Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


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Wie sich aus rezeptionsgeschichtlichen Monographien (etwa zum Wandel des Goethe- und Schillerbildes in der Nachwelt) entnehmen läßt, sind viele Interpreten vor allem daran interessiert, ihre eigenen e
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Die Waage der Baleks - Heinrich Böll



In der Heimat meines Großvaters lebten die meisten Menschen von der Arbeit in den Flachsbrechen. Seit fünf Generationen atmeten sie den Staub ein, der den zerbrochenen Stengeln entsteigt, geduldige und fröhliche Geschlechter, die Ziegenkäse aßen und KartofFeln, manchmal ein Kaninchen schlachteten.
      Kamen die Kinder aus der Schule, mußten sie in die Wälder gehen und - je nach der Jahreszeit - Pilze sammeln und Kräuter: Waldmeister und Thymian, Kümmel und Pfefferminz, auch Fingerhut. Im Sommer, wenn sie das Heu von ihren mageren Wiesen geerntet hatten, sammelten sie die Heublumen. Einen Pfennig gab es fürs Kilo Heublumen, die in der Stadt in den Apotheken für zwanzig Pfennig das Kilo an nervöse Damen verkauft wurden. Kostbar waren die Pilze: Sie brachten zwanzig Pfennig das Kilo und wurden in der Stadt für eine Mark zwanzig gehandelt. Weit in die grüne Dunkelheit der Wälder krochen die Kinder im Herbst, wenn die Feuchtigkeit die Pilze aus dem Boden treibt. Fast jede Familie hatte ihre Plätze, an denen sie Pilze pflückte, Plätze, die von Geschlecht zu Geschlecht weitergeflüstert wurden.
      Die Wälder gehörten den Baleks, auch die Flachsbrechen. Die Baleks besaßen im Heimatdorf meines Großvaters ein Schloß, und die Frau des Familienvorstandes jeweils hatte neben der Milchküche ein kleines Stübchen, in dem Pilze, Kräuter, Heublumen gewogen und bezahlt wurden. Dort stand auf dem Tisch die große Waage der Baleks, ein altertümliches, verschnörkeltes, mit Goldbronze bemaltes Ding. Schon die Großeltern meines Großvaters hatten vor dieser Waage gestanden, die Körbchen mit Pilzen, die Papiersäcke mit Heublumen in ihren schmutzigen Kinderhänden. Gespannt hatten sie zugesehen, wie viele Gewichte Frau Balek auf die Waage werfen mußte, bis der pendelnde
Zeiger genau auf dem schwarzen Strich stand, dieser dünnen Linie der Gerechtigkeit, die jedes Jahr neu gezogen werden mußte. Dann nahm Frau Balek das große Buch mit dem braunen Lederrücken, trug das Gewicht ein und zahlte das Geld aus, Pfennige oder Groschen und sehr, sehr selten einmal eine Mark.
      Eines der Gesetze, die die Baleks dem Dorf gegeben hatten, hieß: Keiner darf eine Waage im Hause haben. Das Gesetz war schon so alt, daß keiner mehr darüber nachdachte, wann und warum es entstanden war. Es mußte geachtet werden I Wer es brach, wurde aus den Flachsbrechen entlassen, dem wurden keine Pilze, kein Thymian, keine Heublumen mehr abgenommen. Die Macht der Baleks reichte so weit, daß auch in den Nachbardörfern niemand ihm Arbeit gab, niemand ihm die Kräuter des Waldes abkaufte. Im übrigen machte die altertümliche, mit Goldbronze verzierte Waage der Baleks nicht den Eindruck, als könne sie nicht stimmen. Fünf Geschlechter hatten dem auspendelnden schwarzen Zeiger anvertraut, was sie mit kindlichem Eifer im Walde gesammelt hatten.
      Mein Großvater war der erste, der kühn genug war, die Gerechtigkeit der Baleks zu prüfen, die im Schloß wohnten, zwei Kutschen fuhren, die immer einem Jungen des Dorfes das Studium der Theologie im Prager Seminar bezahlten, bei denen der Pfarrer jeden Mittwoch zum Tarock war, denen der Bezirkshauptmann zu Neujahr seinen Besuch abstattete und denen der Kaiser im Jahre 1900 den Adel verlieh.
      Der Großvater trug alles, was er den Baleks brachte, auf die Rückseite eines Kalenderblattes ein. Mit seiner Kinderschrift schrieb er rechts daneben, was er dafür bekommen hatte, von seinem siebenten bis zu seinem zwölften Jahr. Als er zwölf Jahre alt war, kam das Jahr 1900, und die Baleks schenkten jeder Familie im Dorf ein Viertelpfund echten Kaffee, weil der Kaiser sie geadelt hatte. Es gab ein großes Fest im Schloß.
      Aber am Tage vor dem Fest schon wurde der Kaffee ausgegeben in der kleinen Stube, in der seit fast hundert Jahren die Waage der Baleks stand, die jetzt Balek von Bilgan hießen, weil der Sage nach Bilgan, der Riese, dort ein großes Schloß gehabt haben soll, wo die Gebäude der Baleks stehen.
