Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Deutsche novellen
Wie sich aus rezeptionsgeschichtlichen Monographien (etwa zum Wandel des Goethe- und Schillerbildes in der Nachwelt) entnehmen läßt, sind viele Interpreten vor allem daran interessiert, ihre eigenen e
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Die Waage der Baleks



Der naive hermeneutische Subjektivismus ist gerade auch in der Literaturdidaktik weit verbreitet gewesen. Der Lehrer vermittelt also die staatlich verordneten Normen bzw. seine eigenen Anschauungen, indem er sie in den Werken der literarischen Tradition wiederfindet und durch deren Autoren autorisiert. Diese Position läßt sich analog als naiver pädagogischer Instrumentalismus bezeichnen: die dichterischen Werke stehen im Dienst der Sicherung moralischer, gesellschaftlicher oder weltanschaulicher Ideale oder- anders ausgedrückt - der Indoktrination des Schülers. Dieser vermeint, nur den Autor zu hören. Ihm bleibt verborgen, daß der Lehrer das behandelte Werk lediglich in seiner Weise gedeutet hat, zu der eine Vielzahl konkurrierender Deutungen möglich und vorhanden sind; und er wird angehalten, den Dichter als Autorität anzuerkennen, zu dessen Weltauffassung Distanz sich verbietet.
      Man sollte annehmen, daß die hier beschriebene literaturdidaktische Position in Theorie und Praxis längst der Vergangenheit angehört. Das ist jedoch nicht der Fall. Die Mehrzahl der gegenwärtig greifbaren und von Lehrern verwendeten Interpretationshilfen zur "Waage der Baleks" ist tendenziell diesem Typus zuzurechnen. Vielleicht erklärt sich dieses erstaunliche Faktum dadurch, daß diese Beiträge schon in den sechziger Jahren entstanden sind, als sich die hermeneutische und rezeptionsästhetische Reflexion des Umgangs mit literarischen Texten erst allmählich durchsetzte. Dennoch bleibt das Phänomen merkwürdig; denn die Interpreten dieser Erzählung Bölls gehören ihrem literaturwissenschaftlichen und -didaktischen Selbstverständnis nach sehr verschiedenen Richtungen an. Es hat den Anschein, als habe sich hier- am praktischen Beispiel eines Unterrichtsmodells - der traditionelle naive Subjektivismus und pädagogische Instrumentalismus hinter dem Rücken der Verfasser durchgesetzt. Die Folgen sind fatal. Die Literaturdidaktik muß sich noch zum gegenwärtigen Zeitpunkt den Vorwurf gefallen lassen, daß sie den Schüler manipuliert statt ihn, wie es das erklärte Ziel ist, zur Selbständigkeit, Kritikfähigkeit und Mündigkeit anzuleiten:
- Fast jeder Interpret findet seine eigenen gesellschaftspolitische und weltanschauliche Positionen in dieser Erzählung wieder.
      - Er erwähnt jedoch nicht oder verkennt, daß die "Waage der Baleks" auch anderslautende und widersprechende Deutungen erfuhr.
      - Was der Interpret in seinem Sinne als Aussage der Erzählung bestimmt hat, übermittelt er als Lernziel dem Schüler.
      - Die Möglichkeit, daß sich der Schüler mit der Böll zugeschriebenen Gesellschaftsauffassung und Weltanschauung auseinandersetzen kann, wird in dem Unterrichtskonzept eingeengt.
      Möglicherweise glaubten viele Interpreten, Bölls Geschichte von den Baleks, an deren Gerechtigkeit ein Zehntel fehlte, sei so klar verständlich, daß kaum Meinungsverschiedenheiten über ihre Aussage entstehen könnten. Das war jedoch ein Irrtum. Das Spektrum der Deutungen und damit der als Lernziel den Schülern übermittelten Wertvorstellungen kann breiter und widersprüchlicher nicht gedacht werden.
      Erinnert sei zunächst an den Inhalt der Erzählung, wie er im "Handbuch der modernen Literatur im Deutschunterricht" wiedergegeben wird:
"Die Kinder eines Dorfes, dessen Männer und Frauen gegen Hungerlöhne in der Flachsfabrik des Gutsherrn arbeiten, sammeln Heilkräuter und Pilze, die von der Gutsherrin gegen ein geringes Entgelt angekauft und mit hohem Gewinn weiterverkauft werden. Eines Tages stellt ein Junge, mißtrauisch geworden, fest, daß die Waage der Gutsherrin nicht stimmt: Sie sind nicht nur ausgebeutet, sondern auch noch betrogen worden. Unter den Dorfbewohnern, die bisher fügsame Untertanen waren, kommt es daraufhin zur Unruhe und Aufsässigkeit, so daß die Baleks die Polizei zu Hilfe rufen. Das führt zum offenen Aufruhr, der damit endet, daß die alte,ungerechte Ordnung wiederhergestellt wird und die Familie des Jungen, dessen Gerechtigkeitsgefühl den Aufruhr verursacht hatte, das Dorf verlassen muß."
Die Meinungsverschiedenheiten zwischen den Interpreten über den Aussagegehalt dieser Erzählung lassen sich, näher besehen, als unterschiedliche Antworten auf eine zentrale Frage präzisieren, auf die Frage nämlich, für wen oder gegen wen der Erzähler in welcher Weise Partei ergreift, welche Normen er also im Spiegel der Personen dem Leser übermittelt.
      Das eine Extrem in der Beantwortung dieser Frage bildet die Interpretation des amerikanischen Germanisten John Fetzer. Während der Verfasser der zitierten Inhaltsangabe aus dem Handbuch den Eindruck vermittelt, daß Böll für die Dorfbewohner und gegen die Baleks Partei ergreift, kehrt Fetzer diese weit verbreitete Wertung radikal um. Er spricht die Baleks von persönlicher Schuld frei:
"In distributing the guilt in the story, the author strangely enough charges none to the Baleks speeifieally."
Umgekehrt findet Fetzer die Dorfbewohner und insbesondere auch den zwölfjährigen Franz Brücher, der den Fehler an der Waage aufdeckt, kritisch dargestellt. Franz erscheint in seiner Deutung als "instigator und rabblerouser", somit als Anstifter, Verführer und Volksverhetzer. Der Schluß der Erzählung, der von der Exilierung der Brüchers berichtet, drückt für Fetzer die gerechte Strafe für das eigene Unrecht aus. Bölls "Waage der Baleks" vermittelt aus seiner Optik eine ausgesprochen konservative Gesellschaftsauffassung: der Leser soll - durch die Erzählung belehrt - das Geschrei nach Reformen in Zweifel ziehen.
