Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Deutsche novellen
"Es waren und sind in mir zwei, die miteinander kämpfen", schreibt Kafka in einem etwa siebenseitigen, sehr wichtigen Brief vom November 1914 an Feiice Bauer, seine unbestimmte Verlobte. "Der eine is
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Hinweise auf Materialien und Methoden



'Wenn Kafka in seiner Aufzählung der Ziele einer kleinen Literatur die ,Veredelung und Besprechungsmöglichkeit des Gegensatzes zwischen Vätern und Söhnen' anführt , so handelt es sich dabei nicht um eine ödipale Phantasie, sondern um ein politisches Programm."
Wichtigstes Material und lebendigste Methode des Kafka-Unterrichts scheint die Spontaneität im Besprechen der Familienthematik, die als
Verstehenshaltung zwischen Lehrern und Schülern eingeführt sein müßte, soll Kafka - wohl auch freizuhalten von Prüfungszwecken - seinen außergewöhnlichen Beitrag zum Thema der Solidarität entfalten können. Pure Pflichtübungen in aufgezwungenen Vergleichen von 'Interpretationen", die jeder erfahrungs- und persönlichkeitsgestützten Einsicht ermangeln, wären eher zu unterlassen."
Ist die erste Voraussetzung eines gelingenden Kafka-Unterrichts eine ausreichende Vertrautheit des Lehrers selbst mit dem Dichter, dann lassen die wissenschaftlich bereitstehenden Materialien eine Fülle von individuellen Zugriffen, Selektionen, Arrangements zu. Hier sind zunächst Text-Materialien aus Kafkas Schriften selbst zu nennen.
      Obgleich der vorstehende Versuch wohl mehr dem Bereich intensiver Kafka-Didaktik zuzurechnen sein mag, seien die 'Vorschläge zu einem extensiv aufgefaßten Literaturunterricht", wie sie Karl Stocker gemacht hat/* mit Dankbarkeit als ergiebig anregendes Material vorweg genannt. Die Schwierigkeiten des Textes dürften eine Behandlung vor der 11. Klasse kaum erlauben, - auch in dieser und in der 12. sind wohl Stützen des Verstehens einzubringen, die in der 13. Klasse bzw. in der Kollegstufe bis zur Einführung in das Gesamtwerk Kafkas oder in die moderne Literatur weitergeführt werden können. Die manifeste biographische Bedeutung des Textes legt es nahe, zunächst auf Kafkas Selbstdeutung einzugehen.

