Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Deutsche novellen
"Es waren und sind in mir zwei, die miteinander kämpfen", schreibt Kafka in einem etwa siebenseitigen, sehr wichtigen Brief vom November 1914 an Feiice Bauer, seine unbestimmte Verlobte. "Der eine is
Index
» Deutsche novellen
» Franz Kafka: Das Urteil
» Vorverständigung über "die doppelte Rede des Franz Kafka

Vorverständigung über "die doppelte Rede des Franz Kafka



Rudolf Kreis hat unter diesem Titel sowohl eine textlinguistische Analyse wie ein sozialpsychologisches Verstehenskonzept für Kafkatexte vorgelegt, in welchem unter Verarbeitung der denk- und triebpsychologischen Forschungen Piagets, Lacans, Rene A. Spitz' und unter Akzentuierung der "double-bind"-Dilemmata ein präziser und tragfähiger Zugang zum Verstehen Kafkascher Widersprüche ermöglicht wird.' Die "Beziehungsfalle", bestimmt als ein in sich widersprüchlicher Fall von Kommunikation, wobei der Widerspruch sowohl im selben Medium wie in einem anderen ,Anschlußmedium' erscheinen kann, wird hier im Umfeld psycho- und familiengenetischer Verhältnisse erläutert: da sie meist in einem relativ bewußten und einem relativ unbewußten Medium abläuft, kann von hier aus auch die klassische psychoanalytische Trennung Bewußtsein vs Unbewußtsein neu beschrieben werden. Und zusätzlich wird einsichtig, daß es sich bei Kafkas Paradoxen um das Verhältnis von ,Absicht' und ,Handlung' dreht: Klärungen ihres normalen, Verständigungsermöglichenden Bezugs hängen von der Kommunikation über die Kommunikation ab - das Wesen der "Falle" besteht darin, daß alles, was wie eine Chance zu solcher Metakommuni-kation aussieht, sich von vornherein als verstellt erweist. Bildlich gesagt: das Paradox wandert mit den Handlungsreflexionen mit - Argumentationen bekommen keine ,Wirklichkeit zu fassen', sondern verlaufen im Kreis. Die Frage besteht also für jeden Interpreten nach der ersten gleichsam ahnungslos-ahnungsreichen, immer wieder irritierten Lektüre, wieweit sich hinter den Such- und Lösungsbewegungen, die gezeigt werden, unge-zeigte, latente Widersprüche befinden. Sie zu erkennen, bedarf es einer ebenso subtilen wie starken Kompetenz gelingender Kommunikation .
      Anknüpfend an das am Ende des ersten Abschnitts Gesagte, haben wir einen Unterschied zum traditionellen Paradox genauer zu fassen. Soweit dieses sich aus einfachen Thesen/Antithesen-Bezügen herleitet, liegt die -philosophiegeschichtlich äußerst strapazierte - Aufhebung in einer gelingenden Synthese' nahe. Gerade diesem ,logischen', vom idealistischen Denken und seinen Optimismen getragenen Lösungsverfahren ist der offenbar von tiefster psychosozialer Beschädigung und hohem formalreligiösen Anspruch geprägte Kafkasche Umgang mit Widersprüchen fern. Denn ,Wesen' und ,Gegenwesen' stehen sich nicht einfach Opponent gegenüber, wie die Briefstelle zeigt, sondern sind miteinander verflochten, und wieder nicht so, daß man den Wunschknäuel mit einfacher Dialektik entfädeln könnte:
"Kafkas Paradoxa leben nicht aus einer Verkehrung des Normalen, sie basieren selbst schon auf einem Widerspruch. Sie lenken nicht auf eine Synthese des Widersprüchlichen hin, wie das traditionelle Paradox, sondern von jeder erwarteten Stimmigkeit ab [. . .]. Kafkas Umkehrung ist also nicht die des klassischen Paradoxes; sie erscheint vielmehr stets verbunden mit einer ,Ablenkung' von konventionellen Denkbahnen [. . .]."
