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Katz und Maus



Seit ihrem Erscheinen im Jahre 196 I hat die Novelle "Katz und Maus" ein breites Interesse in Literaturkritik und Literaturwissenschaft gefunden.' Dafür gibt es mehrere Ursachen. Zum einen hatte der Roman "Die Blechtromnicl" Grass einen sensationellen Erfolg und den Ruf verschafft, zugleich Moralist und Nihilist, naiver Berserker und sensibler Ästhet, Nestbeschmutzer der Nation und Vertreter des künstlerischen Gewissens der deutschen Nachkriegszeit zu sein. Deshalb versäumte es keine der großen Tages- und Wochenzeitungen, der deutschen und ausländischen Kulturzeitschriften, das zweite epische Werk dieses Autors, das in Zeitkolorit und Lokalität der "Blechtrommel" verblüffend nahestand, ausführlich den Lesern vorzustellen.
      Eine andere Ursache für die Publizität des Werks ist in seinem politischliterarischen Signalcharakter zu sehen. An den Reaktionen auf die Danzi-gerTrilogie ("Die Blechtrommel" ; "Katz und Maus" ; "Die Hundejahre" ) läßt sich das kulturpolitische Klima der späten Adenauer-Zeit ablesen, von den rechtskonservativen und auch neochauvinistischen Einstellungen eines Ziesel, des Kölner Volkwartbundes und der verschiedenen Soldatenverbände, die - wenn auch aus z. T. unterschiedlichen Motiven - empört auf die Darstellung der Wirklichkeit, vor allem in "Katz und Maus" reagierten, bis hinüber zu den mit den Liberalen uud Sozialdemokraten sympathisierenden Künstlern der Gruppe 47, die Grass als populären Vertreter eines sich aus den Tabus des Kalten Krieges lösenden Diskurses schätzten, der sich nicht scheute, die in der Bundesrepublik durch Wiederaufbau und Antikommunismus zeitweilig verdrängte Problematik der faschistischen Herrschaft in Deutschland aufzugreifen und als ästhetisch gestaltete Wirklichkeit zu einem öffentlichen Thema zu machen. Dabei erregte die Art und Weise Aufsehen, in der Grass zeitgeschichtliche Ereignisse behandelte: weder pflegte er die bemüht trockene Attitüde eines scheinbar unbeteiligten Chronisten noch Erlebnisstil und Tagebuchform des Dabeigewesenen. Vielmehr wählte Grass eine sich dem Leser deutlich als fiktiv ausweisende Erzählhaltung aus der eingeschränkten Perspektive einer Randfigur des Geschehens, mehrfach gebrochen durch die Vermengung zweier Zeitebenen, einmal der unmittelbaren Erfahrung, und zum anderen der rückblickenden, reflektierenden Konfession einer in die Vergangenheit involvierten Erzählerfigur.
      Der Erfolg der Danziger Trilogie erklärt sich auch aus der Fähigkeit des Autors, tradierte epische Formen und Motive so in die Unmittelbarkeit der Darstellung einzubringen, daß Kenner und literarisch Unerfahrene zugleich fasziniert waren. Einige Kritiker sahen sich veranlaßt, den Kunstcharakter der Grass'schen Romane deswegen zu bezweifeln, weil sie Publikumserfolg in einem unmittelbaren Zusammenhang mit verminderter künstlerischer Qualität glaubten. Die Mehrzahl der Kritiker hatte jedoch erkannt, daß hier ein Versuch vorlag, gegen einen weitgehend sterilen, vom Unterhaltungsbedürfnis und vom Wunsch nach dem Vergessen der Hitlerzeit gekennzeichneten Kunstgeschmack in den fünfziger Jahren' anzugehen, wobei Grass sich die Fähigkeit durchaus bewahrt hatte, auch überkommene literarische Formen und Inhalte virtuos zu benutzen, beispielsweise in der Form der Parodie oder der Variation. Schließlich war es auch der Eindruck vom kraftgenialischen Bürgerschreck, der in den frühen sechziger Jahren zur Popularität des Schriftstellers Günter Grass beitrug. Auch solche Gruppen in der Lesegesellschaft, die im allgemeinen kaum Interesse für die Kunst der Gegenwart zeigten, nahmen die sexuellen Gewagtheiten der Grass'schen Bücher zur Kenntnis, wenn auch oft mit Anzeichen der Entrüstung. Höhepunkte solcher Aufmerksamkeit für das Anrüchige stellten die Auseinandersetzung um den jugendgefährdenden Charakter der Novelle "Katz und Maus" und der Prozeß Grass gegen Ziesel dar .