      1) Kafkas Selbstdeutung
Der Tagebucheintrag am Tag nach der Niederschrift liefert in der Metaphorik der Geburt Hinweise auf die erstmalig als Erfüllung erlebte Inspiration Kafkas. H. Binder stellt seine genauen Darlegungen zu diesem Text in den größeren Zusammenhang der Kreativitätspsychologie C. G. Jungs, A. Ehrenzweigs , vgl. H.B.: Kafkas Schaffensprozeß mit besonderer Berücksichtigung des Urteils. Eine Analyse seiner Aussagen über das Schreiben mit Hilfe der Handschriften und auf Grund psychologischer Theoreme, in: Euphorion 70, H. 2: 129-173.
      Gegen die häufig pauschal gesetzte Auffassung von Kafkascher Kunst als ,Monolo-gie' ist die geradezu vollkommen zu nennende Mitteilungssituation des 'Urteils" zu setzen: Selbstdarstellungs- und -bestätigungskontakt mit Dienstmädchen und Schwestern unmittelbar nach Beendigung des Textes!
Die Selbstaffektion Kafkas wird in einem wichtigen Eintrag als zentrales Moment seiner Selbstrezeption deutlich, vgl. 25. 9. 1912.
      Zu einer ausführlichen Selbstinterpretation kommt es erst am 11. und 12. Februar 1913.
      2) Eintragungen zur Lebens-, Ehe- und Künstler-Problematik
Dafür sind allgemein die Aufzeichnungen von 1911 bis 1913 heranzuziehen, wobeifolgende Stellen hervorgehoben seien: 19. und 23. 12. 1911 ,31. 12. 1911 ; 3. 1.1912 , 7. 1. 1912 , 10. 3. 1912 , 15. 8. 1912 , 15. 9. 1912 .
      3) Der Brief an den Vater vom November 1919 ist sicher zu den wichtigsten Materialien zu rechnen, jedenfalls sollten Auszüge zum Unterricht herangezogen werden . Exakt und informativ sozialgeschichtlich dazu der Beitrag Christoph Stölzls in KHb 519-539.
      4) Der Lebensbericht der Mutter als Beleg für die familiäre Verdrängung des Sohnes wird mitgeteilt in Klaus Wagenbachs Bildmonographie, Reinbek 1973, 12ff., und interpretiert bei R. Kreis: Doppelte Rede, 121 f.
      5) Die anderen Erzählungen, Fragmente und Traumberichte liefern unzählige Ansatzebenen für Vorarbeit oder Weiterführung. 'Der plötzliche Spaziergang" ; 'Entschlüsse" ; 'Der Fahrgast" ; 'Die Abweisung" ; 'Das Gassenfenster" .
      'Die Verwandlung" ist als Weiterführung der Krisenthematik und als große Metaphern-Erzählung am nächsten mit dem 'Urteil" verwandt. Von ihr aus ergibt sich der Rückgriff auf die .Personenteilung' in 'Beschreibung eines Kampfes" sehr leicht. Auch die 'Raban"-Fragmente aus den 1906/07 entstandenen 'Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande" erleichtern den Zugang zu dieser Erzählung, deren sozialkritische und sozialpsychologische Dimension G. Sautermeister wiederum klar herausgearbeitet hat. , 147 ff., und von Fritz K. Richter: 'Verwandlungen" bei Kafka und Stehr, in: Monatshefte 63 , 141 ff. Besonders empfehlenswert-auch als Einführung in Kafka - Karl-Heinz Fingerhut: Die Funktion der Tierfiguren im Werke Franz Kafkas. Offene Erzählgerüste und Figurenspiele, Bonn 1969; ergänzend dazu Norbert Kassel: Das Groteske bei Franz Kafka, München 1969, stark philologisch ausgerichtet Barbara Beutner: Die Bildsprache Franz Kafkas, München 1973).
      Das Thema Solidarität läßt sich an einigen späteren Texten relativ leicht, auch schon für die Mittelstufe behandeln: 'Gemeinschaft" und 'Eine Gemeinschaft von Schurken" haben sich als Texte für die kritische Bewußtseinsphase der Pubertät ebenso bewährt wie 'Die Prüfung" und 'Fürsprecher". Vgl. dazu die übergreifenden Aufsätze von Anthony Stephens: Zum ,inneren Gericht' bei Kafka und anderen, 70-98, und Libuse Monikovä: Das soziale Modell des Autors. Franz Kafka: Schuld und Integration, 99-112, beide in der Veröffentlichung des Internationalen Kafka-Symposions der Evangelischen Akademie Hofgeismar unter dem ortsgemäßen Titel 'Türen zur Transzendenz", 1978.
      Unter der unvorgreiflichen Vielfalt methodischer Möglichkeiten legen sich dank der thematischen und formalen Wiederholungen des Kafkaschen Werkes Reihcnbildungen und Unterrichtssequenzen besonders nahe. Sicherlich ist dabei zu bestätigen, daß Häufung von 'Stellen" und exemplarisch-detaillierte Analyse sich gegenseitig im Eröffnen von Verständnis bestärken können. Dem Ziel der Vertiefung würde etwa die Analyse ausgewählter Aphorismen aus den - von Brod so genannten - 'Betrachtungen über Sünde, Leid, Hoffnung und den wahren Weg" dienen, - sie gehört allerdings zu den schwierigsten literaturwissenschaftlichen Aufgaben. Immerhin ist die Luzidität, mit der bestimmte Beziehungsmodelle in diesen Aphorismen formuliert werden , in einem Leistungskurs durchaus klarzumachen und für ein Gesamtverständnis einzusetzen.
      Innerhalb eines autorimmanenten Unterrichtsganges wären Einheiten von fiktionalen und verschiedenen expositorischen Texten zu kombinieren. : Fiktionale und nichtfiktionale Texte desselben Autors. Stuttgart 1976, Rcclam 95 15). Thematisch können spezifische Textreihen zur Vater-Sohn, zur Familien-, Erziehungsthematik , zur Künstler- und Freundschaftsproblematik gebildet werden. Den besonderen edukatorischen und methodologischen Gewinn eines Vergleichs verschiedener Interpretationen wird man allerdings nur bei ziemlich ausgiebiger eigener Vorarbeit und in einer intensiv vorbereiteten Gruppe erzielen können. Hier ließen sich zwischen 5 und 10 Interpretationen zum Urteil heranziehen:
- R. Falke: Biographisch-literarische Hintergründe von Kafkas 'Urteil". In: Ger-manisch-Romanische Monatsschrift N. F. . , 164ff.
      - Ingo Seidler: 'Das Urteil": Freud natürlich? Zum Problem der Multivalenz bei Kafka. In: Psychologie in der Literaturwissenschaft, hg. v. W. Paulsen, Heidelberg 1971, 174 ff.
      - Helmut Richter: 'Das Urteil". In: Ders., F. K., Werk und Entwurf, Berlin 1962, 105-112.
      - Heinz Politzer: Das Urteil. In: Ders., F. K., der Künstler, Frankfurt/M. 1965, 87-104.
      - Erika Haas: Differenzierende Interpretation auf der Oberstufe. K.s Das Urteil. In-DU 1969, 64-70.
      - J. P. Stern: F. K's 'Das Urteil": An Interpretation. In: GQ 45 , 114-129.
      - F. J. Beharriell: Kafka, Freud and 'Das Urteil". In: Texte und Kontexte. Studien zur deutschen und vergleichenden Literaturwissenschaft. Festschrift für Norbert Fürst zum 65. Geburtstag, hg. v. M. Durzak, F. Reichmann und U. Weisstein. Bern und München 1973, 36 ff.
      -

