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Vorüberlegungen des Lehrers



Der Lehrer findet für sich selbst den Zugang zur Idee der Novelle in der Auseinandersetzung zwischen Paco und Damiano. Der junge Priester hat sich eine Idealwelt zurechtgezimmert, aus der ihn sein Beichtvater auf den Boden der Tatsachen zurückholt: "Gott geht nicht nach Utopia! Aber auf diese tränenfeuchte Erde kommt er . . ." "Gott liebt die Welt, weil sie unvollkommen ist. - Wir sind Gottes Utopia, aber eines im Werden!" Die Verwirklichung eines Utopia werden wir auf Erden nicht erleben. Ein anderes Utopia ist im Entstehen, das Utopia Gottes, und daran arbeiten wir selbst mit. Andres gibt den Schlüssel zum Verständnis, wenn er sagt, man solle "das Ganze als Epiphanie betrachten"." Epiphanie: das bedeutet das Erscheinen des Herrn, ein Aufleuchten der Gnade Gottes, die Offenbarung seines Willens. Diesen Augenblick des Einbruchs der göttlichen Gnade erleben wir während der Beichtszene. Gott fügt es, daß Pedro das Messer entdeckt und gibt so dem Geschehen die Wendung.
      Der Lehrer beabsichtigt nicht, direkt auf eine bestimmte Sinnfindung hinzusteuern, sondern geht nach einem semiotischen Verstehensmodell vor. Nach K. H. Spinner ist literarisches Verstehen "erschwertes Verstehen: weder determiniert eine eindeutige Situation den Sinn, noch kann die Bedeutung einfach abgerufen werden, indem man Wörter und Sätze in gewohntem Sinn ,decodiert' "." Spinner postuliert für den Literaturunterricht einen prozeßhaften Charakter: bloßer Nachvollzug und Wiederholung entwickelter Sinnkonkretisationen ist langweilig. Und Schüler realisieren überraschend schnell, wenn der Lehrer die Deutung von Texten aus dem Repertoire der Kompendienliteratur nur noch abzurufen braucht. Diesen Überlegungen will der Lehrer insgesamt Rechnung tragen durch einen Unterricht, der die Entwicklung und das Festhalten persönlicher Sinnkonkretisationen ermöglicht. Neben dem Unterrichtsgespräch wird für das Folgende auch ein Fragebogen wichtig sein, der schon in der ersten Stunde nach kurzen Vorinformationen zum Spanischen Bürgerkrieg und zu Thomas Morus' Utopia-Konzept ausgegeben wurde.
     
Besprechungsgesichtspunkte: Krieg und Politik - Religion -Schuld, Gewissen, Heldentum - Stil und Sprache
Die Schilderung des Krieges wurde zu Recht vielfach gewürdigt und sollte auch im Unterricht beachtet werden. So sagt Bengeser zur Eingangsszene:
"Großartig, wie Andres schon auf der ersten Seite die Atmosphäre des Krieges beschwört: Eintönigkeit des zerpulverten Plateaus, dichte Staubwolken über den Straßen, Benzingestank knatternder Lastwagen, ausgestorbene Häuser mit schwarzen Fenstern, versengte Felder, umgeworfene Gepäckwagen, aufgedunsene Pferdekadaver, um die sich lungernde Hunde zanken. Es ist die gnadenlose Trostlosigkeit des modernen Schlachtfeldes . . .""
Der Gnadenlosigkeit der Landschaft entspricht die Gnadenlosigkeit der Menschen, die nur noch Maschinen und Befehlsautomaten sind. Die Waffe beherrscht den Menschen, körperlich und geistig. Nicht Menschen, sondern "Bajonette" sitzen auf dem Wagen, nicht Menschen, sondern "sechs Bajonette sprangen auf das Pflaster". Gewehrkolben und Maschinengewehr bedrohen die "Lehmgestalten" der Gefangenen. Dem Soldaten im Krieg wird das Morden zum "Fachbetrieb" und ein selbstverständliches Mittel, um seinen Willen durchzusetzen. "Heraus wollten sie nicht, da schössen wir hinein" - so schildert Pedro die Einnahme des Klosters. Der Mord wird zu einer simplen Frage der "Zeit, Lust und Laune" und so unwesentlich, daß eine Verletzung des äußeren Anstandes schwerer wiegt. Paco, der diese Verhältnisse noch zu reflektieren vermag, sagt dazu: "Man schämt sich, wenn man einer Dame ein Reiskorn ins Gesicht hustet, entsetzlich, nicht wahr, aber wenn man ein paar Mönche umlegt-."

