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„Es waren und sind in mir zwei, die miteinander kämpfen", schreibt Kafka in einem etwa siebenseitigen, sehr wichtigen Brief vom November 1914 an Feiice Bauer, seine unbestimmte Verlobte. „Der eine is
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Didaktische Aspekte - Verstehensbegriffe und Verstebensbaltungen



Kafkas Geständnis der sexuellen ,Denkbarkeit' des Ausdrucks 'unendlicher Verkehr", der damit partiell zur Metapher wird, liefert ein Beispiel für die Multivalenz seiner Textelemente. Fast der Trivialbedeutung angenähert, lassen sie sich gelegentlich sogar im .Literalsinn' verstehen, kommen zu ihrem Sinn als verdeckende Metaphern aber erst, wenn sie ihre verborgenen Bedeutungen freigeben.

     
   Wie im einleitenden Teil ausgeführt, vernachlässigt wörtliches, aber auch allegorisches Lesen die Verdeckungs- bzw. ,Lügen'-Struktur der in ihrer Kommunikations- und Bewußtseinsnot verfangenen Dilemma-Figuren. Die Aufmerksamkeit des Lesers ist auf den Vollzug, nicht auf das verselbständigte Detail zu lenken. Dieses steht, weil es sich vorsprachlich und sprachlich zum ,Bild' zu fixieren neigt, in Bildzusammenhängen, deren vorlogische, jedenfalls häufig lexikalisch nicht fixierte Bedeutung mit dem Tabu- und Wunschcharakter der zentralen Lebenswerte zusammenhängt. Auf diese über die Verstell- und Vergrabungsarrangements der Texte hinzuführen, erscheint als vordringliches Ziel einer Kafka-Didaktik. Jede Arbeit an ihm enthält die Frage, wie Leid, Angst, Selbstdestruktion vermieden werden können; diese Frage wiederum ist nur sinnvoll zu stellen, wenn der Verordnungscharakter der Leid-Institutionen als quasi allgegenwärtiges Deformationspotential einsichtig gemacht wird. Soweit das lesende, bloß lexikalisch realisierende Subjekt sich nur auf die Abfragbarkeit der Begriffe seines Verstehens bezieht, verfehlt es die Verstehenserweiterung, die Kafka ihm aufdrängt. Dem bloß sozialisierten, deshalb dem Eigen-Sinn der Schwäche kontrollierend entgegengestellten Verständnis von 'Liebe" zwischen Eltern und Kindern, die immer 'Gehorsam" einschließt, kann Kafkas verzweifeltes Zitat-Spiel mit dem Liebesappell nicht aufgehn. Seine Verstehenspraxis ist von Regeln des tauschenden Rechts und der fixierten
Legitimität gebunden. Verstehen des Fremden, Anderen, das sich auf dessen Gegensätzlichkeit einläßt, setzt ein Verhalten zum Gegenstand voraus, das über Fixierungen hinausgeht .
      Dann würde Verstehen zu einer Handlung, in der Gegenseiten sich vereinen. Eine Verstehenshaltung, die zum Erkennen von Korrespondenzen bereit ist, steht freilich in denkbar großem Widerspruch zu einer schulischen Enkultura-tion, die auf Eindeutigkeit , Errechenbarkeit und Absicherungseinstellung rundum zielt. Im Umgang mit Kafkas Reduktionsfiguren ist die Abwendung von einem eindeutig wertenden Klassifika-tions- und Kennzeichnungsdenken erst zu lernen. Das schließt auch die Abkehr von segmentierten Inhaltsbestimmungen seiner Texte ein, die eben nicht 'im Sinne einer religiösen Allegorie"4'' verstanden werden können, -es sei denn, die verdrängten tiefenpsychologischen Aspekte jener Allegorien kämen an die Oberfläche des Verstehens . Aber die Aussparung gerade der inhaltlich kompatiblen Elemente macht doch das allegorisierende Verstehen aus, das von Karl-Heinz Fingerhut zurecht als eine vorkritische, auf die verunsichernden Informationsentzüge der Texte reagierende, sich auf 'die Suggestivwirkung selbst kleinster Details" werfende Lektüre im Eingeständnis der Hilflosigkeit vor dem Ganzen gesehen wird.
      Hatte die Allegorese das Detail-Zeichen in sozial bekannte Schemata von Wertungsordnungen eingespannt, so dürfte in Kafkas dargestellter Welt, wo die 'Lüge zur Weltordnung" gemacht wird , das Zeichendetail seine Signifikanz erst dadurch erreichen, daß seine ,Verwandlungs'-, ,Verschiebungs'-Existenz seine Mehrdeutigkeit bloßstellt, so daß Sache und Sprache zusammenrücken, anders gesagt: daß die Verstehensformen der Figuren, verstellt von ihrer objektiv geschädigten Subjektivität, sowohl Strategie wie leidendes Erfahren darstellen.
      Einem Schwachen immer seine Schwäche als Schuld vorzuwerfen, ist eine ungeheure Abstraktion. Gegen sie ging Kafka mit den Gegen-Abstraktionen seiner quasi realistischen, aber Löcher aufstellenden Kunst an. Die Abstraktion der Tautologie zu durchschauen, wäre das umfassende Ziel eines Verstehensunterrichts, den Kafkas Texte - so stellen es gerade die jüngsten und genauesten Untersuchungen zu ihrer Struktur dar - wie kaum andere des 20. Jahrhunderts ermöglichen.
