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Strukturanalyse der 'Reitergeschichte



Die erste Episode der Geschichte umfaßt den Bericht über die erfolgreichen Gefechte der Schwadron. Sie enthält eine Reihe von Angaben, die allerdings für den heutigen Leser die historischen Zusammenhänge nicht klärenkönnen, für Hofmannsthals Zeitgenossen aber sicherlich ausreichten, um einen konkret-historischen Hintergrund in das Bewußtsein treten zu lassen. Das im Text angegebene Datum bezeichnet den Tag vor den Schlachten von Somna-Gampagna und Gustozza im Befreiungskrieg der Italiener gegen die österreichische Herrschaft. Einige Details sind der Geschichte dieses Krieges entnommen: die Legion Manara, die Pisaner Studenten als Freiwillige, die Namen Lodi, Ada-Brücke, die Tatsache, daß Mailand vorübergehend ohne militärischen Schutz war. M. E. Gilbert weist allerdings nach, daß in der 'Reitergeschichte" die Fakten nicht historisch korrekt zusammengestellt sind, sondern aus verschiedenen Phasen dieses Krieges herausgelöst wurden.
      Es gibt keinen Anhaltspunkt für eine Ãœberlegung darüber, weshalb Hofmannsthal die Fakten verändert darstellt. Am wahrscheinlichsten ist, daß er die Angaben unverändert seiner Vorlage entnahm, wie dies für die Details ja auch an dem 'Bassompierre" nachzuweisen ist. Für die Erzählung haben Angaben dieser Art in jedem Fall die gleiche Funktion, unabhängig davon, ob sie erfunden, gefälscht oder richtig sind: sie konkretisieren das Erzählte und weisen den Erzähler gegenüber dem Leser als jemanden aus, der durch sein Wissen kompetent ist für die Erzählung. Dennoch ist diese erste Episode nicht mißzudeuten in dem Sinne, als handele es sich hier um den Stil der objektiven Kriegsberichtserstattung; denn daß die achtzehn gefangenen Studenten 'wohlerzogene und hübsche junge Leute mit weißen Händen und halblangem Haar" waren, fiele dabei aus dem Rahmen.
      Die zweite Episode, der Ritt der Schwadron durch Mailand, wird in subjektiver Perspektive vorgestellt: '[. . .] konnte der Rittmeister sich selbst und der Schwadron nicht versagen, in diese große und schöne, wehrlos daliegende Stadt einzureiten" . Diese Formulierung referiert nicht nur das Faktum, sondern läßt den Leser teilnehmen an den subjektiven Bedingungen einer Entscheidung, die über den militärischen Auftrag hinausgeht.
      Zur Darstellung subjektiver Bewußtseinsvorgänge benutzt Hofmannsthal in dieser Episode zwei sprachliche Formen: 1. er benennt die Bewußtseinsvorgänge: er konnte sich nicht versagen; 2. er bildet sie in der Art der Beschreibung äußerer Eindrücke und Ereignisse ab. Dieser zweiten Form entspricht es, wie Hofmannsthal den Ritt der Schwadron durch Mailand schildert. In der Kleist nachgestalteten Periode wird zunächst die zeitliche Abfolge von Ereignissen aufgehoben durch eine Reihe von Partizipien: hinaufgeschmettert, hinklirrend, zurückgeblitzt usw.; die einzelnen Vorgänge werden dadurch synchron. Außerdem führt Hofmannsthal innerhalb der Periode einige Ereignisketten jeweils bis zum Ende durch: die Aufzählung der Kirchen, die Aufzählung der möglichen Hinterhalte, 'zur Porta Venezia hinein, zur Porta Ticinese wieder hinaus." Er parallelisiert aber diese Ketten. Der ganze Ritt durch Mailand erscheint als simultane Einheit, als ein Zustand, der verschiedene Aspekte umfaßt: die Menschen, die Kirchen, die Straßen, die Musik, die Stadttore. Diese Darstellungsweise ist schlüssig nur, wenn nicht ein objektiv beobachtbares Geschehen erfaßt werden soll, sondern eine Apperzeption: das Erlebnis des Rittes durch Mailand. Zwar muß dieser einheitliche Bewußtseinsakt sprachlich als Aufeinanderfolge verschiedener Eindrücke erscheinen, Hofmannsthal läßt ihn aber nicht in Vorgangsphasen zerfallen; denn die Eindrücke erscheinen in der sprachlichen Form bereits so, wie sie das verstehende Subjekt thematisch geordnet hat, nicht so, wie sie von außen her nacheinander evoziert wurden. Die durch die Syntax ausgedrückte Gleichzeitigkeit unterstützt diesen Eindruck.