Den Schülern sagte diese Art, den Krieg zu charakterisieren, nämlich grell und behutsam zugleich, durchaus zu. Es wurde aber bemängelt, daß Andres "zu wenig konkret" ist. Es hieß jedoch auch: "Die Politik fließt unauffällig in die Novelle hinein; sie zeigt sich, jedoch nicht offensichtlich." Daß es "in der Hauptsache um innere Probleme" geht, um das "Innenleben" der Menschen, wurde in fast allen Fragebögen erwähnt. Man habe es ja "mit Literatur zu tun und nicht mit einem Landserheft-chen", fügt ein Schüler ergänzend hinzu. Nach Erklärungen zum Spanischen Bürgerkrieg sprach ein besonders interessierter Schüler eine aktuelle Parallele zur politischen Situation in Afghanistan an:
"Als in Berlin 1936 die Olympischen Spiele stattfanden, wurde fast gleichzeitig das erste Kommando der ,I.egion Condor' zum Kampf in den Bürgerkrieg in Marsch gesetzt. Im Sommer 1980 werden dann Sportler aus aller Herren Länder zur .Friedensolympiade' in Moskau aufmarschieren, während sowjetische Truppen das afghanische Volk unterdrücken."
Die Religion spielt in der Novelle eine zentrale Rolle. Dabei sind religiöse Probleme in einer Weise dargestellt, die einer breiten und auch kirchlich nicht gebundenen Leserschicht Zugänge bietet. Statt um Lehrmeinungen geht es um den grundlegenden Wahrheitsgehalt aller Religionen - für Pater Damiano sind alle "aus ein und demselben Stoff gemacht: aus der Liebe Gottes und der Liebe zu Gott". Die Forderung nach Toleranz wird im Denken und Handeln Pacos verwirklicht. Von Utopia träumen heißt für ihn, vom duldsamen Nebeneinander der Religionen und von ihrem frommen Wettstreit zu träumen. Auch die Art, wie er Pedro für das Bußsakrament aufschließt, von dem er selbst eine geringe Meinung äußert, entspringt einer toleranten Haltung. Das Welt- und Menschenbild der Novelle ist gerade wegen ihrer religiösen Basis sehr realistisch. Der Dichter zeigt, daß in der Welt positive Kräfte am Werk sind und daß sich dieser Zustand im Inneren der Menschen wiederholt. Er weiß, daß sich der von Paco ersehnte Idealzustand nicht erreichen läßt. Weber betont mit Recht den besonderen Stellenwert der durchgängigen Utopiekritik:
"Das Gewicht der Gestalt Pacos und der Gang der Novelle verbieten, aus dem Entwurf des Dichters von der Insel Utopia ein Anderes herauszulesen als vernichtende Kritik an jeder Utopie. Ihr steht entgegen die höchste Aufgabe des Christen, die
Verwirklichung menschlicher Existenz hier und heute, nicht erst in einem Reservat, wie es das Kloster war oder der Traum von dem idealen Staat." '
Obwohl gerade im Zusammenhang religiöser Fragestellungen die entscheidenden Probleme der Novelle sichtbar werden, stießen entsprechende Diskussionen weitgehend auf die Ablehnung der Schüler. "Es gibt wichtigere Probleme" - "Wieso das Ausweichen auf die Religion?" - "Flucht in die Religion": das waren einige Schlagworte, mit denen die Schüler den gewichtigen religiösen Interpretationsansatz ablehnten. Abgesehen von einer Kollegiatin, die im Religionsunterricht mit der Novelle konfrontiert worden war und spezielle Textstellen dort besonders bearbeitet hatte, herrschte Ratlosigkeit, was mit den religiösen Implikationen anzufangen sei. Zusammenfassend wurde die Novelle deswegen oft als "weltfremd" bezeichnet. Sie sei "zu optimistisch" angelegt, denn "wir können uns nicht als ein ,Utopia im Werden' bezeichnen, da sowohl in Gesellschaft als auch in Politik scheinbar keine gewaltlosen Lösungen gefragt sind". Und: "Die Probleme der Welt sind mit Religion nicht zu lösen . . ."
