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Helene Buch



Buchs zweite Frau Helene spielt die Rolle des freizügigen Statussymbols und scheinbar unselbständigen, echoenden Anhängsels, aber auch die Figur, auf die Helmut Halm unterschwellig anspricht - 'Hei und Helmut, diese Namen kamen ihm plötzlich vor wie zwei Werkstücke, die dafür gemacht sind, zusammengekuppelt zu werden" —, die ihn ebenfalls in Bewegung zu bringen mithilft. Vor allem enthüllt sie, erschüttert durch 'krampfartiges Weinen" , enthemmt durch Alkohol und Nikotin, in Abwesenheit des totge-glaubten Klaus dessen menschliches und berufliches Scheitern , reißt die Fassade nieder, den Schein des genialen, nicht-arbeitenden Weltmannes . Aber schon vorher setzten Helenes Befreiungsversuche ein, begünstigt durch die Anwesenheit der Halms. Daß sie ihre Brüste freigibt, dürfte zwar Helmut Halm meinen, doch auch in Buchs Sinne sein, ganz im Gegensinne aber, daß sie Klaus durch Nachahmung seiner 'Muttersprache" in 'groteskem Schwäbisch" provoziert, dann in einem 'genau so grotesken Bairisch" ihn beschimpft und ein Piano herbeiwünscht oder daß sie im Gasthaus Schuberts 'Wanderer-Fantasie" am Klavier intoniert, worauf Klaus mit einer Szene reagiert .
      In einer Art seelischer Entriegelung, einer Art Beichte, entdeckt sie die Wahrheit: das Scheitern Buchs als Journalist, die Ideologisierung und Stilisierung seiner Randspezialisierung zum Lebensprinzip, das Versagen dessen, der Schwierigkeiten der Natur meistert und eigentlich Sportlehrer, Entdeckungsreisender, Segelschiffskapitän, Abenteurer hätte sein müssen , als Intellektueller in der modernen Gesellschaft, des naiven Täters in der komplizierten Welt. Der 'total Isolierte" habe in einer Bahamas-Phantastik gelebt, sein Fanatismus und Egoismus seien Geisteskrankheit gewesen, sie, Helene, 'habe nicht leben dürfen", aber ihn wie 'einen Ertrinkenden über Wasser halten" müssen. In verzweifelter Flucht nach vorne berührt sie jene radikale Frauen-Emanzipation, in der sich die Frau selbst Höherwertigkeit zuspricht:
'Überhaupt Frauen, m m m! Also es gibt Frauen, die haben einen Reichtum. Da kannst du jeden Mann vergessen. Was ist ein Mann, Sabine? Gibt an wie der Rotz am Ärmel . . ." .
      Dann formuliert sie, fast mühelos und wie programmiert, daß sie in einer cholerischen Schwermut lebe, und beinahe wie Thomas Bernhard, den Walser interessant fand , als 'das Wichtigste, daß die Zerstörung weit genug geht"; denn: 'Als Zerschmetterte aber leben wir fühllos weiter. Ich danke Ihnen." Helene schließt eine vorbereitete Rede. Ihr Ausbruch war nur ein rhetorischer Fluchtversuch. Denn als Klaus erscheint und ihr dreimal mitzukommen befiehlt, folgt sie in verzweifelter Ironie: 'Komm, Genie, tapfer gehen wir" .
      Durch Helene und an ihr wird der Vitalismus restlos ad absurdum geführt: ein junger Mensch wird dieser Ideologie aufgeopfert oder opfert sich und erkennt dabei, daß dahinter das Nichts der Zerstörung lauert. Helenes Flucht führt nicht ins Freie, sondern zurück zu Klaus, in den Zirkel des ästhetischen Vitalismus.
     

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