Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Deutsche novellen
Ein ehemaliger Schulklassiker im Literaturunterricht von heute (Mit Unterrichtsversuchen von Horst Ehbauer und Johan van Soeren)
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Rezeption in der Hitlerzeit



Unter welchen Umständen im Dritten Reich für die Novelle die Druckerlaubnis erreicht wurde und welche Aufnahme sie im einzelnen fand, ist bisher nicht zureichend genau untersucht. Bedingt durch die Konzentration auf die Beschreibung des Werkes als Sprachkunst und auf die Diskussion seiner existentiellen Bedeutung, spielt der Rezeptionsaspekt in den größeren Arbeiten zu 'Wir sind Utopia" keine oder nur eine sehr untergeordnete Rolle. Einige wichtige Ãœberlegungen zur Entstehung, frühen Verbreitung und Rezeption stellt Karl Brinkmann an. Er vermutet, daß für das 1941 in Rom geschriebene Werk die Aktualität des Spanischen Bürgerkrieges ein wesentlicher Anstoß war. Daß es 1942 in Fortsetzungen im Feuilleton der 'Frankfurter Zeitung" und 1943 sogar als Buchausgabe eines Berliner Verlages erscheinen konnte, läßt sich vordergründig durch den Hinweis auf seinen unpolitischen Zuschnitt erklären. Der Autor sagt nichts über die politische Meinung seiner Hauptfiguren, und über den Krieg und seine Hintergründe findet sich kein Wort. ) Darüber hinaus liegt aber der Verdacht nahe, daß die Verantwortlichen der Zensur der oberflächlichen Meinung waren, mit Stefan Andres ähnlich wie mit einigen seiner von der Führung 'geduldeten" Schriftstellerkollegen aktiv propagandistische Zwecke verfolgen zu können. Die 'roten" Klosterbesetzer werden ja verab-scheuungswürdig genug gezeichnet, während an dem Anhänger Fran-cos die Gefährlichkeit des Zaudems gegenüber einem solchen Gegner jedermann handgreiflich vor Augen geführt werden konnte. Für die Zensur, so vermutet Brinkmann, blieb ausschlaggebend 'das soldatisch bedenkliche Verhalten Pacos, das gefährlich nach Defaitismus aussah. Daneben freilich konnte man den kommunistischen Leutnant als reinen Bösewicht sehen" . An anderer Stelle führt er noch deutlicher aus, indem er eine beziehungsreiche Selbstanklage Pacos heranzieht:
'Wahrscheinlich haben die nationalsozialistischen Zensoren nur das Vordergründige gesehen, die Unbarmherzigkeit und Brutalität der mordgierigen Kommunisten, die hier demonstrieren, was ihre Gegner zu erwarten haben, wenn sich ihnen gegenüber schwach zeigen, die ihnen wehrlos in die Hände gegeben sind. In diesem Sinne mußte auch Paco ein Beispiel dafür abgeben, wohin Un-entschiedenheit führen mußte. Er Resteht selbst eindeutig genug, daß er ,es immer falsch gemacht' hat, daß er die Schuld trägt. Wer alles nur noch unter der einzigen Parole des Durchhaltens, unter dem Zwang des entschlossenen Kampfes um die bloße Existenz sah oder sehen wollte, möchte auch diese Novelle so sehen."
Die Leser, die das Werk in der Berliner Buchausgabe oder in Form eines heimlichen Druckes von 40000 Exemplaren in die Hand bekamen und weiterreichten, ja sogar in Zeitungsausschnitten bis nach Stalingrad schickten,' haben es aber gewiß in aller Regel als eine Art Widerstandsliteratur gelesen, verstärkte es doch die kritische Besinnung auf die sie bedrängenden Probleme in einer Zeit der Unmenschlichkeit. Es gibt Anhaltspunkte dafür - Brinkmann zieht etwa Gerhard Storz' Zeugnis heran —, daß die Novelle mit ihrer oft auch psychologischen Analyse des befehlshabenden sadistischen Leutnants als Anspielung auf NS-Greuel gelesen wurde: 'Viele glaubten hinter der Gestalt Pedros ..., hinter dem verwüsteten und zerrütteten Intellektuellen das Porträt des sogenannten aufgeklärten SS-Mannes entdecken zu können, des braven Nihilisten" . Eine damit in Einklang zu bringende Realisierung des Textes bei den Lesern bezieht sich auf die Frage des aktiven Widerstandes: 'Für andere trat die Ratlosigkeit, das Verstricktsein und Versagen des Mönches gegenüber der doch so gut erkannten Pflicht in den Vordergrund." Brinkmann, der solche Rezeptionsdokumente zusammenstellt, lehnt es aber ab, die Novelle als politisch deutbares Werk anzusehen und es etwa 'als eine beispielhafte Auseinandersetzung über die verbreitete Passivität gegen Terror und Unmenschlichkeit" aufzufassen. Aktuell war die Novelle für ihn im Dritten Reich nicht 'im Sinne einer ephemeren Stellungnahme zu politischen Tagesfragen. Sie nimmt nicht Stellung für oder wider eine politische Richtung, sie ist auf den Menschen, auf das Menschliche gerichtet, das unter verschiedenen Vorzeichen doch das gleiche bleibt" . Mit der wohl richtigen und auch durch Äußerungen von Stefan Andres selbst stützbaren Kennzeichnung der Novelle als nicht vordergründig politisch ist aber nicht aus der Welt geschafft, daß zur Wirklichkeit des gelesenen Werkes durchaus seine Benutzbarkeit und tatsächliche Benutzung auch für politische Zusammenhänge gehört. Dies wird für das Folgende wiederholt deutlich ins Auge gefaßt werden müssen.
     

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