Nach den Problemkreisen "Krieg und Politik" und "Religion" ging es um den Gesichtspunkt "Schuld, Gewissen, Heldentum". Das Handeln der Menschen hängt in dieser Novelle nicht von ihren persönlichen Entscheidungen ab; es wird von höherer Warte aus bestimmt. Pedro muß die Befehle seiner Vorgesetzten ausführen, zuerst das Kloster, dann das Gefangenenlager liquidieren. Seine "Handlungsfreiheit läuft auf vorgeschriebenen Geleisen", und Pacos Plan, die Gefangenen zu befreien, wird durch eine schicksalshafte Fügung vereitelt. Folglich könnten sich beide von Schuld und Verantwortung frei fühlen. Doch das Gegenteil trifft zu. Trotz einer Anlage zur Grausamkeit empfindet Pedro seine Taten als Verbrechen. Das Gewissen läßt ihm keine Ruhe, und deswegen sucht er Erlösung in der Beichte. Pacos Tragik liegt darin, daß er allein über Leben und Tod von zweihundert Gefangenen entscheiden muß. Soll er den Leutnant ermorden oder soll er die Kameraden töten lassen? Immer wieder stellt er sich diese Frage, und als ihm die Entscheidung abgenommen wird, fühlt er sich trotzdem für sein Verhalten verantwortlich: ". . . ich mache es immer falsch ... Ich hab die Schuld." Pedro bezeichnet sich als Automaten, und auch Paco bezieht sich für sein Handeln auf diese Vorstellung. Aber, so erwägt Paco, "ein Automat ist ja ohne Schmerzen". Sie beide jedoch leiden. Damit die Schuldfrage geklärt wird, muß die Einstellung zu der Handlung berücksichtigt werden, denn nur der innere Bereich gehört noch ganz uns selbst, entzieht sich dem Zugriff der Befehlenden. Das Gewissen ist die Instanz, an die sich der Mensch wenden muß, und deshalb sagt Paco dem Leutnant: "Ihr Gewissen entscheidet und befindet über das, was Sie getanhaben ..." Die Gewissensfrage, die sich Paco selbst stellt, gehört zur Hauptthematik der Novelle: Als Soldat müßte er seine Kameraden retten, als Christ aber hat er den Auftrag, seine Feinde zu lieben und den Menschen zu vergeben. Als der Leutnant das zur Tötung bereitgehaltene Messer entdeckt, wertet Paco dies als Fingerzeig Gottes und spricht, nachdem ihm die Entscheidung abgenommen ist, sein "Gott ist gnädig". Was ist das eigentliche Problem dieser Grenzsituation? Es ist die Frage, ob man Menschenleben mathematisch gegeneinander aufrechnen und schließen darf: Lieber einen als zweihundert. Gilt nicht Gottes Gebot "Du sollst nicht töten!" ohne Ausnahme in jeder Situation? In diesem Zusammenhang kommt auch die Frage nach dem Heldentum auf, die im Unterricht mit einem Blick auf den gesamten Lebensweg Pacos genauer angesprochen werden kann. Das Tafelbild erleichtert diesen Überblick.
      Die Skizze verdeutlicht den symmetrischen Handlungsaufbau. Das "weltliche Leben" fungiert als eine Art Achse. Von Schülerseite aus ergaben sich anhand dieser Übersicht drei Möglichkeiten, Paco zu charakterisieren: "Paco, eine tragische Figur. Wie er sich auch entscheidet, es ist falsch" - "Paco, eine typisch literarische Figur, ein Modell"-"Paco, ein Antiheld".
