Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Deutsche novellen
Die Zeit um die Jahreswende 1900/1901 war für Thomas Mann eine Zeit quälender Ungewißheit über Annahme oder Ablehnung des „Bud-denbrooks"-Manuskriptes durch den S. Fischer Verlag. In diesen Monaten re
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Didaktisch-methodische Analyse



Wenn im Rahmen der nun anzustellenden didaktisch-methodischen Ãœberlegungen zunächst die Frage nach den Zielsetzungen gestellt wird, die mit Thomas Manns 'Tristan" im Unterricht erreichbar erscheinen, woran sich dann das Nachdenken über methodische Möglichkeiten anzuschließen hat, so ist auf diese Frage eine Vielzahl von Antworten möglich, wenn sie, wie hier, zunächst ohne weitere Bedingungen gestellt ist. Bekanntlich schränkt sich diese Zahl der zunächst denkbaren Unterrichtsziele aber rasch ein, sofern man bei der Zielentscheidung als unterrichtsrelevante Gegebenheiten die Lernvoraussetzungen der Schüler und die Lehrvoraussetzungen des Unterrichtenden berücksichtigt. Da diese Voraussetzungen zumeist von Unterrichtssituation zu Unterrichtssituation verschieden sind, erscheint hier eine Auswahl aus der zunächst denkbaren Vielzahl von unterrichtlichen Zielsetzungen zu 'Tristan" vorerst nicht möglich. Wenn diese Auswahl dennoch vorgenommen wird, so aus der Ãœberzeugung heraus, daß ellenlange Auflistungen von Lernzielen dem Praktiker wenig hilfreich sind. Als Auswahlkriterium für Lernziele und in Verbindung damit für unterrichtsmethodische Vorschläge wird hier zum einen eine Lehrvoraussetzung, nämlich die Mediensituation angewendet. Das bedeutet: Es werden solche Zielsetzungen bevorzugt für deren Erreichung ergänzende Materialien besonders leicht zu beschaffen sind. Der Praktiker wird dieses pragmatisch-ökonomische Vorgehen, das den Theoretiker sicher nicht befriedigt, zu schätzen wissen, zumal ihm in der Reclam-Reihe 'Erläuterungen und Dokumente" ein leicht zugänglicher Materialiensatz zu Thomas Mann 'Tristan" vorliegt.
      Zunächst seien aber einige Ãœberlegungen zur voraussichtlichen Motivationslage der Schüler angestellt, die, wie stets bei unterrichtsplaneri-schen Ãœberlegungen, gleichfalls als Auswahlkriterium für die Lernzielentscheidung zu berücksichtigen ist. Wilhelm Lang machte im Rahmen eines wertenden Vergleichs 'Tonio Kroger" - 'Tristan" einige für unseren Zusammenhang interessante Bemerkungen: ',Tonio Kroger' stellt deutlich und fast allgemein verständlich ein persönliches Problem dar, enthält ein Bekenntnis und wirkt als ,document humain'; man spürt den unmittelbaren Lebensbezug und bekommt Aufschluß über einen Menschen, nämlich Th. Mann. ,Tristan' läßt ähnliches anklingen, aber weder die Situation Frau Klöterjahns noch die Probleme Spinells sind so grundsätzlich allgemein interessierend und aufschlußreich. Sie sind einmalig und schwer nachvollziehbar; das ,quid hoc ad me' darin ist sehr viel schwerer aufzuspüren; der Fall Klöterjahn ist nicht unserer, und Spinell bleibt Karikatur."
Der Lehrer, der dem zustimmt, wird die primäre Motivation seiner Schüler beim unterrichtlichen Umgang mit 'Tristan" keineswegs hoch einschätzen und dies bei seinen Ziel- und Methodenentscheidungen berücksichtigen.
      Ausgehend von der zunächst anzunehmenden weitgehend unreflek-tierten Distanz des Schülers zum Text, ergäbe sich dann als Zielsetzung
die Schüler sollen eine begründete kritische Einstellung zum 'Tristan"-Text gewinnen, die zustimmend, aber auch ablehnend sein kann.
      Dies impliziert dann weitere Zielsetzungen und methodische Folgerungen, nämlich:
den Inhalt des Textes erfassen,

charakteristische Formmerkmale erkennen,
Einblick in die Entstehungsbedingungen des Textes gewinnen,