      Ähnlich wie Fetzer, doch längst nicht so radikal, urteilt Bernhard Schulz in seinem vielgelesenen Beitrag zur "Waage der Baleks". Er betont, daß man den Baleks keine bewußte Täuschung vorwerfen könne und entlastet sie damit; umgekehrt problematisiert auch er das Verhalten der Dorfbewohner. Durch den "Einbruch und Diebstahl" des Wilderers Vohla werden sie, so Schulz, mitschuldig am Gang der blutigen Ereignisse. Schulz interpretiert das Schicksal der Eltern als Folge eines Handelns, das die tragischen Verwicklungen der Realität verkennt. Der Schüler soll lernen, wie schnell derjenige in Unrecht verwickelt wird und Unglück heraufbeschwört, der unbedacht die gesellschaftspolitischen Verhältnisse zu verbessern versucht. Aufgrund seiner tragischen Deutung der "Waage der Baleks" will Schulz dem Schüler in gemäßigt konservativer Weise vor allem Bedachtsamkeit und Illusionslosigkeit bei der Reform ungerechter Verhältnisse vermitteln.
      Die übrigen uns bekannten Interpreten bewegen sich demgegenüber in dem durch die zitierte Inhaltsangabe vorgezeichneten Rahmen: sie lesen die "Waage der Baleks" als eindeutig gegen die Herrschenden und Mächtigen gerichtete gesellschaftskritische Erzählung. Trotz dieser Gemeinsamkeit lassen sich in ihren Interpretationen jedoch gewichtige Unterschiede erkennen, und zwar vor allem in der Frage, in welchem Maße denn die Dorfbewohner dem Leser als Vorbild hingestellt werden.
      Johann Bauer betont in seiner Deutung, daß der Kampf gegen die Ungerechtigkeit der Baleks gescheitert ist und sieht hierin die zentrale Aussage der Erzählung.
      "Die Geschichte des Großvaters, der sich als Zwölfjähriger wie der Held einer Sage auf den Kampf mit dem "Riesen" Bilgan eingelassen hat, desillusioniert die Auflehnung in der Mitte der Geschichte als Utopie."
Die Schüler sollen erkennen, "daß in dieser Geschichte Auflehnung gegen die ungerechte Herrschaft aussichtslos ist".
      "Bölls Erzählung kann für die Ungerechtigkeit in der Welt scharfsichtig machen, sie erlaubt eine Antizipation der Erfahrung geschichtlicher Bedingtheit von Realitätsstrukturen am Beispiel der Macht",
Das Bild von Böll hat sich wiederum gewandelt: er erscheint als Autor, der den Leser aus einer kritisch-skeptischen Gesellschaftsauffassung heraus zur Vorsicht im Kampf mit der Ungerechtigkeit der Herrschenden anleiten will. Für Bauer endigt die Geschichte mit der Niederwerfung des Widerstands und der wiederum gesetzgewordenen Scheingerechtigkeit. Daß in den Eltern des Franz Brücher der kompromißlose Widerstand fortlebt, tritt in seiner Deutung zurück.
      Eben hier knüpft Franz-Josef Thiemermann mit seiner christlich geprägten Interpretation an. Er rückt die aus ihrer Heimat vertriebenen Urgroßeltern des Ich-Erzählers in die Nähe des "verfolgten und getöteten Herrn".* Sie gewinnen gerade wegen ihres leidvollen Geschicks eine Vorbildrolle für den Leser. Unter Berufung auf die Bergpredigt interpretiert Thiemermann:
",Selig, die nach der Gerechtigkeit hungern und dürsten' - diese Verheißung des Evangeliums steht als die den Erzähler bewegende Kraft hinter dieser Erzählung. Wenn bei der Lektüre etwas von diesem ,Hunger und Durst nach der Gerechtigkeit' in unseren Schülern lebendig geworden ist, hat sie sicherlich ihren guten Sinn gehabt",
Wir sehen, wie sich die Böll zugeschriebene Botschaft von dem entfernt, was Fetzer und Schulz, aber auch Bauer aussagen. Thiemermann schreibt Böll eine christliche Gesellschaftsauffassung zu, die aus dem Geist der Bergpredigt zur Nachfolge Christi aufruft: "Selig sind, die Verfolgung leiden um der Gerechtigkeit willen, denn ihrer ist das Himmelreich",
Das Karussell der Deutungen erhält schließlich durch Hermann Helmers eine weitere Wendung, womit die genaue Gegenposition zu der Interpreta-tion Fetzers erreicht ist. Er begreift das Geschick der Brüchers nicht als vorbildhafte Passionsgeschichte , sondern als Herausforderung an den Leser, sich für eine erfolgreiche Veränderung einer ungerechten kapitalistischen Gesellschaftsordnung einzusetzen. Helmers beruft sich dabei auf die Erzählhaltung, die durch ihre gezielte Distanz zu dem Unrecht, das den Dorfbewohnern geschieht, eine engagierte Leserhaltung provozieren will:
"Durch eine besondere Erzählhaltung hat Böll aber den tragischen Grundzug aufgehoben und ihn in einen Appell zur Veränderung der durch kapitalistische Ausbeutungsmethoden bewirkten Gesellschaftsordnung umgestaltet. [. . .] Durch die Diskrepanz zwischen dem Dargestellten und der Art der Darstellung wird der Leser zum Engagement aufgerufen. Den warnenden Berichten der Großeltern hörte, nachdem sie das Dorf verlassen mußten, ,fast niemand zu'. Der Erzähler will verhindern, daß es auch ihm so ergeht. Deshalb ruft er den Leser dadurch zur Parteinahme auf, daß er sich selbst zurücknimmt und den Leser dadurch provoziert."
Das bisher geübte Verfahren der Literaturdidaktik, die eigene Interpretation der "Waage der Baleks" absolut zu setzen, wird durch die Vielfalt der hier versuchsweise auf den Begriff gebrachten Deutungsansätze ad absurdum geführt. Der einzelne Interpret wird aufgrund der aufgedeckten kontroversen Standpunkte nicht mehr umhin können, seine Auffassung von der Intention dieser Erzählung argumentativ auf die früheren Beiträge zu beziehen. Dazu zwei Thesen:
1. Böll legt die Geschichte einem Ich-Erzähler in den Mund, den er als Enkel des jungen Franz Brücher auftreten läßt. Schon in dieser verwandtschaftlichen Bindung der Erzählperspektive an die Brüchers liegt ein Hinweis unter vielen, daß die Erzählung sich nicht gegen diese Opfer feudal-kapitalistischer Macht und Willkür richtet. Wir stimmen also mit Bauer, Thiemermann und Helmers in der Einschätzung der gesellschaftskritischen Perspektive dieser Erzählung überein. Entscheidend ist aber, daß Böll in der "Waage der Baleks" offen und unbestimmt läßt, welche Konsequenzen der Leser aus dem dargestellten Geschick der Brüchers ziehen soll. Ein ausgeweiteter Verstehensspielraum ist für diese Erzählung typisch, so daß keiner der zitierten drei Interpreten mit seiner konkretisierenden Deutung für sich in Anspruch nehmen kann, die eigentlich intendierte Aussage gefunden zu haben. Der Leser kann bei der Lektüre sein Bewußtsein von den Schwierigkeiten im Kampf gegen machtgeschütztes Unrecht schärfen oder sich im Geist der Bergpredigt zur imitatio Christi aufgerufen fühlen oder die Erzählung als Herausforderung begreifen, die ungerechten kapitalistischen Verhältnisse zu beseitigen - aber er kann nicht überzeugend beweisen, daß Böll speziell seine konkretisierende Lesart beabsichtigt hat.