      Wie verlief die Rezeption der Novelle "Katz und Maus" durch die Literaturwissenschaft ? Die erste Arbeit zu ihr wurde nicht zufällig aus kriminologisch-sozialpsychologischer Sicht geschrieben. Ottinger stellte in ihr die Antriebe für Mahlkes eigenartiges Verhalten dar. Einige Jahre später waren es drei amerikanische Germanisten, Friedrichsmeyer, Ruhleder und Bruce,* die kurz hintereinander "Katz und Maus" analysierten. Während die beiden erstgenannten Autoren allzu vorschnell Mahlkes Geschichte als eine Art Menschheitsallegorie bzw. als Pervertierung des Messias-Topos begriffen , überzeugt die Untersuchung der Erzählerfigur Pilenz bei Bruce durch ihre Textnähe und die einleuchtende Akzentuierung der ambivalenten Gefühlsbeziehung des Erzählers zur Zentralfigur der Novelle. Das Verdienst, die deutsche Literaturwissenschaft auf die Danziger Novelle hingewiesen zu haben, darf Behrendt für sich in Anspruch nehmen. In zwei kurz nacheinander publizierten Aufsätzen repetierte sie in manchem die Überinterpretationen Friedrichmeyers und Ruhleders, indem sie Mahlkes Geschichte zur Menschheitstragödie stilisierte, und sie ging insofern noch weiter, als sie das für "Katz und
Maus" konstitutive ambivalente Verhältnis Pilenz - Mahlke als Konkretisierung des überzeitlichen Doppelgängermotivs begriff.
      Die weitaus ergiebigste, bis heute unübertroffene Arbeit ist die Untersuchung von Gerhard Kaiser , der die nachfolgenden Ausführungen in manchem verpflichtet sind . Hier wurden die komplizierten erzähltheoretischen Probleme in "Katz und Maus" ebenso überzeugend dargestellt wie die Eigenart der Geschichtsverarbeitung und Metaphorik. Besonders hilfreich erscheint mir Kaisers Interpretationsansatz dieser Pubertätsgeschichte mit dem Instrumentarium der Sozialpsychologie. Hier ist wohl eine weiter ins einzelne gehende Fortführung der Thesen Kaisers noch möglich; auch die Erkenntnisse neuerer Rollentheorie sollten herangezogen werden, um Einblicke in die Mechanismen angepaßten und abweichenden Verhaltens zu öffnen." Dies freilich ist im Rahmen dieses Aufsatzes nur skizzenhaft möglich ; der zur Verfügung stehende Raum und die Absicht dieses Bandes weisen den Verfasser in eine andere Richtung.'
Vorschläge für die Arbeit mit der Novelle "Katz und Maus" in der Schule wurden erstmals 1969 veröffentlicht, und zwar fast gleichzeitig von Zimmermann und Lücke.'" Beide setzen ein starkes Leseinteresse der Schüler am Werk von Günter Grass voraus, speziell an der "Blechtrommel", "an der heute der literarisch interessierte Primaner in seiner Privatlektüre kaum mehr vorübergeht" . Dennoch plädierte Zimmermann aus lernökonomischen und noch mehr aus ästhetischen Gründen nicht für eine schulische Lektüre des Romans, sondern er zog die Novelle vor, die er für "dichter und zuchtvoller" gearbeitet als die Romane hielt ("gelegentliche Zü-gellosigkeit" ). Lücke verzichtete auf solche, am tradierten Formideal orientierten Auswahlüberlegungen, hielt es allerdings für notwendig, zu Beginn seiner Ausführungen zu einer Apologie der Novelle gegenüber dem Vorwurf der Obszönität auszuholen. Im übrigen enthält sein Unterrichtsvorschlag weder eine Begründung für die Wahl des Textes noch Angaben zur vorgesehenen Klassenstufe . Luckes Aufsatz hat eher den Charakter einer Reihe von Vorüberlegungen des Lehrers hinsichtlich der Möglichkeiten der Unterrichtsgestaltung . Reflexionen über zu erwartende Schwierigkeiten fehlen ebenso wie genauere methodische Vorstellungen" und eine ins einzelne gehende Zeitplanung; der Verfasser stellt lediglich 15 Einzelthemen ) unverbunden nebeneinander. Es geht Lücke bei der Behandlung vor allem um folgende Aspekte:
- Charakteristik der Hauptfigur, Analyst- ihrer Psycho und ihrer neurotischen Störungen );
- Krznhlperspcktivik und dargestellte Wirklichkeit;

- unterschiedliche Sprachschichten .
      Die politische Dimension des Textes bleibt außerhalb des Interesses. Lücke betonte noch deutlicher als Ottinger, daß "Katz und Maus" den Charakter einer individualpsychologischen Fallstudie besitzt.