seinen thematischen Kern erschließen und reflektieren,
Rückschlüsse auf Intentionen des Autors ziehen,
Gestaltlingstechniken des Autors exemplarisch kennenlernen,
Beziehungen zwischen Entstehungsbedingungen, Inhalt, Form, Thema und
Intentionen ermitteln und erörtern, Wirkungen des Textes feststellen, beschreiben und diskutieren.
      Für die Erreichung dieser Unterrichtsziele erscheint die schon erwähnte, von Ulrich Dittmann bearbeitete Materialiensammlung 'Erläuterungen und Dokumente zu Thomas Manns ,Tristan'" jeweils in unterschiedlichem Maße, aber insgesamt geeignet. Die dort gegebenen 'Texterläuterungen" sind für die inhaltliche Erfassung hilfreich und verweisen zudem auf charakteristische Formmerkmale . Das Kapitel 'Entstehungsgeschichte" bringt über die Darstellung der Entstehung des 'Tristan" hinaus autobiographische Zeugnisse in Gestalt von Auszügen aus Briefen Thomas Manns und als zeitgenössisch-wertende Stimme über den Dichter eine Aussage von Ludwig Thoma .
      Zur Erreichung von Z 5 sei auf den Abschnitt 'Die Künstlerexistenz" verwiesen, die neben einem entsprechenden Text aus Arthur Holitschers Autobiographie 'Lebensgeschichte eines Rebellen" und einer dazu kontrastierenden Textpassage aus 'Tonio Kroger" Auszüge aus Thomas Manns Wagner-Essay aus dem Jahre 1933 und ergänzend einen autobiographischen Entwurf des Autots von 1907 bringt . Was Thomas Manns Äußerungen über den Künstler betrifft, so sei hier besonders auf das einschlägige Kapitel bei Ernst Nündel aufmerksam gemacht.
      Rückschlüsse auf die Intentionen des Autors , insbesondere auf seine kritische Absicht, werden durch die 'Texterläuterungen" erleichtert. Als Ergänzung hierzu sei hingewiesen auf den schon erwähnten autobiographischen Entwurf , welcher selbstkritische Einstellung und Kritik an der Selbstüberschätzung mancher zeitgenössischer Künstler dokumentiert, sowie auf die gegenüber Richard Wagner kritischen Äußerungen in den Auszügen aus den 'Buddenbrooks" und in den weiteren Ausschnitten aus dem Gesamtwerk .
      Was das exemplarische Kennenlernen der Gestaltungstechniken des Autors betrifft , so geben die 'Texterläuterungen" nützliche Hinweise zum Einsatz von Leitmotiven sowie zur Verarbeitung von Vorbildern und von literarischen Vorlagen, insbesondere Wagners 'Tristan und Isolde" . Noch ergiebiger ist hierfür das Kapitel 'Stoffliche Anregungen" .
      Für das Ermitteln von Beziehungen zwischen den Entstehungsbedingungen des Textes, seinem Inhalt, seiner Form, seinem Thema und den Intentionen des Autors stellt das zu Z 2-7 Erarbeitete seinerseits Ausgangsmaterial dar.
      Wirkungen des Textes, die zu beschreiben und zu diskutieren sind , ermitteln die Schüler durch Selbstbeobachtung und durch Erfahrungsaustausch im Klassen- bzw. Gruppengespräch. Dokumente über Aufnahme und Wirkung von Thomas Manns 'Tristan" fehlen leider in der hier zugrundegelegten Materialiensammlung.
      Es bedarf sicher keiner weiteren Erwähnung, daß aus der Sicht des 'Tristan"-Textes mit seiner ironisch-kritischen Distanz zum Ästhetentum eine ästhetisierende, auf Identifikation abzielende Betrachtung des Textes im Unterricht ausgeschlossen sein sollte. Sie wäre auch im Hinblick auf die angestrebte Zielsetzung und auf die zu erwartende Motivationslage der Schüler eine ungeeignete Methode.
      Dem angestrebten Ziel einer begründeten kritischen Einstellung zum Text, sei sie nach sorgfältiger Prüfung letztlich zustimmend oder ablehnend, kann nur eine behutsame, zunächst analysierende, dann aber wiederum synthetisierende Vorgehensweise entsprechen, die zuerst den zahlreichen Aspekten des Textes im einzelnen , schließlich aber auch im ganzen Rechnung zu tragen versucht und die auch den Leser als wesentliche und zugleich variable Konstituente des literarischen Prozesses mit einbezieht . Jakob Lehmann formuliert letzteres so: 'Unser eigener Standpunkt bei der Interpretation muß â€” da auch er historischem Wandel unterliegt - gleichfalls mitreflektiert werden; jede Generation sucht ihren Zugang zu einem Werk."
Hinter Vorstellungen wie diesen steht nicht nur das Leitbild des mündigen Lesers; es ergeben sich hieraus auch wiederum unterrichtsmethodische Konsequenzen: Wer nämlich als Lehrer den Schüler in seiner Leserrolle ernst nimmt und ihm in seiner Entwicklung zum mündigen Leser helfen will, der kann nicht anders als einen schülerorientierten, offenen Literaturunterricht — mit allen seinen Chancen aber freilich auch Risiken — praktizieren.
      Für einen solchen offenen Literaturunterricht ein geschlossenes Konzeptanzubieten, wäre nun freilich ein Widerspruch in sich selbst. Deshalb werden hier einzelne Elemente für Unterrichtsplanung angeboten, die entsprechend den Gegebenheiten der jeweiligen konkreten Unterrichtssituation ausgewählt und situationsadäquat strukturiert werden können. Der für dieses Angebot hier verwendete Grobraster Textbegegnung-Textrezeption-Textanalyse-Textdiskussion dient lediglich als Ordnungshilfe, will also keine starre Gliederung des Unterrichts sein.
     

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