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Ein fliehendes Pferd?



Der Titel verleitet dazu, von den vier Fluchtsituationen nur eine zu erkennen und zu übersehen, daß alle vier Personen in Bewegung geraten, um ihren Fixierungen zu entfliehen. Die symbolische Szene mit dem scheuenden Pferd, das Klaus Buch, ohne genötigt zu sein, bändigt und zurückreitet , dominiert die Auslegung. Der Text liest sich vom Titel und von dieser Szene her. Das vor den Menschen scheuende Tier wird zu den Menschen zurückgeführt, übertragen: Ausbruch aus der Gesellschaft endet in der Gesellschaft, aus der keine Flucht möglich ist, weilweder die individuellen noch die sozialen, eben die menschlichen Bedingungen nicht geändert werden . An Klaus und Helene Buch als Figuren exekutiert es die Handlung selbst. Die Deutung müßte aber auch für Sabine, besonders für Helmut Halm zutreffen. Sein endlicher Aufbruch wäre dann nur Flucht in eine relativ erweiterte, etwas elastischere Freiheit, wäre vor allem Ausbruch aus einer unerträglich, sich zuspitzenden Situation. Das Ringen wird immerhin in der Vierzahl und im freieren Raum offener ausgetragen als in der demontierenden ehelichen 'Zimmerschlacht" , die aber auch das Studienratsehepaar in die Gesellschaft zurückführt.
      Halms Flucht nach innen bis in Träume wird durch die Szene mit dem Pferd sichtbar nach außen projeziert. Schon in dem nicht abgeschickten Brief an Buch hatte er gedroht: 'Ja, ich fliehe. Weiß ich. Wer sich mir in den Weg stellt, wird . . ." . Klaus Buch selbst erklärt dann die Situation eines fliehenden Pferdes so: 'Einem fliehenden Pferd kannst du dich nicht in den Weg stellen. Es muß das Gefühl haben, sein Weg bleibt frei. Und: ein fliehendes Pferd läßt nicht mit sich reden." Und Halm erinnert sich nach dem Bootsunglück: 'Klaus hatte in Unterhomberg gesagt, ein fliehendes Pferd lasse nicht mit sich reden." In neuer Aktivität dann 'hatte er das Gefühl, als könne ihn nichts mehr aufhalten" .
      Das Symbol des fliehenden Pferdes wäre also eindeutig auf Helmut Halm zugeschnitten. Das entsprach der Erzählperspektive. Klaus Buch konnte sich zwar in der Natur 'in ein fliehendes Pferd hineindenken" und wußte, daß man 'nicht von vorne auf das Pferd zugehen darf" , im Umgang mit Menschen aber geht er blind und frontal Helmut Halm an, läßt ihn nicht ausweichen, indem er keinen Abschied zuläßt , sondern steigert dessen Aggressionen bis zum blinden Ausbruch. Denn das unkontrollierte Boot im Orkan nimmt für Halm das Wesen eines scheuenden, fliehenden Pferdes an.
      Halm nannte sich ironisch einen 'alten Ritter" . Indirekt sprach er damit die totemartige Verbundenheit des Menschen mit dem Pferd an, die erotische Symbolik des Hengstes - um einen solchen handelt es sich in Walsers Novelle - wie in Saars Novelle 'Schloß Kostenitz" , in Trakls Ballade 'Die junge Magd" , in Hofmannsthals 'Reitergeschichte" , Bindings 'Reitvorschrift für eine Geliebte" oder Lehmanns 'Hengst Maestoso Austria" . Mit der Novellenform stellte Walser auch die Symbolik in eine Traditionsreihe. Denn schon Walsers 'Einhorn" hatte auf ein mythisches Pferd gedeutet.
     

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