      Der Bewußtseinsvorgang darf weder als Stimmungsbild noch als subjektiv bedingter Impressionismus mißdeutet werden; ein Stimmungsbild ist er nicht, weil kein erzählendes Subjekt da ist, dessen Stimmung in einem 'Bild" geschildert würde; und von einer Impression kann nicht gesprochen werden, weil es den festen Punkt des Betrachters gegenüber dem Betrachteten nicht gibt. Im Gegenteil: die Subjekte, die Reiter der Schwadron, nehmen nicht etwas wahr, sondern erleben etwas; dies bedeutet, daß im erlebenden Subjekt das Bewußtsein von sich selbst und von der Außenwelt eine untrennbare Einheit bildet: 'vom trabenden Pferde herab funkelnden Auges auf alles dies hervorblickend aus einer Larve von blutgesprengtem Staub" .
      Mit Tarot' gehe ich davon aus, daß auch die erste Episode von Anfang an solche Bewußtseinsvorgänge darstellt. Vergleicht man den ersten langen Absatz mit dem Ritt durch Mailand, so fallen die Unterschiede auf: die Gefechte am Morgen werden offensichtlich distanziert erlebt, erscheinen in der chronologischen Folge und halten vor allem die Resultate der einzelnen Unternehmungen fest; der Abschnitt enthält aber schon deutliche Hinweise darauf, daß auch hier - wenn auch weitgehend der militärischen Disziplin angepaßt — als Erlebnisse aufgefaßte Ereignisse dargestellt sind: die Beschreibung der Landschaft mit Prädikaten wie 'frei", 'glänzend" gibt nicht optische oder akustische, sondern erlebnishafte Apperzeptionen wieder, die das Selbstbewußtsein des Subjekts einschließen; die erlebte Ãœberlegenheit der Schwadron drückt sich in der Formulierung 'trieb einen Trupp [. . .] wie Wachteln vor sich her" aus; auch die schon zitierte Beschreibung der gefangenen Studenten der Pisaner Legion hat ihren Stellenwert als erlebter Eindruck und macht dann deutlich, daß sich subjektive Apperzeption ausdrückt: festgehalten ist, was den Soldaten an diesen Freiwilligen auffällt, was der überwiegende Eindruck ist; dieser hält das Ungewohnte des Erlebnisses, nicht das militärisch Wichtige fest.
      Einen anderen erlebten Zustand schildert die dritte Episode : der Wachtmeister Anton Lerch erkennt eine ihn von früher bekannte Frau wieder. Die Episode umfaßt zweierlei: die Begegnung mit dieser Frau und ihre Wirkung auf Lerch. In der Darstellung der Begegnung arbeitet Hofmannsthal mit ähnlichen sprachlichen Mitteln wie in der zweiten Episode, um das Synchrone des Erlebens festzuhalten: durch Partikel und Konjunktionen wird die Gleichzeitigkeit oder Fast-Gleichzeitigkeit angezeigt: nachdem er gerade . . .; kaum hatte er . . ., als; während; indem; im Augenblick; aber während . . .u. ä. Parataktische Reihungen von Sätzen und Attributen verstärken den Eindruck der Gleichzeitigkeit. Aber sie ist doch deutlich unterschieden von der, die den erlebten Ritt der Schwadron durch Mailand darstellt, denn in dieser dritten Episode ist die Apperzeption des Rittmeisters gestreut, das Subjekt erlebt sich nicht mehr voll identisch mit der Situation wie bei dem glanzvollen Siegesritt, sondern in vielerlei Brechungen, die dadurch entstehen, daß frühere Erlebnisse und Vorstellungen künftiger Ereignisse und Erlebnisse in das momentane und situative Erleben hineinreichen. Lerch erlebt die Frau so, wie es zu seinen Erinnerungen paßt - sein momentanes Erlebnis schreibt er selbst als künftiges fest, indem er es ausspricht. 'Das ausgesprochene Wort aber machte seine Gewalt geltend" .
