Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Deutsche novellen

Index
» Deutsche novellen
» Thomas Mann: Tonio Kroger
» Didaktische Analyse - Zur Geschichte des Tonio Kroger im Unterricht

Didaktische Analyse - Zur Geschichte des Tonio Kroger im Unterricht



Mit einigen guten Ratschlägen zu Ziel und Methode ist es nicht getan. Die Frage ist grundsätzlicher zu stellen: Was soll, was kann der Tonio Kroger in der Schule?
Die Frage ist nicht unbeantwortet geblieben im Laufe der letzten 60 Jahre. Das Stichwort dazu scheint mir 'Repräsentanz" zu heißen. Thomas Mann und sein Werk, und in besonderem der 'Tonio Kroger" repräsentierten der Literaturdidaktik eine wichtige, vielleicht die wichtigste Sicht auf die Literatur, die Schülern zu vermitteln sei: Literatur als Kunst. Zwei Schwerpunkte erkenne ich:
1. Man konzentriert sich auf die geistesgeschichtliche Linie. Tonio Kroger, das Ende einer Kette, die mit Weither und Tasso beginnt, die sich in der Romantik, in Grillparzers Sappho, in Mörikes Mozart verfolgen läßt. Röhl, Brinkmann sind Namen hierzu.
      2. Man beschäftigt sich, vornehmlich werkimmanent orientiert, mit der Gestalt des Tonio, der Struktur der Erzählung, mit der Sprache. So schon Schochow, so wiederum Rücken, Zimmermann, Bräutigam. Noch das Nachwort in der hier verwendeten Taschenbuchausgabe von 1973, geschrieben von Karl Jacobs, preist in diesem Sinne einer totalen Interpretierbarkeit: 'Wer die Erzählung von dieser inneren Linie [der Gespräche, Reflexionen, Charakterschilderungen] her betrachtet, wird entdecken, daß sie geschlossen, dicht und ganz frei von erzählerischer Willkür ist." Er will 'den Sinn für erzählerische Gestaltungsmöglichkeiten und -formen durch die Lektüre" schulen, preist Mann als Sprachmeister zu einer 'Zeit sprachlicher Verwahrlosung" um 1900 , rühmt die künstlerische Tugend der Entsagung. Fügt man noch das Lob der Ernsthaftigkeit hinzu, so hat man das Repertoire der Ziele zusammen.
      In neuerer Zeit, mehr sozialgeschichtlich interessiert, fiel der 'Tonio Kroger" aus dem Interesse heraus, man wandte sich anderen Texten Manns zu .
      Eine einzige Ausnahme findet sich, so scheint es, in diesem Reigen didaktisch so einseitiger Entscheidungen, der Vorschlag Würtenbergs von 1930 unter lebenskundlichem Aspekt, dem es auf ein Anrühren der menschlichen Grundkräfte, der Steigerung des Lebenssinnes, der Bewußt -werdung über das Ich auf der Lebenssuche anzukommen scheint. Doch sieht man genauer zu, so geht es um ein Bildungsziel jenseits der Dichtung. Interesse, das Würtenbergs Schülerinnen wohl bekundet haben, sei noch kein Maßstab für bildenden Charakter eines Werkes, der bildende Charak-ter von Dichtung liege in einer Bejahung des Lebenssinnes - und da kommt dann der Tonio Kroger doch nicht so gut weg, weil alles auf eine gesunde Geistigkeit hindränge, die dann eben zur Klassik hinführen müsse .
      So wenig sich gegen Einzelaspekte und Einzelziele etwas sagen läßt, wenn sie Teile einer präzisen und verantwortbaren Interpretation sind, so möchte ich doch zu überlegen geben:
1. Wenn die historische Distanz zu Thomas Mann tatsächlich so groß geworden ist, wie dies die literaturwissenschaftliche Forschung feststellt, wie es die Schriftstellerrezeption zeigt, so ist es nicht zu verantworten, Tonio Kroger unbedingt als repräsentatives Kunstwerk in den Unterricht einzubringen, wohl gar das 'Wesen von Dichtung" daran deutlich machen zu wollen, ohne den Schüler, seine andersartige Erfahrungs- und Lebenswelt einzubeziehen.
      2. Selbst der größte Repräsentant ist, wie gesehen, auch historisch, somit perspektivisch zu sehen, Repräsentant nur einer Zeit- und nicht einmal dies. Die Totalität der Welt, die Th. Mann erstrebt, ist doch eher eine Totalität der psychischen Welt. Man kann sich nicht zufrieden geben damit, nur auf die rückwärtsgewandte Traditionslinie der Künstler-, der Geist-Naturproblematik einzugehen, man muß die spezifischen Quellen Manns aufsuchen — und die Folgen untersuchen, die auch ein noch so künstlerisch abgeschirmtes Werk hatte.
      3. Dies gilt besonders dann, wenn man die Interpretation aufnimmt, die ich herausgearbeitet habe: Die Verbindung von Trivialität und Artistik, dieThomas Mann zu gestalten versucht hat, führt auf die wohl wesentlichen Ziele, die Literatur erfüllen will, die die Schule nicht umhin kann, aufzunehmen: Erbauung und Aufklärung, ästhetisches Vergnügen und kritische Distanz.
     

 Tags:
Didaktische  Analyse  -  Zur  Geschichte  Tonio  Kroger  Unterricht    


Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com