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Einleitung



Als Text wird für die folgende Analyse die preiswerte Ausgabe im Fischer Taschenbuch-Verlag Nr. 1357 zugrunde gelegt . Sicher ist es aber auch möglich, für die Schüler den Text zu vervielfältigen. Im folgenden wird allerdings von der Taschenbuchausgabe ausgegangen, weil auch auf die anderen Texte Bezug genommen wird, die sie umfaßt: das "Märchen der 672. Nacht" , das "Erlebnis des Marschalls von Bassompierre" und die Nachworte von Margaret Jacobs und Richard Alewyn. Die Benutzung dieser Texte macht es möglich, sich mit der "Reitergeschichte" auf breiterer Informationsbasis analytisch zu beschäftigen, wozu im folgenden weitere Dokumente angeboten werden.
      Damit ist schon angedeutet, daß hier nicht eine weitere Interpretation des isoliert oder als Gattungsexemplar verstandenen Textes geliefert werden soll. Wer über die von Alewyn in der Fischerausgabe vorgelegte Interpretation hinaus weitere sucht, der sei auf die leicht zugänglichen von Gilbert, von Wiese, Zimmermann und Kunz hingewiesen. Es scheint mir nach der literaturdidaktischen Diskussion der letzten zehn Jahre nicht mehr vertretbar zu sein, solche Interpretationen zur Grundlage von Unterricht zu machen, in denen die Beobachtung und die Analyse des Textes verquickt sind mit Deutungen, die auf eine allgemeine, von der Geschichte abgelöste Sinnaussage hinauslaufen. Ob man mit einem Text so verfahren will, ist keine fachwissenschaftliche Frage, d. h. die Methodik des Faches schreibt dies nicht so vor - im Gegenteil: die historisch-analytische Beschäftigung mit dem Text muß als vorrangig für die Germanistik angesehen werden; sie ist gerade in den letzten Jahren durch neue Methoden, z. B. der Literatursoziologie, der Ideologieanalyse und der Rezeptionsanalyse, differenziert worden. Welche Arbeit am Text zugrunde gelegt werden soll, ist vielmehr eine didaktische Entscheidung. Im folgenden wird aus didaktischen Gründen eine Strukturanalyse und deren Bezug auf historische Zusammenhänge versucht, die zugleich die Richtung für den Unterricht weisen wollen. Es wird deshalb auch die Trennung von fachlicher Interpretation und vermeintlich didaktisch-methodischer Anwendung aufgegeben, weil diese Trennung die didaktische Entscheidung des Interpreten nur verschleiert. Das Interesse eines Interpreten am Text und an dem Verständnis des Textes manifestiert sich ohnehin gerade in der Interpretation, nicht erst in einer didaktischen Reflexion.
      Im übrigen ist die didaktische Entscheidung gestützt durch das Mißtrauen gegenüber den werkimmanenten oder systematisierenden Interpretationen der "Reitergeschichte"; die Durchsicht einer Menge von Interpretationen hinterläßt den Eindruck, daß der sinnvolle Teil der investierten Arbeit der Analyse und Beschreibung des Textes gilt- die folgende Strukturanalyse basiert auf diesen Arbeiten, ohne daß dies im einzelnen nachgewiesen werden konnte - während die Deutungen oft Auffassungen der Interpreten über Recht und Ordnung, Schmutz und Sauberkeit, Moral und Schuld, Tragik und Verhältnis, Existenz und Gemeinschaft usw. wiedergeben, deren Verbreitung der Wissenschaft nichts nützen und den Schülern eher schaden kann.
      "Warum muß der Wachtmeister Anton Lerch sterben? Warum muß er so sterben?"' - Diese Fragen stehen so oder leicht variiert hinter fast allen Deutungsversuchen. Man kann sie heute mit großer Wahrscheinlichkeit sehr einfach beantworten: der Wachtmeister Lerch mußte so sterben, weil Hofmannsthal dies aus der ihm bereits vorliegenden Geschichte so übernahm. Die Kritische Ausgabe der Werke gibt eine Tagebucheintragung von Arthur Schnitzler wieder, in der es heißt: "Über Hugo einiges. Seine fast unverständliche Neigung zu literarischen Aneignungen: Bassompierre in der Zeit, s. z. eine Schlachtenzählung in der N. Fr. Pr. . . ." . Wir haben die Vorlage Hofmannsthals nicht, können aber vermuten, daß seine Arbeit sich nicht prinzipiell von der unterschied, die sich durch den Vergleich mit den Vorlagen an dem "Bassompierre" aufzeigen läßt. Im folgenden wird deshalb von der Hypothese ausgegangen, daß Hofmannsthal den Stoff übernahm, die Struktur der Erzählung aber selbst geschaffen hat.
     

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