      Die Wirkung des Erlebnisses ist also von der Struktur des Erlebnisses abhängig, nicht von seinem Inhalt: die Frau macht Lerch keinerlei Zugeständnisse, sie erscheint überhaupt nur so, wie Lerch sie erlebt: 'Vuic — diesen ihren Namen hatte er gewiß seit zehn Jahren nicht wieder in den Mund genommen und ihren Taufnamen vollständig vergessen —. . ." . Noch deutlicher wird dies an den erlebten Requisiten und Personen, dem Zimmer und besonders dem Mann: dieser wird zum Träger von Vorstellungen künftiger Erlebnisse, die nicht der erlebten Figur, sondern nur dem erlebenden Subjekt, der Phantasie, entspringen . Hofmannsthal stellt diese von der Realität sich entfernende Apperzeption des Wachtmeisters Lerch sprachlich als nur in der Vorstellung des Wachtmeister existent dar:
'Dem Streifkommando begegnete in den Nachmittagsstunden nichts Neues, und die Träumereien des Wachtmeisters erfuhren keine Hemmungen. Aber in ihm war ein Durst nach unerwartetem Erwerb, nach Gratifikationen, nach plötzlich in die Tasche fallenden Dukaten rege geworden. Denn der Gedanke an das bevorstehende erste Eintreten in das Zimmer mit den Mahagonimöbeln war der Splitter im Fleisch, um den herum alles von Wünschen und Begierden schwärte."

Hofmannsthal konfrontiert die die Apperzeption des Wachtmeisters ausdrücklich mit der Wirklichkeit, die im Bewußtsein Lerchs zurücktritt, da sie keine 'erlebbaren" Ereignisse vorweist. Die Episode schließt mit der Feststellung, daß Lerchs Bewußtsein von solchen Erwartungen erfüllt ist, die zugleich seine Apperzeptionen steuern müssen.
      Diese Episode hat unterschiedliche Interpretationen erfahren. In die Szene mit der Vuic wird moralisches Fehlverhalten, Laszivität und erotische Verwerflichkeit, Unsauberkeit und Unordnung'' hineininterpretiert. Die Gründe dafür sollen im letzten Teil der Arbeit untersucht werden; sie liegen nicht im Text, sondern in der Leseerwartung. Es ist weder moralisch noch sonstwie verwerflich, daß ein Soldat im Augenblick des Sieges an die Vorteile und Bequemlichkeiten denkt, die ihm der Sieg einbringen kann. Das Private, Zivile, Bequeme, Erotische, Häusliche werden durch militärisches Handeln, durch den Dienst zwar weitgehend ausgeschlossen, aber Zielpunkt militärischer Bemühungen im Bewußtsein des Einzelnen ist ja nicht immer weiterer militärischer Dienst und Einsatz, sondern der Sieg und damit die Umkehrung der militärischen Strapazen in einen Zustand erhöhter Bequemlichkeit und Gratifikation. Es dürfte an den Vorstellungen des Anton Lerch nicht Böses oder Unmoralisches zu finden sein. Wichtig scheint vielmehr das zu sein, was Hofmannsthal ins Zentrum rückt: der wiederum gegenüber dem Ritt durch Mailand veränderte Bewußtseinsvorgang, die veränderte Bewußtseinsstruktur, in der Gegenwärtiges einerseits als Erlebtes erscheint, andererseits mit Vergangenem und Künftigem so dicht beieinander apperzipiert wird, daß die Zeitgrenzen verschwimmen und das Bewußtsein sich gegenüber der Realität verselbständigt. Es wird schließlich von Erwartungen gesteuert und von eigenen Bildern erfüllt, d. h. unfähig, Realität ungestört aufzunehmen.