      Mein Großvater hatte den Kaffee für vier Familien abzuholen. Er ließ sich von Gertrud, der Magd, die fertigen Achtelkilopakete vorzählen und blickte auf die Waage, auf deren linker Schale der Halbkilostein liegengeblieben war. Frau Balek von Bilgan war mit den Vorbereitungen fürs Fest beschäftigt. Als Gertrud nun in das Glas mit den sauren Bonbons greifen wollte, um meinem Großvater einen zu geben, stellte sie fest, daß es leer war.

     
Gertrud lachte, sagte: 'Warte, ich hole neue", und mein Großvater blieb mit den vier Achtelkilopaketen, die in der Fabrik verpackt und verklebt worden waren, vor der Waage stehen, auf der jemand den Halbkilostein liegengelassen hatte. Mein Großvater nahm die Kaffee-paketchen und legte sie auf die leere Waagschale. Sein Herz klopfte heftig, als er sah, wie der schwarze Zeiger der Gerechtigkeit links neben dem Strich hängen blieb, die Schale mit dem Halbkilostein unten blieb und das halbe Kilo Kaffee ziemlich hoch in der Luft schwebte. Sein Herz klopfte heftiger. Er suchte aus seiner Tasche Kieselsteine - drei, vier, fünf Kieselsteine mußte er neben die vier Kaffecpaketc legen, bis die Schale mit dem Halbkilostein sich senkte und der Zeiger endlich scharf über dem schwarzen Strich lag. Mein Großvater nahm den Kaffee von der Waage und wickelte die fünf Kieselsteine in sein Sacktuch. Als Gertrud mit der großen Tüte voll saurer Bonbons kam und sie rasselnd ins Glas schüttete, stand der kleine, blasse Bursche da, und nichts schien sich verändert zu haben. Mein Großvater nahm nur drei von den Paketen. Gertrud blickte erstaunt und erschreckt auf den blassen Jungen, der den sauren Bonbon auf die Erde warf, ihn zertrat und sagte: 'Ich will Frau Balek sprechen." - 'Balek von Bilgan, bitte", sagte Gertrud. - 'Gut, Frau Balek von Bilgan", aber Gertrud lachte ihn aus. Er ging im Dunkeln ins Dorf zurück, brachte den Nachbarsfamilien ihren Kaffee und gab vor, er müsse noch zum Pfarrer.
      Aber er ging mit seinen fünf Kieselsteinen im Sacktuch in die dunkle Nacht. Er mußte weit gehen, bis er jemand fand, der eine Waage hatte, eine haben durfte. Nach einem zweistündigen Marsch kam er in das kleine Städtchen Diehlheim, wo der Apotheker Honig wohnte. Mein Großvater nestelte sein Sacktuch auf, nahm die fünf Kieselsteine heraus, hielt sie Honig hin und sagte: 'Ich wollte das gewogen haben." Er blickte ängstlich in Honigs Gesicht, aber als Honig nichts sagte, nicht zornig wurde, auch nichts fragte, sagte mein Großvater: 'Es ist das, was an der Gerechtigkeit fehlt!", und mein Großvater spürte jetzt, als er in die warme Stube kam, wie naß seine Füße waren. Der Schnee war durch die schlechten Schuhe gedrungen. Im Wald hatten die Zweige den Schnee über ihn geschüttelt, der jetzt schmolz. Er war müde und hungrig und fing plötzlich an zu weinen, weil ihm die vielen Pilze einfielen, die Kräuter, die Blumen, die auf der Waage gewogen waren, bei der das Gewicht von fünf Kieselsteinen an der Gerechtigkeit fehlte. Und als Honig, den Kopf schüttelnd, die fünf Kieselsteine in der Hand, seine Frau rief, fielen meinem Großvater die Geschlechter seiner Eltern, seiner Großeltern ein, die alle ihre Pilze, ihre Blumen auf der Waage hatten wiegen lassen müssen. Es kam über ihn wie eine große Woge der Ungerechtigkeit, und er fing noch heftiger an zu weinen. Er setzte sich, ohne dazu aufgefordert zu sein, auf einen der Stühle in Honigs Stube, übersah den Pfannekuchen und die heiße Tasse Kaffee, die die gute Frau Honig ihm vorsetzte, und hörte erst auf zu weinen, als Honig selbst aus dem Laden vorne zurückkam, und die Kieselsteine in der Hand schüttelnd, leise zu seiner Frau sagte: ' Gramm, genau."
Mein Großvater ging die zwei Stunden durch den Wald zurück. Er ließ sich prügeln zu Hause, schwieg, als er nach dem Kaffee gefragt wurde, sagte kein Wort, rechnete den ganzen Abend an seinem Zettel herum, auf dem er alles notiert hatte, was er der jetzigen Frau Balek geliefert hatte, und als es Mitternacht schlug, vom Schloß die Böller zu hören waren, als die Familie sich geküßt, sich umarmt hatte, sagte er in das folgende Schweigen des neuen Jahres hinein: 'Baleks schulden mir achtzehn Mark und zweiunddreißig Pfennig." Und wieder dachte er an die vielen Kinder, die es im Dorf gab, dachte an seinen Bruder Fritz, an seine Schwester Ludmilla, dachte an die vielen hundert Kinder, die alle für die Baleks Pilze gesammelt hatten, Kräuter und Blumen, und er weinte diesmal nicht, sondern erzählte seinen Ritern und seinen Geschwistern von seiner Entdeckung.
