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Schach von Wuthenow - Erzählung aus der Zeit des Regiments Gensdarmes: "Gott, wer liest die Novelle in der Schule?" könnte man in Abänderung einer Fontane-Äußerung' sagen, wenn man bedenkt, wie dieser
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Psychogramm eines individuellen Schicksals oder Parabel vom Untergang Preußens?



Worum geht es in 'Schach"? Fontane selbst gibt in einem Brief 1882 eine zusammenfassende Antwort:

'Schach von Wuthenow [. . .] spielt in der Zeit von 1805 auf 6 und schildert den schönsten Offizier der damaligen Berliner Garnison, der, in einem Anfalle von Ãobermut und Laune, die liebenswürdigste, aber häßlichste junge Dame der damaligen Hofgesellschaft becourt. So, daß der Skandal offenbar wird. Alles tritt auf die Seite der Dame, so daß sich v. Schach anscheinend freudig zur Hochzeit entschließt, nachdem er vorher durch allerlei Kämpfe gegangen. Die Kameradschaft vom Regiment Gensdarmes aber lacht und zeichnet Karrikaturen, und weil er dieses Lachen nicht ertragen kann, erschießt er sich unmittelbar nach dem Hochzeitsmahl, an dem er in heiterer Ruhe teilgenommen. Alles ein Produkt der Zeit, ihrer Anschauungen, Eitelkeiten und Vorurteile. Ãobrigens alles Tatsache."*
Daß es Fontane mit der Verarbeitung dieser Tatsachen nicht immer so genau nahm, darf nicht verwundern. Historische Ereignisse auf ihre Stimmigkeit im Detail hin zu überprüfen, hieße den Realismus Fontanes verkennen. Mehrfach hat er sich dagegen gewandt. So reagierte er ungehalten über zeitgenössische Stimmen, die vor allem die Kapitel 'Sala Tarone", 'Tempelhof" und 'Wuthenow" wegen ihrer Gegenständlichkeit lobten:
'In Wahrheit liegt es so: von Sala Tarone hab ich als Tertianer nie mehr als das Schild überm Laden gesehen. In der Tempelhofer Kirche bin ich nie gewesen, und Schloß Wuthenow existiert überhaupt nicht [. . .] alles, bis auf den letzten Strohhalm von mir erfunden [. . .] nur gerade das nicht, was die Welt als Erfindung nimmt: die Geschichte selbst."'

In der Zeichnung der Hauptfigur weicht Fontane von der historischen Person ab: Aus dem alten Major Friedrich Ludwig von Schade wird der junge, empfindsame Schach, dem es trotz seiner Schwächen an Liebenswürdigkeit nicht mangelt. Die entscheidendste Veränderung der historischen Begebenheiten, die dem Text zugrundeliegen, ist jedoch die Vorverlegung des Selbstmordes vor die Katastrophe von Jena, eine Veränderung, die für die Novelle aussagebestimmend wurde und es erst möglich machte, mit dieser Geschichte 'zugleich ein Zeitbild geben, ja recht eigentlich zeigen, daß der Hergang aus speziell dieser Zeit erwuchs."'" Wie sehr Fontane an dieser Steuerung lag, mag die Tatsache beleuchten, daß der Dichter als alternative Titel '1806" und 'Vor Jena" in Erwägung zog."
Für Pierre-Paul Sagave, der Entstehungsgeschichte und historische Grundlage des Textes in verschiedenen Publikationen behandelt12, liegt die Bedeutung der Erzählung in dieser Verbindung des individuellen Schicksals mit dem Zustand Preußens und den historischen Ereignissen vor 1806: 'Seinen Sinn erhält dieser Roman erst durch die Darstellung des Hintergrundes f. . .] Der ,Fall Schach' und die politische Lage Preußens im Jahre 1806 sollen einander gegenseitig erklären." Auch die besonders starke Wertschätzung des Werks durch Georg Lukäcs steht in engem Zusammenhang mit der Darstellung der für ihn entscheidenden Kritik an der Gesellschaft Preußens.
Der Primat des gesellschaftskritischen Ansatzes gilt auch für Hans-Heinrich Reuters Ausführungen in seiner zweibändigen Fontane-Untersuchung. Wenn demgegenüber dem 14. Kapitel eine zentrale Funktion zugeschrieben wird", gelangt man innerhalb einer Gesamtwürdigung des Textes zu einem Schwerpunkt, der die individuelle Komponente stärker betont: Person und politisch-gesellschaftlicher Hintergrund stehen zumindest nebeneinander, eine Sehweise, die u. a. auch durch die Tatsache gestützt wird, daß der Brief Victoires den Schluß der Erzählung bildet, und nicht das Schreiben Bülows .
      Damit verliert die eingangs gestellte Frage, ob es sich bei 'Schach von Wuthenow" um eine Parabel vom untergehenden Preußen oder um die Darstellung eines individuellen Schicksals handelt, ebenso an Bedeutung wie die Frage nach der Gattung.
     

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