Den üblichen Denkverknüpfungen sind eindeutige, entweder-oder-geord-nete Widersprüche geläufig. Gerade auf sie und ihre linearen Gegensatz-Zuordnungen läßt sich Kafkas Text nicht zurückführen, weil sich - so Rudolf Kreis - "das dem Widerspruch zugrundeliegende ,Stimmige' ,nicht ermitteln' lasse." Dem Widerspruch aufhebenden Dreischritt-Schema steht Kafkas Widersprüche verdoppelndes und häufendes Verfahren entgegen. Dadurch entstehen die Trennungs- oder Eingeschlossenheitsge-flechte , die Kreis im Anschluß an G. Neumann an dem Kafka-Aphorismus untersucht:
"Ein Käfig ging einen Vogel suchen."
Er stellt fest, "daß der ,Käfig', indem er Beine in Richtung auf den Vogel kriegt, ein in sich gespaltenes Wesen darstellt. Dasselbe gilt für den ,Vogel', aber erst dann, wenn man unter Anwendung des von Neumann ermittelten Denkgesetzes der ,Umkehrung' diesen zum Sucher des ,Käfigs' werden läßt [...]. Der ,Vogel', zunächst scheinbar frei, spaltet sich nun ebenfalls in ein Doppelwesen, das zu dem ,Käfig' in eine unauflösliche Beziehung gerät. Er wird zum Käfig-Vogel. [. . .] Man muß [. . .] den Aphorismus aufgrund seiner Umkehrbarkeit als eine Kette der immer gleich sich fortzeugenden Käfig-Vogel-Käfig-Relation aneinanderfügen, die entweder, da sich die paradoxe Ursprungsfrage darauf anwenden läßt, als Zirkelbewegung ohne Anfang und Ende gedacht werden kann 6, oder als eine ,ewige' Kette grotesken Sprach-Wahn-sinns, der nach Aufhebung schreit."
Durchbrochen wäre, was hier mißverständlich als "Sprach-Wahnsinn" bezeichnet wird, durch jede Rede, die für sich und ihre Wahrheit, d. h. für ihre soziale Geltung, ,einstehen' könnte. Solches Einstehen war in Kafkas Leben verhindert durch die familiale Isolation des Kindes, durch die Obsession, durch die Geltungsmonopole des Vaters, durch die dabei entstandene Zwangsbeziehung zwischen Abhängigkeit und permanentem Wunsch nach Soll-Erfüllung und der aus dem Unvermögen dazu resultierenden Angst.
      Jürgen Demmer, auf dessen sehr genaue Detailanalyse des "Urteils" ich mich anschließend vielfach beziehe, hat die Frage nach der unter solchen Bedingungen noch möglichen ,Wahrhaftigkeit' des Autors ans Ende seiner Untersuchung Kafkas als "Dichter der Selbstreflexion" gerückt, dabei aber doch zu pauschal formuliert; denn er vollzieht nur die soziale Zirkelstruktur der Schädigung Kafkas nach, wenn er schreibt:
"Der Grund für sein Unglücksverhältnis zu seinem Vater liegt darin, daß er nicht für sich einstehen kann. Darin liegt zugleich der Grund dafür, daß er in seinem innersten Wesen unwahrhaftig ist.'"
Diese individual-moralistische Begründungs- und Instanzen-Umkehr wäre am besten mit Gert Sautermeisters fundierten methodischen Überlegungen in den ersten beiden Abschnitten seiner Sozialpsychologischen Textanalyse: Franz Kafkas Erzählung "Das Urteil"'" zu korrigieren. Der Verweis auf die Notwendigkeit einer sozialpsychologisch fundierten literaturpsychologischen Analyse jedes Kafkatextes ist angesichts des nach wie vor weithin herrschenden Aussparens psychologischen Unterrichts an den Schulen um so unerläßlicher, als die pädagogische Leerstelle gar leicht mit individual-moralischen Überlegungen gefüllt zu werden pflegt. Wenn schon nicht einfachhin die Gesellschaft als der Grund für ihre Mörder gesehen werden kann, für ihre Selbstmörder hätte ihre eigene "Selbstreflexion" einzustehen, - das ist zu betonen bei der Beschäftigung mit einer Erzählung, die Kafkas leider auch nicht mit den heiligen Wassern der "Sinnfrage"sondern mit den Fluten der Unheilserwartung bespülte "Selbstmördergasse" zum Gegenstand hat.
     

 Tags:
Vorverständigung  über  "die  doppelte  Rede  Franz  Kafka    


Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com