      Dieser Bewußtseinszustand dokumentiert sich in der folgenden vierten Epoche, dem Ritt des Anton Lerch durch das 'elende, scheinbar verödete Nest". Die Darstellung differenziert auch hier nicht zwischen dem, was objektiv vorgeht, und dem, was sich im Bewußtsein des Anton Lerch abspielt. Sie protokolliert vielmehr auch hier den Bewußtseinsvorgang, signalisiert aber doch dessen Distanz von der Realität, ohne diese zu beschreiben. Einmal zeigen dies die Apperzeptionen selbst, die in ihrer Struktur deutliche Merkmale des Traumzustandes aufweisen: die Totenstille, die Verlangsamung aller Bewegungen, die gesichtslosen Gestalten, das Versagen der Pistole, die Schwere und das Nicht-Vorwärtskommen und schließlich besonders deutlich die Erscheinung des eigenen Doppelgängers oder Spiegelbildes; aber ebenso deutlich wird die Tatsache, daß es sich um einen vom Realen entfernten Bewußtseinsvorgang handelt durch den Kontrast: die das Dorf umreitenden Soldaten treffen 'mit unbefangenen Gesichtern" wieder auf Lerch.

     
Die beklemmende Athmosphäre des Bewußtseinszustandes kann deshalb nur als Ganzes vom Leser wahrgenommen werden. Eine symbolische Ausdeutung einzelner Teilelemente scheint weniger angebracht, weil sie das von Hofmannsthal kenntlich gemachte Konzept des sich von Episode zu Episode verändernden Bewußtseinszustandes zerstören würde." Einzelbeobachtungen sind insofern wichtig, als sie vor allem den Kontrast zum Bewußtseinsvorgang der zweiten Episode kennzeichnen, den triumphalen Ritt durch Mailand: Häuser, Einblicke in einzelne Zimmer und Gebäude, Kirchen und Menschen sind solche kontrastreichen Elemente beider Episoden. Die vierte Episode enthält zudem viele beklemmende Tiergestalten anstelle der 'halbwüchsigen Mädchen und Buben, die weißen Zähne und dunklen Haare zeigend"; dort das 'trabende Pferd", hier das mühsam im Schritt vorankommende Tier.
      Wohin also hat sich im Unterschied zur zweiten Episode der Bewußtseinszustand verschoben? In beiden Episoden, so hatten wir festgestellt, bilden das Bewußtsein von der Außenwelt und das Selbstbewußtsein eine Einheit. Das wahrnehmende Subjekt findet seine Identität in der Wahrnehmung. Bei dem Siegesritt durch Mailand manifestiert sich das Bewußtsein in den wahrgenommenen äußeren Objekten, die Gesamtsituation ist sieghaft und schön: die schöne Stadt - die schöne Schwadron. Die Bewußtseinsträger sind in diese Situation eingeschlossen. Dies kehrt sich bei dem Ritt durch das Dorf um: das von der realen Umwelt abgelöste Bewußtsein produziert Bilder, die so stark sind, daß die Realität hinter oder neben diesen Bildern nicht für sich wahrnehmbar wird. Einheitlich ist der Bewußtseinsvorgang also, weil äußere Eindrücke nicht mehr im Unterschied zu den von innen produzierten bewußt werden; wieviel äußere Realität sich in den 'Traumbildern" widerspiegelt, wird von Hofmannsthal offengelassen und sollte deshalb nicht zum Gegenstand spekulativer Deutung gemacht werden.
      Die letzte Episode entsteht aus dem plötzlichen Abbruch der vorigen: das Traumbild verschwindet, die Realität tritt wieder ins Bewußtsein, Lerch handelt situationsgerecht und erfolgreich. Knüpft damit die Darstellung des erfolgreichen Gefechtes unmittelbar an die erste Episode an? Der Textvergleich kann auch hier die Unterschiede der Bewußtseinsvorgänge deutlich machen. Eine der militärischen Operationen der ersten Szene ist wie folgt dargestellt:
'Vor einer schönen Villa, deren Zufahrt uralte Zypressen flankierten, meldete die Avantgarde verdächtige Gestalten. Der Wachtmeister Anton Lerch saß ab, nahm zwölf mit Karabinern bewaffnete Leute, umstellte die Fenster und nahm achtzehn Studenten der Pisaner Legion gefangen, wohlerzogene und hübsche junge Leute mit weißen Händen und halblangem Haar".


