Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Deutsche novellen
„Es waren und sind in mir zwei, die miteinander kämpfen", schreibt Kafka in einem etwa siebenseitigen, sehr wichtigen Brief vom November 1914 an Feiice Bauer, seine unbestimmte Verlobte. „Der eine is
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Leitlinien der Interpretation



Die Interpretation bezieht sich auf die von Paul Raabe als Fischer-TB 1078 herausgegebene Ausgabe sämtlicher Erzählungen . Sicherlich erfüllt der vorliegende Text, der mit einem ,märchenartig' idyllischen,
Harmonie suggerierenden Abschnitt einsetzt, kaum die Kennzeichen einer 'Novelle". Allerdings verweist der 'tragische" Untergang der Kontrahenten mit dem Höhepunkt des Machtwechsels am scheinbaren Krankenbett des Vaters auf ,Umschlagstrukturen'; diese stehen aber ganz im Zusammenhang der einleitend angesprochenen psychischen Verschiebungs- und Aufdeckungsvorgänge und leiten sich überdies eher aus der Rezeption jüdischer Stücke her, in denen die Verbindung von Brief und Verurteilung Parallelen zum Bau der Erzählung zeigt.2"
Der häufige Gebrauch des Indefinitartikels trägt zu dem scheinbar lockeren Stil dieses die Raumexposition gebenden Einleitungsabschnitts bei. Nur der Fluß, an dem sich die kaum mehr als anonymen Häuser reihen, trägt den bestimmten Artikel - vielleicht ein Vorverweis auf seine existentielle Rolle, die erst am absoluten Ende der Geschichte deutlich wird. Situation und Sicht beziehen sich unverstellt auf Kafkas reale Wohn- und Empfindungsweise.
      Kafkas verhüllend-spielerischer Umgang mit biographischen Elementen bei der Namensgebung seiner Aspektfiguren ist bekannt:
'Georg hat so viel Buchstaben wie Franz, ,Bendemann' besteht aus Bende und Mann, Bende hat so viel Buchstaben wie Kafka und auch die zwei Vokale stehn an gleicher Stelle, ,Mann' soll wohl aus Mitleid diesen armen ,Bende' für seine Kämpfe stärken." .
      Biographik ist hier aber auch inhaltlich thematisch, wie der dazu scheinbar widersprüchliche Eintrag ins Tagebuch ausweist:
'In Bendemann ist ,mann' nur eine für alle noch unbekannten Möglichkeiten der Geschichte vorgenommene Verstärkung von ,Bende'." .
      Wie eine inhaltsverdrängende Forschungsgewohnheit jahrelange Kontroversen um die logische Struktur des frühen Gleichnisses 'Die Bäume" zustande brachte, ohne vom Eis zu sprechen, an das sie festgebacken sind, so wird kaum auf die inhaltliche Offensichtlichkeit hingewiesen, daß Kafka hier im Namen bereits die Situation des adoleszenten Innenkonflikts als ,Widerspruch in der Einheit' gestaltet: der arme Gebundene soll durch die Hilfsverstärkung des Appell-Namens 'Mann" einerseits seiner emanzi-pativen Mannbarkeit zugeführt werden, zugleich ist diese Verstärkung aber auch eine solche seines gefesselten Daseins.
      Man kann die folgenden fünf Abschnitte als sehr ausführliche Exposition der psychischen Lage Georgs auffassen, deren scheinbare Sicherheit zunehmend abgebaut wird. Im Wechsel von auktorialer Darstellung und erlebter Rede werden vorsichtige Figuren-Beurteilungen gegeben, die auf Passivität, Selbstunkenntnis, Verdrängung und Alibistrukturen in Georgs Besinnlichkeit hinweisen. In Abschnitt 2 der Erzählung wird aus der Sicht der Aspektfigur 1 die Aspektfigur 2 aufgebaut. In dieser typischen ,Kettenbildung' einer sich dank ihrer Brüche wiederholenden Sicht folgen einer ersten direkten Bestätigungsaussage mehrere Einschränkungsaussagen: das Geschäft 'scheint zu stocken", der Vollbart 'verdeckt nur schlecht das seit den Kinderjahren wohlbekannte Gesicht, dessen gelbe Hautfarbe auf eine [. . .] Krankheit hinzudeuten schien", er hat 'keine rechte Verbindung" mit seinen Landsleuten, 'auch fast keinen gesellschaftlichen Verkehr" mit Einheimischen: mit dieser Häufung von Subjektivitäts- und Unsicherheitsaussagen wird gerade nicht des Freundes, sondern Georgs Existenz, und zwar als Sichtweise, in Frage gezogen. Die in diesem Abschnitt angesetzte Rhetorik der Einschränkung verstärkt sich in der erlebte Rede des nächsten zu einer ziemlich virtuosen Rhetorik der Alibi-Reflexion: Am Thema des Helfens zieht sich das zunehmend ihrer Vergesellschaftung versicherte Erfolgsich-Bewußtsein Georgs - es spricht im anspruchs- und distanzerhöhenden 'man" - auf die Position tatlosen 'Bedauerns" zurück. Aus dieser als Rücksicht und Schonung ausgegebenen Haltung werden psychologisieren-de Gründe dafür gegeben, daß
A) dem Freund nicht zu Rückkehr und Inanspruchnahme der Hilfe seiner Freunde zu raten sei,
B) die Wahrscheinlichkeit des Gelingens einer Rückintegration nicht zu erwarten sei.
