Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Deutsche novellen
Ein ehemaliger Schulklassiker im Literaturunterricht von heute (Mit Unterrichtsversuchen von Horst Ehbauer und Johan van Soeren)
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Mögliche Ausgangspunkte einer Untersuchung



Stefan Andres' Erfolgsbuch 'Wir sind Utopia!" wird man heute kaum zum Gegenstand einer 'Interpretation" machen. Entsprechende Versuche wurden in großer Zahl in den fünfziger und sechziger Jahren vorgelegt, nachdem das in der Nazizeit geschriebene Werk seit 1948 allgemein zugänglich geworden war. Wiewohl man solche Arbeiten schwerlich fortsetzen oder wiederholen kann, bietet es sich für die Suche nach einer begründeten Einschätzung der Novelle doch an, die oft gegensätzlichen Bewertungen einander gegenüberzustellen. Ausgehen ließe sich z. B. von den Beiträgen von Pfeiffer einerseits und von Bengeser und Weber andererseits, die alle auf den poetologischen Voraussetzungen der werkimmanenten Interpretation beruhen. Johannes Pfeiffer hatte 1953 die Novelle als Paradigma dichterischen Versagens vorgeführt, da die von ihm geforderte gestalthafte Verwirklichung und Sinnennähe nicht erfüllt schien. Die auszudrückende Leitidee, so lautet der Vorwurf, 'schmilzt in den dargestellten Vorgang nicht ganz und wirklich ein, sondern schwebt über ihm als ein gedankliches Programm, das nicht ohne Gewaltsamkeit abgehandelt und zu Ende gebracht wird" . Wie Pfeiffer Textbelege für stilistische Defizienzen zusammenstellt, so Bengeser solche 'für die ungeheuere sprachliche Kraft des Dichters, die ein völliges Aufgehen der Sprache im Gehalt bewirkt. Beide, Sprache und Gehalt, sind hier zu letzter künstlerischer Einheit verwoben" . Der hohe Anteil an Reflexion, die das äußere Geschehen begleitet und, wie noch ausführlich zu zeigen ist, gerade den jugendlichen Leser nicht selten belastet, kann den Interpreten nicht entgehen. Albrecht Weber stellt aber angesichts dieses Problems den 'Meister des Worts" heraus und verdeutlicht Andres' Sprache, die 'warm, durchblutet, innig durchfühlt und bildhaft erlebt, verweilend und doch fortschreitend" ist. Exemplarisch erhellt er die Funktion des Erzählers, der drei Schichten verbindet, nämlich das äußerlich Sichtbare, gleichsam in Regiebemerkungen Festzuhaltende, den Dialog und die hinter allem liegende innere Stimme der sich erinnernden und um eine Entscheidung ringenden Hauptfigur . Entsprechend positiv wird insgesamt bewertet: 'Das Zugleich und Ineinander erlaubt die atemlose Gegenwärtigkeit des Geschehens, gefährdet aber auch die Form. Nur ein starker Erzähler vermag das Vielschichtige zu meistern." Die rege Diskussion der Novelle als Sprachkunstwerk bezog sich immer auch auf den Ideengehalt und die existentielle Bedeutung. Weber bringt eine von vielen geteilte Einschätzung auf eine Formel, wenn er sagt: 'In dieser Novelle entfaltet sich seelischer Reichtum und Menschlichkeit; hier offenbart sich innere Schönheit und Größe."
Dem heutigen Leser ist das Buch samt den anfänglichen Auseinandersetzungen darüber in der Regel ferngerückt. Beteuerungen bezüglich seiner Bedeutung und sprachlichen Vollkommenheit verschlagen da kaum, zumal wenn bereits in den eben herangezogenen Beispielen aus der werkimmanent interpretierenden Sekundärliteratur oft das gleiche Textzitat einmal bildhafte Ausdruckskraft, das andere Mal formelhaftes Gerede, Ãober-dehntheit und Verwaschenheit belegen muß. Noch nicht oder nur wenig bearbeitete und didaktisch besonders fruchtbare Aspekte lassen sich der Novelle heute nur abgewinnen, wenn man anstatt der Form- und Gehaltfrage die Rezeptionsfrage in den Vordergrund stellt. Von ihr aus können auch einige Unsicherheiten in der Bewertung der Novelle auf neuer Grundlage diskutiert werden.
     

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