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"Es waren und sind in mir zwei, die miteinander kämpfen", schreibt Kafka in einem etwa siebenseitigen, sehr wichtigen Brief vom November 1914 an Feiice Bauer, seine unbestimmte Verlobte. "Der eine is
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Biographische Situation und thematischer Umriß



Zwei unabdingliche zweibändige Handbücher dienen der vorzüglichen Klärung aller biographischen, textphilologischen und interpretatorischen Sachverhalte: Zunächst Hartmut Binders 'Kafka-Kommentar". Der hier heranzuziehende Band, 'Zu sämtlichen Erzählungen"", enthält sowohl in der Einführung wie vor allem im Kommentar zum 'Urteil" überaus ertragreiche Informationen. Das unter Mitarbeit ausgewiesener Kafka-Forscher vom gleichen Autor herausgegebene 'Kafka-Handbuch" in zwei Bänden1' informiert in einmaliger und für einen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts erstmaliger Weise über Biographie, historischen, bildungs- und zeitgeschichtlichen Kontext und über die Zusammenhänge und Aspekte des Werkes . Im Laufe der ersten Berufsjahre verschärfte sich die Lebenssituation Kafkas auf drei Ebenen: einmal hinsichtlich des zunehmenden Konflikts zwischen der nächtlich betriebenen Schriftstellerei und dem Büroberuf, hinsichtlich des rapiden Auseinanderlebens in der Familie, und schließlich hinsichtlich der Frage der Eheschließung.

     
   Wird der Anfang der 10er Jahre als ,Lebenswende' verstanden, so deshalb, weil sich wesentliche Neuorientierungen ergaben: Genaueres Bekanntwerden mit dem Zionismus und dem jüdischen Theater, mit der Naturheilbewegung und der Freudschen Psychoanalyse. Dem beruflich und familiär bedingten Verlust an Lebensmöglichkeiten entsprechen die Darstellungen der Isolation, des Junggesellentums in der frühen Erzählung ; die Einschränkung des Lebensraums im Zimmer Kafkas , die unfreiwillige Verantwortung als Mitbesitzer der elterlichen Fabrik für die dort herrschenden inhumanen Verhältnisse, der Streß durch die vom Vater mit Arterienverkalkung und Herznervosität begründete Erpressung der Familie - das alles führte zu tiefen, meist unterdrückten Depressionen, in denen sich Kafka selten Wutaffekte und Selbstmordpläne zugestand.

     
   Auf Drängen der literarischen Freunde stellt Kafka im Sommer 1912 aus den kurzen Prosastücken die Sammlung 'Betrachtung" zusammen, macht somit einen Schritt von der Familie, dem Beruf, der Normalität weg, - der andere neue Schritt war die Bereitschaft, mit Feiice Bauer, der nur einmal-am 13. 8. bei Max Brod - gesehenen Freundin, eine intensive Korrespondenz anzufangen. Kafkas Heiratsbereitschaft muß im Zusammenhang der Legitimierungsproblematik seiner existenziellen Unzulänglichkeitserfah rung gesehen werden: Jüdische Sozialisation, als deren Exponentin die Mutter gilt, hätte in der Heirat den Index der gelungenen Sozialbeziehung gesehen, eine Korrektur aller krankhaften, etwa schriftstellerisch-künstlerischen Extravaganzen."
Die Funktion der dichterischen Konfliktbearbeitung für den jungen, seiner sozialen wie poetischen Selbstständigkeit unsicheren Autor liegt u. a. auch darin, in den Fragmenten und Skizzen um 1910 'die Auseinandersetzungen mit der Familie" 'im Schutz poetischer Verfremdung" voranzutreiben. Es käme darauf an, Momente der Verdeckung, der Personen-und Konfliktverschiebung, der abstrakten und konkretistischen Verbildlichung von Spannungen als Versuche der sprachlichen Darstellung von psychischen Verhältnissen erkennen zu lernen. Diese Darstellung hat ihre Schwierigkeit wiederum darin, daß die Sprache aus Ding- und Objektwelt-Relationen herkommt: sie könne, sagt Kafka in einem berühmten Aphorismus der 'Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande", 'für alles außerhalb der sinnlichen Welt nur andeutungsweise, aber niemals auch nur annähernd vergleichsweise gebraucht werden, da sie, entsprechend der sinnlichen Welt, nur vom Besitz und seinen Beziehungen handelt"." Der .positive', die 'Sinnfrage" gerade erst unerbittlich aufwerfende Sinn der ,Haltlosigkeit', die zum Stigma der tiefenpsychisch, emotional und libidinös ungesättigten Mangelausstattung der Kafkaschen Existenz wurde, liegt in der geradezu anthropologisch relevanten Einforderung von Eigenbewegung, Mangelaufhebung, Wahrheitsfindung, Gemeinschaftssuche beim Leser: Kafkas Mangel-Helden, die in letaler Weise ihren zwischen Beziehungsfallen oszillierenden Konstruktionszwang ausleben, finden ihr Korrelat in dem einzigartigen Rekonstruktionsaufwand, den die Wissenschaft von Kafka gezeitigt hat.
      Im Sinn der appellativen Funktion von Dichtung, Normalitätsabweichung und probeweise Identifikation mit Unbekanntem oder Unvorhandenem zu provozieren, was seiner Neuheit wegen nie mit dem allgemeinen' zusammenfallen kann, spricht Kafka seiner 'kleinen Geschichte", auch wenn sie 'ein wenig wild und sinnlos" sei, doch 'innere Wahrheit" zu: 'was sich niemals allgemein feststellen läßt, sondern immer wieder von jedem Leser oder Hörer von neuem zugegeben oder geleugnet werden muß"."

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