      Als die Baleks von Bilgan am Neujahrstage zum Hochamt in die Kirche kamen, das neue Wappen schon in Blau und Gold auf ihrem Wagen, blickten sie in die harten und blassen Gesichter der Leute, die alle auf sie starrten. Sie hatten im Dorf Girlanden erwartet, am Morgen ein Ständchen und Hochrufe, aber das Dorf war wie ausgestorben gewesen, als sie hindurchfuhren. In der Kirche wandten sich die Gesichter der blassen Leute ihnen zu, stumm und feindlich, und als der Pfarrer auf die Kanzel stieg, um die Festpredigt zu halten, spürte er die Kälte der sonst so friedlichen und stillen Gesichter, und er redete mühsam seine Predigt herunter. Und als die Baleks von Bilgan nach der Messe die Kirche wieder verließen, gingen sie durch ein Spalier stummer, blasser Gesichter. Die junge Frau Balek von Bilgan aber blieb vorne bei den Kinderbänken stehen, suchte das Gesicht meines Großvaters und fragte ihn in der Kirche: 'Warum hast du den Kaffee für deine Mutter nicht mitgenommen?" Mein Großvater stand auf und sagte: 'Weil Sie mir noch so viel Geld schulden, wie fünf Kilo Kaffee kosten." Er zog die fünf Kieselsteine aus seiner Tasche, hielt sie der jungen Frau hin und sagte: 'So viel, 55 Gramm, fehlen auf ein halbes Kilo an Ihrer Gerechtigkeit." Und noch ehe die Frau etwas sagen konnte, stimmten die Frauen und Männer in der Kirche das Lied an: 'Gerechtigkeit der Erden, o Herr, hat dich getötet ..."
Während die Baleks in der Kirche waren, war Wilhelm Vohla, der Wilderer, in das kleine Stübchen eingedrungen, hatte die Waage gestohlen und das große, dicke, in Leder gebundene Buch, in dem alleseingetragen war, was von den Baleks im Dorf gekauft worden war. Den ganzen Nachmittag des Neujahrstages saßen die Männer des Dorfes in der Stube meiner Urgroßeltern und rechneten. Als sie schon viele tausend Taler errechnet hatten und noch immer nicht zu Ende waren, kamen die Gendarmen des Bezirkshauptmannes, drangen schießend und stechend in die Stube meines Urgroßvaters ein und holten mit Gewalt die Waage und das Buch heraus. Die Schwester meines Großvaters wurde dabei getötet, die kleine Ludmilla, ein paar Männer verletzt, und einer der Gendarmen wurde von Vohla erstochen.
      FvS gab Aufruhr, nicht nur in unserem Dorf, sondern auch in den anliegenden Ortschaften. Fast eine Woche lang ruhte die Arbeit in den Flachsfabriken. Aber es kamen sehr viele Gendarmen, und die Männer und Frauen wurden mit Gefängnis bedroht, und die Baleks zwangen den Pfarrer, öffentlich in der Schule die Waage vorzuführen und zu beweisen, daß der Zeiger der Gerechtigkeit richtig auspendelte. Und die Männer und die Frauen gingen wieder in die Flachsbrechen -, aber niemand ging in die Schule, um dem Pfarrer zuzusehen: Er stand ganz allein da, hilflos und traurig mit seinen Gewichtssteinen, der Waage und den Kaffeetüten.
      Und die Kinder sammelten wieder Pilze, sammelten wieder Thymian und Blumen und Fingerhut, aber jeden Sonntag wurde in der Kirche, sobald die Baleks sie betraten, das Lied angestimmt: 'Gerechtigkeit der Erden, o Herr, hat dich getötet", bis der Bezirkshauptmann in allen Dörfern austrommeln ließ, das Singen dieses Liedes sei verboten.
      Die Eltern meines Großvaters mußten das Dorf verlassen und das frische Grab ihrer kleinen Tochter. Sie wurden Korbflechter, blieben an keinem Ort lange, weil es sie schmerzte, zuzusehen, wie in allen Orten das Pendel der Gerechtigkeit falsch ausschlug. Sie zogen hinter dem Wagen, der langsam über die Landstraße kroch, ihre magere Ziege mit, und wer an dem Wagen vorbeikam, konnte manchmal hören, wie drinnen gesungen wurde: 'Gerechtigkeit der Erden, o Herr, hat dich getötet."
Und wer ihnen zuhören wollte, konnte die Geschichte hören von den Baleks von Bilgan, an deren Gerechtigkeit ein Zehntel fehlte. Aber es hörte ihnen fast niemand zu. Heinrich Ball

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