      Zimmermann wählte ähnliche Schwerpunkte für die Arbeit in der Schule: er wollte vor allem die Lrzählperspektive und ihre Funktion für die Darstellung, die physischen und psychischen Veränderungen Mahl-kes und dazu die Struktur des Textes thematisiert wissen. Außerdem arbeitete er die Funktion der Chiffren ,Katz' und ,Maus' heraus und versuchte eine Einordnung der Novelle in das Gesamtwerk von Grass.
      Auffallend an diesen beiden Untersuchungen ist, daß sie die beträchtlichen Schwierigkeiten nicht diskutieren, vor denen sich ein Lehrer sieht, wenn er mit der Klasse "Katz und Maus" lesen will. Denn was die Arbeit mit diesem Text problematisch und reizvoll zugleich macht, sind die zahlreichen Uneindeutigkeiten und Widersprüche im dargestellten Geschehen und vor allem in der Entwicklung der Mahlke-Figur,'-' ist aber auch die komplexe Erzählstruktur, die ohne einige erzähltheoretische Vorkenntnisse der Rezipienten kaum zu entschlüsseln ist, sind die Anspielungen auf verschiedene Figuren der Weltliteratur bei der Zeichnung einzelner Personen," und ist auch das kunstvolle Bezugssystem der Metaphern. Neben diese allgemeinen Leseschwierigkeiten treten heute neue, die sich aus der Situation des Deutschunterrichts am Ende der siebziger Jahre herleiten. Delius' hat bereits 1977 über "Schwierigkeiten der Kommunikation über Literatur im Unterricht" am Beispiel der Novelle "Katz und Maus" nachgedacht. Wenn sie feststellt, daß ihre Schüler die zeitkritischen, politischen Aspekte der Novelle " entweder gar nicht oder nur am Rande wahrgenommen" haben, so verweist das auf ein Problem, das sich mit wachsendem Abstand zur Entstehungszeit der Novelle für die Arbeit in der Schule zunehmend verschärft. Gemeint ist die doppelte Historizität des Textes, durch die die Rezeptionsmöglichkeiten verändert worden sind. Nicht nur handelt es sich bei "Katz und Maus" um ein Gebilde, in dem historisches Geschehen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs fiktiv verarbeitet worden ist, sondern - wie oben bereits angedeutet wurde - auch um den Versuch, die Literatur an der Wende von denfünfziger zu den sechziger Jahren über ihre damaligen Begrenzungen und Tabus hinauszuführen. Gerade dieser Sachverhalt aber ist Schülern von heute nur schwer zu vermitteln, einmal, weil diese Phase der Nachkriegszeit im gesellschaftskundlichen und sprachlichen Fächerfeld der Schule derzeit noch wenig Aufmerksamkeit findet, zum anderen, weil die jetzt Heranwachsenden für die Aufbruchshaltung der sechziger Jahre im allgemeinen wenig Verständnis aufbringen." Insofern trifft Delius' Analyse, die das überraschende Rezeptionsverhalten ihrer Schüler aus deren Identifikationsbedürfnis mit dem ,positiven Helden' und dem Wunsch nach eindeutiger Darstellung von Personen und Vorgängen durch den Autor erklärt , nur einen Teil des Problems. Auf alle Fälle sollte die von Delius festgestellte Neigung zu einer unhistorischen Aktualisierung des Gelesenen bei der didaktischen und methodischen Planung des Unterrichts berücksichtigt werden."' Tiesler hat im didaktischen Teil ihrer ausladenden und im ganzen zuverlässigen Interpretation einige Argumente genannt, die gegen die Schullektüre vorgebracht werden. Dazu zählen die angeblich pornographischen, blasphemischen und antiautoritären Aspekte des Textes . Tiesler hält jedoch daran fest, daß "Katz und Maus" einen Platz im Unterricht haben soll, und zwar als ein zentraler poetischer Text aus der deutschen Nachkriegsliteratur, als Materialgrundlage für propädeutisches literaturwissenschaftliches Arbeiten im Deutschunterricht, aber auch - und hier verirrt sich Tiesler am Schluß ihrer Arbeit in eine bedenkliche, unhistorische Parallelisierung - als Demonstrationsbeispiel dafür, daß der Aktionismus der Studentengeneration der späten sechziger Jahre "nicht weniger realitätsfremd und menschengefährlich" gewesen sei wie die militante Intoleranz des Hitlerstaats. Dieser Argumentation kann man heute so wenig folgen wie dem eigenwilligen Vorhaben, "Katz und Maus" zum Anlaß zu nehmen, Schüler gegen die Klischees literarischer Schuldarstellungen zu sensibilisieren. Gerade dafür scheint mir diese Novelle so wenig geeignet wie überhaupt das Vorhaben einer solchen Lehrer-Apologie mittels ästhetischer Texte sinnvoll.
