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Hermann Bahr: Die Moderne



Moderne Dichtung, Band 1, Heft 1, Nr. 1, 1. Januar 1890, S. 13-15.
Und ich wanderte durch die sandige Ebene des Nordens. Und ich klomm nach dem ewigen Eise der Alpen. Und aus der großen Stadt floh ich in die Wüste pyrenäischer Schneefelder und ich irrte am Meere, wo sich die Flut bäumt. Und überall war nur Klage und Noth, schrill und herzzerreißend. Und nirgends war weder Trost noch Rath, hoffnungslos.
      In die Bücher bin ich getaucht, was die Weisen verkündigen, und an den Herzen habe ich gehorcht, was die Sehnsucht schlägt. Ãœberall habe ich gefragt, mit dieser bebenden, hungrigen Begierde. Und nirgends war Antwort. Es geht eine wilde Pein durch diese Zeit und der Schmerz, ist nicht mehr 10 erträglich. Der Schrei nach dem Heiland ist gemein und Gekreuzigte sind überall. Ist es das große Sterben, das über die Welt gekommen?
Es kann sein, daß wir am Ende sind, am Tode der erschöpften Menschheit, und das sind nur die letzten Krämpfe. Es kann sein, daß wir am Anfange sind, an der Geburt einer neuen Menschheit, und das sind nur die Lawinen des Frühlings. Wir steigen ins Göttliche oder wir stürzen, stürzen in Nacht und Vernichtung - aber Bleiben ist keines.
      Daß aus dem Leide das Heil kommen wird und die Gnade aus der Verzweiflung, daß es tagen wird nach dieser entsetzlichen Finsternis und daß die Kunst einkehren wird bei den Menschen - an diese Auferstehung, glor- reich und selig, das ist der Glaube der Moderne.
      Ja, es ist ein Glaube, ein demüthiger, unversicherter Glaube, ohne Bürgschaft. Man kann sagen: es ist das Ende. Morgen bricht die Welt. Lasset uns genießen, in Rausch und Wollust, vor der Sintflut!
Ja, wir sind wehrlos in unserer einfältigen Sehnsucht gegen den Witz der Klugen.
      Wir haben keinen Beweis und keine Botschaft als nur das Versprechen des Gottes in unserer Brust. Wen er ausgewählt hat, der ist mit uns. Die Feinde können wir nur mitleidig tödten. 30 Wir haben keine andere Wissenschaft als daß kein Leben ist außer dem Glauben. Wir gehorchen ihm aus Trotz gegen den Mord. Wir machen diese sehr einfache Probe: wenn wir den Hahn nicht zu senken und die Phiole nicht zu leeren vermögen, trotz alledem, dann muß die Wahrheit sein in ihm.
      Die Moderne ist nur in unserem Wunsche und sie ist draußen überall, außer uns. Sie ist nicht in unserem Geiste. Sondern das ist die Qual und die Krankheit des Jahrhunderts, die fieberische und schnaubende, daß das Leben dem Geiste entronnen ist. Das Leben hat sich gewandelt, bis in den letzten Grund, und wandelt sich immer noch aufs neue, alle Tage, rastlos 40 und unstät. Aber der Geist blieb alt und starr und regte sich nicht und bewegte sich nicht und nun leidet er hilflos, weil er einsam ist und verlassen vom Leben.

     
Darum haben wir die Einheit verloren und sind in die Lüge gerathen. In uns wuchert die Vergangenheit noch immer und um uns wächst die Zukunft. Da kann kein Friede sein, sondern nur Haß und Zwietracht, feindselig und voll Gewaltthat.
      Der Körper fehdet wider den Geist, der Körper der neuen Gesellschaft seit hundert Jahren. Er hat Triebe gezeugt und Wünsche, ungekannt zuvor und unverstanden noch heute, weil der Geist gering blieb, geduckt und krüppelig. Es ist nicht der neue Leib, der uns schmerzt, sondern daß wir seinen Geist noch nicht haben.
      Wir wollen wahr werden. Wor wollen gehorchen dem äußeren Gebote und der inneren Sehnsucht. Wir wollen werden, was unsere Umwelt geworden. Wir wollen die faule Vergangenheit von uns abschütteln, die, lange verblüht, unsere Seele in fahlem Laube erstickt. Gegenwart wollen wir sein.