     
2. Es wäre jedoch ein Mißverständnis anzunehmen, daß der Schluß der Erzählung für jede Deutung offen ist. Wir halten die Interpretation von Schulz für äußerst problematisch und die von Fetzer für nachweislich falsch. Beide gehen davon aus, daß Böll die eindeutige Bewertung der Dorfbewohner und der Baleks in Zweifel zieht. Sie rücken damit bestimmte Aspekte ins Licht, die von Thiemermann, Bauer und Helmers nicht beachtet worden sind, aber ihre Schlußfolgerungen sind unserer Auffassung nach überzogen und widerlegbar.
      Um den Eindruck der rücksichtslosen Strenge der Baleks zu mildern, schreibt Fetzer ihnen eine Reihe versöhnlicher Gesten gegenüber den Dorfbewohnern zu. Der Hinweis auf das Theologiestudium, das die Baleks jeweils einem Jungen des Dorfes bezahlen, ist jedoch fehl am Platz. Ersteht inmitten eines Kontextes, der die "Herrschaftlichkeit" der Baleks verdeutlichen soll und auf die Abhängigkeit der Geistlichkeit von den Baleks verweist. Ebenso verfehlt ist der Bezug auf die "sauren Bonbons"; Frau Balek verteilt sie nicht, wie Fetzer annimmt, um den Handel mit den Kindern gezielt zu unterstützen, und auch nicht regelmäßig und bei jeder Auszahlung, sondern nur, wenn sie "gut gelaunt war"; d. h. es handelt sich um einen willkürlichen Gnadenerweis. Schließlich gewinnt Fetzer sogar dem von den Baleks gewählten Beinamen "von Bilgan" positive Züge ab; sie würden mit diesem Rückgriff auf den Mythos die Dorfgemeinschaft irrational an sich binden. Das ist richtig, aber die Wertung, die Fetzer dem Erzähler zuschreibt, ist im Text nicht ausgesprochen. Im Gegenteil: der Ich-Erzähler wertet seinen Großvater positiv, wenn dieser den Riesen in seiner doppelten Gestalt bekämpft. Gründlich mißversteht Fetzer auch die Perspektive, aus der die Lage der Fabrikarbeiter geschildert wird. Er zitiert zwar die eindringliche Wendung "ließen sich langsam dahinmorden", interpretiert sie jedoch als eine Art schweigender Zustimmung der Bevölkerung zu einer Lebensweise, die, wenn auch nicht wünschenswert, so doch auch nicht unglücklich und bedauernswert gewesen sei. Fetzer bemerkt nicht, daß der Erzähler das subjektive Glücksempfinden der Dorfbewohner mit der Beschreibung ihrer objektiven Lage kontrastiert , der Leser also angehalten wird, die subjektive Befindlichkeit als Maßstab der Bewertung ihrer Lage zu relativieren. Es berührt den Kern der Erzählung, wenn Fetzer den heimlichen Helden der Geschichte, Franz Brücher, als Aufrührer kritisiert.Sicherlich kann er das von seinem konservativen Standpunkt aus tun, aber er irrt, wenn er diese Kritik dem Erzähler zuschreibt. Wo Fetzers Beweisführung sich nicht auf vergröbernde Paraphrasen und Behauptungen beschränkt, kann er sich allein auf die These stützen, Böll habe Franz als Geistesverwandten von Michael Kohl-haas gestaltet. Wieso Franz aber in Kleists Sinne als einer der "entsetzlichsten Menschen seiner Zeit" geschildert wird, bleibt unerfindlich. Fetzer vergißt, daß wir Franz als einen zwölfjährigen Jungen kennenlernen, und zwar aus der Perspektive seines eigenen Enkels, der diesen wegen seiner Klugheit und Kühnheit bewundert.*
Ernster sind die Einwände von Schulz gegen eine eindeutig gesellschaftskritische Interpretation der "Waage der Baleks" zu nehmen; nicht zuletzt deshalb, weil Schulz durchaus noch erkennt, wie kritisch die Baleks aus der Perspektive des Erzählers dargestellt werden, und weil er problematisie-rend auf Aspekte verweist, die von anderen nicht beachtet wurden. Thiemermann hatte den Baleks "bewußte Täuschung" vorgeworfen; Schulz hingegen betont:
"Der Dichter sagt nicht ausdrücklich, daß die Baleks betrügen wollten. Die Waage war alt! Kein einzelner wird für ihre Einstellung verantwortlich gemacht."'"
Der Gedanke wird denkbar, daß die Baleks, wären sie zu Wort gekommen, mit sich hätten reden lassen; sind sie doch, wie Schulz betont, "ahnungslos, als sie am Neujahrstage zum Hochamt in die Kirche fahren". Nur verfehlt diese psychologisierende und individualisierende Deutung den Duktus der Geschichte. Es geht dem Enkel nicht darum, der Frau Balek als Individuum eine persönliche Schuld anzulasten. Als Einzelperson wird sie nicht dargestellt, sondern lediglich als in einer langen Familientradition von Baleks stehend. Die Anklage des Erzählers trifft die Baleks als Familie, die über Fabriken und Wälder herrscht, Gesetze erläßt und ahndet, hingegen nicht den einzelnen Familienangehörigen, der als solcher für die Geschichte unerheblich bleibt.
      Während die Gestalt Wilhelm Vohlas, des Wilderers, von vielen Interpreten nicht beachtet wird, gewinnt sie für Schulz eine zentrale Stellung. Wie ein roter Faden durchzieht der Hinweis auf die "Gewalt des Gesetzlosen", die "Widerrechtlichkeit des Einbruchdiebstahls", den "Rechtsbruch Dritter", die "mit Gewalt gepaarte Auflehnung" seine Deutung, Er dient als Beweis dafür, daß auf tragische Weise auch die Dorfbewohner sich schuldig machen, und er entlastet die Baleks, deren verhängnisvolles Eingreifen für Schulz damit legitimiert ist. Ist aber die außerordentliche Sensibilität, mit der Schulz auf Vohlas Aktion reagiert, auch die des Ich-Erzählers und Bölls? Der fiktive Erzähler jedenfalls verurteilt nirgends Vohlas unerlaubte Beschaffung der Waage, und von Böll wissen wir, daß er sich nur allzu gern "auf die Seite der Wilderer, der Wandergesellen, der Clowns, der Outsider, die keine Heimat und keine Ordnung kennen", schlägt." Ferner bleibt zu fragen, in welchem Verhältnis denn die Tatsache, daß die Gendarmen "schießend und stechend in die Stube der Eltern" eindringen, zum Anlaß, dem Diebstahl der Waage, steht.

