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Heinrich Böll: Die Waage der Baleks


Wie sich aus rezeptionsgeschichtlichen Monographien (etwa zum Wandel des Goethe- und Schillerbildes in der Nachwelt) entnehmen läßt, sind viele Interpreten vor allem daran interessiert, ihre eigenen ethischen, gesellschaftspolitischen oder weltanschaulichen Wertvorstellungen in der gesellschaftlich anerkannten Lite

ratur wiederzufinden. Dieses überkommene und weitverbreitete Interesse ist offenbar so groß, daß die Interpreten -auf der Suche nach einer Spiegelung und Bestätigung ihrer eigenen Anschauungen - den Deutungsspielraum literarischer Werke mehr oder weniger gewaltsam einengen und ihren eigenen Normen unterwerfen. Typisch für diese Haltung ist ein naiver Subjektivismus, der das eigene Erkenntnisinteresse nicht überdenkt und häufig genug rücksichtslos gegen die Aussagemöglichkeiten der Texte durchsetzt. Daß viele Interpreten dieses Typus von einem objektivistischen Textbegriff ausgehen, steht nicht im Widerspruch zu dieser Einstellung. Im Gegenteil: aus dem Bedürfnis heraus, die eigene Position durch den Rückgriff auf das dichterische Wort zu legitimieren, erheben sie den Anspruch, daß ihre Deutung die einzig mögliche ist und den Sinn der interpretierenden Werke objektiv wiedergibt. Der naive hermeneutische Subjektivismus (verbunden mit dem objektivistischen Textbegriff) ist gerade auch in der Literaturdidaktik weit verbreitet gewesen. Der Lehrer vermittelt also die staatlich verordneten Normen bzw. seine eigenen Anschauungen, indem er sie in den Werken der literarischen Tradition wiederfindet und durch deren Autoren autorisiert. Diese Position läßt sich analog als naiver pädagogischer Instrumentalismus bezeichnen: die dichterischen Werke stehen im Dienst der Sicherung moralischer, gesellschaftlicher oder weltanschaulicher Ideale oder- anders ausgedrückt - der Indoktrination des Schülers. Dieser vermeint, nur den Autor zu hören. Ihm bleibt verborgen, daß der Lehrer das behandelte Werk lediglich in seiner Weise gedeutet hat, zu der eine Vielzahl konkurrierender Deutungen möglich und vorhanden sind; und er wird angehalten, den Dichter als Autorität anzuerkennen, zu dessen Weltauffassung Distanz sich verbietet.


Die Waage der Baleks
Der naive hermeneutische Subjektivismus (verbunden mit dem objektivistischen Textbegriff) ist gerade auch in der Literaturdidaktik weit verbreitet gewesen. Der Lehrer vermittelt also die staatlich verordneten Normen bzw. seine eigenen Anschauungen, indem er sie in den Werken der literarischen Tradit [ ... ]
Die Waage der Baleks - Heinrich Böll
In der Heimat meines Großvaters lebten die meisten Menschen von der Arbeit in den Flachsbrechen. Seit fünf Generationen atmeten sie den Staub ein, der den zerbrochenen Stengeln entsteigt, geduldige und fröhliche Geschlechter, die Ziegenkäse aßen und KartofFeln, manchmal ein Kaninchen schlachteten. [ ... ]

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