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Methodische Hinweise



1. Ausgangspunkt jeder Textbeschäftigung wird das Lesen sein. Schon die Entscheidung, ob einzelne Schüler oder die ganze Klasse die Lektüre leisten soll, hat unterschiedliche Folgen für die Behandlung: die erste führt notwendig zu einer mehr literaturwissenschaftlich interpreta-tionsangepaßten Behandlung, 'Tonio Kroger" als Paradigma für etwas, das die Schüler selbst referieren, selbst erarbeiten sollen, die zweite läßt mehr Möglichkeiten offen für unterschiedliche Rezeptionsweisen in der Klasse. Doch hängen solche Entscheidungen auch vom Prinzip der methodischen Variation ab: Ein Literaturunterricht, der jahrelang Literaturnach dem gleichen Muster behandelt, wird allein darum steril.
      2. Der Einstieg zur Behandlung bzw. schon der Lektüreauftrag kann gesteuert werden durch gezielte Leitfragen, wie sie vor allem Zimmermann, Rückert und Bräutigam vorschlagen. Mann kann sie erweitern, wenn man von vorneherein Begleittexte als Deutungshilfen und Deutungskontraste hinzufügt, autobiographische, wie oben genannt, 'Im Spiegel", Briefe, Auszüge aus den 'Bekenntnissen eines Unpolitischen", oder solche des Einflusses, besonders geeignet scheinen Auszüge aus Nietzsches 'Schopenhauer als Erzieher"'6, solche des Kontrastes wie Heinrich Manns 'Geist und Tat" oder entsprechende Texte zeitgenössischer Autoren, solche der künstlerisch-artistischen Programmatik wie Äußerungen von Gottfried Benn.
      Man sollte sich aber klar sein, daß dadurch jedes subjektive Engagement mit diesem Text wenn nicht unmöglich gemacht, so doch sehr erschwert wird.
      3. Direkter auf eine Einbeziehung des Schülers hin zielt eine Konfrontation der Lektüre mit den Äußerungen Günter de Bruyns.
      4. Andere Formen der Behandlung zielen sofort auf die Erkenntnis, daß Lesen als geistiges und sinnliches Handeln in der bloßen Rezeption nur die halbe Wahrheit erfährt, Lesen in unterschiedlicher Weise sich erweitern kann:
- da entdeckt ein Filmregisseur den 'Tonio Kroger", will ihn ins Bild setzen: Wie sieht er aus? Wie spricht er? Wie sieht die Umgebung aus, in der er sich bewegt? Ablichtung von Landschaft und Reflexionen: Wie paßt das zusammen?
- da gibt es den Literaturkritiker, der sich in genialer Subjektivität mit einem Werk auseinandersetzt,
- da sollen wichtige Stellen für einen Lese- und Rezitationsabend ausgewählt werden.
      5. Noch näher an die Subjektivität der Schüler führen Aufgaben heran, die in letzter Zeit als 'literarische Rollenspiele" vorgestellt wurden . Es handelt sich dabei um wichtige Versuche, Literatur, die selbst Zeugnis von Selbstbefreiungsprozessen einzelner oder bestimmter Schichten oder der Menschen einer Epoche ist, erneut als Handlungsraum für eigene Fragen und Wünsche zu öffnen. 'Tonio Kroger" ist dazu sicher kein schlechtes Beispiel. Auf die Schwierigkeiten einer solchen beinahe therapeutischen Funktion — auch deshalb, weil sie die heilende Funktion der Sprachproduktion mitaufnimmt, wie unsere Interpretation schon gezeigt hat - für das Verhalten des Lehrers kann hier nur hingewiesen werden. Beispiel für eine solche Aufgabenstellung:
- Tonio Kroger schreibt den versprochenen Brief über seine Erlebnisse an Lisaweta doch noch
- Tonio schreibt sein Erlebnis in der Tanzstunde auf
- Inge Holm schreibt das Verhalten Tonios in ihr Tagebuch
- Magdalena Vermehren führt ein Tagebuch
- Der Bericht des Polizisten an seine Dienststelle über das Verhör mit Tonio
- Ein Bericht des Hoteliers
- Ein Tischgenosse in Aalsgard charakterisiert Tonio Kroger.
      Die Beispiele lassen sich vermehren, grundsätzlich geht es darum, den Schülern verschiedene Themen anzubieten mit dem ausdrücklichen Vermerk, er könne auch ein ähnliches weiteres Thema selbst wählen. Der Hinweis, daß solche Aufgabenstellung ein besonderes Vertrauensverhältnis voraussetzt, nicht zu einer Bewertung durch den Lehrer, orientiert an den Kriterien einer 'richtigen" Interpretation führen darf, ist für den Kundigen wohl gar nicht mehr nötig. Was aber angestrebt werden sollte, ist eine kritische Besprechung einzelner Arbeiten in und mit der Klasse über
Wirkung des Textes, Stilqualität und Klischeegebrauch, Materialverwertung, inhaltliche Logik und formale Gestaltung. Liefert gar der Lehrer selbst dazu einen kritisierbaren Beitrag, so hat man einen zusätzlichen Motivationsanstoß.
     

Nachwort
Der Intention des Herausgebers dieses Arbeitsbuches entsprechend habe ich vor allem neuere Informationen zu Thomas Mann und seinem 'Tonio Kroger" ausgebreitet. Ich hoffe, damit dem Lehrer eine Basis geschaffen zu haben, die es ihm erlaubt, wegzukommen von den herkömmlichen Schemata der Literaturmethodik , vielmehr Unterricht vom Schüler her durchzuführen, auszugehen von der Lesersituation heutiger Jugendlicher, ihrem phasenbedingten oder individuellen Entwicklungsstand und ihren persönlichen Fragestellungen, die sich in der Auseinandersetzung mit 'Tonio Kroger" artikuliert finden können, so daß die persönliche und durch geeignete Hilfen unterstützte Auseinandersetzung mit einem Werk einer vergangenen Kulturepoche beides ermöglicht: die persönliche Reifung ebenso wie das Verstehen gesellschaftlicher Zustände und Entwicklungen.
     

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Methodische  Hinweise    




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