      Die Position des Daheimgebliebenen identifiziert sich mit Erfolg, und die Gegenposition wird dabei zur 'Verranntheit".Warum aber der Freund sich zur Flucht gedrängt gefühlt hatte, bleibt verschwiegen. Wenn Georg alle unerfreulichen - für den Freund unerfreulichen - Möglichkeiten durchspielt, werden die doch angeblich durch Hilfsbereitschaft gekennzeichneten 'Umstände" zu Hause gerade zu solchen umgedreht, die jede Rückkunft verhindern, ja die psychologische Rücksicht, die den Verrannten nicht über sich aufzuklären wagen dürfe, nötigt sich sogar den 'Verzicht" auf wirkliche Kommunikation ab: Im Prozeß der Beziehungs-'Reflexion" Georgs wird aus dem hypostasierten Freund eine in die Distanz geradezu versetzte Figur.
      An dieser Stelle wird es wichtig, auf die psychische Bedeutung von Ortsangaben in Kafkas Werk einzugehen. Von zwei Seiten her hat die neueste Forschung die Verstehensvoraussetzungen geschaffen, die sowohl das bloße Stutzen über Orts- und Zeitwidersprüche wie das Konstatieren von 'Paradoxa" hinter sich lassen. Die Bildlichkeitsanalysen, besonders von H. Hillmann und Karl-Heinz Fingerhut, haben erwiesen, daß Räume, Orte, ,Stellen' als bildliche Darstellungen psychischer Situationen eingesetzt werden. Das hängt wiederum mit der über Abstraktionen laufenden
Metaphorisierung zusammen, die Kafka, metaphernfeindlich, seinen auf konkrete Darstellung zielenden Nüchternheitstexten eher zugesteht als Merkmals- und Eigenschaftsmetaphern.
      Wie Rußland für Kafka zu einem Synonym für Entfernung aus der Geselligkeit wurde, so verweist das Motiv des Auswanderns als pragmatisch-narrative Metapher auf das selbstgewählte Alleinsein.2'
Einen ähnlichen Zugang zur Bedeutung der als Orts-Verlust zu sehenden Entfernung hat die mit einer speziellen Sprachphilosophie ausgerüstete Psychoanalytik von Gilles Deleuze und Felix Guattari eröffnet. Hier wird von 'Deterritorialisierung" gesprochen, die als Entzug einer Ursprungseinheit vitaler Aktivität aufzufassen ist, der durch Differenzierung, Arbeitsteilung in gewissem Sinn durch ,Entfremdung' entsteht.'"
Diese Auffassung läßt sich an entwicklungspsychologische Differenzierungen wie an sozialpsychologische Pathologien anschließen; fruchtbar wird sie insbesondere durch den Begriff der 'Reterritorialisierung", der durchaus auch die,Gewinnung von I.ebensmacht und -räum' bedeutet, wie sie in Georgs Entwicklung nach dem Tode der Mutter zustandekommt. Kennzeichnenderweise differenziert sich die Einheit der Freunde gerade zum Zeitpunkt des Todes der Mutter. Kafkas Text liefert ein Analogiesignal für die psychische Korrelation der Freunde in der wiederholten Zeitangabe der drei Jahre: Verschlechterung des Freundes und Verbesserung des ehedem vom dominanten Vater unterdrückten, nun expansiv zupackenden Georg entsprechen zwei Entwicklungsmöglichkeiten der von Sozialanerkennung abhängigen Figuren-Psyche.

     
   Im 6. Abschnitt der Erzählung kommt es fast zu einem Kommentar des Autors zur bisher gegebenen Kennzeichnung des 'besonderen Korrespondenzverhältnisses" : Die aus Fürsorge, Rücksicht und Zartsinnigkeit motiviert erscheinende Kommunikationseinschränkung wird als Kommunikationsverweigerung aus Gründen der Störanfälligkeit der eigenen Psyche erkennbar. Georg hatte 'keine Lust", von seinen geschäftlichen Erfolgen zu berichten, glaubt dann die richtige Zeit für solche Meldungen versäumt zu haben, mithin 'einen merkwürdigen Anschein" zu erwecken, wenn er sie nachholte. Damit ist der Kampf ums Briefeschreiben als einer kenntlich gemacht, der sich um das Problem der Selbstverletzung dreht. Die Darstellung zeigt die Demontage des Bewußtseins der Figur in der klassischen erzählerischen Formulierung Freudscher Fehlleistung, die man erst richtig in ihrer subtilen Selbstironie versteht, wenn man sich der Ungeteiltheit der Bezugsinstanz bei so geteilten .Interessen' der ,Freunde' bewußt bleibt:

'So geschah es Georg, daß er dem Freund die Verlobung eines gleichgültigen Menschen mit einem ebenso gleichgültigen Mädchen dreimal in ziemlich weit auseinanderliegenden Briefen anzeigte, bis sich dann allerdings der Freund, ganz gegen Georgs Absicht, für diese Möglichkeit zu interessieren begann." .