      Die Vergangenheit war groß, oft lieblich. Wir wollen ihr feierliche Grabreden halten. Aber wenn der König bestattet ist, dann lebe der andere König!
Wir wollen die Fenster weit öffnen, daß die Sonne zu uns komme, die blühende Sonne des jungen Mai. Wir wollen alle Sinne und Nerven aufthun, gierig, und lauschen und lauschen. Und mit Jubel und F.hrfurcht wollen wir das Licht grüßen, das zur Herrschaft einzieht in die ausgeräumten Hallen.
      Es ist nicht wahr, daß es große Thaten braucht und einen gewaltigen Messias. Es braucht nur eine schlichte und einfältige Liebe zur Wahrheit. Nur der hochmüthige Stolz werde gejätet, der mit Verstand den Sinnen widerstehen will.
      Draußen, in dem Gewordenen von heute ist die Flrlösung. Innen, in dem Ueberlieferten von gestern, ist der Fluch. Wir wollen wallfahrten aus der engen, dumpfen Klause nach den hellen, weiten Höhen, wo die Vögel singen, Pilgrime der Sinne.
      Ja, nur den Sinnen wollen wir uns vertrauen, was sie verkündigen und befehlen. Sie sind die Boten von draußen, wo in der Wahrheit das Glück ist. Ihnen wollen wir dienen.
      Jeden Wunsch, in dem sie sich leise regen, wollen wir verzeichnen. Jede Antwort, die sie der Welt geben auf jedes Ereignis, wollen wir lernen. Jeden Ton wollen wir behalten.
      Bis der neue Geist wird, in welchem der alte vernichtet und nur die Wirklichkeit ist. Bis dieser fremde Leib, dieser ungeheure Riesenleib, der da draußen ächzt und stöhnt, seine Seele in uns geformt, ungeheuer und unermeßlich, ins gigantische gleich ihm. Bis die Lüge in uns, das Anderssein, anders als der Dampf und das Elektrische, erwürgt ist.
      Wir haben nichts als das Außen zum Innen zu machen, daß wir nicht länger Fremdlinge sind, sondern Eigenthum erwerben. Aber wir müssen uns reinigen zuvor, für die künftige Einwanderung, reinigen von den Tyrannen. Es darf keine alte Meinung in uns bleiben, kein Betrug der Schule, kein Gerücht, das nicht Gefühl ist. Es muß ausgeholzt werden, daß der Morgenwind der Freiheit durchstreichen kann, der die Saat herweht. Die Axt muß mörderisch übers Gestrüpp
Dieses ist die große Sorge, die Noth thut, daß wir uns den Trümmerschutt der Ueberlieferung aus der Seele schaffen und rastlos den Geist aufwühlen, mit grimmen Streichen, bis alle Spur der Vergangenheit vertilgt ist. Leer 90 müssen wir werden, leer von aller Lehre, von allem Glauben, von aller Wissenschaft der Väter ganz leer. Dann können wir uns füllen.
      Aber der Segen, der uns erfüllen wird, kommt von außen, ein Geschenk des Lebens. Wir brauchen uns nur zu öffnen. Wenn wir ihm nur unseren Schooß in liebender Hingebung gewähren, dann keimt die Frucht.
      Wir sollen nicht ringen und leiden in's Unmögliche. Demüthig sollen wir uns bescheiden mit der Wahrheit neben uns. Sie ist da, draußen; wir wollen sie einführen in die Seele — der Einzug des auswärtigen Lebens in den inneren Geist, das ist die neue Kunst.