     

Den entscheidenden Einwand gegen Schulz liefert schließlich der Erzähler selbst:
"[. . .] die Baleks zwangen den Pfarrer, öffentlich in der Schule die Waage vorzuführen und zu beweisen, daß der Zeiger der Gerechtigkeit richtig auspendelte. Und die Männer und Frauen gingen wieder in die Flachsbrechen - aber niemand ging in die Schule, um den Pfarrer anzusehen: er stand ganz allein da, hilflos und traurig mit seinen Gewichtssteinen, der Waage und den Kaffeetüten.'"
Wider besseres Wissen unterdrücken die Baleks die Wahrheit und decken die jahrzehntelange Ungerechtigkeit, indem sie sich des Pfarrers bedienen. Durch diese Repression wird zweitrangig, ob die Baleks von den falschen Gewichten der Waage zuvor gewußt haben und in welchem Maße Vohlas Aktion ihr Eigentumsrecht verletzte. Diese Repression ist in der Familientradition der Baleks zudem nichts Neues. Schon im ersten Teil der Erzählung erfahren wir etwas, das das Geschick der Brüchers vorwegnimmt:
"Das Gesetz [. . .| mußte geachtet werden, denn wer es brach, wurde aus den Flachsbrechen entlassen, dem wurden keine Pilze, kein Thymian, keine Heublumen mehr abgenommen, und die Macht der Baleks reichte so weit, daß auch in den Nachbardörfern niemand ihm Arbeit gab, niemand ihm die Kräuter des Waldes abkaufte."
Nicht die "Gewalt des Gesetzlosen" ist für das traurige Geschick der Brüchers verantwortlich, sondern die Gewalt derjenigen, die selbst ungerechte Gesetze erlassen und mit Gewalt durchsetzen können. Aus diesem Grund scheint uns trotz des offenen Schlusses Schulz' Interpretation in diesem zentralen Punkt nicht haltbar zu sein.
      Unsere Kritik an den hier referierten Deutungen der "Waage der Baleks" impliziert zugleich eine Kritik an den Lernzielen, die von den Verfassern mehr oder weniger explizit unter inhaltlichem Aspekt aufgestellt worden sind. Trotz aller Unterschiede in der Deutung der Erzählung ist Schulz, Bauer, Thiemermann und Helmers gemeinsam, daß sie den Text für ihre gesellschaftspolitischen und weltanschaulichen Positionen instrumentalisieren. Vermitteln sie doch - gestützt auf die Autorität Bölls - im Umgang mit dieser Erzählung jeweils eine gemäßigt konservative, kritisch-skeptische, christlich-engagierte oder dezidiert antikapitalistische Gesellschaftsauffassung. Demgegenüber sollte der Schüler in der Auseinandersetzung mit der ästhetischen Struktur der erzählten Geschichte erkennen, wo -trotz der durchgängig gesellschaftskritischen Perspektive des Erzählers -die Grenzen für die Beweisbarkeit konkretisierender Deutungen liegen und warum die "Waage der Baleks" nicht problemlos für die eine oder andereosition in Anspruch genommen werden kann. Der Lehrer sollte bei 'er zu erarbeitenden Beantwortung der Frage, welche Wertung in der eschichte impliziert ist, konkretisierende Interpretationen nicht unterrücken, jedoch jeweils ihr Verhältnis zum Text und zu konkurrierenden Auffassungen diskutieren lassen. Ferner sollte er eine schärfere 'Grenze zwischen dem ziehen, was als Aussage der Erzählung erwogen 'Und festgehalten wird, und dem, wie sich die Schüler in einer analogen Situation ihr Handeln ausmalen und es rechtfertigen. Beide Neuorientierungen können dann dazu beitragen, daß zwei zentrale Anliegen des .Literaturunterrichts vom Verdacht des pädagogischen Instrumentalismus befreit und in der Unterrichtsgestaltung aktiviert werden: der Umgang mit dem Text und - damit in Wechselbeziehung stehend - der Umgang mit den eigenen Erfahrungen und Wertvorstellungen.
      Dem naiven Subjektivismus, gleichgültig ob er sich in literaturwissenschaftlichen oder -didaktischen Interpretationen äußert, liegt es fern,
' seinen Gegenstand zu kritisieren. Schließlich ist er - ob bewußt oder unbewußt - durch das Interesse geleitet, die eigene Position unter Berufung auf klassisch gewordene Autoren zu stärken, während eine kri-tisch-distanzierende Haltung deren Autorität schwächen würde. Daß viele Interpretationen der "Waage der Baleks" tedenziell in der Tradition dieses Subjektivismus stehen, zeigt sich auch darin, daß sie die Böll zugeschriebene Gesellschaftsauffassung weder diskutieren noch kritisieren. Einer der wichtigsten Beiträge zur Böll-Literatur, in dem eben dies
' geschieht, Cases Aufsatz "Die Waage der Baleks, dreimal gelesen", ist von der Literaturdidaktik nicht wahrgenommen worden." Dabei ist Cases durchaus nicht radikal ablehnend eingestellt. Er versucht lediglich dialektisch die Qualität und die Schwächen herauszufinden und abzuwägen. Wenn man die Geschichte zweimal liest, so Cases, klinge