      War unmittelbar nach der Veröffentlichung von "Katz und Maus" vor allem mit dem Widerstand von Eltern und Schulverwaltungen gegen die Verwendung des Textes im Unterricht zu rechnen, so hat sich das Problem heute verschoben und verschärft: es geht für den Lehrer darum, eine wachsende Verständnisschwierigkeit für Grass' Intention und die daraus entwickelte künstlerische Durchführung bei der Unterrichtsplanung zu berücksichtigen. Es ist daher zu fragen, ob "Katz und Maus" in der Schule noch gelesen werden sollte und wozu eine entsprechende Unterrichtsreihe dienen soll. Der Verfasser des vorliegenden Aufsatzes ist der Ansicht, daß sich nicht nur der ästhetischen Qualität des Textes wegen die Mühe lohnt. Einige Möglichkeiten der Zielprojektion seien skizziert:
1. Man kann den Text zum Anlaß nehmen, mit den Schülern über die Situation der Zivilbevölkerung unter der faschistischen Diktatur und vor allem über die Einstellungen der im Dritten Reich Heranwachsenden zum Krieg zu sprechen, und auch über Vorurteile bzw. Verdrängungen, die noch heute einer vernunftgesteuerten Verarbeitung unserer Vergangenheit im Wege stehen. Besonders solche Lehrer, die ihre Klasse zugleich in den Fächern Deutsch und Geschichte unterrichten, könnten diesen außerliterarischen Ansatz einer Unterrichtsreihe unterlegen . Damit auch Nichthistoriker einen solch sozialgeschichtlichen und literatursoziologischen Weg beschreiten können, werden in der Literaturliste am Finde dieses Aufsatzes einige leicht zugängliche Titel zur Innenpolitik und Ideologie des Nationalsozialismus genannt.
      2. Das zunehmende Gewicht, das in unseren neueren Lehrplänen1" Struktur- und Sprachuntersuchungen erhalten haben, legt einen anderen Aspekt der unterrichtlichen Analyse nahe. Man kann, wie es Kaiser angedeutet hat , den Text in der Tradition einer Entwicklung sehen, die vom unmittelbaren zu einem zunehmend komplizierten Erzählgestus führt, bei dem vom Autor nicht nur eine fiktive Erzählerfigur eingeführt wird, wie dies vor allem in den Rahmenerzählungen des 19. Jahrhunderts üblich geworden war, sondern die Erzählerfigur sich ihrerseits wieder fiktiv weiß. Hierbei sollte jedoch stets darauf geachtet werden, daß den Schülern die Funktion der daraus sich ergebenden Relativierungen der Erzählperspektive bewußt wird, damit nicht - wozu einige der neueren curricular formulierten Lehrpläne verführen können1'' - Strukturuntersuchungen zum Selbstzweck werden.
      3. Am ergiebigsten aber scheint es mir, wenn man "Katz und Maus" aus sozialpsychologischer Perspektive analysiert. Hier können die zentralen Bildfelder des Textes sinnvoll aufeinander bezogen werden; außerdem ist es möglich, die psychischen Probleme Mahlkes, die für den Text, vor allem für die hier dargestellten Sozialbeziehungen, konstitutiv sind, über eine lediglich individualpsychologische Erklärung hinauszuführen. Daß Mahlkes Geschichte auch die Geschichte eines Jugendlichen im Dritten Reich ist, sollte hierbei einsichtig werden. Anders ausgedrückt: Mahlkes private und sehr konkrete Vaterlosigkeit erweist sich als ein Teil der allgemeinen Orientierungslosigkeit in einer Welt gestörter Sozialbeziehungen. Für eine solche Analyse will der Verfasser im folgen-den Abschnitt einige Hinweise geben. Nach seinen Erfahrungen im Unterricht mit Schülern im Alter von 16 bis 18 Jahren, darin wird Delius uneingeschränkt zugestimmt, neigen Jugendliche dazu, Mahlkes Werdegang einseitig aus seinen physischen Besonderheiten und allgemeinen pubertären Schwierigkeiten zu erklären, und sie nehmen deshalb immer wieder unhistorische Parallelisierungen oder Identifikationen vor. Es geht im Unterricht darum, die Mahlke-Figur in "Katz und Maus" als historisch zu begreifen, damit es nicht zu der von Eggert/Berg/Rutschky beschriebenen rein emotionalen Parteinahme für oder gegen den gelesenen Text kommt.

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