      Aber dreifach ist die Wahrheit, dreifach das Leben, und dreifach darum 100 ist der Beruf der neuen Kunst. Eine Wahrheit ist der Körper, eine Wahrheit in den Gefühlen, eine Wahrheit in den Gedanken. Die Körper wollen wir schauen, die einzelnen und die ganzen, in denen die Menschheit lebt, wollen forschen, welchen Gesetzen sie gehorchen, welche Schicksale sie erfahren, von welchen Geburten, nach welchen Toden sie wandern, wollen es aufzeichnen, wie es ist. Die Gefühle wollen wir suchen, in unserer Brust und in den fremden, welche nur irgendwo seufzen, träumen oder schnauben, wollen sie in Retorten setzen, in Dampf gehitzt und wieder erkältet, mit anderen gebunden und vermischt, in ihre Gase zerkocht, wollen es anmerken, wie sie sind. Und wenn dann die Zeichen und Marken in den Gehir- nen wandeln, sich begegnen und umarmen, zu Reihen gesellen und in Reigen verschlingen, wenn die in die Seelen getretene Wahrheit sich ins Seelische verwandelt, die seelischen Sprachen annimmt und deutliche Symbole schafft, wenn endlich alles Außen ganz Innen geworden und dieser neue Mensch ein vollkommenes Gleichnis der neuen Natur ist, wieder ein Ebenbild der Gottheit nach so langer Entstellung, diesen neuen Geist wollen wir dann aussagen, was er für Meinungen und Befehle hat.
      Wir haben keine großen Worte und Wunder sind uns versagt. Wir können kein Himmelreich versprechen. Wir wollen nur, daß das Lügen aufhöre, das tägliche Lügen, in den Schulen, von den Kanzeln, auf den Thronen, welches 120 häßlich und schlecht ist.
      Wir haben kein anderes Gesetz als die Wahrheit, wie jeder sie empfindet. Der dienen wir. Wir können nichts dafür, wenn sie rauh und gewaltthätig ist und oft höhnisch und grausam. Wir sind ihr nur gehorsam, was sie verlange. Manchmal verwundert es uns selbst und schreckt uns, wir können uns aber nicht helfen.
      Dieses wird die neue Kunst sein, welches wir so schaffen. Und es wird die neue Religion sein. Denn Kunst, Wissenschaft und Religion sind dasselbe. Es ist immer nur die Zeit, jedesmal in einen anderen Teig geknetet. Vielleicht betrügen wir uns. Vielleicht ist es nur Wahn, daß die Zeit sich 130 erneut hat. Vielleicht ist es nur der letzte Krampf, das überall stöhnende, der letzte Krampf vor Erstarrung in das Nichts.
      Aber wenigstens wäre es ein frommer Betrug, weil er das Sterben leicht macht.
      Oder ist es die Völlerei, die wir wählen sollen, und die Unzucht, zur Betäubung?
Bahrs Diagnose der Zeit bleibt zunächst im Rahmen des naturalistischen Zeitverständnisses:1" man befinde sich in einer 'entsetzlichen Finsternis", bedürfe des 'Heilands", hoffe auf 'die Auferstehung, glorreich und selig"; die Zeit verpflichte zur schonungslosen Offenlegung der Wahrheit, dies bedeute noch nicht die Rettung, sondern die Selbstbescheidung: man warte auf die Zukunft, auf die neue Literatur, die den neuen Menschen bringen soll. Bahr wendet sich allerdings in einem Punkt entschieden von der naturalistischen Programmatik ab: die Wahrheit, die von den Naturalisten für die Kunst verpflichtend gemacht wird, war die der 'Realität"; die Verlogenheit, die Lebenslüge und ihre sozialen und psychologischen Bedingungen sollten aufgedeckt werden. Bahr gibt diesen Anspruch auf 'objektive Wahrheit", auf jene 'Wahrhaftigkeit, die sich gegenüber det Realität der Außenwelt zu bewähren hatte", auf und ersetzt sie durch die subjektive: 'Wir haben kein anderes Gesetz, als die Wahrheit, wie jeder sie empfindet" . Die Wahrheit also wird im Sinne schonungsloser Bestandsaufnahme einer Zeit verstanden, die als Endzeit und damit zugleich als möglicher Neubeginn 'empfunden" wird, aber die Dichtung kann diesen Beitrag nur leisten, 'wenn die in die Seelen getretene Wahrheit sich ins Seelische verwandelt, die seelischen Sprachen annimmt und deutliche Symbole schafft, wenn endlich alles Außen ganz Innen geworden und dieser neue Mensch ein vollkommenes Gleichnis der neuen Natur ist ." Die Aufgabe der Dichtung wird also die subjektive Wahrheit. Die literarische Methode ist die der Empfindung. Die 'dreifache Wahrheit" , die des Körpers, die in den Gefühlen und in den Gedanken, verwandelt sich in die Wahrheit von Schicksalen, von Gefühlszuständen und deren Veränderungen, von seelischen Prozessen. In diesen ist die äußere Realität überwunden, die 'seelische" Realität ist die allein interessante
