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Figuren und Konstellationen - Helmut Halm



Die Figur des Oberstudienrats Dr. Helmut Halm ist weitgehend auf die Innendimension zugeschnitten. Zwar geben einmal seine Gedanken preis, daß sein Häuschen in Sillenbuch keine Fenstergitter habe , zwar entlockt ihm sein Studienkommilitone, daß er an der Ebe-Lu, Stuttgarts berühmtestem Gymnasium, unterrichte , aber welche Fächer, bleibt bereits ungesagt. Für Halm mögen solche Details so selbstverständlich wie lästig sein. Der Leser aber mag aus Halms vergangenen und gegenwärtigen Interessen, wie Aufsatzschreiben, Nietzsche- und Kierkegaard-Lesen, dann den Tübinger Studien, die den Kommilitonen Klaus Buch zu einer Lektorstelle in Edinburgh befähigten, schließlich aus dem Studienkomplex des Autors selbst auf Germanistik, Anglistik und Philosophie schließen. Halm, 46 Jahre alt, dürfte etwa zwanzig Jahre mit Sabine verheiratet sein; Klaus Buch, der ihn vor 23 Jahren zuletzt sah , kennt sie noch nicht; andererseits sind Halms Kinder so weit selbständig, daß sie nur erwähnt werden. Alle Linien und Motive, die aus der Einsträngigkeit novellistischer Erzählstruktur herausführen und zu Romanbreite verführen könnten, sind rigoros gekappt.

      Halms Vater war Kellner gewesen - ähnlich wie die Mutter jenes angepaßten Aufsteigers Hans Beumann Kellnerin -, und Halm ist oder wird sich seiner Kleinbürgerlichkeit bewüßt, versichert sich ihrer gedanklich gegen Klaus Buch , ohne sich nach außen zu bekennen. War er auch 'immer Spitze", wie Buch schwärmt , so müssen ihm jene frühen Jahre des Hocharbeitens viel gekostet haben; auch darüber wird nichts gesagt. Hat Halm resigniert, weil die Kräfte erschöpft schienen oder weil er keinen Sinn im Aufstieg mehr sah? Hat er überhaupt resigniert? Wollte er sich den frühen Vorurteilen entziehen, wie jugendlicher Ablehnung der Klassenunterschiede, konkret in seiner Abneigung gegen Klaus Buch als Sohn eines Patentanwalts aus großbürgerlichem Hause : 'Er war ein Klassenkämpfer, sagte Klaus Buch. Das ist er nicht mehr, sagte Sabine trocken." ? Er wollte Distanz erzwingen, um mit der eigenen Wirklichkeit ins Reine zu kommen, wollte das gewesene Mühsame, Unangenehme, Unappetitliche, Ekelhafte nicht mehr wahrhaben, sondern ungeschehen wissen, wollte, wohl auch um Sabines willen, diese seine Vergangenheit und, um sicher zu gehen, radikal jegliche Vergangenheit verdrängen: in solcher Geschichtslosigkeit erscheint Helmut Halm als der 'Prototyp" des durch Genuß saturierten bundesrepublikanischen Bürgers. Das Vergangene sollte abgestorben sein , sein Zustand 'der Vernichtetheit des Vergangenen so ähnlich wie möglich" werden, 'schon jetzt wollte er vergangen sein" . In Trunkenheit sucht er Versinken und Vergessen. Nicht nur der Alkohol mit 'einer schönen düsteren Schwere" ist über ihm, -Trunkenheit wäre nur Zeichen - in ihm ist die Schwere einer ausweglosen, ahistorischen Endlichkeit, einer Vergänglichkeit ohne Jenseits, jene existentielle Schwermut, die Kierkegaard als Abwesenheit von Glauben erklärt hat.
      Gemessen an jenen Fabrikherren usw. wie Frantzke , Blomich , Thiele oder Gleitze , war Halm sozial kaum eine mittlere Existenz,auf halbem Wege stehengeblieben, zwar intellektuell ausgerüstet, aber ohne Willen zur Macht. Seine Situation ist zwiespältig, sein Charakter ambivalent. Er ist scheinbar zufrieden, eigentlich unzufrieden: zufrieden mit der gleichmäßigen Sicherheit, die ein durch Eß- und Trinklust wohlgehegter Bauch bezeugt, die aber Sabine als 'Trott" tadelt , Klaus Buch ebenso brandmarkt , Trott, der zu Trotten wird, der Gangart der Halms . Unzufrieden: Halm produziert in der Schule gesellschaftlichen Schein, gibt sich kritisch angepaßt und demokratisch, so die frühe Kumpanei mit den Schülern über die Lächerlichkeit der Lehrerrolle , oder gab, obwohl er 'keine entschiedene Meinung und schon gar keine eindeutige oder gar eindeutig negative" hatte, 'das öffentliche Gebot der Luststeigerung in der Schule lauthals weiter. Galt er nicht als fortschrittlich?" 'Er galt als sehr fortschrittlich." Gegenbesseres Wissen hält er sich im 'Herrschaftsbereich des Scheins", weil er sich bei der geringsten Entfernung 'am Pranger" fühlt {69) und kehrt 'rasch zurück in die Lustfront, Freizeitfront, Scheinproduktionsfront" . Halms Zwiespalt in der totalen Gesellschaft grenzt ans Tragische - er spürt die 'Katastrophe" wachsen - scheint aber aufgrund einer leptosomen Konstitution sich ins Manisch-Depressive zu entwickeln. Jedenfalls täuscht Halm und multipliziert als Lehrer den Schein, durchschaut dieses Tun als verächtlich und weiß sich als Schwindler. Zugleich hat er Gefallen am Spiel der Täuschungen des 'doppelten Lebens" .