Der in diesem Satz sich spiegelnde Bewußtseinsvorgang läßt deutliche Planung und Ausführung erkennen, er begreift die Gesamtsituation und das kontrollierte Handeln in der Situation. Zum Vergleich ein Satz aus der Schlußperiode:
'Im stärksten Galopp eine Erdwelle hinansetzend, sah der Wachtmeister die Schwadron schon im Galopp auf ein Gehölz zu, aus welchem feindliche Reiter mit Piken eilfertig dehouchierten; sah, indem er, die vier losen Zügel in der Linken versammelnd, den Handriemen um die Rechte schlang, den vierten Zug sich von der Schwadron ablösen und langsamer werden, war nun schon aufdröhnendem Boden, nun in starkem Staubgeruch, nun mitten im Feinde, hieb auf einen blauen Arm ein, der eine Pike führte, sah dicht neben sich das Gesicht des Rittmeisters mit weit aufgerissenen Augen und grimmig entblößten Zähnen, war dann plötzlich unter lauter feindlichen Gesichtern und fremden Farben eingekeilt, tauchte unter in lauter geschwungenen Klingen, stieß den Nächsten in den Hals und vom Pferd herab,..." .
      Man kann hier kaum von einem Bewußtseinsvorgang sprechen; einzelne situative Momente treten ins Bewußtsein, werden dort aber nicht zu einem Zusammenhang integriert, sondern jeder neue Eindruck tritt in rascher Folge an die Stelle des vorigen. Auch so handelt I.erch erfolgreich, aber ohne Plan und Ãœbersicht, jeweils auf einen äußeren Reiz mit einem äußeren Reflex reagierend.
      Hofmannsthal setzt in dieser letzten Episode wieder verschiedene sprachliche Formen zur Darstellung des Bewußtseins ein. Auf die sprachliche Nachzeichnung der Bewußtseinsbruchstücke, in denen sich das Gefecht widerspiegelt, folgt eine Schilderung des Kampfplatzes, die wiederum im deutlichen Kontrast zur Landschaftsschildetung der ersten Episode steht: es scheint alles wie in Blut getaucht. In dieser'Momentaufnahme" ist aber der vorige Bewußtseinszustand überwunden: wenn auch auf ein wesentliches Merkmal reduziert, erscheint die Situation wieder als zusammenhängend. Die dadurch gewonnene Perspektive benötigt Hofmannsthal, um in der folgenden Szene mehrere handelnde Subjekte zeigen zu können: der Wachtmeister reitet von Zug zu Zug, er macht Meldung, der Rittmeister gibt Befehle, der Leutnant und sechs Kürassiere versenken die erbeutete Haubitze. Bewußtseinsvorgänge werden dabei überwiegend benannt und so mit der beschriebenen äußeren Handlung konfrontiert. Lerch ist befangen in den verselbständigten, unkoordinierten Vorgängen in seinem Bewußtsein; diese machen ihn einerseits zum integrierten Teil der Schwadron: die Eskadron war 'nicht eigentlich unruhig", es herrschte 'eine nicht ganz gewöhnliche Stimmung", von einer 'Erregung" ist die Rede, 'solche Reiter und Sieger verlangten sich innerlich, nun im offenen Schwärm auf einen neuen Gegner loszugehen, einzuhauen und neue Beutepferde zu packen." Andererseits ist nach dem Befehl des Rittmeisters
Lerchs 'Bewußtsein von der ungeheuren Gespanntheit dieses Augenblicks fast gar nicht erfüllt, sondern von vielfältigen Bildern einer fremdartigen Behaglichkeit ganz überschwemmt..." - im Gegensatz zu der übrigen Schwadron, die 'totenstill" steht, also die Gespanntheit des Augenblicks voll erfaßt. Lerchs unkoordinierte Bewußtseinsvorgänge hindern ihn nun vollends, die äußere Situation zu erfassen: in seinem Blick drückt sich etwas 'Gedrücktes", 'Hündisches" und devotes Zutrauen aus; aber 'aus einer ihm selbst völlig unbekannten Tiefe seines Innern stieg ein bestialischer Zorn gegen den Menschen da vor ihm auf, der ihm das Pferd wegnehmen wollte, ein so entsetzlicher Zorn über das Gesicht, die Stimme, die Haltung und das ganze Dasein dieses Menschen,. . ." .