: sie nicht mehr so überzeugend:
"Man fragt sich erstens, warum der Verdacht, die Waage müsse falsch sein, erst dem kleinen Franz Brücher aufdämmert. [. . .] ist es möglich, daß niemand, fünf Generationen lang, den Betrug witterte, auch ohne daran zu denken, ihn beweisen zu wollen? Zweitens: die psychologische Unmöglichkeit ist eine Folge der soziologischen. [. . .] Die Baleks stellen [. . .] ein Musterbeispiel kapitalistischer Ausbeutung dar, sie nützen nicht nur die Arbeitszeit, sondern sogar die Freizeit der Ausgebeuteten und ihrer Kinder kapitalistisch aus [. . .] Nun, wozu brauchen so fortgeschrittene Kapitalisten eine gefälschte Waage? [. . .] Drittens: Was ist Gerechtigkeit und was ist ,was an der Gerechtigkeit fehlt'? [. . .] In der Tat, was die Dorfbewohner tötet, ist die mörderische Arbeit in den Flachsbrechen, nicht die fünfeinhalb Deka, um welche sie beim Verkauf ihrer Pilze geprellt werden; nicht die falsche Waage, sondern die angeblich richtige."


Cases scharfsinnig und kenntnisreich vorgetragene Thesen fordern ihrerseits zur Auseinandersetzung heraus, wobei verschiedene Ebenen der Argumentation zu unterscheiden sind.
      Erstens die Ebene der Textinterpretation. Es stimmt nicht, daß niemand, fünf Generationen lang, den Betrug witterte. Eine wenig beachtete Stelle der Erzählung lautet:
"Aber seitdem die Großeltern meines Großvaters als kleine Kinder Pilze gesammelt, sie abgeliefert hatten, damit sie in den Küchen der reichen Prager Leute den Braten würzten oder in Pasteten verbacken werden konnten, seitdem hatte niemand daran gedacht, dieses Gesetz zu brechen [. . .|"
Das Gesetz ist also gebrochen worden. Und wenn man nachrechnet, wann denn die Großeltern des Großvaters kleine Kinder gewesen sind, kommt man in die Nähe einer historischen Jahreszahl, die nicht minder bedeutsam ist als die Silvesternacht 1899, nämlich das Jahr der Februarrevolution 1848." Cases schreibt, man könne dem beschränkten deutschen Untertanenverstand gewiß alles zumuten, aber diese Zumutung gehe zu weit. Tatsächlich relativiert Böll mit seiner Angabe selbst die Zumutung und verweist auf die Phase der Restauration, die die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts beherrschte. - Ferner ist auf der Ebene der Textinterpretation zu fragen, ob Böll, wie Cases sagt, wirklich Kapitalisten schildern wollte oder geschildert hat. Wie auch Cases weiß, gebärden die Baleks sich ganz feudal, längst bevor sie geadelt werden. Sie haben seit alters Grundbesitz, wohnen in einem Schloß, sie geben dem Dorf Gesetze und überwachen deren Einhaltung, und dies alles seit mehreren Generationen. Die Baleks sind also materiell und rechtlich längst dem Feudaladel gleichgestellt und handeln in der ihnen zugeschriebenen Art wie Feudalherren. Trotz der Flachsbrechen und des Handels mit den Pilzen sind sie also keine lupenreinen Kapitalisten, sondern verkörpern eine feudal-kapitalistische Lebens- und Wirtschaftsform. Damit wird aber die Prämisse von Cases zweiter These fragwürdig. - Gegenüber der dritten These bleibt anzumerken, daß das Problem der Gerechtigkeit in der Erzählung nicht auf die Exaktheit der Maße reduziert wird. Das Dingsymbol der "Waage" reicht über die Bedeutung einer genauen und richtigen Messung hinaus. Das geschieht, indem Böll stets von der "Gerechtigkeit" und nicht etwa bloß von der Richtigkeit der Waage spricht und am Ende die Eltern des Franz die Erfahrung machen läßt, daß "in allen Orten das Pendel der Gerechtigkeit falsch ausschlug", womit sicherlich nicht deren Eichung gemeint ist. Die Baleks repräsentieren also in der Geschichte nicht bloß das Prinzip einer gestörten quantitativen Gerechtigkeit, sondern eine bestimmte, sozio-ökonomisch bedingte Herrschafts- und Handlungsform, zu der auch die Mißachtung und Unterdrückung der qualitativen Gerechtigkeit gehört. Es bleibt aber Cases Verdienst, herausgestellt zu haben, was man als
Dominanz der ethischen Problematik gegenüber der ökonomischen bezeichnen kann. Die zweite Ebene ist die der literatursoziologischen Literaturbetrachtung. Cases behauptet, die Dorfbewohner seien aufgrund ihres mangelnden Bewußtseins keine lebensechten Personen und die Baleks handelten im Widerspruch zu ihren eigentlichen Interessen. In beiden Fällen ist die Frage angeschnitten, wie typisch oder repräsentativ denn die von Böll dargestellten Verhältnisse für eine bestimmte historische Lebensund Gesellschaftsform sind. Selbst wenn wir annehmen, Böll habe die Baleks als Kapitalisten geschildert, bleibt aber zu klären, in welchem Maße der Betrug diesem Wirtschaftssystem tatsächlich fremd ist. Ferner wäre zl prüfen, welches der Bewußtseinsstand der Dorfbewohner während der k. u. k. Zeit im 19. Jahrhundert war. Cases sagt in beiden Fällen, die Darstellung sei psychologisch und soziologisch nicht stimmig, liefert aber letztlich nur Behauptungen, zu denen sich Gegenbehauptungen aufstellen lassen.
      Cases Kritik bezieht schließlich noch eine dritte Ebene mit ein, die der literarischen Wertung. Gesetzt, Cases hätte mit seiner Kritik recht, Böll würde in dieser Erzählung die materiellen und bewußtseinsmäßigen Verhältnisse einer bestimmten historischen Epoche verfehlen, ist damit schon ihre literarische Qualität in Frage gestellt? Diese Frage führt mitten hinein in die Auseinandersetzung um die Widerspiegelungstheorie und kann bei dem gegenwärtigen Stand der literaturästhetischen Diskussion durchaus nicht als entschieden gelten.
      Balis "Waage der Baleks" gehört zu den meistgelesenen Erzählungen im Deutschunterricht. Es gibt in den letzten beiden Jahrzehnten kaum eine Erzählung , die in den Lesebüchern des 7. und 8. Schuljahrs so häufig abgedruckt worden ist. Wie aber erklärt sich diese auffällige Vorliebe der Literaturdidaktik für die "Waage der Baleks"?
1. Aus dem oben Referierten geht hervor, daß Literaturdidaktiker trotz unterschiedlicher gesellschaftspolitischer und weltanschaulicher Positionen jeweils ihre Anschauungen in der Erzählung wiederfanden. Eben diese Offenheit der Erzählung ist vermutlich ein Faktor ihrer weit verbreiteten Wertschätzung.

