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Wie leer ist eine Leerstelle? Zur didaktischen Begründung der historisch orientierten Textbehandlung



Mit dem Begriff der 'Leerstelle" wird in der Rezeptionstheorie ein bekanntes Phänomen bezeichnet: der Text bietet dem Leser Informationen, verknüpft diese Informationen aber nur teilweise, so daß der Leser sich aufgefordert fühlt, die fehlenden Verknüpfungen selbst herzustellen, dazu Informationen zu erfinden, Handlungsmotive zu erschließen, von Ergebnissen auf Handlungen und Ereignisse zurückzuschließen, Entwicklungen zu rekonstruieren oder auch nach dem Sinn des Textes zu fragen. Je enger der Leser an die Informationen und an die Deutung der Zusammenhänge durch den Autoren gebunden wird, desto geringer ist sein Spielraum. Je 'leerer" aber eine Leerstelle ist, desto mehr kann der Leser auffüllen, desto stärker fühlt er sich aufgerufen, im Text enthaltene Informationen in einen von ihm entworfenen Zusammenhang einzubauen, um seine 'Füllung" plausibel zu machen. Bedenklich wird dieses Verfahren, wenn es bei verschiedenen Interpreten zu heterogenen Ergebnissen führt und wenn dabei die im Text enthaltenen Informationen sich als scheinbar beliebig interpretierbar erweisen. Dann ist der Verdacht berechtigt, daß an der Struktur des Textes vorbeigedeutet wird. Eine Leerstelle entsteht dann dadurch, daß der Leser mit Erwartungen an den Text herangeht, die dem Text nicht angemessen sind, so daß sich die Leerstelle aus dem Unterschied von Lesererwartung und Textstruktur ergibt. Der Leser kann sie nun fast nach Belieben, also mit nur gelegentlichen und auswählenden Hinweisen auf den Text mit solchen Vorstellungen füllen, die seiner bisherigen

Erfahrung im Umgang mit Leerstellenfüllungen entnommen sind, die er z. B. im Literaturunterricht oder im Studium gelernt hat.'
Die Interpretationen von Hofmannsthals 'Reitergeschichte" scheinen zum großen Teil diese Fehlform zu präsentieren. Die von Alewyn an den Anfang seiner Interpretation gestellten Fragen markieren genau das, was fast alle Interpreten als die Leerstelle des Textes empfunden zu haben scheinen: sie suchen nach Motiven einer Handlung, bzw. nach Erklärungen für ein Erleiden. Dabei gehen sie davon aus, daß der Autor irgendwo in seinem Text die Information versteckt habe, die der Leser zur Beantwortung seiner Fragen heranziehen müsse. Gesucht werden diese Hinweise vor allem da, wo der Deutungsspielraum relativ groß erscheint, weil Hofmannsthal selbst auf objektive Zuordnungen verzichtet: in der Szene mit der Vuic und in der Beschreibung des Rittes durch das Dorf. Eine Leerstelle soll gefüllt, der Text insgesamt gedeutet werden, indem man vor allem andere Leerstellen so füllt, daß die Füllung insgesamt plausibel erscheint.
     
