne auf, weil sie selbst von der Rentabilität des Mitleids profitieren. Die uneigennützige Rettung des jüdischen Kaufmanns zahlt sich letztlich in der Befreiung der beiden aus. Aber auch unter hausherrlichen Freunden blitzt hinter dem stereotypen Moraldiskurs etwas anderes auf.â„¢ Steeleys Vater, ein Kaufmann aus England, erwähnt in seinem moralischen Rechenschaftsbericht sein Mitleid und seine Güte gegenüber Notleidenden, woraus die Erzählerin, von der Rede des anderen über- bzw. verführt, folgert, daß man ihn lieben muß, weil er "von Jugend auf mit dem Gewinne umgegangen war und doch ein so edelmütiges Herz hatte" . Um die dem Kapitalinteresse entgegenstehende altruistische Güte nochmals hervorzuheben, erwähnt sie auch, daß der Kaufmann gegenüber dem Reichtum seiner Schwiegertochter Amalie "keine besondere Freude" zeigt. Beim Verlust des Vermögens wird der Leser - und nicht die Gräfin! - eines anderen belehrt: "Der alte Steeley, so wenig er das Geld liebte, konnte doch den Zufall nicht vergessen" . Das gute Herz oder die Seele wird zur platten Formel, wenn es als Allgemeinbegriff verwendet wird. So wie Geliert eine Erziehung für alle propagiert, soll auch das Sittenorgan die richtigen Moralqualitäten aller repräsentieren. Irrt sich dennoch das durch die Vernunfterziehung erst modellierte Herz, dann wird dieser Umstand immer wieder dem Durchbruch der unbeherrschten Affekte oder dem Schicksal zugeschrieben. Erstere werden mit erneuter Bemühung von Vernunft und Religion kontrolliert, in letzteres ergibt man sich.
      In der Schilderung der idealisierten Verheiratungen wird die Redundanz der Rede vom Herzen fast unerträglich, zugleich das "Herz" aber auch zum leeren Signifikanten, der alles und deshalb nichts bedeuten kann.17'' Der Graf gefällt der Erzählerin "im Herzen sehr wohl", d.h. "sein Herz war mir unbeschreiblich angenehm"; obwohl sie sich "keine Rechnung aufsein Herz machte" , bietet der Graf sein Herz an, offenbart es und will es verschenken. Nach dessen Tod hat "der liebste Freund meines Gemahls", der Herr R., "das erste Recht auf mein Herz", weil er "so großmüthig und tugendhaft" ist. Die Gräfin, dazu erzogen, das zu wollen, was Mann von ihr will, reproduziert bei ihrer Partnerwahl, worauf sie programmiert wurde, indem sie sich in den moralischen Qualitäten des anderen spiegelt, was umso einfacher geschieht, da ihr Selbst ja erst vom Mann konstituiert wurde. Damit ist aber auch schon ihre Identität in der Ehe erschöpft. Für den Mann hat das gute Herz der Frau aber eine ganz andere Funktion:
Hin Frauenzimmer aber, die Tugend und Verstand besitzt: besitzl gewiß auch häusliche Geschicklichkeiten. Und wenn ich weis, daß ihr Herz für mich fühlt, und in meine Wünsche williget; was kann uns wohl bey unsrer Liebe die Wahl verdächtig machen?
Die Unterordnung der Frau unter den Willen des Mannes war nicht nur Ziel der weiblichen Erziehung, sondern setzt sich in der Ehe als von der Frau gewünschte fort. Die feine rhetorische Verschiebung von "mich" und "meine" zu "uns" und "unsrer" kaschiert im Namen der gemeinschaftlichen Liebe das männliche Interesse am "weiblichen" Herzen, was zudem noch praktische Dienstbarkeiten mit sich bringen soll. Das Herz beschreibt aber zugleich auch den Sitz der Gefühle, der negativen Affekte, des Wunsches. Ist schon die Differenz zwischen gutem und bösem Herzen für die Protagonisten kaum lesbar, dann verschlägt die Artikulation der eigenen Herzensempfindung insbesondere den Frauen gar die Stimme. Die Gräfin und ihr Counter-part Amalie äußern mehrmals ihr Mißtrauen gegenüber einer ihnen fremd bleibenden Sprache als Repräsentation der Gefühle: "Die Sprachen sind nie ärmer, als wenn man die gewaltsamen Leidenschaften der Liebe und des Schmcrzens ausdrücken will" . Deshalb ergeht die Herzensrede in stummen Gefühlsausbrüchen, Umarmungen und Tränen; anstatt benannt zu werden, kommentieren Moraltraktate das Unsagbare; eine Verschriftlichung der Seele, wie sie Blankenburg fordert und Werlher ausführt, läßt sich bei Geliert noch nicht finden. Wenn doch einmal "das Herz redet" , ist es das eines anderen: die Gräfin zitiert die Briefe oder Stimmen der anderen, aber auch hier wird der Leser enttäuscht, sucht er nach einem Ausdruck von Subjektivität. Nicht Gefühlsdarstellungen, an denen sich wiederum subjektive Anteilnahme des Lesers vollziehen könnte, sondern die Repräsentation typisierter, vorbildlicher Verhaltensweisen und damit die Plastizität des moralischen Regelsystems zeichnen die Briefe und Erzählungen aus.IKI Die Formelhaftigkeil wird umso evidenter, da die Briefe das Gespräch ersetzen sollen, um unmittelbarer zu erscheinen, was allerdings am Rückgriff auf höfische Rhetorikfloskeln scheitert.1* Vorbildhafte Kommunikation der "empfindliche|n| Herzen" geschieht sprachlos, weil die äußerliche Sprache die Empfindung nur stört:
Man sieht einander schweigend an, und die Seele ist doch nie beredter, als hey einem solchen Stillschweigen. Sie sagt in einem Blicke, in einem Kusse, ganze Reihen von Kmpfindungen und Gedanken auf einmal, ohne sie zu verwirren.
