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Leitmotive



Was die Erzählung im Inneren zusammenhält, sind ihre Leitmotive. Thomas Mann hat diese Technik von seinen Vorbildern Tolstoi und Fontane gelernt und im Sinne psychologischer Intentionen bei Richard Wagner ins Literarische übertragen und weiterentwickelt. Seinem eigenen Zeugnis zufolge hat er Leitmotive in den Buddenbrooks 'bloß physiognomisch-naturalistisch" eingesetzt, während sie in 'Tonio Kroger" eine 'ideelle Gefühlstransparenz" erhalten, 'ins Musikalische" gehoben ", in besonders großer Zahl zu finden sind.
      Dem Antagonismus Kunst - Leben entsprechend lassen sie sich in zwei Reihen ordnen:blond/blauäugig/hell Zigeuner im grünen Wagen/dunkel
Vater Mutter
Pferdebuch Don Carlos
Springbrunnen/Walnußbaum Meer
Tanzen/I.achen/Musik Distanz/Separation
Nord/oben Süd/Arkadien/unten auf der Landkarte
Tonio Kroger
Die Nennung und Wiederholung solcher Leitmotive leistet nun nicht nur ein leichteres Wiedererkennen der Figuren, sondern dient dem Erzähler dazu, Elemente der Tiefendimension von Mensch und Welt auch und gerade in ihrer Wechselbeziehung vorzuführen , auch wenn sie noch nicht ins Bewußtsein der Titelfigur, auf die hin alle diese Motive angelegt sind, getreten sind. Bereits in den ersten beiden Kapiteln sind die Motivreihen vorgeführt, vielfach aufgenommen und in unterschiedlichen sprachlichen Kontext gestellt, aus dem sie nicht ohne Sinnverlust isoliert werden können. Aus ihnen lassen sich eher assoziativ Erkennungsmerkmale der 'zwei Welten" entwickeln, mit denen sich Tonio in Erlebnis und Reflexion auseinandersetzen muß. Doch geht es gerade nicht um Eindeutigkeit im begrifflichen Sinne, denn selbst die in die Sphäre des Erzählerischen aufgehobene Darstellung 'extremer" Lebensweisen und Haltungen ist nicht eindeutig; der gesunde, normale, vielseitig interessierte Hans Hansen wird ebenso bewundert wie als ungenügend erlebt , selbst den skurrilen Gestalten seiner Tischgesellschaft gewinnt Tonio Positives ab. Das andere Extrem, den 'kalten Künstler" Adalbert , den Cafehausliteraten, fürchtet Tonio und ist zugleich von ihm angezogen. Aber auch die anderen, die an einer Stelle ihres Lebens dieses 'Zwischen" zu leben versuchen, der Offizier , der Kaufmann sind Verirrte, erst recht aber Magdalena Vermehren oder die ihr ähnliche Dänin , die zu denen gehören, 'die immer hinfallen" , die Dekadentenalso, denen Manns wie Nietzsches Interesse galt. Tonio will auch zu ihnen nicht gehören, weil auch sie einseitig leben, unvollkommen, sensibel zwar, aber körperlich krank - wie dies der 'Verfall" der Buddenbrooks demonstrierte. Tonio will anderes, will alles, will die Antagonismen in sich aufnehmen, will Mann und Weib sein , versucht die 'Abenteuer des Fleisches" wie die 'Macht des Geistes" , will die Totalität von Mensch und Welt in sich aufnehmen und ästhetisch gestalten, so daß jeder sich darin wiederfinden kann. Da ist nicht nur existentielle Lebensproblematik, sondern auch Suche nach Anerkennung. Eben diesem Ziele dient die ständige Kontrastierung und unterschiedliche gegenseitige ästhetische Erhellung der Leitmotive, die zur ironischen Objektivität oder objektiven Ironie'" führt. Aus dieser Sicht ist auch die Gestalt der Lisaweta, die keiner der bisher genannten Lebensformen zugeordnet werden kann," zu deuten, so wenig über sie aus dem eher monologischen Gespräch zu entnehmen ist. Sie kann in ihrer lebensnahen und offenbar nur wenig von Zweifeln geplagten Art, nicht von äußeren Einflüssen abhängig, in sich gefestigt, ein Stück weit Vorbild sein. Zwar ist sie 'gespannt, mißtrauisch und gleichsam gereizt" bei der Arbeit , doch malt sie auch im Frühling noch eine 'kleine Pointe" , spricht überzeugend von der 'heiligenden Wirkung der Literatur" , was auch 'heilend" bedeuten soll. Doch ihre therapeutische Funktion für den an dem Antagonismus leidenden Tonio führt nur bis zu dem Punkt, von dem aus Tonio seine Heilung selbst in die Hand nehmen muß. Sie, die keine Dichterin ist, sondern nur 'ein dummes malendes Frauenzimmer" , was hier wohl bedeuten soll, daß die besondere Funktion der Sprache in ihrer Kunst keine Rolle spielt, kann nur auf 'die erlösende Macht der Sprache" verweisen. Sie kann nur Tonios Problem auf den Begriff vom 'verirrten Bürger" bringen , der die Funktion bekommt, Tonio zu 'erledigen" , ihm den Weg frei zu machen für eine höhere Stufe seines Lebens und Dichtens, die ihn noch einmal in die Enge der Heimat , zu seinem 'Ausgangspunkt" führt, mit dem er erst 'fertig" werden muß , um ihn dann in 'das Weite" zu weisen. Diesen Weg - der wohl doch kein 'Irrweg" ist - muß Tonio allein gehen. Lisaweta befindet sich, um mit Kleist zu sprechen, im ersten Stand der Unschuld, während auf Tonio das Diktum zutrifft: 'Mithin [. . .] müßten wir wieder von dem Baum der Erkenntnis essen, um in den Stand der Unschuld zurückzufallen." Aus solcher Deutung heraus sollte man -noch einmal die Frage nach der Erzählstruktur aufgreifend-das Schlußkapitel nicht abgetrennt von den anderen sehen; dies aber gelingt am besten, wenn man statt von einer Kreis- von einer Spiralstruktur spricht.

     

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