   Alewyns Interpretation der 'Reitergeschichte" zeigt auch dieses Verfahren deutlich, dabei geht der Interpret behutsam vor, legt sich nicht fest, sondern deutet vielfach die ihm richtig erscheinende Füllung nur z. B. in Form von Fragen an. Wesentlich direkter geht dabei Benno von Wiese zu Werke:
'Die Schwadron muß einen Reinigungsvorgang erleiden, und dafür hat der unvermeidliche Tod des Wachtmeisters stellvertretende Bedeutung. So wird in Wahrheit hier nicht eine weitgehend entschuldbare Insubordination bestraft, auch nicht in erster Linie ein psychologischer Gegensatz zwischen den beiden Männern ausgetragen, sondern ein Gericht vollzogen, dessen eherne Notwendigkeit sich dem Leser nur aus dem Zusammenhang des ganzen Geschehens enthüllt. Daß es hier um Reinigung geht, versteht man nur dann, wenn man das ganze Ausmaß der vorausgegangenen Befleckung kennt. Nur dann verliert die Erschießung des Wachtmeisters die grausame und ungerechte Kälte, die ihr sonst anhaften muß. Was wie ein Akt der Willkür aussieht, was sich auch .moralisch' eigentlich in keiner Weise rechtfertigen läßt, es gewinnt seine Legitimation aus der metaphysischen Tiefe des Lebens, die Hofmannsthal in dieser Novelle mit seiner symbolisierenden Stilgebung gestaltet hat."
Ohne die differenzierte Interpretation Alewyns mit der von Wiese in eins setzen zu wollen - gemeinsam ist beiden die Methode des Vorgehens: sie konfrontieren den Text der 'Reitergeschichte" mit ihren erlernten Fragen: Warum geschieht etwas in einem Text? Warum handelt eine Person so? Warum vollzieht sich das Geschehen so? Und hinter diesen Fragen steht als Motiv die unausgesprochene: was will uns der Dichter mit diesem Text sagen?" Mit diesen Fragen konstruieren die Interpreten notwendigerweise einen Abstand zu dem Text, sie messen ihn an der im Text nicht angelegten Absicht, solche Fragen zu beantworten; also entsteht zwischen ihren Fragen mit der darin enthaltenen Erwartung und der auch von ihnen beobachteten Textstruktur ein Zwischenraum, eine Leerstelle, die nicht der Autor zu verantworten hat und die der Text gar nicht füllen möchte.
      Die konsequente Beobachtung der Textstruktur muß m. E. die stringen-te Stilisierung der subjektiven Erzählweise als Absicht des Autors zur Geltung kommen lassen. Dies schließt dann Fragen und Antworten aus, die nach objektivierten Motiven und Gründen suchen.
      Die Sekundärliteratur zur 'Reitergeschichte" bietet eine breite Palette von Deutungen der immer gleichen falschen Leerstelle an: tiefenpsychologische," soziologische/" biographische, tragische/ metaphysische/' moralische/4, atmosphärische.2' Die meisten Interpreten helfen sich ähnlich wie Alewyn und von Wiese: durch das Verhalten des Wachtmeisters sei etwas in Unordnung geraten, das durch die Bestrafung von seiten des Rittmeisters wieder in Ordnung gekommen sei. Viele Interpreten sehen dabei in der Schwere und Brutalität der Strafe ein Indiz dafür, daß das Fehlverhalten des Wachtmeisters weit schwerer sei, als es auf den ersten Blick erscheine: religiöse, moralische, kosmische, tragische, soziale und tiefenpsychologische Abgründe tun sich dem Interpreten auf.
      Wenn hier empfohlen wird, diesen Weg der Interpretation nicht einzuschlagen, sondern von der beobachtbaren Textstruktur aus auf die historische Bedingung des Textes zurückzutragen, so liegt dem nicht nur das Mißbehagen an der Beliebigkeit dieser meist ja auch didaktisch gemeinten Deutungen zugrunde. Abzulehnen ist vielmehr die Reproduktion von klischierten, allgemein menschlichen oder speziellen moralischen, religiösen und ähnlichen Verstehenskategorien, die - abgehoben von der tatsächlichen Ethik und Moral der Jugendlichen - sich als ideologischer Apparat verfestigen, der durch fortwährende Einübungen im Literaturunterricht und darüberhinaus als bequem zu handhabende Manipulationsmasse zur Verfügung steht. Solches ,Verstehen' ist schlimmer als gar keins, denn es verhindert durch die Pseudo-Applikation jede Auseinandersetzung mit dem Text und damit jeden Lernfortschritt. Die didaktischen Konsequenzen dieser Kritik müssen allerdings deutlich gesehen werden: wenn auf den universell auf jeden Text anwendbaren Fragenkanon verzichtet wird, wenn die Diskussion des Textes im historischen Zusammenhang an die Stelle des scheinbar unmittelbar bedeutsamen Interpretierens treten soll, ergeben sich methodische Schwierigkeiten und hohe didaktische Anforderungen an den Literaturunterricht; denn mit der unmittelbaren Interpretation entfällt auch der unvorbereitete, jederzeit mögliche Umgang mit dem einzelnen Text;stattdessen werden die Erarbeitung von Zusammenhängen, die methodischen Fähigkeiten, Texte unterschiedlicher Art zu verstehen und aufeinander zu beziehen, im Unterricht erforderlich ebenso wie die Bereitschaft, die eigene Zeit und sich selbst in ihr historisch-analytisch sehen zu wollen. Die vorliegende Beschäftigung mit Hofmannsthals 'Reitergeschichte" konnte im vorgegebenen Rahmen des Sammelbandes nur erste Ansätze für ein solches Verfahren vorstellen.
      Das methodische Vorgehen im Unterricht sollte in jedem Falle so geplant werden, daß die Schüler nicht erst in Versuchung geraten, mit der Fragestellung: was will mir der Dichter sagen? vor sich hin zu moralisieren. Dazu gibt es verschiedene Möglichkeiten.
      1. Bei einem durchweg literaturgeschichtlich orientierten Unterricht kann der Text 'realistischen" Texten gegenübergestellt werden, wenn die Schüler dabei verschiedene Darstellungsformen im jeweiligen Zusammenhang mit der Erzählerperspektive analysieren.
      2. Bei einem Unterricht, der stärker von der Erarbeitung einzelner Texte ausgeht, empfiehlt es sich, mit den hier nachgedruckten theoretischen Ã"ußerungen von Bahr und Hofmannsthal zu beginnen; die dabei erarbeiteten Begriffe und Verstehensmöglichkeiten sollten dann evtl. zunächst auf das 'Märchen" bezogen werden, weil sich von daher die Struktur der 'Reitergeschichte" als Stilisierung des Subjektivismus leichter untersuchen läßt.
      Als Ziel beider Verfahren kann die Entwicklung solcher Fragen, wie sie hier am Ende des Abschnittes II stehen, und die Beschäftigung mit ihnen angesehen werden, was sinnvoll nur im Rahmen eines historisch orientierten Literaturunterrichts möglich scheint.
     

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