An dieser Programmatik der subjektiven Wahrheit ist die Nähe zu Hofmannsthals 'Reitergeschichte" abzulesen: das Interesse an seelischen Zuständen, an der Gesetzmäßigkeit von Ãœbergängen zwischen einzelnen Zuständen, an der Reduktion des Äußeren auf das Innere eines Subjekts. Wir haben dies in den Bewußtseinsvorgängen der 'Reitergeschichte" nachzuzeichnen versucht. Dennoch ist damit Hofmannsthals Position nur teilweise bestimmt. Er verfällt nicht dem Pathos von Bahr, sondern handhabt das Programm distanziert; er verliert sich nicht im Empfinden von seelischen Zuständen, sondern er führt dieses Empfinden vor; er reduziert nicht nur das Äußere auf das Innere, sondern er konfrontiert dieses Innere dann mit einem Äußeren, an dem es 'scheitert". Mit anderen Worten: Hofmannsthal macht aus dem universellen Programm der 'Moderne" ein literarisches Thema, und er zeigt, indem er das Programm vorführt, zugleich dessen Grenzen auf.

     
In seinem 1893 publizierten Aufsatz über D'Annunzio bestimmt Hofmannsthal den Begriff der 'Moderne" mit der auch für seine Erzählungen charakteristischen Distanz und Reflektiertheit:"
Es ist, als hätte die ganze Arbeit dieses feinfühligen, elektrischen Jahrhunderts darin bestanden, den vergangenen Dingen ein unheimliches Eigenleben einzuflößen. Jetzt umflattern sie uns, Vampyre, lebendige Leichen, beseelte Besen des unglückseligen Zauberlehrlings! Wir haben aus den Todten unsere Abgötter gemacht; Alles, was sie haben, haben sie von uns; wir haben ihnen unser bestes Blut in die Adern geleitet; wir haben diese Schatten umgürtet mit höherer Schönheit und wundervollerer Kraft, als das Leben erträgt;
mit der Schönheit unserer Sehnsucht und der Kraft unserer Träume. Ja alle unsere Schönheits- und Glücksgedanken liefen fort von uns, fort aus dem Alltag, und halten Haus mit den schöneren Geschöpfen eines künstlichen Daseins, mit den schlanken Engeln und Pagen des Fiesole, mit den Gassenbuben des Murillo und den mondänen Schäferinnen des Watteau. Bei uns aber ist nichts zurückgeblieben als frierendes Leben, schale, öde Wirklichkeit, flügellahme Entsagung. Wir haben nichts als ein sentimentales Gedächtnis, einen getarnten Willen und die unheimliche Gabe der Selbstverdoppelung. Wir schauen unserem Leben zu; wir leeren den Pokal vorzeitig und bleiben doch unendlich durstig: denn, wie neulich Bourget schön und traurig gesagt hat, der Be
eher, den uns das Leben hinhält, hat einen Sprung, und während uns der volle Trunk vielleicht berauscht hätte, muß ewig fehlen, was während des Trinkens unten rieselnd verlorengeht; so empfinden wir im Besitz den Verlust, im Erleben das stete Versäumen. Wir haben gleichsam keine Wurzeln im Leben und streichen, hellsichtige und doch tagblinde Schatten, zwischen den Kindern des Lebens umher.
      Wir, wir! Ich weiß ganz gut, daß ich nicht von der ganzen großen Generation rede. Ich rede von ein paar tausend Menschen, in den großen europäischen Städten verstreut. Ein paar davon sind berühmt; ein paar schreiben seltsam trockene, gewissermaßen grausame und doch eigenthümlich rührende
und ergreifende Bücher; einige, schüchtern und hochmüthig, schreiben wohl nur Briefe, jene Briefe, die man fünfzig, sechzig Jahre später zu finden und als moralische und psychologische Dokumente aufzubewahren pflegt; von einigen wird gar keine Spur übrigbleiben, nicht einmal ein traurig-boshaftes Aphorisma oder eine individuelle Bleistiftnotiz, an den Rand eines vergilbten Buches gekritzelt.