      Das verdrängende und für seine Verdrängung enorme sprachliche und bewußtheitliche Leistung aufbringende Subjekt ist nicht mehr ,Autor' seiner Taten, diese .geschehen ihm' vielmehr, und ihre Wahrheit setzt sich, gegen die Absicht, in repetierten Fehlleistungen durch.
      Welche Leistungen des Bewußtseins werden in Georgs Verhalten versäumt? Der Beantwortung dieser Frage dient eine Analyse dessen, was sich Georg in seinen Reflexionen erspart. Kann man sie als Darstellung der Vorgeschichte der Familie sehen, so fällt ein hochgradiger Mangel an Begründungen auf; was das Verhältnis zu Eltern und Geschäft anlangt , so werden nur äußerst vage, zusätzlich in hypothetische Stellung versetzte Aussagen gemacht . Der Aufschwung des Familiengeschäfts bleibt letztlich unbegründet, die schließlich angedeuteten 'glückliche Zufälle" können von Gert Sautermeister als Signifikanten eines privatwirtschaftlichen Systems gedeutet werden, in dessen Interessengewirr 'sich die Privatabsichten auf nicht regulierbare Weise durchsetzen oder zersetzen."2''
Die Verweigerung von Einsicht gilt in erster Linie jedoch der Selbstbeziehung. Gerade dem Edukanden sollte klar gemacht werden, daß in Georgs Ãœberlegungen kein Punkt sichtbar wird, in dem dieser sich als Einstehender für etwas' - für einen Plan, eine Hoffnung, eine Tat, einen Wert - zu sich selbst beziehen würde: zu dem 'man" der Unverbindlichkeit kommt die Rede von ungenannten 'Freunden", die eigentlich nur als Aufhänger der Alibi-Ãœberlegungen Georgs dienen, sich einen konflikterbringenden Einsatz zu ersparen. Konfliktvermeidung wird als inneres Lebensziel Georgs von Kafka im 6. und 7. Abschnitt deutlich gemacht:
'Er wollte nichts anderes, als die Vorstellung ungestört lassen, die sich der Freund von der Heimatstadt [. . .] wohl gemacht und mit welcher er sich abgefunden hatte".

     
Daß es sich um Selbstbeziehung handelt , wird im Ãœbergang zur dialogischen Dramatisierung der Geschichte im 7. Abschnitt klar ausgesprochen: 'solche Dinge" - Berichte über 'gleichgültige" Menschen, die aber genau das tun, was der Reflektierende auch tat -werden 'viel lieber" geschrieben, 'als daß er sich zugestanden hätte", daß er sich mit Frieda Brandenfeld verlobt hat . Mit der Akzentuierung der im Attribut 'gleichgültig" in Georgs Bewußtsein stattfindenden Entwertung gibt Kafka eine indirekte Charakteristik seines ,Hel-den', der selbst das Existieren versäumt. Das in seinem Leben entscheidende Motiv, der Vollzug der Sozialintegration , wird ins Abseits der Gleichgültigkeit ,verschoben': so täuscht sich Georg mit der negativen Kennzeichnung seiner Situation am ,Spiegel' der anderen über sein wirkliches Interesse; es setzt sich jedoch, als handlungs-erzeugende Motivwiederkehr, in der Korrespondenz durch.
      Die gesamten Reflexionsabschnitte werden so als Geflecht von Scheinargumentation in jener symbolischen Schicht entlarvt, 'in der die Subjekte sich mit der Sprache über sich täuschen und zugleich in ihr sich verraten".2" Es ist hervorzuheben: die Praxis verrät mehr als die rhetorisierte Sprache, deren Absicht mit dem Begriff 'Rationalisierung" zu bestimmen wäre: der 'falschen Erklärung mit einem einleuchtenden Anschein der Vernünftigkeit. "2V
Kafka setzt der langsätzigen, wiederholungs- und übertreibungsreichen, anaphorisch gebauten Stilistik, in der die Bewußtseinsdeformation Georgs gearbeitet ist, im folgenden Abschnitt einen Dialog entgegen, der durch die knappen, logisch triftigen Bemerkungen der verlobten Partnerin soweit vorangetrieben wird, daß ein Unfähigkeitsbekenntnis Georgs zustande kommt. Der Dialog wird durch seine Kennzeichnung als 'oft" geführter erstens in den Zusammenhang der sich wiederholenden Verdrängungsleistungen der Briefe gestellt, zweitens als exemplarischer gewertet. Die Braut setzt sich gegen Georg durch ihren Informationswillen ab, sie besteht auf dem 'Recht, alle deine Freunde kennenzulernen."