      Die Kollegiaten betonten in der Mehrzahl, daß sie die hier gegebene Problematik anspricht. Über den Fragebogen wurde ein aktueller Bezug ins Gespräch gebracht: die Untersuchung beim Anerkennungsverfahren für Kriegsdienstverweigerer. Fragen der Notwehr und dergleichen wurden daraufhin diskutiert. Aber trotz des fast alle Schüler interessierenden Bezugs zu Tagesproblemen und allgemein ethischen Fragen wurde einmal die Meinung geäußert: "Warum der Umweg über den Spanischen Bürgerkrieg, um uns so etwas darzustellen?" Geringen Erfolg hatte dann auch der Versuch, das Gespräch mittels eines Zitates zu vertiefen, in dem Benno von Wiese die Bedeutung der Novelle wie ihrer dramatisierten Fassung aus dem Jahr 1950, "Gottes Utopia", im Blick auf die Nachkriegssituation erklärt:
"In der Zeit nach dem deutschen Zusammenbruch, der ja nicht nur eine militärische, sondern auch eine geistige Niederlage von nahezu grenzenlosem Ausmaß war, bedeutete Stefan Andres' Novelle ,Wir sind Utopia* einen in ihrer Art fast alleinstehenden Akt der Selbstbesinnung und Gewissenserforschung. Die ungewöhnliche Begebenheit, die hier, in nur geringem historischem Abstand, aus dem Spanischen Bürgerkrieg berichtet wurde, spiegelte zugleich die zerreißenden Widersprüche unserer eigenen deutschen Situation, ja sie wurde darüber hinaus zum Sinnbild überpersönlicher Konflikte: von Politik und Theologie, von diktatorischem Zwang und Appell an die Entscheidung des einzelnen, von menschlicher Sehnsucht nach utopischem Glück und Anspruch Gottes an die Menschen. So sehr auch der Novellist Andres in wirklichkeitsnaher, gedrängter Darstellung jenen Bereich darzustellen verstand, innerhalb dessen die Kluft zwischen dem Zeitlichen und dem Ewigen sowohl geöffnet wie auch wieder geschlossen wurde, seine Geschichte enthielt ungleich so viel dramatischen Sprengstoff, so viel Entgegensetzung in der Dialektik der Charaktere, daß hier ein seltener Glücksfall eintrat: ein Dichter der novellistischen Konzentration konnte sein Werk, ohne Zerstörung der inneren Form, in den atemberaubenden dramatischen Dialog verwandeln."
Der in der Rezeption des Werkes nachweisbare Gesichtspunkt der nationalen Gewisssensforschung fand durchaus Interesse. Eher mit Ironie und ungläubigem Kopfschütteln dagegen reagierte man auf von Wieses Hinweis, daß in Andres' Darstellung "die Kluft zwischen dem Zeitlichen und dem Ewigen" angesprochen ist. Wieder sind dies Schwierigkeiten, die sich daraus erklären, daß die Kollegiaten dieser Großstadtschule mit der religiösen Dimension der Novelle nicht viel anzufangen wissen. Gleichzeitig wirken derart emphatisch vorgetragene Wertungen befremdlich auf sie.
      Fragen der sprachlichen Gestaltung wurden erst gegen Ende der Behandlung angesprochen. Viele Schüler klagten aber von Anfang an über Schwierigkeiten, mit Sprache und Stil zurechtzukommen. Der Aufbau der Novelle und ihre speziellen Darstellungstechniken konnten aber mit guter Beteiligung besprochen werden. Der Aufbau wurde mittels eines Tafelbildes herausgearbeitet, das nach Webers genauer Übersicht über die Novellen-abschnitte konzipiert war. Der erste Abschnitt ist expositorisch, und zwar wird hier besonders auf die äußeren Erscheinungsformen geachtet: die Landschaft, das Kloster und das Aussehen der Hauptperson werden geschildert. Im zweiten Abschnitt wird die Exposition weitergeführt, von Pacos Äußerem wird unser Blick auf sein Inneres gelenkt, und nach und nach werden wir mit der Vorgeschichte vertraut gemacht. Die eigentliche Handlung setzt mit dem Auftauchen des Messers, dem Leitmotiv und erregenden Moment, ein. Die geistige Mitte des Werkes liegt im Mittelstück . Es ist eine Ruhepause im äußeren Geschehen, das mit dem Beginn des vierten Abschnittes wieder einsetzt, noch einmal durch Pacos Meditation aufgehalten wird, sich aber dann im letzten Abschnitt bis zum dramatischen Höhe- und Wendepunkt aufgipfelt und schnell der Katastrophe zustürzt. Zu den jeweiligen Räumen ist mit Weber zu sagen: "Die Zelle ist der Ort der Selbstbesinnung, die Bibliothek der der geistigen Auseinandersetzung, der