      Trotzdem haben diese zwei- bis dreitausend Menschen eine gewisse Bedeutung: es brauchen keineswegs die Genies, ja nicht einmal die großen Talente der Epoche unter ihnen zu sein; sie sind nicht nothwendigerweise der Kopf oder das Herz der Generation: sie sind nur ihr Bewußtsein. Sie fühlen
sich mit schmerzlicher Deutlichkeit als Menschen von heute; sie verstehen sich untereinander, und das Privilegium dieser geistigen Freimaurerei ist fast das einzige, was sie im guten Sinne vor den übrigen voraus haben. Aber aus dem Rothwälsch, in dem sie einander ihre Seltsamkeiten, ihre besondere
Sehnsucht und ihre besondere Empfindsamkeit erzählen, entnimmt die Geschichte das Merkwort der Epoche.
      Was von Periode zu Periode in diesem geistigen Sinn 'modern" ist, läßt sich leichter fühlen als definiren; erst aus der Perspective des Nachlebenden ergibt sich das Grundmotiv der verworrenen Bestrebungen. So war es zu Anfang des Jahrhunderts 'modern", in der Malerei einen falsch verstandenen Nazarenismus zu vergöttern, in der Poesie, Musik nachzuahmen, und im Allgemeinen, sich nach dem 'Naiven" zu sehnen: Brandes hat diesen Symptomen den Begriff der Romantik abdestillirt. Heute scheinen zwei Dinge modern zu sein: die Analyse des Lebens und die Flucht aus dem Leben. Gering ist die Freude an Handlung, am Zusammenspiel der äußeren und inneren Lebensmächte, am wilhelm-meisterlichen Lebenlernen und am shake-spearischen Weltlauf. Man treibt Anatomie des eigenen Seelenlebens oder man träumt Reflexion oder Phantasie, Spiegelbild oder Traumbild. Modern sind alte Möbel und junge Nervositäten. Modern ist das psychologische Graswachsenhören und das Plätschern in der reinphantastischen Wunderwelt.

Trotz seiner Distanz sind Hofmannsthal selbst und die Gruppe des Jungen Wien' zu den zwei- bis dreitausend Menschen zu rechnen, die das Bewußtsein ihrer Generation sind und sich dieses Gefühl vor allem gegenseitig mitteilen. Es gehört gerade zu den 'Empfindsamkeiten" dieser Gruppe, daß sie nicht plant und handelt, sondern sich selbst beobachtet und reflektiert, ein 'Bewußtsein" kultiviert. Der von Bahr angezeigte Weg der subjektiven Wahrheit, der Verlagerung von außen nach innen, wird von Hofmannsthal beschrieben als Verlust der Realität, als Produktion einer Pseudorealität; um diese zu erschaffen und zu kultivieren, haben 'wir" alle Kräfte eingesetzt, und alle Kräfte sind von dieser Tätigkeit in Anspruch genommen.
      Was die Gruppe des Jungen Wien' vor allem geschichtsphilosophisch und ästhetisch als ihr Selbstverständnis empfand und formulierte, muß heute auch im Rahmen der politischen und sozialhistorischen Entwicklung gesehen werden. Ich gebe im folgenden hierzu einzelne Hinweise; dabei folge ich der Untersuchung von Wolfram Mauser 1977.
      Das 'gehobene" Bürgertum kompensiert in Wien die nicht eingelösten Ansprüche an politischer und wirtschaftlicher Geltung durch die Betonung der Werte, über die es vorzugsweise verfügt: Bildung, Kunst und Lebensart. Für die Gruppe des Jungen Wien' kommt ein zweites Moment dazu: sie bildet sich ausschließlich aus Söhnen des gehobenen Bürgertums, die aufgrund ererbter Geldmittel keinen Beruf zum Gelderwerb ausüben müssen - dies trennt sie vom übrigen Bürgertum; andererseits ist ihnen der Zugang zu höchster gesellschaftlicher Anerkennung versagt, weil diese in der Monarchie dem Adel vorbehalten bleibt. In dieser Zone, in der sie nach oben nicht aufsteigen können, während sie gleichzeitig durch das nachrückende 'neureiche" Bürgertum sich bedroht fühlen, geben sie der Tendenz zur Isolation, ja Regression nach und entwickeln den konsequenten Subjektivismus: dieser erlaubt es ihnen, sich auf dem Gebiet der Bewußtseinskultivierung allen anderen überlegen zu fühlen, es schließt sie aber auch von der aktiven politischen Tätigkeit zur Wahrung ihrer Interessen und vom solidarischen Handeln mit anderen aus. Die Gruppe mit ihrem kultivierten konservierenden Literatur- und Kunstbetrieb ist deshalb für den einzelnen die sich bietende Möglichkeit der gesellschaftlichen Identitätsbildung.