      Er distanziert sich von Sabines 'sozialem Engagement, beziehungsweise dem Engagement, das der Produktion sozialen Scheins diente" . Er steigt aus dem Sozialen aus, auf das er sich nur zum Schein einläßt, steht gegenüber, narzistisch in seinem Ekel , asozial. Er weiß 'seine Position hinter der Position" . Darum verhält er sich undurchsichtig, schaut am Gegenüber vorbei oder zu Boden, was ihm den Spitznamen 'Bodenspecht" eintrug. Darum war 'Incognito seine Lieblingsvorstellung" und 'unerreichbar zu sein, wurde sein Traum" . Darum besteht seine Existenz aus Flucht - 'Einfach weg, weg, weg"- , aus panischer Angst vor dem Erkanntwerden , dem 'Offendaliegen vor einem anderen" , der Zerstörung der Lebenslüge oder wenigstens der Enttarnung gewohnter Täuschungen. Denn Wissen als Aufklärung wäre Macht - über ihn . Der letzte Blick des über Bord gehenden Klaus Buch durchschaut ihn und als Buch wieder auftaucht, hatten sich ihre 'Blicke. . . nicht getroffen..."! 'Also sollte er den Blick des nach hinten Kippenden bewahren. Wahrscheinlich hatte Klaus ihn in diesem Augenblick durchschaut, wie ihn noch niemand durchschaut hatte. Und der, der ihn so durchschaut hatte, lebte." Die Beziehung beider ist damit wortlos zu Ende, Halm bricht auf. Gewinnt er eine neue Freiheit oder nur einen neuen Ort zur Wahrung seines Incognito?
Hat sich Halm nicht schon zu tief und zu lange jenes Doppelleben angeeignet, das kontrollierte, maskierte, rational gesteuerte, vermittelte, keinesfalls unmittelbare, das zur zweiten Natur geworden scheint? Aus der Lehrerrolle - 'Ja, hatte er denn Lehrer werden wollen? Will denn irgend jemand etwas werden?" - schlüpft er, sobald möglich, in die Hausund 'Urlaubsrolle" :
Er mußte ja wohl nicht den Schein, den er in der Schule produzierte, in seinem häuslichen und innersten Leben praktizieren ... In der Schule würde er weiterhin den verlangten Schein produzieren. Zu Hause aber würde er sich gehen lassen.
Sein Verhalten in der Sozialität baut er auf als Fassade und Schutzwall: 'So etwas wie Lebensfreude entwickelte sich bei ihm wirklich nur aus dem
Erlebnis des Unterschieds zwischen innen und außen" . Die unerreichbare, 'schlanke, spitze, nach allen Seiten abfallende Felsenburg ... ein Ãoberneuschwanstein" prägen seine Bewußtseinsbilder, das Haus mit vergitterten Fenstern verbürgt ihm Sicherheit. Seit elf Jahren gewährt die Ferienwohnung bei Dr. Zürn diesen Schutz, distante Unverbindlichkeit, 'höfliche Zuvorkommenheit" , 'völlig annäherungslose Vertrautheit" , ungestört von jeglichem Ferngespräch : eine unbetretbare Bastion, sein letztes Territorium. 'Wenn die diese Wohnung beträten, würde er hier keine Ferien mehr verbringen. Warum wußte er nicht." Als das dann geschieht , reist er noch selbigen Tages ab. Neugewonnene Freiheit oder wiederhergestellte Schutzfunktion?