Mit diesem Anspruch versucht sie Gemeinsamkeit zu praktizieren; ihm begegnet die um ,Verständnis' bittende Ausflucht Georgs erneut mit einer rhetorischen Hypothesenkette, an deren Ende sein persönliches, sich verschweigendes Problem auftaucht: 'Allein - weißt du, was das ist?" Darauf repliziert Frieda nicht, wie es der Frageappell Georgs möchte, mit einem Räsonnement, sondern mit einem Verhaltensappell:
'Wenn du solche Freunde hast, Georg, hättest du dich überhaupt nicht verloben sollen."
Der Vorwurf, der die soziale Bindungsfähigkeit angesichts der in der ,Freundschaft' sichtbaren sozialen Bindungslosigkeit des Bräutigams aggressiv in Frage stellt, rechnet Georg Tatverantwortung zu: dagegen wehrt dieser sich automatisch mit einer Verantwortungserweiterung, sofort aber auch mit einer sich scheinbar selbstbestätigenden Absichtsbehauptung: 'Ja, das ist unser beider Schuld; aber ich wollte es auch jetzt nicht anders haben."
Frieda kommt unter dem Einsatz der problemverdrängenden, bindungsbe-stätigenden Küsse gerade noch dazu, ihre seelische Kränkung zu bekunden, da hat sich die Umstellung in Georgs Bewußtsein schon vollzogen: er anerkennt seine Identität als weitgehend freundschaftsunfähiger Freund. Durch Friedas Bestehen auf dem Verlobungsstatus wird George analoges Verhalten herbeigeführt. Aber diese reaktive ,Selbstfindung' reicht nicht aus, Georgs praktisches Verhalten in der Korrespondenz zu ändern. Der Mitteilungsimpuls verwirklicht sich wiederum in negierender Form: Frieda erscheint in Georgs Worten wieder in gleichgültig' distanziert-unver-bindlicher Repräsentation wie am Anfang des 7. Abschnitts , der Stil erinnert an den Einleitungsabschnitt , die Mitteilung spart gerade jede Realität aus.
      Ihr kommt es vielmehr genau auf jene Rehabilitierung des Entwertungsgefühls an, das Georg im Gefühl seiner Beziehungsunfähigkeit,unbewußt' hat:
'heute genüge Dir, daß ich recht glücklich bin und daß sich in unserem gegenseitigen Verhältnis nur insofern etwas geändert hat, als Du jetzt in mir statt eines ganz gewöhnlichen Freundes einen glücklichen Freund haben wirst."
Obwohl Georg die Einbeziehung des Freundes in den neuen Familienverband in Aussicht stellt, fällt die Schlußphase des Briefes wieder in die schein-rücksichtsvolle Diktion der Reflexionen zurück.
      Mit Abschnitt 8 und 9 erfolgen Rückgriffe auf die Eingangssituation der Erzählung, wieder sitzt Georg sinnend vor dem Fenster, geht nun aber in den bislang vermiedenen Konfliktbereich: zum Vater. 'Indem Georg der Vaterfigur auswich, hat er sie jedoch nicht ausgelöscht, sondern sie sich nur umso nachhaltiger eingeprägt. Nichts könnte die Schwäche seiner Opposition genauer charakterisieren als der Umstand, daß er die Verlobungsanzeige nicht gleich abschickt, sondern erst den Vater davon unterrichtet."1"
Dieses Bestätigungsbedürfnis widerspricht dem Selbstbestimmungsimpuls: 'Die Offensive, die der Unterdrückte ergreift, bedarf der Rückversicherung beim Unterdrücker."'
Allerdings wirkt dieser zunächst nicht so, vielmehr eher als ein lästiges, in den ,dunklen Winkel' geschobenes Relikt, dessen Beziehung zum Sohn noch beim gemeinsamen Herumsitzen hinter der Zeitung verborgen bleibt.
      Mit Abschnitt 11 setzt der Raumwechsel zugleich mit einer neuen

Lichtregie ein, der Vater erscheint wie ein Symbol der Mühseligkeit, wenn er - Gegenbild zu dem in sonnige Ferne sinnierenden Sohn — mit der Zeitung ans Fenster gerückt ist. Georgs Selbstbezug ist mit dem Eintritt ins väterliche Hinterzimmer kennzeichnend geschwächt: seine Wahrnehmung realisiert den Vater als Riesen, breit und selbstbewußt sitzend.
      Die Unsicherheit Georgs, 'der den Bewegungen des alten Manns ganz verloren folgte" , führt zu sprachlichen Selbstzurücknahmen und gestischen Halbheiten . An der mit der vorausgehenden Dialogszene kontrastierenden, nun einmalig-wirklichen Begegnung fällt im ersten Teil die zurückgenommene, ganz unaggressive, aber doch prüfende, auf Selbsteinschränkung, wiederholte Nachfrage, betonende Antwortwiederholung abgestimmte Dialogführung des Vaters auf. Noch einmal wiederholt Georg, herausgefordert durch die 'Wieso"-Haltung des Vaters, seine Rücksicht beteuernde Alibistrategie, beginnt aber gleichzeitig mit der Entwertung des Freundes als 'schwieriger Mensch".'