     
   2. Wie noch näher auszuführen sein wird, hat Bölls "Waage der Baleks" aufgrund ihres sozialkritischen Gehalts der Literaturdidaktik dennoch einiges Kopfzerbrechen bereitet. Man entledigte sich des Problems, indem der Text für den Abdruck in Lesebüchern gekürzt und redigiert wurde.

     

Trotzdem hat sich in den sechziger Jahren alsbald die authentische Fassung durchgesetzt. Dies konnte geschehen, weil die Erzählung-abgesehen von ihrer Offenheit - weitere Möglichkeiten bot, die sozialkritische Aussage zu mildern. Der von Böll dargestellte gesellschaftliche Konflikt ist- wie Cases hervorhob - nicht in erster Linie ökonomisch bedingt , sondern ethisch . Ferner wird der Konflikt aus historisierender Distanz geschildert; wir hören von den gesellschaftlichen Zuständen während der k. u. k. Zeit, nicht aber - wie bei Wallraff oder Delius - von den Praktiken heutiger Konzerne.
      3. Im Mittelpunkt der Geschichte steht ein klassisches Lesebuchproblem: die Gerechtigkeit. Gerade thematisch aufgebaute oder gegliederte Lesebücher verzichten selten auf das Thema "Gerechtigkeit" oder "Recht und Gewissen" oder "Mißbrauchte Macht".

