Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Deutsche novellen

Index
» Deutsche novellen
» Thomas Mann: Tonio Kroger
» Thomas Mann heute

Thomas Mann heute



Thomas Mann repräsentiert - darauf hat er selbst stets Wert gelegt — in seiner Person wie in seinem Werk eine Bürgerlichkeit, deren Höhen und Tiefen, deren Fülle und Einseitigkeiten das 19. und die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts prägten, seine Geschichte und seine Kultur. Manns Themen, seine ironisch-objektive Darstellungsweise, seine Formen der Kommentierung politischer Ereignisse sind davon bestimmt. Ausgehend von der geschichtlich wohl unbestreitbaren Tatsache des Endes dieser bürgerlichen Epoche, an deren Anfang das künstlerische Programm der deutschen Klassik steht, stellt sich heute die Frage nach dem Stellenwert ihres letzten großen Repräsentanten. Nachdem Thomas Mann nach großer Wertschätzung in der Nachkriegszeit für die öffentliche wie wissenschaftliche Diskussion in den Hintergrund getreten war, rückte anläßlich seines 100. Geburtstags erneut die Frage nach seiner Bedeutung für unsere Zeit ins Blickfeld.

     
   Auf einige Aspekte aus dieser Diskussion sei kurz hingewiesen. Die Vorbehalte überwiegen 24:
1. Die Mehrzahl der heutigen Schriftsteller hat keinen lebendigen Bezug zu Thomas Mann 25, je jünger, desto weniger.
      2. Leser ohne die Lesekultur der Bildungstradition vermögen der Ironie nicht mehr zu folgen, weil die Kenntnis des Gesagten als Voraussetzung zur Erkenntnis des eigentlich Gemeinten nicht mehr vorhanden ist. So wird Thomas Mann für solche Leser so banal und trivial, wie das Tonio für sein Werk fürchtet.
      3. Die Möglichkeiten und Aufgaben des Schriftstellers als eines Anwalts von Öffentlichkeit werden heute, ohne die Befrachtung mit der Künstler- und Genieproblematik, einem Erbstück des 19. Jahrhunderts, unbefangener und nüchterner gesehen. .
      4. Trotz aller Antagonismen, Oppositionen und Extremerfahrungen in Krankheit, Leid und Verfall bleiben die Darstellungen merkwürdig moderat, auf Ausgleich bedacht, der in Mittelmäßigkeit zu verharren droht; die Perspektive des Irren, des Zwergs, des Clowns oder anderer wahrhaft extremer Figuren ist nicht die seine. Wäre nicht das Ätzend-Ironische, das Groteske angemessener gewesen?
Und die positiven Aspekte? Es genügt sicher nicht, auf Goethe zurückzuverweisen;2* die allzu positive Deutung des Citoyen, des Demokraten Mann bezweifeln andere als zu einseitig.2* Doch hat es sicher sein gutes Recht, wenn man gerade in Thomas Mann neben der zur Entartung hinführenden Seite des Bürgertums auch auf die andere, die freiheitliche Seite, das Vermächtnis der Aufklärung hinweist, die ohne ihn — aber doch wohl auch durch andere —nicht für die Zukunft fruchtbar zu machen wäre. Doch gerade wenn dies richtig ist, so bleibe der Auftrag heutiger Leser im Umgang mit Thomas Mann gerade nicht beschränkt auf die Geschichte einer individuellen Lebensproblematik in der Figur des Tonio Kroger, sondern müßte erweitert werden um das, was Tonio sich am Ende als Programm aufstellt: Leben, Sprache, Kunst, Literatur, Moral und Gesellschaft miteinander zu verbinden.
      Nicht uninteressant ist es, möglichen Wirkungen Manns auf die deutsche Literatur der Gegenwart nachzuspüren. Man findet mehr untergründige, auf Widerspruch hinweisende Verbindungslinien als Weiterführung.'" Im Blick auf 'Tonio Kroger" sind besonders interessant:
1. Die Auffassung vom Künstler prägt eher die Autoren selbst als die Themen ihrer Werke: Der Künstler als Repräsentant und als Kritiker seiner Zeit, der entweder — wie Mann selbst - formal Literatur und politischen Essay auseinanderzuhalten sucht, findet sich bei so wichtigen Autoren wie M. Frisch, H. Böll, S. Lenz, G. Grass; der, der beides zu verbinden sucht, wie dies auch Thomas Manns Antipode, sein Bruder Heinrich versuchte, in P. Weiss, H. M. Enzenberger, R. Hochhuth.
      2. Die artistische, zur Bewußtheit drängende Sprache eines nachfreudianischen Zeitalters findet sich bei H. Heißenbüttel, J. Becker, P. Handke, schlägt aber hier bereits um in die Erkenntnis der Sprache als Feind jeder Wahrnehmung -das Leitmotiv wird zur tödlichen Sprachhülse, ironisch-entlarvend in der tödlichen Bürgerwelt W. Kempowskis.
      3. Die Kunst als Erkenntnis, nicht als Gefäß für etwas, sondern als Wahrheit in und durch Sprache, verabsolutiert sich in der konkreten Poesie, doch selbst diese Verabsolutierung einer poetischen Sprachfunktion hat den Bezug zu den Sprachbenutzern nicht völlig abtun können.
     

 Tags:
Thomas  Mann  heute    


Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com