Sollte der Leser nicht verstehen, was damit gemeint ist, wenn die Gräfin davon spricht, daß etwas "auf die Empfindung ankömmt" , dann wird ihm vorgehalten, er müsse nachempfinden, was unsagbar bleibt. Die Spiegelung im anderen Herzen wird im Appell an den Leser wiederholt:
Man muß es fühlen, wenn man wissen will, was es heißt, von zween Affekten zugleich bestürmt zu werden, von denen einer so groß, als der andere ist.
Nur hat in diesem Falle Geliert für die identifikatorische, die eigene Erfahrung bestätigende Lektüre ein der propagierten Moral entgegenstehendes Beispiel gewählt. Die Affekte, die der Leser nachvollzieh.cn soll, beziehen sich nämlich auf den Konflikt der Gräfin, ihre beiden Ehemänner gleichermaßen zu lieben.
      Das Mißtrauen in den Repräsentationswert der Sprache wird durch den Hinweis auf die Authentizität eines vorsprachlichen "Empfindens" artikuliert, welches selbst erst Produkt der Einführung in die symbolische Ordnung ist, denn die Modellierung des Herzens vollzog sich durch die Rede des anderen oder durch Texte, die das Ab-wesende - z.B. die Transzendentalsignifikate "Vernunft" und "Religion" - repräsentieren. Diese Operation der Vergegenwärtigung ersetzt aber auch in den Liebesbeziehungen die Körper durch die Zeichen. Die Gräfin, Caroline, Carlson, Dormund und Steeley wollen nicht nur ihre Partner besitzen, sondern auch deren Porträts. So wie die Gräfin Caroline das Bild des Grafen abverlangt, bemächtigt sich Dormund erst einmal des Porträts Marianes, bevor er sie heiratet. Die Gräfin bekundet gegenüber dem Herrn R. ihre Liebe, indem sie ihm ihr Bildnis schickt, Steeley wünscht sich Amalies Gemälde als Geschenk. Diese Zeichen der Ähnlichkeit, die auf einem tradierten Zeichenverständnis gründen,"" bilden den anderen originalgetreu ab, ahmen Natur nur nach. Im Roman haben sie die Funktion, den Abwesenden zu repräsentieren, bei der Artikulation eines unsagbaren Begehrens behilflich zu sein oder den Partnertausch symbolisch zu reproduzieren . Von einem Bruch zwischen Kopie und Original, wie es in Lessings Emilia Galotti auftritt, da das ästhetische Produkt die Natur überbietet, ist in der Gräfin noch nichts zu lesen. Demgegenüber tauchen aber andere Bilder auf, die sich als Effekt der Einführung in die symbolische Ordnung skizzieren lassen. Amalie und die Gräfin verbindet, daß sie die in der Leseerziehung geschulte Einbildungskraft gerade in Lie-bessachen zur Geltung kommen lassen. Die Gräfin stellt sich die Anwesenheit des anderen vor, erdichtet gar eine Unterhaltung mit ihm und nennt ihre Einbildungen eine Empfindung des Herzens:
Nunmehr aber fieng mein Herz auf einmal an zu empfinden. Mein Graf war zwar auf etliche vierzig Meilen von mir entfernt; allein die Liebe machte ihn mir gegenwartig. Wo ich stand, da war er bey mir. Hs war nichts schöner, nichts vollkommenen«, als er. Ich wünschte nichts, als ihn. Ich fieng oft mit ihm an zu reden, lir erwies mir in meinen Gedanken allerhand Liebkosungen, und ich weigerte mich mit einer verschämten Art, sie anzunehmen.