Binnenhof der der Begegnung und das Refektorium der der gemeinsamen Kommunikation und zugleich Kommunion." Die Struktur der Novelle erinnert in manchem an die des Zieldramas. Es gibt eine Exposition mit dem erregenden Moment, dann die steigende Handlung, in der die Spannung ständig wächst, bis sie in der Beichtszene ihre höchste Intensität erlangt. Hier erfolgt der Umschwung, die steigende Handlung wechselt hinüber in die fallende und endet schließlich in der Katastrophe. Allerdings fehlt ein echtes retardierendes Moment. Pedros Rettungsangebot, Paco allein fliehen zu lassen, kann nur bedingt als solches betrachtet werden. Es kann Pacos Handlungsweise nicht berühren und wirft lediglich ein bezeichnendes Licht auf Pedros Charakter, der die Beichte zu einem Tauschgeschäft erniedrigt. Bezüglich des Erzähltechnischen drängt sich ebenfalls der Vergleich zum Dramatischen auf. Weber spricht treffend von einem "Drehbuch", bei dem der Erzähler Regie führt, Die entscheidenden Elemente sind "Regiebemerkung und Einstellung", "Dialog" und "innere Stimme". Dadurch kann der Leser insbesondere auch Zeuge der entscheidenden Seelenvorgänge werden. Die Herausarbeitung solcher Momente des Aufbaus und der Erzählweise hatte durchaus erhellende Funktion für das Verständnis der Novelle und verdeutlichte Aspekte der dichterischen Leistung Stefan Andres'. Insgesamt blieb aber der Vorbehalt gegen die sprachliche Gestalt unüberwindlich. Zur Beurteilung der Sprache aufgefordert, antworteten die Schüler meist: "Langatmig", "kompliziert", "langweilig". Einzelne Schüler schreiben: "Die Landschaftsbeschreibungen erscheinen mir zwar lang, aber nichtssagend. Die Form empfinde ich als extrem langweilig. Die Sätze sind zu lang und zu wulstig." - "Die Sprache ist zerfahren, abgehackt, oft Themawechsel, nicht mein Geschmack." - "Der Inhalt mag ja ganz interessant sein, aber die Sprache, die viel zu kompliziert und veraltet ist, vermiest einem alles." Auch wenn manche der Wertungen, die Benno von Wiese in dem oben wiedergegebenen Zitat macht, von allen oder von vielen ak zeptiert wurden, kamen als Einwände: Aber warum dies alles in einem solchen Gewand? Warum diese nicht enden wollenden Dialoge? Diese altertümliche, überbordende Sprache! Diese Urteile wurden vom Lehrer als Zeichen wirklicher Schwierigkeiten beim Lesen genommen. Er war sich sicher, auch durch Stilanalysen keine Einstellungsänderung erreichen zu können. So sah er sich zu folgender Überlegung gedrängt: Wenn die Sprache eine derartige Hürde ist - und nur wer diese Hürde überschreitet, kann zu dem Gehalt der Novelle vordringen -, könnte der Religions- oder Ethikunterricht der geeignetere Ort der Behandlung sein. Dort wäre dann das im Unterrichtsversuch von den Schüler anhand der Novelle aktualisierte Problem der Gewissensforschung in den Mittelpunkt zu stellen, unter Verzicht auf andere Aspekte und ohne Zuhilfenahme stilistischer Untersuchungen. Ereilich war bei aller Skepsis zuzugeben, daß sich auch im Deutschunterricht ein gewisser Ertrag feststellen ließ, im Vergleich mit den Ergebnissen anderer Lektüren vielleicht sogar ein relativ günstiger: neben der Thematik "Schuld, Gewissen, Heldentum" wurden u. a. auch das Thema der Zeitbezogenheit eines Werkes sowie Probleme des eigenen Rezeptionsverhaltens angesprochen und damit vielleicht für den literarischen Unterricht exemplarisch wichtige Diskussionen erreicht. Daß das Bekanntwerden mit Andres' Novelle von einzelnen einmal als persönlicher Gewinn, einmal als Zeitverschwendung bezeichnet wurde, ist ein Ergebnis, das sich bei jedem literarischen Gegenstand wiederholen kann. Wichtig ist in solchen Zusammenhängen, daß die Ablehnung nicht auch eine Ablehnung des Unterrichts als solchen impliziert. Vermutlich hätte man einen Unterricht heftig abgelehnt, der über persönliche Urteile der Schüler hinweggegangen wäre. Durch die hier vorgeführte Art der Behandlung jedoch dürfte die Motivation zum eigenen Lesen und zum Mitarbeiten im Literaturunterricht zumindest nicht beeinträchtigt worden sein.

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