Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Deutsche novellen

Index
» Deutsche novellen
» Bertolt Brecht: Der Augsburger Kreidekreis
» Novelle oder Kalendergeschichte - Überlegungen zum Text

Novelle oder Kalendergeschichte - Überlegungen zum Text



Die Kennzeichnung von Brechts "Augsburger Kreidekreis" als "Novelle" findet sich in der Literatur einzig bei Helmut Schwimmer . Er stützt sich dabei auf eine Bemerkung Brechts - wiedergegeben im zweiten Sonderheft von "Sinn und Form" -, bei seinem dichterischen Schaffen könnten oder müßten zwar auch "Ideen" "herausspringen", aber die "eigentliche Sache" sei "eben das Erzählen einer merkwürdigen Begebenheit". Schwimmer setzt diese Bemerkung Brechts in Beziehung zu Novellendefinitionen von Herbert Seidler und Gero von Wilpert und kommt dann zu dem Schluß, daß Brechts "Augsburger Kreidekreis" "eine Novelle von geradezu klassischer Prägung" sei .
      Wollte man sich Schwimmers Gedankengang anschließen, ließen sich zur Bekräftigung seiner These sicher noch weitere Definitionen anführen, die die Geschichte der Gattung oder die sich mit ihr beschäftigende Literaturwissenschaft so zahlreich hervorgebracht hat . Alle diese Definitionen gehen aber von normativen Setzungen aus, und paßt sich ihnen der konkrete dichterische Text nicht ein, wird er entweder als nicht gattungszugehörig ausgeschieden oder es wird so lange nach vordergründigen Merkmalen gesucht, bis die Definition wieder greift. Genau dieses Verfahren wendet Helmut Schwimmer an. Offensichtlich hat er aber die Diskrepanz doch wenigstens gespürt, wenn er feststellt, in scharfem Gegensatz zu der "formalen Traditionalität" stehe der "revolutionäre Inhalt der Novelle" . "Die Gespanntheit, die sich aus diesen beiden gegensätzlichen Elementen ergibt", führt er zurück auf eine "besondere Form der Verfremdung: ,Die Wahrheit' - so Brecht - ,kann auf viele Arten verschwiegen und auf viele Arten gesagt werden'" .
      Zweifellos ist dieses Brecht-Zitat eine gelungene Sentenz, fraglich bleibt nur, ob damit die das Brechtsche Werk kennzeichnende "Verfremdung" hinreichend belegt werden kann. Schwimmer 'jedenfalls hat sich damit zufriedengegeben, er hat auch die "Verfremdung" - gleichermaßen wie den Novellenbegriff - nur rein formal verstanden als ein "Mittel" der Darstellung, als bloßes "Kunstmittel". Verfremdung bei Brecht aber ist mehr, ist vor allem ein Mittel der Erkenntnis, ein Denk-Prozeß. Verfremden heißt nach Brecht, wie Jan Knopf prägnant formuliert, "Gewohntes, Altvertrautes, Altangetrautes, Üblichkeit, Alltäglichkeit und Konvention fern, distanziert, fremd zu sehen, um es als das, was es ist, und als das, was es sich darstellt, zu erkennen".
      Dieses Erkennen zu befördern, bedient sich Brecht in unserem Falle der Form der "Kalcndergeschichte". Nun hat auch dieser Begriff seine Tradition, ist mit bestimmten Bedeutungen gefüllt. Das "Handbuch literarischer Grundbegriffe" definiert: "zum Abdruck im Kalender bestimmte Geschichte, volkstümlich-unterhaltsam; oft derb-schwankhaft, mit Tendenz zur Belehrung". Nichts davon aber trifft auf Brechts "Kalendergeschichten" zu. Sie sind nicht belehrend im Sinne einer "erbaulichen" Didaktik, nie haben sie in einem Kalender gestanden, sie sind auch nicht "volkstümlich" in dem auf Gotthelf zurückgehenden Sinne, daß die "Volksseele in ihnen wehe". Wenn sie dennoch durch den Begriff "Kalendergeschichte" Volkstümlichkeit assoziieren, dann in jener neuen Bedeutung, daß sie die Geschichte des "Volkes" als einer Geschichte der Beherrschten erzählen wollen, daß sie versuchen, dessen Ansprüche aus der Geschichte und an die Geschichte zu formulieren.
      In diesem Zusammenhang ist auch die Entstehungszeit der "Kalendergeschichten" Brechts nicht unerheblich. Den "Augsburger Kreidekreis" schrieb er Anfang 1940 in Schweden, zu einer Zeit also, als in Deutschland die Blut- und Boden-Mystik und die Vererbungsideologie der Nationalsozialisten in höchster Blüte standen. Die Pervertierung des Begriffes "Volk" im sogenannten "Dritten Reich" verlangte, wollte man "Volk" nicht weiterhin unkritisch gebrauchen und damit nationalsozialistische Inhalte tradieren, nach einer radikalen Umdeutung.
      "Volkstum ist bei Brecht nicht mehr getränkt mit Ursprünglichkeit, mit ,Blut und Boden', es ist nicht mehr gleichbedeutend mit Schlichtheit , mit Einfachheit, Naturverbundenheit, Naivität oder was sonst immer. Die volkstümlichen' Menschen, die erhabener Gedanken nicht fähig und auch nicht nützlich sein sollen, für die gedacht werden muß, damit sie nicht zum Denken kommen können, sind nicht mehr von der Geschichte ausgeschlossen" .
      "Unser Begriff volkstümlich bezieht sich auf das Volk, das an der Entwicklung nicht nur voll teilnimmt, sondern sie geradezu usurpiert, forciert, bestimmt. Wir haben ein Volk vor Augen, das Geschichte macht, das die Welt und sich selbstverändert. Wir haben ein kämpfendes Volk vor Augen und also einen kämpferischen Begriff volkstümlich" .
      Brechts "Kalendergeschichten" sind demnach, wie Jan Knopf nachgewiesen hat, "Geschichten, die den traditionellen Begriff volkstümlich' historisieren und die moralische Bewertung der von ihnen behandelten Historie nicht scheuen, Geschichten, die aufklärerisch, kritisch, fortschrittlich und für den Humanismus sind" . Wenn Brecht seiner Sammlung von Geschichten und Gedichten den Titel "Kalendergeschichten" gibt, zeigt er damit
"daß für ihn eine andere Tradition als die der Volksseele maßgeblich gewesen ist: die Geschichte der Namenlosen [. . .], Aufklärung, Fortschritt und die Forderung nach realistischer Schreibweise, welche die Gattungsgrenzen sprengt und zugleich etwas von der Wissenschaftlichkeit in die scheinbar einfachen und harmlosen Produkte aufnimmt, die Brecht für sein Theater gefordert hat: die wissenschaftliche Haltung des Irritiert-Seins, des Nicht-Hinnehmens von scheinbar Selbstverständlichem" .
     

 Tags:
Novelle  oder  Kalendergeschichte  -  Überlegungen  zum  Text    


Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com