      Lerch ist unfähig, zu handeln oder auch nur zu reagieren und den Befehl auszuführen. Er ist damit an die Situation ausgeliefert und stirbt. Und Hofmannsthal betont, daß er nicht bereit ist, dem Leser diesen Tod aus der Sicht des Rittmeisters plausibel zu machen; dessen Motive läßt er ausdrücklich im Zweifel, woraus die Interpreten die Aufforderung herausgelesen haben, nun selbst solche Motive zu erfinden.
      Fragen wir abschließend bei dieser Analyse noch einmal nach der Ursache für die Verschiebung der Bewußtseinszustände bis hin zur Handlungsfähigkeit in der konkreten Situation: es ist nicht ein gestörtes pathologisches Bewußtsein, das Hofmannsthal hier schildert; die Abfolge der Episode beginnt mit dem normalen, der äußeren Situation angepaßten Bewußtseinszustand; die am Ende mangelnde Anpassung entwickelt sich aus der erfolgreichen Anpassung; das Bewußtsein wird aufgrund des Erfolges der von ihm reibungslos gemeisterten äußeren Situation nicht mehr voll beansprucht, es wendet sich auf sich selbst, beschäftigt sich mit eigenen Inhalten, mit Ãœberliefertem, mit Etinnertem und mit Projektionen. Von daher wird es aber dann mit in Anspruch genommen. Die Apperzeption der äußeren Wirklichkeit tritt mehr und mehr zurück und unterliegt mehr und mehr der Steuerung durch die Dispositionen des Bewußtseins, die sich aus der überschüssigen Beschäftigung mit den eigenen Inhalten ergeben. Vergleicht man die 'Reitergeschichte" mit dem 'Märchen", so zeigen sich gerade in dieser Verschiebung der Bewußtseinszustände deutlich die Parallelen mit dem Unterschied, daß in der Reitergeschichte der Ausgangszustand nicht beschrieben wird als Zustand des Erben, der eine fertige Welt von seinem Vater übernimmt und dessen Bewußtsein sich mehr und mehr in der Beseelung dieser übernommenen Welt verfängt. In der Reitergeschichte entspricht dieser Ausgangsposition der Zustand des Sieges, der das Bewußtsein freisetzt für Erinnerungen und Projektionen eines 'besseren" Lebens.
      Die Befangenheit des Bewußtseins in seine eigenen Inhalte verleiht dem Subjekt einerseits traumhafte Sicherheit: es handelt erfolgreich in der Realität, weil es diese nur so wahrnimmt, wie es seiner eigenen Erwartung entspricht, also reduziert, Schwierigkeiten und Widerstände ignorierend. Dies kann aber nur solange gelingen, als die Realität sich den Bildern des Bewußtseins nicht völlig entzieht. Wenn dieser Zustand erreicht ist, erfolgt der Zusammenbruch; das Bewußtsein verliert die Orientierung in der äußeren Situation, und der Tod tritt ein infolge einer scheinbar kurzen Unaufmerksamkeit. - Es dürfte zur Klärung dieser Strukturanalyse der 'Reitergeschichte" im Unterricht hilfreich sein, das 'Märchen" ebenfalls in seiner fast parallelen Struktur zu beschreiben. - Daß auch der 'Bassom-pierre" einer solchen Analyse zugänglich ist, ergibt sich schon daraus, daß auch in dieser Erzählung die einheitliche Perspektive durchgehalten ist: wir erfahren als Leser alles nur so, wie es der Erzähler, nämlich Bassompierre, aus seiner Erinnerung darstellt; und d. h. so, wie es sich ihm dargestellt hat. Er selbst aber ist in den einzelnen Episoden dieser Geschichte in unterschiedlichem Maße in das Geschehen hineingezogen; seine Darstellungsweise ist also geprägt von den verschiedenen Bewußtseinszuständen, die die Beteiligung an dem Erlebnis in ihm hervorgerufen haben; was er erlebt hat, ist für den Leser nur an diesen Bewußtseinszuständen ablesbar.
     

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