      'Der Prozeß der Identitätsfindung, der mit diesem Lebensstil eingeleitet war, mußte — trat keine Revision ein - zu Persönlichkeitsstrukturen besonderer Art und angesichts der Realitätsblindheit des Bildungsideals zu Konflikten führen, die mit Hilfe der eigenen Orientierungsdaten nicht lösbar waren" .
      'Die Behandlung von Problemen, die sich aus der als Widerspruch erfahrenen Unvereinbarkeit zwischen der Verwirklichung hochgestochener Bildungsvorstellungen und den Bedürfnissen nach einem in zwischenmenschlicher Hinsicht erfüllteren Leben ergab, erklärt die Besonderheit dieser Literatur; vor allem ihr Interesse an Seelischem, an der ,Fracht' auf den Nerven, am Sensitiven und am Psychologischen" .
      'Es ist charakteristisch für die Vertreter des Jungen Wien', daß sie die Konflikte, mit denen sie sich konfrontiert sahen, als Probleme des Lebens deuteten, ohne ihren Zusammenhang mit bestimmten wirtschaftlich-politischen Vorgängen zu erkennen" .
      Auf dem Hintergrund solcher Informationen wird deutlich, wie stark Hofmannsthal den 'Zustand" seiner Gruppe und Person nicht nur theoretisch erfaßte, wie im oben zitierten D'Annunzio-Aufsatz; auch seine Erzählungen lassen sich verstehen als literarische Thematisierungen dieses Bewußtseins. Das 'Märchen" erscheint fast wie eine Parabel: es führt den von seinen Schätzen umgebenen Erben vor, zeigt sein in der Beseelung der eigenen Welt sich erschöpfendes Leben, das vom Gedanken an den eigenen Tod erfüllt und begrenzt wird; die Diener sind in diesen Prozeß der Kultivierung eingeschlossen, erscheinen also auch nur als Partikel des Bewußtseins des Kaufmannssohnes; als dieser seine von ihm beseelte Welt verläßt, um sie vor einer Bedrohung von außen zu schützen, verfängt er sich zunehmend mehr in den vertrauten Projektionen, mit denen er sich eine für ihn fremde Umwelt anzueignen versucht, bis er, im Zustand der Orientierungslosigkeit durch ein spontanes Mitgefühl verleitet, sich einer kurzen unwillkürlichen Geste hingibt, die seinen Tod bedeutet. Das 'Märchen" ist allerdings kein moralisches Gleichnis, sondern eines der literarischen Programmatik; der 'moderne" Bewußtseinszustand erscheint als Thema der Literatur, er wird in der parabelhaften Welt des Märchens entfaltet,aber über den Punkt hinaus, in dem es ihm erlaubt wäre, in seiner eigenen Erfüllung zu 'sterben". Der Bewußtseinszustand wird auch da entfaltet, wo er mit einer Realität konfrontiert wird, die nicht schon auf das 'Innen", das Seelische, reduziert ist. Das häßliche Sterben widerspricht dem schönen Leben, die Orientierungslosigkeit am Ende widerspricht der solipsistischen Verfügung über die auf die subjektive Aneignung reduzierte Welt; aber dieser Widerspruch bleibt innerhalb der Grenzen der Subjektivität, es gibt keine Einsicht, keine Alternative, keinen neuen Anfang. Hofmannsthal führt das Thema 'Subjektivismus" so weit, daß an den Konsequenzen deutlich wird, daß der Subjektivismus am Leben scheitert. Zugleich bestätigt er den Subjektivismus, denn noch das Scheitern des Sterbens bleibt subjektiv; es ist in der Erzählung streng an die subjektive Perspektive gebunden.