Die Internalisierung der Stimme des Herrn wird subvertiert, denn die Vergegenwärtigung des Abwesenden zielt nicht auf die Einhaltung eines Gebotes. Zwar wünscht die Gräfin erneut, wozu sie erzogen wurde, aber sie fügt doch einiges hinzu. Anstatt nur zu reproduzieren, wird die Einbildungskraft produktiv, indem sich die Gräfin die Schönheit und Vollkommenheit des Geliebten ausmalt, deren sprachliche Repräsentation sie ablehnt, denn "man verderbt durch die genaue Beschreibungen oft das Bild, das man seinen Lesern von einer schönen Person machen will" . Das Spiel der Einbildungen geht aber noch weiter. Die Gräfin imaginiert sich "allerhand Liebkosungen", die immerhin so ausschweifend sind, daß sie sich dagegen noch in der Phantasie verschämt wehrt. Letztlich gelangen aber auch diese zu Anfang des Romans auftauchenden inneren Bilder wieder unter die Kontrolle der moralischen Rede, denn die Erzählerin weiß später nicht mehr von ähnlichen Vorstellungen zu berichten. Demgegenüber findet Amalies Offenbarung des Herzens ganz im Zeichen symbolischer Ordnungen statt. Die Gouverneursfrau erhält ihr Liebesobjekt vom Grafen, denn "sie haben ihn in ihrem ersten Gespräche mit mir so edel beschrieben, daß ich ihm gewogen war, ehe ich ihn sah" . Wenn Amalie schließlich Steeley gegenübersteht, bemerkt sie, "je mehr er redte, daß etwas in meinem Herzen vorgieng" . Die Herzens kommunikation, von der Rede des anderen initiiert, scheitert aber immer wieder an der adäquaten Repräsentation, weil die Herzensartikulation unsprachlich gedacht wird. Wie bei den stummen Affektausbrüchen der Gräfin, betrachtet Amalie den Körper als Ausdrucksfläche des Herzens: "ich sah in den Spiegel |...| und sah jeden Blick die Unruhe meines Herzens verrathen" . Zwar tauscht das zukünftige Ehepaar Bücher aus, aber der die Seelennähe verratende Dichtername fällt nicht; kein "Klopslock!" läßt sich vernehmen, um dem blinden Auge ein offenbarendes Ohr zu leihen. Also muß gelesen werden: der Körper des anderen, "seine Augen und sein Herz" , "mein eigen Herz" . Gibt der andere Schriftzeichen von sich, so wird die "Nacht mit einer geheimen Auslegung dieses Briefes" zugebracht. Aber auch die unmittelbare Kommunikation der Körper ist nicht eindeutig, wenn Steeley "meiner Hand durch die seine, ich weis nicht was für verbindliche Dinge zu sagen" versucht. Schließlich reproduziert das Schachspiel - das Spiel der Könige um die Herrschaft über den anderen - die Armut des sprachlichen und körperlichen Ausdrucks. Außerhalb der bürgerlichen Ordnung - Amalie und Steeley befinden sich im herrenlosen Schloß im despotischen Rußland - werden die Individuen sich und dem anderen unverständlich. Die tradierten Regeln der Geschlechterkommunikation sind unwirksam, und die vom sich autonom gebenden Subjekt vorgenommene individuelle Codierung der Intimität ist "inkommunikabel". Wenn der Zufall die Herzen dann doch zum Sprechen bringt, wird nur noch geredet:
Nun redte unser Her/ allein. Kr fragte mich, ob ich seine Liebe nicht gemerkt hätte, und ich fragte ihn eben das. Wir erzählten einander die Geschichte unsrer Empfindungen, und unser Umgang war von dieser Stunde an Liebe und Freude.
Die Liebesepisode endet dort, wo sie begann: in der Rede des anderen, aber auf einmal kann das Herz sich doch sprachlich artikulieren. Das gegenseitige Erzählen der Empfindungen wiederholt die dem Leser durch Amalies Bericht schon bekannte Rekonstruktion der Inkommunikabilität der Herzen, die erst später durch die Literatur für den Leser kommunikabel wird und damit einen neuen Intimcode produziert.1"'' Mit Goethes Werther erscheint 25 Jahre nach der Gräfin ein Roman, in dem nur noch das Herz reden soll. Auch Werther ist Liebender und Leser zugleich, der Lottes Körper und Augen nach Botschaften ihres Herzens abtastet; auch er versucht, jede zufällige Berührung mit ihr in Sinn umzuwandeln; schließlich benutzt er sogar Texte, um sein Herz für Lotte lesbar zu machen. Im Unterschied zu Gellerts Liebespaaren hat sich allerdings die Beziehung von Mann und Frau grundlegend geändert. Werther tritt gegenüber Lotte nämlich nicht als Erzieher auf, erhält die Frau nicht aus den Händen eines Patriarchen und stiftet auch keine Liebesehe. Seine Beziehung zu Lotte steht vielmehr im Zeichen mütterlicher Imagincs, die er in seinem "Herzen" trägt. Um diesen Wandel in der familiär produzierten Geschlechterbeziehung zu verstehen, wird im Folgenden der Diskurs rekonstruiert, der aus Patriarchen Mütter und aus Männern Kinder macht.
     

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Männlicher  Buchstabe  weibliches  Herz    

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