Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Deutsche novellen
Ein ehemaliger Schulklassiker im Literaturunterricht von heute (Mit Unterrichtsversuchen von Horst Ehbauer und Johan van Soeren)
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Gegensätze in der Bewertung



Die Literaturgeschichtsschreibung ist gegenüber Stefan Andres' Werk recht unentschieden und macht diesen Autor dadurch zur zwiespältigen Gestalt. Zweifellos gab es seit dem Erscheinen des ersten großen Erfolges 'El Greco malt den Großinquisitor" bis zu seinem Tod etliche extreme Reaktionen, die Begeisterung und Ablehnung einschlössen. In der Hauptsache aber sah man in ihm den nicht unbegabten christlichen Dichter, einen Nachfolger bewährter Heimatliteratur, einen Novellisten mit sicherem dramatischen Gespür und dergleichen. Als Künstler ziemlich einhellig also keiner im ersten Glied, doch für wenigstens zwei Jahrzehnte eine repräsentative Erscheinung im Feld gehobener Schriftstellerei. Wohlwollendes, gelegentlich gönnerhaftes Lob über Jahre hinweg - heute ziemlich einhelliges Vergessen, oft bis in Literaturlexika, -geschichten und Epochenübersichten hinein. Die mit Darstellung und kritischer Bewertung der Literatur zur Zeit der Naziherrschaft befaßten Veröffentlichungen würdigen Andres ebenfalls sehr unterschiedlich. Der Dichter, der sich 1938 endgültig in Italien niederläßt, fällt nicht unter die vielbeachtete Gruppe der Emigranten, denn er ist wie Werner Bergengruen und Reinhold Schneider von den Machthabern immerhin 'geduldet" und kann bis 1943 in der Heimat publizieren. Aber auch den Status des 'inneren Emigranten" gibt man ihm nicht immer, obwohl er ihm sicher gebührt, und bezüglich vieler seiner nach 1945 veröffentlichten Bücher, die - so Andres selbst - 'Untertagwerke" aus der Emigrationszeit sind, ist die Auffassung verbreitet, sie seien Werke der Nachkriegszeit.'

Mit der Aufnahme beim Publikum verhält es sich auf den ersten Blick offenbar anders, auf den zweiten relativiert sich Andres' Erfolg aber wieder um einiges. Der Autor blieb zwar trotz seiner über zwei Dutzend Bücher nur selten bei der ersten Auflage hängen und konnte mit wenigstens vier Werken die solide Bestsellermarke von 100000 verkauften Exemplaren mehr oder weniger deutlich überspringen. Sein Publikum aber rekrutierte sich vorwiegend aus nur zwei Gruppen von Interessenten: solchen mit aktiv-christlicher Weltanschauung und solchen mit pädagogischen Absichten. Schließlich ist Andres ein Autor, dessen eigentliches Erfolgsbuch 'Wir sind Utopia" zwar die Traumauflage von 350000 Exemplaren erreicht hat, dies allerdings in einem Zeitraum von mehr als drei Jahrzehnten und sicher nur deshalb, weil hier die Schule vermittelte und nicht auf eine lernmittelfreie Schulausgabe zurückgegriffen werden konnte.
      Die etwa Anfang der fünfziger Jahre einsetzende und ungefähr anderthalb Jahrzehnte dauernde Schulrezeption von Andres' 'Wir sind Utopia" hat also offensichtlich einiges zur maßvollen Popularität des Autors beigetragen. Mittlerweile hat ihn die Schule vergessen. Und gerade dieser Gegensatz - Aufnahme innerhalb eines noch nicht lange zurückliegenden überschaubaren Zeitraums, dann rasches Veralten - fordert zu einer Ãoberprüfung des dialektischen Verhältnisses von Werk und Publikum im Sinne der Rezeptionsästhetik heraus und soll im folgenden auch Anlaß für didaktische Ãoberlegungen sein. Bevor Vermutungen darüber angestellt werden, aufweiche Faktoren im literarischen Prozeß die damalige Behandlung in der Schule zurückzuführen ist und welche Gründe es sein mögen, die Andres aus dem vage festgelegten Prestigekanon schulgemäßer Autoren verbannt haben, sei ein noch weitergehender Rückblick versucht. Was läßt sich zur Rezeption in der Hitlerzeit in Erfahrung bringen?

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