      Die besondere Schwierigkeit des hermeneutischen Umgangs mit dem Verstehens-Angebot und -Entzug Kafkascher Prosa in der Schule wird von der Nötigung geschaffen, gerade ein ,urteilendes' Weltverhalten, zumindest als schnell zugreifendes, zurückstellen. Einesteils regen seine Begründungslücken und seine detektivischen Planüberlegungen intellektuelles Spiel und rationale Aktivität an, andernteils sind oberflächliche Logik und verständigungsalltägliche Pragmatik außer Kraft gesetzt.4''
Am Beispiel der ,Bedeutung' des russischen Freundes, die in der Forschung reichlich widersprüchlich festgelegt wurde, kann die Ambivalenz dieser Figur als Konkretisierung mehrerer Beziehungsmuster einsehbar gemacht werden.
      'Wie konträr die Auffassungen des Freundes je nach Erkenntnisinteresse sein können, zeigt R. Tiefenbruns These vom Prototyp des Kafkaschen Homosexuellen, während W. Rehfeld vom .mahnenden und beunruhigenden Gewissen' spricht."5"
Die Feststellung 'konträren" Wertes ordnet sich selbst einer ganz spezifischen Verstehenshaltung zu: jener wissenschaftlichen, die Unterschiede und Ambivalenzen allzu schnell in kontradiktorische Widersprüche zu verschärfen pflegt. Die von uns vorgeschlagene ,offene' Auslegung würde sich nicht auf Klischees sozialer oder psychologischer Namens- und Wertfixierungen festlegen, sondern das eher in spezifisch kreativ-poetischem Sinn vorprädikative Geflecht von Motiven anerkennen wollen.5' Die beiden hier in Widerspruch gerückten Auffassungen lassen sich wohl miteinander in Beziehung setzen: Sprechen genügend Textsignale für die Möglichkeit einer solchen Bedeutungskonstitution , so muß zugestanden werden, daß in dieser ,Freund'-Beziehung der spezifische, von Kulturtabus zwar belastete, aber nicht ausgelöschte Begehrenscharakter der ,Gesamtfigur' sichtbar gemacht ist.
      Angesichts der nahezu totalen Wunschvernichtung, die Georgs Sozialisation stigmatisierte," wird durchaus verständlich, inwiefern geradezu eine solche- nach Lacans Bezeichnung das 'Spiegelstadium" darstellende - Instanz zugleich zum Stachel der bislang versäumten Ichfunktion werden kann: diese hatte die Integration zwischen Ãœber-Ich und Es nicht erreicht, sondern mit Mechanismen der Ãœberanpassung und der Flucht vor Eigenbezug ersetzt. Zu Kafkas radikaler Thematisierung dieser anthropologi-sehen, vor allem sozialen Konstellationen gehört die Verwandlungs-Moti-vik : das Tiersein läßt die Bewegung von Macht- und Ohnmacht, von fragwürdigem Selbst- und Kulturgewinn leichter zur Darstellung kommen."
Was einleitend am Beispiel der begriffssprengenden Bildung 'Käfig-Vogel-Käfig" deutlich gemacht wurde, ist jetzt auf seine didaktische und pädagogische Bedeutung hin zu analysieren. Wenn ,Lebewesen' und ,Gefangenschaft' eine solche nicht mehr alltagssprachlich trennende, insofern 'asignifikante" Zeicheneinheit darstellen, wird auch die Trennung von Aussage-Subjekt und -Objekt aufgehoben: damit nicht nur Sprache, sondern Vorstellung intensiviert.
      'Intensivierer |. . .] nennt der Linguist Vidal Sephila Jedes sprachliche Werkzeug, das die Grenze eines Begriffs anzustreben oder zu überschreiten erlaubt', indem es eine Bewegung der Sprache zu ihren Extremen, zu einem reversiblen Jenseits oder Diesseits bezeichnet."
Die umkehrbaren, damit dem Spiel freigegebenen Diesseits-Jenseitsstrukturen Kafkas können nicht mit der offiziellen, machtsprachlich geregelten Jenseits-Konstruktion der Hochreligionen interpretiert werden, sondern müssen — keinesfalls sprachimmanent verstehbar, - als Schmerz-Ausdruck, als Behebung einer Mangelerfahrung wahrgenommen werden: Der ganze Text ist ein Ausdruckszeichen für ,Geschichte gewordenen Schmerz'. In diesem Umkreis wäre literaturdidaktisch mit Kafkas Textleistungen eine Didaktik der Leiderfahrung zu entwickeln, in der die angemessene Verstehenshaltung zur Bereitschaft führte, den repräsentativen, offiziellen, machtpolitisch gewachsenen 'Einsatz" von Sprache im Sinn einer im Bewußtsein der beschädigten ,Kleinheit' und Ausgesetztheit solidarisierten Sensibilität aufzulockern, zumindest zu korrigieren.

     

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Didaktische  Aspekte  -  Verstehensbegriffe  Verstebensbaltungen    



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