      Nicht nur das literarische Programm der 'Moderne", auch seine Grenzen macht Hofmannsthal also zum Thema seiner Literatur. Daraus ergibt sich Distanziertheit und Reflektiertheit, die gerade vermittels der strengen Stilisierung der subjektiven Perspektive auch in der 'Reitergeschichte" erreicht wird. Auch der Wachtmeister Lerch erschafft sich eine Welt, die auf zwei Dinge reduziert ist: hübsche Möbel und überfeine Nerven; diese sind allerdings aus seiner Welt genommen, entsprechend seinen Bewußtseinsinhalten. Die Kette von Zuständen reicht in der 'Reitergeschichte" weiter zurück als im 'Märchen": die Geschichte nimmt ihren Ausgang bei einem Bewußtseinszustand, in dem Bewußtsein und äußere Realität im erfolgreichen Handeln bruchlos zusammenpassen. Aus dem Bewußtsein des Erfolgs entwickelt sich konsequent die Abfolge der Be-wußtseinszustände in den einzelnen Episoden der Geschichte, Subjektivität wird auch hier zugleich Thema und literarisches Programm, verwirklicht vor allem in der Abfolge der literarischen Formen der subjektiven Perspektive. Die durchgehende Stilisierung rückt damit ins Blickfeld des Lesers. Sie kann durch moralisch, ethisch, philosophisch, soziologisch, psychologisch, existenziell oder ähnlich gestellte Fragen wie die, mit denen Alewyn seine Interpretation beginnt, nur zerstört werden. Von Hofmannsthal selbst ist jedenfalls bezeugt, daß ihn bei der Arbeit an den sogenannten Novellen vor allem die Form und die Möglichkeit der Stilisierung interessierte:
'Ich bin mit einer Novelle so ziemlich fertig und fange gleich wieder eine an. Ich glaube, daß ich jetzt, wie durch einen Schleier, das aufs Wesen gehende Kunstgesetz für die Novelle ahne, das Kunstgesetz, dessen voller Besitz einem möglich machen muß, eine ganze Prosadichtung durch und durch als Form zu erkennen [. . .]"

'Ich schreib' Prosa, was in Deutschland bekanntlich eine ziemlich unbekannte Kunst ist und wirklich recht schwer, sowohl das Anordnen des Stoffes wie das Ausdrücken. Aber man muß es lernen, denn entbehren kann man keine Kunstform, denn man braucht früher oder später jede, weil jede manches auszudrücken erlaubt, was alle anderen verwehren."
In einem späteren Brief von 1919 bezeichnet Hofmannsthal die 'Reitergeschichte" und den 'Bassompierre" als Schreibübungen.
      Man kann deshalb den 'Bassompierre" wie eine Variation desselben Themas verstehen. Variiert ist vor allem — der Vorlage folgend - die Erzählperspektive; sie ist gebunden an die mitbeteiligte Figur des Marschalls, der zunächst der inneren Welt der Krämerin teilnahmslos gegenübersteht, dann aber, je mehr er in das Erlebnis hineingezogen wird, sich desto mehr von seiner realen Welt entfernt. Auch in dieser Erzählung ist die durchgehende Stilisierung das auffällige Merkmal; die subjektive Perspektive des 'Bassompierre" ist streng durchgehalten, sie erscheint insofern 'objektiviert", als er aus der Erinnerung erzählt. Zerstört werden muß diese Stilisierung des Subjektivismus von einem Leser, der von dem Text Antworten auf die Frage erhofft, warum die Krämerin das Abenteuer mit dem Marschall sucht, welchen Inhalt das nur beobachtete, nicht gehörte Gespräch ihres Gatten hatte usw." Die Fragen, die dem Experimentalcha-rakter der Texte, also auch der 'Reitergeschichte", angemessen gestellt werden müssen, richten sich viel eher auf das in diesen Texten verwirklichte und zugleich in seinen Grenzen vor Augen geführte Programm des Subjektivismus: Warum behält Hofmannsthal die Richtung der streng subjektiven Literatur bei, wenn er deutlich sieht, daß es jenseits der ererbten und subjektiv beseelten Bildungswelt eine andere Realität gibt, die vor allem auch als andere soziale Realität in Erscheinung