Damit geht die anfängliche Selbstverteidigungsbereitschaft wieder in Anpassung über. Sie entspricht im voraus der unwidersprechlich vom Vater eingeforderten Autorität und Ehrerbietung. . Der Vater gesteht dem Sohn nur die Möglichkeit zu, sich mit ihm zu 'beraten", die heftige Aufforderung, jetzt die volle Wahrheit zu sagen, schließt den Vorwurf langer Unaufrich-tigkeit ein. Seine Vorwurfsoffensive praktiziert, darin der fazitziehenden Haltung Friedas ähnlich, Autorität, spart aber — darin identisch mit den beiden anderen Figuren — die aufzeigende Benennung aus. Hatte Frieda die Berechtigung des Verlöbnisses in Frage gestellt, so der Vater nun gar die Existenz des Freundes in Petersburg: Wie das unklare Beziehungsverhältnis der Verlobten sich an der von Georg offen gelassenen Bestimmung seines Freundschaftsverhältnisses bricht, prüft der Vater das Autoritätsverhältnis des Sohnes zu sich mit der Nachfrage nach 'diesem Freund". Georgs Reaktion darauf ist Ablenkung des Gegners durch scheinbesorgte Zuwendung zu ihm, die in ihrer Doppelbödigkeit zwar die Ãœberlegenheit des Helfenkönnens anvisiert, zugleich aber die Autoritätsbeziehung bestätigt: 'Tausend Freunde ersetzen mir nicht meinen Vater", heißt es zu Beginn des 14. Abschnitts. Wieder setzt sich die Helfer-Rhetorik, nun in beruhigenden 'DU"-Anaphern, in die Rolle des handlungsfähigen Subjekts, ja - wie Sautermeister bemerkt hat-sogar in
'den Schein humaner Autorität. Wie sehr der Erzähler auf diesem Sachverhalt beharrt, zeigt sein auf provozierende Details erpichter Beschreibungsgestus: Der Sohn spielt sich als zudringlicher Vater auf, der Vater als seniles Kind, das vom Sohn sich Unterwäsche und Socken ausziehen läßt. Die bewußte Unschicklichkeit dieser Szene |. . .] verschärft sich in jenem Bild, das die gewohnte Ordnung pervers verkehrt: der den Vater auf seinen Armen tragende Sohn, an dessen Uhrkette der Vater spielt, so daß der Sohn sich eines schrecklichen Gefühls' nicht erwehren kann.'"
Ãœberblicken wir die szenischen und gefühlsmäßigen Vorgänge der Seiten 28 und 29 , so scheint sich Georg in eine tragfähige Machposition gebracht zu haben. Zwischen den beiden längeren Redeteilen des Sohnes vollzieht sich jedoch eine Szene, die scheinbar die Symmetrie der Schwäche zwischen den Gegnern bezeichnet, in Wirklichkeit aber die unveränderliche Unterwerfung des Sohnes vorführt:
'Georg stand knapp neben seinem Vater, der den Kopf mit dem struppigen weißen Haar auf die Brust hatte sinken lassen. ,Georg', sagte der Vater leise, ohne Bewegung. Georg kniete sofort neben dem Vater nieder, er sah die Pupillen in dem müden Gesicht des Vaters übergroß in den Winkeln der Augen auf sich gerichtet."

Obwohl es sich beim gesenkten Kopf des Vaters um ein Indiz der realen Schwäche handeln könnte, muß die Bedeutung dieses Ausdrucks doch von der Ko-Reaktion des Sohnes aus gelesen werden, was Deleuze/Guattari tun, wenn sie von einem 'Verlangen" sprechen,
'das Unterwerfung erzwingt, propagiert, das richtet und verurteilt ".

     
   Es handelt sich hier um einen sozialpsychologisch wichtigen: konfliktregulierenden Gestentausch: Die wohl kaum als unwillentlich zu denkende ^Selbsterniedrigung' des Vaters fungiert als Kontrolle der Erniedrigungsbereitschaft des Sohnes — die Prüfung klappt, unterstützt durch den durch Verhaltenheit eindringlichen Gewissensappell, durch die 'übergroß" aus den Winkeln auf den Delinquenten gerichteten Augen. Mit Warnung und Niederknien ,im Angesichte' des Prüfers realisiert die Szene auf spezifisch offene Weise Formen der jü-disch-religiösen Sozialisation ."
