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Der Autor



Martin Walser steht dicht hinter oder in den Figuren: Nicht nur, daß er selbst mit Frau und vier Töchtern am Strand in Nußdorf bei Ãœberlingen mit Booten und Alpenblick wohnt, Schwimmer, Segler, Tennisspieler, Skiläufer , nicht nur, daß genaue Landschaftsund Ortskenntnisse in die Schilderungen eingegangen sind, ja, daß er nicht nur Klaus Buch 'in die Gegend vernarrt" und 'ein großes Bodenseebuch planen" ließ, sondern es 1978 selbst vorlegte, nicht nur, daß er erstmals wieder seit 1957 einer Frau allein ein Buch widmete — 'Für Franziska" — wohl seiner ältesten Tochter, die, 1950 geboren, im Erscheinungsjahr der Novelle mit 28 Jahren gleichaltrig mit der Figur Helene Buch war, sondern daß er den eigenen Germanisten-Komplex, in Gymnasiallehrer und Journalisten, die Alternativen von einst, aufspaltet und zu Ende spielt, dabei den Kreuzungspunkt Schriftsteller ausschweigt.
      Walser spielt seine Möglichkeiten, indem er sie aus sich heraussetzt, figuriert und agieren läßt. 'Will er nicht beide Hauptfiguren in einem, in einer sein, Helmut wie Klaus?. . . Inwieweit ist dieser Martin identisch mit diesem Helmut . . . und wo beginnt bei diesem Martin wohl der Klaus?" . Spielt er mit dem 'Prinzip Halm" und dem 'Prinzip Buch", mit 'Halm contra Buch ein Spiel gegen sich selbst" ? Oder mit sich selbst? Walser: 'Ich vertrete mit meiner Spielfigur Helmut Halm einfach meine eigene Position". Theoretisch hat Martin Walser die Nähe, ja Identität des Autors und seiner Erfahrungen mit seinem Werk wiederholt betont. 1969 postulierte er: 'Jeder Autor ist sein Gegenstand . . . Und er kann nur noch mit sich selber was anfangen" , 1972 sagte er vom Autor: 'Wirklich lernen kann er nur das Erfahren, nicht das Schreiben" . 1975 bekannte er: 'Ich werde nicht fertig werden im Gebrauchmachen meiner Erfahrungen, nämlich meiner kleinbürgerlichen Erfahrungen" ; 1976 führte er aus, daß der 'Schwerpunkt" eines Werkes 'am schnellsten" zu erfahren sei, 'wenn man das Verhältnis des Erzählers zum Helden untersucht" , und daß 'Das ganze Figurenensemble. . . einen Text spricht, EINE Tendenz erzeugt", die 'doch wohl die Tendenz des Autors und nicht die eines Erzählers" sei. Walser steckt in seinen Figuren, ohne sich zu verstecken und sich zu verleugnen.
      Persönliches ist eingebracht, wie ein offenbar antibayrischer Affekt oder die Aussparung oder nur Andeutung einer religiösen Dimension. So stößt der Vitalist Buch seine kirchliche erste Frau ab, sprechen Halm wie Buch in der Metapher des Domes, wenn sie Sehnsucht aussagen, erfährt Halm Schuld und Gewissen , liegt Kierkegaard im Urlaubsgepäck und in der Hand. Helene bezeichnet ihr fehlgerichtetes Leben mit Buch als 'Hölle" , und Sabine bringt das Ereignis von Buchs Wiedererscheinung auf die Summe 'wie der Jüngste Tag persönlich" . Zwar belegt die Sprache die Wirksamkeit einer innersten Schicht, die die Novelle als Energiezentrum ausspart: die christlich-katholische Welt der Mutter und der Jugend Walsers . Wie die Romane vor 1976 'Unsicherheit" und 'irritiertes Gewissen" , eine 'Unentschlossenheit der Weltkonzeption" verrieten, so steht auch die Novelle 'Ein fliehendes Pferd" im Zeichen kritischen Suchens, das sich jedoch zusehends strukturiert.
     

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