tritt? Weshalb führt die genaue Analyse des modernen Bewußtseins zwar zu der Feststellung, daß dieses in den eigenen Inhalten gänzlich befangen sei, nicht aber auch zu der Forderung, es aus dieser Befangenheit zu befreien und sich mit allen Kräften mit der Realität auseinanderzusetzen? Warum führt die reflektierte Programmatik der Moderne bei den Vertretern des Jungen Wien' nicht folgerichtig zum politischen Engagement und zur sozialkritischen Literatur? Fragen dieser Art führen kaum zu schlüssigen Antworten; in didaktischer Hinsicht ist die Beantwortung solcher Fragen auch weniger wichtig, als daß sie überhaupt gestellt werden und daß die Schüler lernen, mit solchen Fragen eine Beziehung zwischen Literatur und Realität in den Griff zu bekommen. Die Alternativen zum Subjektivismus: das politische Engagement, die wissenschaftliche, zugleich engagierte Beschäftigung mit der sozialen Realität, die engagierte Schriftstellerei waren den Autoren des Jungen Wien' bekannt. Aber die Bindung der einmal gewonnenen Identität als Autor, als Mitglied einer Gruppe von Literaten, die materielle

Unabhängigkeit und sicher auch die nicht unbornierte, durch immer wieder andere publizistische Formulierungen bestätigte Selbsteinschätzung, eine kleine Elite zu sein, die das Bewußtsein einer Generation entwickelt hatte und aushielt - alles dies zusammen kann als Grund dafür vermutet werden, daß Hofmannsthal versuchte, den Weg der subjektiven Literatur weiter zu entwickeln, statt ihn zu verlassen.
      'Existenzielle Krisen" sollte man weniger dafür verantwortlich machen. Es scheint eine bisher offene Frage zu sein, ob die Stilisierung schon das eigene Erleben bestimmte oder erst deren Mitteilung; die Briefe Hofmannsthals, z. B. aus seiner Militärzeit, lassen beides zu, schließen aber das unmittelbar in existenzielle Not führende Erleben der für ihn völlig fremden Welt der Garnison in der verelendeten Provinz fern von Wien aus." Als Beispiel kann ein Brief an Leopold von Andrian, einen Literaten des Jungen Wien' und Freund Hofmannsthals, gelten; dieser Text wird zu den 'Quellen" der 'Reitergeschichte" gerechnet.
      An Leopold Freiherrn von Andrian zu Werburg

Göding Mein lieber Poldy,
Deinen letzten Brief hab' ich sehr gut verstanden. Was Du von dem groben Stilisieren sagst, dem bin ich vielleicht nahegekommen, aber diese einsamen Monate haben mich davon ganz weggeführt. Den ganzen Sommer hab' ich nur an dem Wechsel von Himbeeren, Pfirsichen und Melonen nach Tisch erlebt. Etwas sehr Merkwürdiges war es, stundenlang in einem winzig kleinen Garten zu sitzen, in der staubig dunstigen Abenddämmerung: der Garten ist so groß wie ein mittelgroßer Salon und ist nur ein vergitterter, vertretener Rasenfleck. In der Mitte steht ein Vogelhaus mit 2 schmutzigen Tauben und 2 zornigen Nußhähern, die verwundete Füße haben. Und auf dem Rasen sind 10 oder 12 Kinder von Wachtmeistern, 2—7 Jahre alt, und 15 Hunde, alle häßlich, Mischungen von Terriers und Bauernkötern, übermäßig dicke Hunde, läufige Hündinnen, ganz junge, schon groß, mit weichen, ungeschickten Gliedern, falsche Hunde, verprügelte und demoralisierte, auch stumpfsinnige, alle schmutzig, mit häßlichen Augen, nur wundervollen weißen Zähnen. Darin lagen alle Mächte des Lebens und seine ganze erstickende Beschränktheit, daß es von sich selbst hypnotisiert ist.
      Lieber Poldy, schreib mir bald wieder, ich bin so froh über jeden Brief.
      Grüß die Franckensteins von mir. Ich schreib' ihnen nur nicht, weil ich so gar nichts zu erzählen hab' und mir die Welt draußen gar nicht mehr genug lebendig machen kann, um nachzudenken. Leb wohl.

      Wirklich der Deine
Hugo

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