Es wäre dementsprechend kaum zutreffend, von einem psychisch symmetrischen Rollenwechsel in der Abfolge von Erniedrigung und Erhöhung bei Vater und Sohn zu sprechen: mir scheint kein Indiz dafür gegeben, daß das Bewußtsein des Vaters je die Kontrolle über sich und die Situation verliert — auch das scheinbar kindische Festhalten an der Uhrkette dürfte sehr viel gefährlicher als — allerdings szenisch verfremdetes und ins Groteske gezogenes - Bild des Verkettungsanspruchs zu deuten sein. Das bestätigt nicht zuletzt Georgs 'schreckliches Gefühl" dabei.'
Georg vermag die vom Vater zur Schau gestellte Schwäche nicht zu durchschauen; sie hilft aber einem bisher verdrängten Wunsch an die Oberfläche: dem Todeswunsch gegenüber dem Vater
.
      Wie diese Stelle zunächst nicht als Todeswunscb deutbar ist, so dürfte die durch prüfende Nachfrage und außersprachliches Verhalten allein auffallende Wiederholung des Motivs 'Zudecken" kaum sogleich als Signal für das zwischen Vater und Sohn schwelende Todesmotiv erkannt werden. Die Reichweite des szenisch ,durchgespielten' Bildes reicht von ,Ausschalten', ,In-den-Ruhestand-Versetzen',,Krankmachen' bis zu ,Begraben' - für die Bewußtseinsebene darf angemerkt werden, daß der Vater, der die manifest gegenaggressive Klärung des Vorgangs verbalisiert, vorher 'sich selbst" zugedeckt hat. Seine Eruption verweist wie beim ersten Erscheinen auf das Motiv der großartigen Machtentfaltung , schleudert dann den gestauten Haß in grob verächtlicher Suada auf den Sohn.
      Dabei wird das — in unserer Interpretation bisher ausgesparte — Verhältnis des Vaters zum Freund noch einmal thematisch. Mit der Behauptung einer identifikatorischen Beziehung zur gerade in der Distanz vom Vaterhaus wichtigen Freundesfigur gelingt dem Vater die erste E,ntmachtung, — ihr folgt als zweite die Zerstörung der Beziehung zur Braut.
      Des Vaters Negation der Freundschaftsbeziehung nach der Kniefallszene wird von Georg mit einer längeren Explikation beantwortet, die insgeheim deutlich macht, warum er sich der Auseinandersetzung zwischen Vater und Freund nicht stellte. Schon vor Jahren hatte der alte Bendemann den Freund sanktioniert beziehungsweise zu einem Mittel für die Kontrolle des Sohns umfunktioniert.


Georg erinnert an die Verleumdung des Freundes. Für den Widerstand des Vaters vermag Georg wieder keine Gründe anzugeben, er vollzieht aber durch verbalistische Leerargumentation auch jetzt nur die Tradition seiner willenlosen Hörigkeit: er 'war damals noch so stolz darauf, daß du ihm zuhörtest, nicktest und fragtest".'" Mit der Anrede als 'Früchtchen" verstärkt der alte Bende-mann das Abhängigkeitsthema der Beziehung, mit der Behauptung, der Freund 'wäre ein Sohn nach meinem Herzen", spaltet er die Beziehung zwischen Sohn und Freund; möglicherweise läßt sich eine Begründung für den nun hervorgekehrten positiven Aspekt der Freundesfigur für den Vater darin sehen, daß der Freund nicht - wie Georg - versucht hat, durch Heirat, Geschäftserfolg die Entmachtung des Vaters voranzutreiben." Die Steigerung negativer Affekte und zotiger Sprachverwendung verweist jedenfalls darauf, daß das Thema der Heirat für den alten Bendemann selbst traumatisch ist. Während Georg, zwar aufsehend 'zum Schreckbild seines Vaters" , sogleich in eine Angstvision des todesgefährdeten Freundes gerät, wird er vom Erzeuger erneut gezwungen, den Blick auf ihn zu richten, - was sofort zu einer übertriebenen Angstreaktion des Entgegenkommens führt, die jedoch halbwegs steckenbleibt. Mit der obszönen Rockszene zerschlägt der Vater die Verbindung des jungen Bendemanns zur Braut, zusätzlich wird dieser von jeder Mutter-Identifikation abgedrängt: er wirft ihm Schändung des Andenkens der Mutter, Freundesverrat und Beseitigung des Vaters vor.4" Völligen Rückgewinn des in der Vorgeschichte der Erzählung vom Sohn erworbenen Territorismus kündigt der Vater in dem Triumph an, dank seinem Widerstand sei der Freund 'nun doch nicht verraten!", der Vater sogar 'sein Vertreter hier am Ort". Kaum daß der fast völlig in pathologisches Vergessen geratene Widerstand Georgs, dessen Bewußtsein nur noch auf Selbstschutz gerichtet ist, den Zwischenruf 'Komödiant" riskiert, vollzieht es schon die Selbstbestrafung, indem er sich, den 'Schaden" erkennend und 'die Augen erstarrt", in die Zunge beißt. Die wiederum schäbige, selbstmitleidig-triumphale Weise, in der der Vater das Stichwort 'Komödiant" aufgreift, enthält eine bestürzende Ankündigung des Lebensverweigerungszieles der Auseinandersetzung: welchen Trost außer solcher Komödie hatte der verwitwete Vater gehabt, 'sag' - und für den Augenblick der Antwort sei du noch mein lebendiger Sohn - was blieb mir übrig [. . .]". Leben wird demnach nur noch zugebilligt als kurzfristiges, Gehorsam erfüllendes Antwortgeben auf totale Beschuldung.