Eine 'Art hoffnungsloser Hunger" , nicht nur nach den Braungebrannten auf der Uferpromenade, sondern generell, ist die Situation des Abgekapselten und Eingeigelten, in der modernen Massengesellschaft Entfremdeten, der auf der Flucht aus Vergangenheit und Gegenwart, auf der Flucht nach innen, 'seine wirkliche Person in Sicherheit bringen" will. Er will die bedrohte Individualität in der totalen Gesellschaft bewahren, wenigstens Reste davon. Er wendet sich, im Gefühl aus Angst, Ekel und Leere, den Tagebüchern Kierkegaards zu , der um ästhetischen Schein oder ethisches Sein gerungen, die existentielle Schwermut als Zeichen religiösen Mangels erklärt hat. Auch ohne die Störung durch die Buchs aber wäre Helmut Halm in Kierkegaard nicht vorgeschritten und kaum mehr als über die beiden Eingangssätze hinausgekommen, solange er nicht die Einsicht gewonnen hätte, daß seine Krise wie die Krise der totalen Gesellschaft eine religiöse Krise sei. Denn:
Er sehnte sich danach, Kierkegaard näherzukommen. Vielleicht sehnte er sich nur, um enttäuscht werden zu können. Er stellte sich diese tägliche stundenlange Enttäuschung beim Lesen der Tagebücher Kierkegaards als etwas Genießbares vor.
'Hoffnungsloser Hunger" oder 'blutige Trägheit" als 'Lieblingsstimmung" signalisieren aber auch jene eigentliche Unzufriedenheit und jene Ungenüge, die innerlich umtreiben. Helmut Halm ist eben kein Entsagender. Auf der Promenade sieht er, der gute Mittvierziger, immer nur Jüngere , in seiner sehnsüchtigen Phantasie dehnen sich endlose Wälder . Die Frage kommt ihm, ob sich 'in dieser Sehnsucht, noch nicht erkannt zu sein, der Wunsch ausdrücke, jünger zu sein?" , offen zu bleiben, 'damit noch alles möglich" sei. Mädchen mit 'rücksichtslosen Blusen und Hosen" bringen 'die Kraft der Verstellung" des Oberstudienrats ins Wanken, verführen ihn einmal zum, allerdings folgenlosen, Hinlangen . Helene Buch erfährt er zuerst nur als 'ein

Mädchen, das durch die Jeansnaht in zwei deutlich sichtbare Hälften geteilt wurde" . Auf dem Segelboot sieht er 'mit Hilfe seines professionellen Blicks ihre entblößten Brüste im Vorbeischauen an", die aussehen, 'als wären sie selber neugierig" . Bei der Wanderung durch den Regen 'schaute er wieder nur im Vorbeischauen hin" und empfindet die Wirkung ihrer Brüste als 'noch viel neugieriger als auf dem Boot" ; und selbst die rosigen Wülste der Mäuler kleiner Schweine 'erinnerten Helmut an Helenes Brustspitzen" . Wer schaut wen neugierig an? Die Projektion der verdrängten Neugier auf den Gegenstand der Neugier ist unübersehbar. Zwischen Bootsfahrt und Regenwanderung, nach zwei Fünfteln Text und im fünften Kapitel, das die Mitte ausmacht, bemächtigt sich seiner, assoziiert durch die Buchs , aus der Tiefe der Erinnerung jenes Erlebnis einer Hotelnacht vor zwölf Jahren in Grado, als er sich, im Banne des Geräusches eines hämmernden Beischlafs aus dem Zimmer nebenan , gelähmt, beschämt, ins Unrecht gesetzt fühlte, impotent wie 'am Pranger" ; er dachte schon damals an Flucht :
Der drüben war im Einvernehmen mit der Epoche . . . Wer den Sexualitätsgeboten dieser Zeit und Gesellschaft nicht genügte, war praktisch ununterbrochen am Pranger. Die Druckwaren sorgten dafür. Daß die einander öffentlich vorschrieben, wie oft sie auf ihre Frauen kriechen müssen, um nicht als impotent zu gelten, erregte bei ihm Widerwillen und Ekel.
Trotz allen Sich-Entziehens aber ist die totale Gesellschaft, die eine Sexkonsumgesellschaft ist, in ihm. Er selbst verkündet nicht nur in der Schule 'lauthals ... das öffentliche Gebot der Luststeigerung" , die Normen in ihm verstören sein Leben. Das individuale wie soziale tiefenpsychologische Problem, die Zentrierung der Lebenserklärung auf die Freudsche libido, wird deutlich, der Pansexualismus als Kennzeichen der Zeit. Im Traum erlebt sich Halm im Sarg, dem eine Wand fehlt: 'Er wußte, daß er zurückkommen würde ans Tageslicht, zu den Leuten" . Verdrängung und Sublimation überwanden bisher nicht jenes Verhaftetsein der Gesellschaft und Eingesargtsein im Körper. Wie sollten sie auch die grundständige menschliche Vergänglichkeit aufzuheben vermögen?
Die zwiespältige, in sich gebrochene und durchaus unsichere Gestalt des Helmut Halm macht die ambivalente Stellung des Intellektuellen, besonders des Lehrers oder allgemeiner: des Lehrenden, also des reflektierend-theoretischen Menschen in der modernen und totalen, d. h. alle Lebensbereiche durchdringenden und beherrschenden, Gesellschaft sichtbar.
     

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