V.

Murreil und W. S.Marks: K'sTheJudgmentand the Interpretation of Dreams, In: Germanic Review 48 212-228.
      - G. Sautermeisters sozialpsychologische Analyse wurde genannt.
      Ganz besonders fruchtbar und motivierend hat sich jedoch immer wieder die vorbereitende Arbeit auf Kafka gezeigt: sei es innerhalb einer Thematik 'Biographie", 'Erzählte Erziehung" oder einer literarischen Formthematik oder mit der Klassenlektüre psychologischer Forscher. Freuds Oeuvre bietet sich aus historischen Ãoberlegungen an, und mit einer gemeinsamen Lektüre der 'Psychopathologie des Alltagslebens", der 'Traumdeutung", des 'Abriß der Psychoanalyse" oder von 'Massenpsychologie und Ich-Analyse" und seinen Briefen an die Braut ist die Ausrüstung gegeben, wenigstens in Ansätzen Kafkas Schreiben als 'Betrügen . . . ohne Betrug" zu durchschauen.â"¢ Dietrich Krusche, der sich mehrfach sowohl um literaturwissenschaftliche wie didaktische Forschung zu Kafka verdient gemacht hat, gerade weil er die dargestellte Interaktion problematisierte,*" hat für die psychoanalytische Deutungsmethode 'kritische Selbstbegrenzung'"'' gefordert. Sie ist notwendiges, textangemessenes Moment jeder Kafka-Lektüre, die jedoch auch zu der Einsicht führen sollte, daß lebensangemessenes, also von Angstfixierung freies Verstehen ein Verhaltensproblem ist. Wie von Turk dargestellt ist, schrieb der lebensgeschädigte Autor 'sich selbst den Text, der ihm zu handeln erlaubt." Er tat es unter der Frage nach der 'Unveränder-lichkeit der Schrift" - ihr steht der kooptierende Wechsel des Dialogs entgegen. Kafkas Problematisierung der Möglichkeit dieser seiner Frage erlaubt uns einsichtsvolleren und freieren Vollzug jener didaktischen Forderung, die Watzlawick in der Formel 'Sei spontan" beschreibt: Sie verliert ihren ,paradoxen' Charakter in dem Maß, in dem Gegenseitigkeit der Anerkennung und Aufforderung zur vorwegnehmenden Frage praktiziert wird, in dem die Erlaubnis besteht, aus Schul- und Prüfungssituation herauszuspringen.

     

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