      Der Urteilsspruch des Alten kann zu göttlichen Assoziationen nur verleiten, wenn man, Georg ähnlich, den Kontext vergißt: Deutlich genug signalisiert Kafka die nur allzu menschlich-kleinbürgerliche, egozentrische
Struktur der unerfüllten Pater-familias- und Altmänner-Libido durch falsche' Wortwahl: nachdem der Vater im Ausfall gegen Frieda durchs Hochheben des Hemds seine Veteranen-Leistung als Einschüchterungsmittel demonstriert hatte, ,,stand[er] vollkommen frei und warf die Beine. Er strahlte vor Einsicht." So wenig hier von Einsicht, ist am Ende des 'Komödien"-Abschnitts von Liebe zu sprechen: 'Glaubst du, ich hätte dich nicht geliebt, ich, von dem du ausgingst?"
Ich nehme persönlich an, daß Kafka bei dieser indirekten Zitation jenes Topos, der Herkunft, Geschaffenhaben als Anspruchsgrund für ,Gegenliebe' auslegt, auch der obsessiv-verpflichtenden Religionspsychologie .gedachte' - er widerlegt deren durchaus abstrakten Anspruch in der .parabolischen' Folgeszene am pragmatisch-psychischen Akt: Noch ehe eine Aussage über Geltung, Wahrhaftigkeit, Ernst dieses negativ 'väterlichen" Satzes gemacht wird, kommt der Sohn mit der absolut richtigen Ãœberlegung ihr .entgegen', daß der Vater sich nun 'vorbeugen" würde: um die Gegenliebe einzufordern. Die Psyche des Sohnes reagiert mit völliger Negation von Liebe: Der Todeswunsch 'durchzischte seinen Kopf": 'wenn er fiele und zerschmetterte!" . Im Gegensatz zur unbewußt-automatischen Todeswunsch-Reaktion Georgs ist der Vater verhaltensflexibel: er interpretiert die Szene sofort um und gibt damit zu erkennen, daß sein Sichbeugen auf Unterwerfung lauernde Prüfung des Sohnes war.
      Im totalen Machtkampf werden menschliche Beziehungen aufs Niveau vampyrischen Ausbeutens reduziert: um 'noch immer der viel Stärkere" sein zu können, muß dem Patriarchen die verstorbene Mutter als Kraftgeberin herhalten. Alle Beziehungen werden zur nackten, in die 'Taschen" steckenden Besitzbarkeit entwertet. So spielt der Vater mit seinen Entwertungsübertreibungen alle Beziehungsversuche des Sohnes als diesem mißlungene durch, enteignet sie hiermit, um sie als ihm selbst glorios gelungene zu besetzen, dabei eine grotesk beliebige Reihe von Rationalisierungen liefernd. Damit gelingt die Bewußtseinsentmachtung des Sohnes so vollständig, daß dieser seine Einsichtsmomente sofort zensiert und damit verstärkte Affirmation abliefert': Der Versuch, die Ãœbertreibung des Vaters durch nachäffende Ãœberbietung zu widerlegen, schlägt im Sprechakt schon und dessen unbewußter Richtigkeit' in den Ernst der tödlichen Selbstaufgabe um.
      Zum Ende des dialogischen Kehraus bringt der Vater mehrfach die biographische Dimension zum Einsatz, um das Mißlingen des Mensch- und Erwachsenwerdens des Sohnes höhnisch zu verdeutlichen. Jede Aktivität, auch das Zeitungsle-sen, wird in der Perspektive des nun biographisch unendlich gewordenen Machtkampfes rückinterpretiert, und die tödliche Tendenz der Bezugsbiographien wird als Schuldbezug der Willens- und Kommunikationsschwäche des Sohnes angelastet, die Verzögerung des Reifungsprozesses als Versagen des Willens ausgelegt.
      Das letzte von Georg in den Beschuldigungskreislauf geworfene Wort 'du hast mir also aufgelauert" rafft seinerseits das Beziehungsverhältnis als überdauernde Bedrohung und wäre damit geeignet, den triftigen Vorwurf des Sohnes gegen die patriarchale Ãœberlegenheit explizit zu machen. Das kann aber der Vater in die Vergeblichkeit unaufholbarer Verspätung verweisen, um dann mit der Kritik des solipsistischen, nur von sich selbst wissenenden Verhaltens die indirekt schon angekündigte Verurteilung auszusprechen:
'Jetzt weißt du also, was es noch außer dir gab, bisher wußtest du nur von dir! Hin unschuldiges Kind warst du ja eigentlich, aber noch eigentlicher warst du ein teuflischer Mensch! -Und darum wisse: Ich verurteile dich jetzt zum Tode des Ertrinkens!"