     
   4. Bölls Erzählung vereinigt wirkungsästhetisch das Ungewöhnliche mit dem Spannenden und Rührenden. Sie vermag also auch den literarisch nicht geschulten oder vorgebildeten Leser anzusprechen.'" Ungewöhnlich ist die Begebenheit: ein zwölfjähriger Junge entdeckt einen seit Generationen verborgenen Betrug. Spannend ist die Darstellung der Entdeckung und ihrer Folgen; rührend die Figurenkonstellation: ein Kind besiegt durch seine Klugheit und seine Kühnheit die mächtigen Baleks, und die Eltern des Kindes nehmen die Vertreibung aus der Heimat auf sich. Nun eignen diese Wirkelemente jeder besseren oder schlechteren Trivialgeschichte. Es mußte noch mehr hinzukommen, um diese Erzählung zum Lesebuchklassiker werden zu lassen. Dies ist
5. ihr nicht zu übersehender Kunstcharakter. Die "Waage der Baleks" ist kein schmuckloser Bericht, sondern eine kunstvoll aufgebaute Erzählung mit novellenhaften Zügen." Böll läßt den Ich-Erzähler sagen, daß die Geschichte von der Ungerechtigkeit der Baleks auch von seinen Urgroßeltern und seinem Großvater erzählt wurde, aber er zeigt großes Fingerspitzengefühl, daß er nicht diesen handelnden Personen, sondern einem Nachfahren die Geschichte in den Mund legt, weshalb ihr Kunstcharakter nicht befremdet, der sich unter verschiedenen Aspekten aufzeigen läßt. Einmal gelingt es Böll in dieser Erzählung, wie vielfach beobachtet worden ist, das historisch Konkrete und Anschauliche zwanglos mit dem Allgemeinen und Bedeutsamen zu vermitteln.
      Wir erfahren sehr anschaulich von einer bestimmten Waage und realisieren sie doch zugleich als Dingsymbol der Gerechtigkeit; von den Lebensverhältnissen und -gewohnheiten der Bewohner eines bestimmten Dorfes in Böhmen, unweit von Prag, aber dieses Dorf könnte überall liegen, wie denn auch sein Name ungenannt bleibt und die Namen der
Nachbardörfer erfunden sind; von einem sehr genau bestimmten Zeitpunkt, an dem Franz seiner Familie die Entdeckung der Ungerechtigkeit der Baleks mitteilt , aber eben dieses Datum verweist auf den Umbruch der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse vom 19. zum 20. Jahrhundert; von einem zwölfjährigen Jungen, der durch seinen Fleiß, seine Klugheit und Kühnheit als erster das Unrecht entdeckt, aber in eben seiner Auseinandersetzung mit den Baleks durch eine Fülle bedeutungsvoller Bezüge charakterisiert wird: Franz' Jugendlichkeit und seine Kieselsteine rücken ihn in die Nähe Davids, dies um so mehr, als er sich beim Sammeln der Pilze nicht vor Bilgan dem Riesen fürchtet, der beziehungsreich im Wappen der Baleks wieder auftaucht; Franz' Nachname verweist auf seine epochale Tat, während die Baleks lautlich mit den mythischen Namen des Riesen Bilgan und der Balderer verbunden werden und die Namen der Dorfbewohner für lokalhistorisches Kolorit sorgen. T Bleibt zu erwähnen, daß Franz eben jene Bonbons zertritt, die Frau Balek je nach ihrer Laune den Kindern schenkte, und daß das Kirchenlied "Gerechtigkeit der Erden, o Herr, hat Dich getötet" ebenfalls jene doppelte Funktion erfüllt. Es ist das Weberlied der empörten Dörfler und bezieht in der Geschichte seine Kraft aus eben jener Tradition, die den Dorfbewohnern allein vertraut war, der christli
; chen. Andererseits verleiht Böll der Sache der Dörfler mit diesem -offenbar ebenfalls von ihm stammenden - Liedanfang eine über den konkreten Konflikt hinausreichende Geltung.
      6. Der Kunstcharakter der "Waage der Baleks" zeigt sich ferner in der Erzähltechnik, dem Bemühen Bölls, die verschiedenen Fäden der Erzählung kunstvoll aufeinander zu beziehen und miteinander zu verknüpfen. Der traditionelle - auf die Etymologie gestützte - Vergleich eines literarischen Textes mit einem Gewebe ist für diese Erzählung besonders passend. Wie eng die einzelnen Abschnitte der
, Erzählung miteinander verwoben sind, läßt sich leicht zeigen. Wir gehen davon aus, daß sich die Geschichte in vier Abschnitte gliedern läßt, wobei die Grenzen mehrfach inmitten eines Absatzes liegen.
      I. Das Leben der Dorfbewohner

II.

Die Entdeckung des Großvaters

I

II.

Der Aufruhr der Dorfbewohner

I

V.

Das Schicksal der Familie des Großvaters
Der Ich-Erzähler nennt schon im ersten Abschnitt verschiedene Personen, Dinge und Probleme, die als Zentrum und Mitte der Erzählung in allen folgenden Abschnitten gegenwärtig bleiben und auf die Existenz eines durchlaufenden Erzählstrangs verweisen: das Dorf und seine Bewohner, die Familie des Großvaters, die Baleks, die Waage, die Gerechtigkeit. Darüber hinaus reicht die Funktion des ersten Abschnitts als Exposition der Erzählung noch weiter. Motivbezüge, die im ersten Abschnitt schon genannt werden, tauchen in einem oder sogar zweien der folgenden Abschnitte wieder auf: erröten - blaß sein ; der Bruch mit dem Gesetz ; der Kaffee ; die Repression der Baleks ; der Pfarrer, Wilderer, Bezirkshauptmann ; die Bonbons . Ferner sind auch der zweite, dritte und vierte Abschnitt unabhängig vom ersten eng miteinander verknüpft. Franz' Schwester, die kleine Ludmilla, nimmt man beim ersten Lesen nur im dritten Abschnitt anläßlich ihres gewaltsamen Todes wahr. Sie wird aber schon im zweiten Abschnitt erwähnt und bleibt noch im vierten Abschnitt gegenwärtig. Das Motiv des Riesen verbindet zudem den zweiten und dritten Abschnitt, das Lied "Gerechtigkeit der Erden" den dritten und vierten. Gerade der sehr offenkundige und leicht faßliche Kunstcharakter trug wohl dazu bei, daß diese Erzählung zu einem bevorzugten literarischen Text des Deutschunterrichts wurde.
      Zur methodischen Aufbereitung der "Waage der Baleks" liegen hilfreiche Vorschläge vor; ihre Anwendung wird in starkem Maße von der konkreten Unterrichtssituation und der Unterrichtseinheit bestimmt sein. Aus der Vielfalt der Fragen, die sich sinnvoll am Text entwickeln lassen, möchten wir vier besonders hervorheben, weil sie die Grundlage dafür bilden, was in den ersten Teilen dieser Untersuchung ausgeführt worden ist.
      1. Für und gegen welche Personen der Geschichte ergreift der Ich-Erzähler Partei?
2. Will der Erzähler den Leser zu einem bestimmten gesellschaftspolitischen Handeln auffordern, wenn ja, zu welchem?
3. Hört man dem Erzähler gern zu ? 4. Hört man heute denen zu, die von erfahrener Ungerechtigkeit erzählen?
Die zuletzt gestellte Frage führt schon auf das methodische Prinzip des Textvergleichs hin, das den Schüler dazu anregen kann, sich über die "Waage der Baleks" ebenso wie über seine eigenen Anschauungen größere Klarheit zu verschaffen. Wir möchten zu diesem Prinzip in spezifischer Weise anregen und zwar auf textkritischer Grundlage. Es wurde schon angedeutet, daß "Die Waage der Baleks" in einigen älteren Lesebüchern nur in gekürzter und bearbeiteter Fassung Aufnahme fand. Der Blick in den Zerrspiegel der redigierten Fassungen kann zweierlei zeigen. Erstens, wie neu und gewagt, ja provokativ die "Waage der Baleks" einstmals von der Literaturdidaktik empfunden und eingeschätzt wurde. Unsere Gewöhnung an diese klassisch gewordene Erzählung könnte auf dem Umweg über die zeitgenössische Rezeption heilsam durchbrochen werden.2' Zweitens sehen wir in dem Vergleich zwischen Original und Bearbeitung ein methodisches Prinzip, das im besonderen Maße geeignet ist, den Schüler in eigener Textarbeit auf die Eigenheiten dieser Erzählung aufmerksam zu machen. Aufgrund der zahlreichen Auslassungen und Umformungen in den redigierten Schulbuchtexten lernt der Schüler, Bölls authentische Fassung als keineswegs selbstverständlich und problemlos hinzunehmen und nach den Gestaltungsprinzipien zu fragen, die Böll leiteten, die aber den Herausgebern der Schulbücher anstößig oder überflüssig erschienen. Als Beispiel wählen wir die im Materialanteil abgedruckte Fassung aus dem Lesebuch für das 7. und 8. Schuljahr "Auf großer Fahrt. Zu neuen Ufern".

