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Subjektiver Stil und innere Realität



Wir sind bei der Analyse des Textes davon ausgegangen, daß Hofmannsthal die 'Reitergeschichte" nicht erfunden, sondern bearbeitet hat. Der Vergleich mit dem 'Bassompierre" läßt vermuten, daß es auch in dieser Erzählung nicht sein Interesse war, eine Geschichte zu erfinden, deren Handlungslogik genau und bis zum Ende so durchstrukturiert ist, daß der Leser von daher Antwort auf seine psychologischen oder moralischen Warum-Fragen bekommt. Und auch das 'Märchen", das Hofmannsthal offensichtlich selbst 'erfunden" hat, wenn auch im Rahmen vorgegebener Erzählmuster, macht durch seinen Schluß deutlich, daß es nicht um die durchkonstruierte Ursache - Folge - Sequenz geht; denn der Tod des Kaufmannssohnes ist nicht die Folge einer Ursache, sondern erscheint, wie der Tod Lerchs, oberflächlich gesehen, eher als Resultat der momentanen Unaufmerksamkeit, bei genauerer Analyse aber als die aus bestimmten Bewußtseinsvorgängen entstandene Orientierungslosigkeit in einer bedrohlichen Situation.
      Hofmannsthals Interesse richtet sich nicht auf die Frage, warum jemandetwas Bestimmtes tut oder erleidet, sondern was eigentlich vorgeht, wenn etwas geschieht. Dies läßt sich in der Abfolge von Zuständen beschreiben. Jeder Zustand aber hat zwei Aspekte: den der Realität und den der Existenz mit ihren verschiedenen Graden der Bewußtheit von sich selbst und von der Realität. Diese Bewußtheitsgrade und die Möglichkeit ihrer literarischen Darstellung sind Thema der 'Reitergeschichte" ebenso wie des 'Märchens" und des 'Bassompierre".
      Diese Folgerung aus der Analyse der 'Reitergeschichte", die durch Hinweise auf die beiden anderen Erzählungen gestützt wird, läßt sich begründen mit biographischen und geistesgeschichtlichen Informationen.
      Hofmannsthals Erzählungen sind nicht ohne jene Gruppe von Literaten zu sehen, die sich selbst als ,Das Junge Wien' verstanden. Sie fanden etwa 1890 zusammen; ihr Selbstverständnis ist ständig in der Diskussion begriffen, es pendelt von einer vermeintlichen Begeisterung für den Naturalismus - repräsentiert durch Ibsen - zu dessen vermeintlichen Ãoberwindung. Begriffe wie Nihilismus, Satanismus und Symbolismus, Dekadenz, fin de siecle werden aufgegriffen, um ein nicht genau präzisiertes Selbstverständnis zu kommunizieren. Die Bewegung manifestiert sich insgesamt stärker in der Literaturkritik als in eigenen poetischen Werken, was durchaus dem Niveau der historischen Selbstreflexion entspricht; das Wissen um die Literatur und die analytischen Kenntnisse ihrer Produktion dominieren und begünstigen die Form der Literaturanalyse als Mittel der Kommunikation mit Gleichgesinnten und mit einem literarisch interessierten Publikum.
      Unter den vielen programmatischen Texten dieser Bewegung wähle ich den Aufsatz von Hermann Bahr über den Begriff der Moderne' aus. Dieser Aufsatz gehört zu den Texten, die als Basis der Bewegung angesehen werden können; er markiert in der Nähe zum Naturalismus und in der Abgrenzung von diesem sehr gut die geistesgeschichtliche Diskussion der Gruppe, er kommt ohne bildungsgeschichtliche Ãoberfrachtungen aus, wirkt - bei allem Pathos - unmittelbar und dürfte deshalb wohl auch Schüler zu analytischen Auseinandersetzungen anregen; schließlich bietet er Schlüsselformulierungen zum Verständnis der 'Reitergeschichte", stellt aber zugleich einen deutlichen Kontrast zur Reflektiertheit der Hofmanns-thalschen Position dar und kann so dazu dienen, die Erzählung genauer zu verstehen .

     

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Subjektiver  Stil  innere  Realität    


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