Man hat bisher kaum herausgestellt, daß sich im Urteilsspruch eine dreifache Hervorhebung des Wissens findet: gegen das infantil-solipsisti-sche Nur-von-sich-Wissen wird das reife Wissen gestellt, dessen Inhalt aber der biographischen Vergangenheit, d. h. der Uneinholbarkeit zugewiesen. Die Verfehlung des Reifeprozesses wird in der Urteilskorrektur des zweiten Satzes mit einer Intensität behauptet, die ,religiöse' Assoziationen weckt : aber die Verwendung des Ausdrucks 'teuflisch" kann nach dem vorgeführten Machtkampf nicht mehr als einfach 'religiöse Verurteilung Georgs" verbucht werden. Relevanter als die immerhin an religiösen Sprachgebrauch gemahnende, 'religioide" Verba-lisierung ist das Verhältnis von verbalem Appell und seinem praktischen Erfolg: die mit dem Wissensappell gleichsam gerüstete Verurteilung vollendet die Automatik der Urteilsübernahme, die bereits unzählige Male vorgeführt ist, zu jener Fraglosigkeit, welche dies letzte zukunftslose
Wissen als den Zusammenfall von Fremd- und Eigenbestimmung in der Eile, dem Tod nachzukommen, realisiert.
      Georgs Vollzug des vom Vater ihm eingeimpften Verurteilungswissens läßt sich mit Demmers Vorschlag umschreiben: 'es" treibt ihn in den Tod. Wer sich wie er 'aus dem Zimmer gejagt fühlt", dürfte aber auch von der müßigen Frage befreit sein, ob er hier 'handelt". Das kann jedoch nicht zu der Aussage führen, daß er 'weder handelt, noch etwas erleidet".
      Wer auf der Welt, wenn nicht Georg, erleidet denn noch?! Bedarfes, um sich diesen Tatbestand einzugestehen, erst der Strafkoloniemaschinen?
Deleuze' Sozialpsychologie sieht dieses 'Es" konkreter, als es die bloß grammatische Kategorie zuläßt: es handelt sich nur wiederum indirekt um die im Freudschen Sinn unbewußten Triebkräfte ; obzwarim Rahmender Kafkaesken Begründungsschwäche von der Darstellung in der Erzählung weitgehend ausgespart, handelt es sich um Mächte des ins Negative umschlagenden Begehrens: Aus-stoßung statt Er-füllung. '[. . .] der Vater ist eher ein Kondensat all jener Mächte, denen er sich unterworfen hat und denen sich zu unterwerfen er auch dem Sohn empfiehlt"4' - vielleicht einprägsamer mit dem Bloßlegen der Kriegswunde für Machtkampf als Lebensform werbend als mit sprachornamentalen Ãœbertreibungen. Lebensform als Machtkampf: das bedeutet notwendig das Zusammenklappen auch der aggressiven Kraft, wenn ihre Gegenkraft davoneilt. Der gleichzeitige 'Untergang" der Gegner verweist auf die Entmachtung der Spaltungskräfte, wenn sie ihren Widerspart, der ihnen ,Objekt' und ,Kraft' zugleich ist, verlieren.
      Das Double-Bind-Modell, das sowohl die zwischen Vater und Sohn wie auch die in jeder der Figuren bestehenden Instanzen-Kriege bezeichnet, läßt jene trivialrealistischen Erwägungen hinter sich, in denen Schuld immer noch als Sache erfahndet wird und nicht als der seelische Entzweigungsprozeß, den Macht durch Beschämung und Verurteilung erreicht. Das Thema der Scham, im Laufe des unter der ,Haut der Rede-Gefechte' verborgenen Selbstverurteilungsprozesses zunehmend -dank der Offensive des Vater auch hier - offengelegt, gewinnt im Nachvollzug des Sohnes seine,keusche' Realisierung: Kafka markiert noch einmal die Bedeutung der Sozialanerkennung, wenn er Georg - 'ausgezeichneter Turner [. . .] zum Stolz seiner Eltern gewesen" -sich mit seinen 'schwächer werdenden Händen" so lange am Geländer festhalten läßt, bis auch noch der akustische Ãœberrest seiner davongejagten Existenz von einem 'Autoomnibus, der mit Leichtigkeit seinen Fall übertönen würde", überrollt wird. Die Wirksamkeit der Vorwurfsbeschämung motiviert den als Gegenbeteuerung zur auftrumpfenden Liebesbehauptung des Vaters 'leise" gerufenen Satz Georgs 'Liebe Eltern, ich habe euch doch immer geliebt"; er schreit ebenso leise nach jener leisen Gegenliebe, von der Kafka in den dichterischen Texten nicht laut schreit. Verschwiegen hat Kafka zum Vorteil unseres Verstehendürfens seinem Freund Max Brod nicht, 'was der Schlußsatz bedeutet? - Ich habe dabei an eine starke Ejakulation gedacht."

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