     
   Den Schülern nicht zumutbar erschien den Herausgebern Bölls sozialkritische Schilderung der Arbeitsbedingungen in den Flachsbrechen:
"Seit fünf Generationen atmeten sie den Staub ein, der den zerbrochenen Stengeln entsteigt, ließen sich langsam dahinmorden, geduldige und fröhliche Geschlechter, die Ziegenkäse aßen, Kartoffeln, manchmal ein Kaninchen schlachteten; abends spannen und strickten sie in ihren Stuben, sangen, tranken Pfefferminztee und waren glücklich. Tagsüber brachen sie den Flachs in altertümlichen Maschinen, schutzlos dem Staub preisgegeben und der Hitze, die den Trockenöfen entströmte."


Die kursiv gesetzten Passagen fehlen in der Lesebuchfassung; d. h. die mörderischen Folgen der Fabrikarbeit werden den Schülern vorenthalten und die provokative Antithetik zwischen subjektivem Glück und objektiver Bedrohung aufgehoben. Konsequenterweise haben die Herausgeber auch jene Stelle gestrichen, in der Böll später das Motiv der gesundheitsschädigenden Fabrikarbeit wieder aufnimmt: "Na, ist es schlimmer geworden mit der Lunge deines Vaters?" fragt der Apotheker, worauf Franz antwortet: "Nein, ich komme nicht um Medizin, ich wollte [. . .]" Zwar behalten die Herausgeber den Schluß bei: "Und die Männer und Frauen gingen wieder in die Flachsbrechen", aber der Leser der Schulbuchfassung weiß damit nicht, wohin diese Männer und Frauen gehen und was damit wertend über die Baleks ausgesagt ist.
      Ferner nahmen die Herausgeber an den naturalistischen bzw. realistischen Details der Böllschen Erzählweise Anstoß, die dem heutigen Leser kaum mehr auffallen werden. Vom Pfarrer schreibt Böll, er hätte, seine Festpredigt haltend, die Kälte der sonst so stillen und friedlichen Gesichter gespürt: "und er stoppelte mühsam seine Predigt herunter und ging schweißtriefend zum Altar zurück". Den Herausgebern schien diese Vorstellung von einem Pfarrer unziemlich, und sie schreiben deshalb eigenmächtig: "und er redete mühsam seine Predigt herunter".
      Nicht weniger schwer wiegen die Eingriffe in den Böllschen Sprachge-stus, der in der "Waage der Baleks" durch das episch-reihende "und" geprägt ist.
      " Und mein Großvater stand auf und sagte: ,Weil Sie mir noch so viel Geld schulden, wie fünf Kilo Kaffee kosten'. Und er zog die fünf Kieselsteine aus seiner Tasche, hielt sie der jungen Frau hin und sagte: ,So viel, fünfeinhalb Deka fehlen auf ein halbes Kilo an Ihrer Gerechtigkeit'; und noch ehe die Frau etwas sagen konnte ."
Die Herausgeber strichen die ersten beiden, den Hauptsatz einleitenden "und"-Konjunktionen. Daß damit der epische Fluß der Erzählung verloren geht, störte sie offenbar weniger. Wo sie das "und" stehen ließen, wie im dritten Fall, grenzten sie es durch einen Punkt vom Vorhergehenden ab. Die Wirkung ist dieselbe: die Sätze werden im Schulsinne normalisiert, aber der fast gleichmütige Sprachfluß wird durch die Regulierung empfindlich gestört. Die einzelnen Sätze gewinnen durch die Verselbständigung ein Gewicht, das Böll ihnen gerade durch das Prinzip der epischen Reihung genommen hatte.
      Schließlich glaubten die Herausgeber, auf Details verzichten zu können, die sie möglicherweise als entbehrliches historisches Kolorit interpretierten, während sie in Wirklichkeit Träger der symbolischen Bezüge und Verweise sind. Dieses Verfahren schwächte vor allem die expositorische Kraft des ersten Abschnitts, aus dem die Hinweise auf den Eichelkaffee, die Bonbons und die Wilderer herausgekürzt sind. Zum anderen fielen dieser

Art von literarischer Entlaubung so bedeutsame Symbolbezüge wie Bilgan der Riese zum Opfer.
      Paradoxerweise müssen wir aber den eigenmächtigen Herausgebern dankbar sein: ihre Kürzungen beweisen, was verschiedene Interpreten kaum wahrhaben wollen und umzudeuten versuchen: den sozialkritischen Gehalt der Erzählung; und ihre inhaltlichen und stilistischen Korrekturen eignen sich in hervorragendem Maße dazu, daß die Schüler sich im kritischen Textvergleich den Kunstcharakter der authentischen Fassung selbsttätig erarbeiten können.
     

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Die  Waage  der  Baleks    


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