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Zeitgenössische Rezeption



Marcel Reich-Ranicki, maßgebender Literaturkritiker der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und darüber hinaus, ließ ab 24. 1. 1978 "Ein fliehendes Pferd" in Fortsetzungen abdrucken und eröffnete den Abdruck mit einer Vorrezension, überschrieben "Walsers Glanzstück". Er zitierte dabei sich selbst, jenen vernichtenden Verriß von "Jenseits der Liebe" und postulierte jetzt im Gegensatz dazu die neue Novelle Walsers "für sein reifstes, sein schönstes und bestes Buch ... ein Glanzstück deutscher Prosa unserer Jahre" . Bezeichnete man dies auch als einen "Rückwärtssaldo" , so stimmte die Literaturkritik fast einhellig in Reich-Ranickis Tenor ein. Reinhard Baumgart konstatierte beispielsweise, Walsers "erste Novelle" sei "auf keinen Wettlauf und Vergleich mehr angewiesen", sei "eine mehr als artistische Leistung", die "beinahe erreichte Quadratur des Kreises" .
      Reich-Ranicki jedenfalls hatte dafür gesorgt, daß der Text bei Erscheinen der Buchausgabe schon bekannt und die Kritik informiert war; der Suhrkamp-Verlag sorgte durch eine vierzehntägige Vortragstournee, wobei Walser stellenweise mitreißend las , für weitere Kreise der Bekanntheit. Die Multiplikatoren funktionierten: in neun Tagen war die Erstauflage verkauft, die Zweitauflage im Druck oder schon in der Auslieferung , nach vierzehn Tagen war dieses "Fliehende Pferd" weit an die Spitze der Bestsellerliste des Südwestfunks vorgaloppiert . Hatte "Das Einhorn", das "lange Zeit ein Bestseller" war, in vier Jahren rund 80000 DM eingebracht , so hatte "Ein fliehendes Pferd" die entsprechende Stückzahl in zwei Wochen überholt und war in die "Dimension des Großerfolgs" vorgestoßen. Walsers "Ein fliehendes Pferd" bedeutete zwar nicht Sensation, wohl aber ein literarisches Ereignis.
     
In den Rezensionen fanden sich aufschlußreiche Beobachtungen und richtungsandeutende Interpretationsansätze. Die Literaturwissenschaft bemächtigte sich auch sogleich des neuen Werkes.
      Joachim Kaisers Essay darf kaum als Übergang zur wissenschaftlichen Erschließung gelten. Kaisers Selbstgeltung und das Gegenspiel zu Reich-Ranicki, Mißverständliches, Abwertendes wie, daß Walser, geradezu triyialisierend, durch "sympathielenkende Mystifikation" die "Selbstschutz-Instinkte seiner Leser" kalkuliere , versperrten unvoreingenommene Analysen. Angekreidet wurde Walser der Erfolg, weil er nicht Kaisers Roman-Modell aufgelöster Prosa, sondern neuer konstruktivistischer Strenge, weil er nicht Kaisers Walser-Bild entsprach: "Jetzt, da Walser so gut konstruiert und Lese-Deutschland ihm zugeklatscht hat, erschrecken wir vor soviel cleverer Klassizität. Das ,Fliehende Pferd' ist kein Triumph, sondern ein winziges Nebenwerk" .
      Herbert Knorr verglich nun tatsächlich Walsers Novelle mit Goethes "klassischer" "Novelle" , wobei der Begriff des Klassischen wohl ebensoviel Romantisches einschließt. Das tertium comparatio-nis sah er im Griff bzw. "Rückgriff auf die Novellenform" zwecks "kritischer Distanzierung von der Französischen Revolution" bzw. für "eine literarische Antwort auf politisch bewegte Zeiten", wobei "die persönliche Thematik in beiden Werken in den Vordergrund rückt" . Knorrs ausschließlich gesellschaftskritische Fragestellung legte die bis ins Privateste reichende Wirkung zeitgenössischer Vergesellschaftung und die alternativen Antworten in Walsers Novelle frei, ohne die eingebrachten Möglichkeiten des existentiellen Neubeginns zu übersehen.
      Der idealistischen Zeitentrückung im utopischen Ansatz Goethes, der die Einheit von Besonderem und Allgemeinem im ästhetischen Symbol zu formulieren vermochte, steht bei Walser als Bruch dieser Einheit eine existentielle Zeitentrückung gegenüber, die einerseits eine Flueht in die Innerlichkeit darstellt, zugleich aber eine dialektische Bedingung für ein Durchbrechen des gesellschaftlichen Scheins impliziert,
So viel ein solcher Novellen-Vergleich auch offenläßt, er schärft immerhin den Blick für bestimmte Partien und Konturen, für gewisse gemeinsame Mengen. Und man könnte durchaus den Vergleich erweitern, beziehen etwa auf Brentanos "Die Geschichte vom braven Kasperl und schönen Annerl", Kleists "Die Marquise von O . . .", Grillparzers "Der arme Spielmann", Stifters "Der beschriebene Tännling", Raabes "Im Siegeskranze", Fontanes "Schach von Wuthenow", Manns "Der kleine Herr Friedemann", Schnitzlers "Leutnant Gustl", Kafkas "Die Verwandlung", Roths "Das falsche Gewicht", Andres' "Wir sind Utopia" oder Grass'
"Katz und Maus " u. a. Das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft in Novellen bietet ein kaum auszuschöpfendes Thema.
      Der Artikel von Klaus Siblewski zu Martin Walser im "Kritischen Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur" erfaßte bereits "Ein fliehendes Pferd" und "Seelenarbeit", wobei der Roman eine breitere Darstellung erfuhr. Siblewskis Skizzierung der Novelle legte sich einsträngig auf das Interpretationsmuster konditionierte Überlebensstrategie fest, rückte den gescheiterten Franz Hörn aus "Jenseits der Liebe" allzu nahe an Helmut Halm heran, sah in den jüngsten Publikationen Walsers den Versuch zur Selbstverwirklichung des Einzelnen überhaupt nicht mehr unternommen und wurde so Walsers Novelle - Umfang, Vielfalt, Horizont, Details, Konstruktion -nicht gerecht.
     

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