Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Deutsche novellen
Ein ehemaliger Schulklassiker im Literaturunterricht von heute (Mit Unterrichtsversuchen von Horst Ehbauer und Johan van Soeren)
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'Wir sind Utopia als ehemaliger Schulklassiker



Die Ãobernahme der Novelle in den Schulliteraturkanon der fünfziger Jahre wurde durch mehrere Arten von Publikationen propagiert und beeinflußt. Im Börsenblatt des deutschen Buchhandels des Jahres 19528 erinnert manan Andres' Rede 'Der Dichter in dieser Zeit". Dort beklagt er, daß es erschütternd wenige Autoren gebe, die 'den Menschen, der durchaus möglich ist und der überdies sogar, wie manche von uns erfahren haben, wirklich unter uns lebt", zu zeigen wagten. Die Wirkung dieser Worte auf das geistige und literarische Leben sind im siebten Jahre nach der größten Katastrophe der Nationalgeschichte leicht abzusehen. Die feuilletonisti-sche Literaturkritik sowie die spezifisch christliche Literaturgeschichtsschreibung greifen ebenfalls die Probleme des Menschlichen in Andres' Werk und insbesondere in 'Wir sind Utopia" auf. Sie verdeutlichen für die durch die Schuld der jüngsten Vergangenheit betroffenen Leser, wie der Mensch dort einerseits in seiner Fragwürdigkeit, andererseits in seinem Geführtsein durch einen Gott der Liebe dargestellt wird.' Die didaktische Literatur fügt sich voll in dieses Bild ein. 'Gerade weil diese Novelle offen ist für die metaphysische und religiöse Problematik und Situation unserer Zeit", sagt Walter Franke , 'und weil sie diese wiederbringt im Bild und Sinnbild der Dichtung, also über das Zeitgebundene und auch über das Konfessionelle hinausreicht, sollte sie in der Schule interpretiert werden." Und Conrad Henze teilt ein Unterrichtsgespräch über die Utopia-Novelle mit, das den leitmotivartig verwendeten Satz 'Gott ist gnädig" zum Schlüssel der Deutung macht.'"
Will man einige Faktoren isolieren, die möglicherweise die damalige Schulrezeption beeinflußt haben, so wird wohl der Bezug der Novelle zu einer Vergangenheitsbewältigung im Rahmen christlicher Weltanschauung und neuer Hoffnung auf Humanität zuerst zu nennen sein. Förderlich wirken sich sicher auch Komponenten aus, die mit der Person des Autors zusammenhängen. Er ist ehemaliger Kapuzinernovize und jetzt vieldiskutierter christlicher Autor. Der kirchlich gebundenen Leserschaft und weiteren breiten Leserschichten dieser Zeit des Aufbaus ist die bei Andres praktizierte Vertiefung des christlichen Ethos wichtig, wobei gewisse kritische Akzente gegenüber kirchlicher Orthodoxie und Tradition in dem hier gezeigten vorsichtigen Ausmaß willkommen sind. Gleichzeitig hat natürlich seine Emigrantenvergangenheit - ihm wird die Urheberschaft des Wortes 'innerer Widerstand" zugeschrieben -großes Gewicht bei seiner Einschätzung als Zeitgenosse.
      Was sind nun vermutlich umgekehrt die Ursachen für den seit mehr als einem Jahrzehnt anhaltenden Verzicht auf die schulische Behandlung von Andres' Novelle? In der Literatur wie im allgemeinen Bewußtsein finden wir spätestens seit Ende der sechziger Jahre eine Aufwertung ökonomischer Probleme und den Vorrang soziologisch orientierter Zugriffe bei Analysen zwischenmenschlicher und gesellschaftlicher Konflikte. Religiose Dimensionen sind aus der öffentlichen Diskussion weitgehend verdrängt. Dies alles kann natürlich kein Grund für die Abwertung der Novelle sein, ja es könnte eher zum Nachdenken über Defizite heutigen Schreibens und Lesens veranlassen. Aber sicher lassen sich auch Faktoren ins Feld führen, die der Novelle selbst angelastet werden können und die sich nach der Zeit, in der sie in besonders motivierter Weise gelesen wurde, gravierender als früher auswirken dürften. Zumindest der durchschnittliche jugendliche Leser mag Verständnisschwierigkeiten haben durch manche besonders komplizierten Sätze, durch eine oft schwer nachvollziehbare Bildlichkeit und durch den sehr großen Anteil an Reflexionen. Einwände bestehen auch bezüglich der 'Abstinenz der Novelle gegen präzise politische Kritik"; dabei befürchtet man mitunter auch, daß Andres faktisch das 'faschistische Zerrbild des blutrünstigen ,Rotspanien'" unterstützt. Und nicht zuletzt werden in Einzelfällen die theologischen Auseinandersetzungen Pacos bemängelt und seine Bekenntnisse als Vagheiten bezeichnet." So läßt sich allmählich nicht nur ein Vergessen der Novelle als Gegenstand des Literaturunterrichts feststellen, sondern vielfach sogar ihre dezidierte Ablehnung.
     

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