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Mütterlichkeit oder Humanismus



Beim 'Augsburger Kreidekreis" ergibt sich ein erster Aspekt der Irritation dadurch, daß Brecht sich nicht wie selbstverständlich in die literarische Tradition des Stoffes einfügt, weder in der Kalendergeschichte' noch in dem 1944/45 erschienenen Stück 'Der kaukasische Kreidekreis". Nach eigenem Bekunden hat er den Stoff dazu der 'Kreidekreisprobe" eines alten chinesischen Stücks entnommen . Kennengelernt hat er dieses wohl über die Bearbeitung Klabunds . Trotz dieser nachweisbaren Verbindungslinien kann aber das Stück Klabunds nicht als 'Quelle" Brechts bezeichnet werden. Nach einer Aussage seiner Mitarbeiterin Elisabeth Hauptmann, die Therese Poser mitteilt, hat Brecht nämlich überhaupt keine eigentliche Vorlage benutzt, vielmehr sei ihm die Kreidekreisgeschichte, wie auch viele Bibelsprüche, Bildungsgut gewesen.
      Die Erwähnung der Bibel verweist noch auf eine andere, ältere Quelle desselben Stoffes: ein Urteil des Königs Salomo, niedergeschrieben im Alten Testament, im dritten Kapitel des ersten Buches der Könige . Zwei Frauen, die im gleichen Hause wohnen, haben zur gleichen Zeit ein Kind geboren. Eines der Kinder stirbt, und nun behaupten beide, die Mutter des noch lebenden Kindes zu sein. Salomo, um seinen Richterspruch gebeten, läßt ein Schwert holen und befiehlt, das Kind zu teilen, damit jede Frau die Hälfte erhalte. Die wahre Mutter, 'weil sich das Mitleid mit ihrem Kind in ihr regte" , verzichtet lieber auf ihr Kind, als daß sie es durch das Schwert zerteilen läßt. Die falsche Mutter aber besteht darauf: 'Es gehöre weder dir noch mir! Teilt es auseinander!" .
      In der Bibel erhält die leibliche Mutter ihr Kind zurück, bei Brecht aber spricht es Richter Dollinger der Magd Anna zu. Bei der entscheidenden Probe nämlich reißt Frau Zingli, die leibliche Mutter, das Kind 'mit einem einzigen heftigen Ruck" aus dem Kreidekreis, während Anna, 'aus Furcht, es könne Schaden erleiden, wenn es an beiden Ã"rmchen zugleich in zwei Richtungen gezogen würde" , sofort losläßt.
      Werner Zimmermann sieht in dieser Reaktion Annas 'echtes mütterliches Gefühl" bestätigt. Die Kreidekreisprobe der biblischen und Brechtschen Fassung vergleichend, kommt er zu dem Schluß , beiden Texten liege die Ãoberzeugung zugrunde,
'daß das mütterliche Ethos sich zuerst in der selbstlosesten Form der Liebe, eben dem Verzicht auf das geliebte Wesen selbst, verwirklicht. Aber zum Unterschied vom biblischen Text fällt hier die sittliche Entscheidung nicht mit der natürlichen Bindung zusammen: Die ethische Substanz - und das ist hier eine zeitlos gültige menschliche Grundwahrheit - ist nicht an die Gesetze der Natur gebunden, ,das humane Band ist stärker als das des Blutes' ".
      Folgt man Zimmermann, 'gipfelt" die Erzählung also in 'dieser allgemein menschlichen, von allen Zeitströmen unabhängigen Wahrheit" , anders gesagt, sie gipfelt in der Bestätigung und Bewährung der Mütterlichkeit. Anna hat den Anspruch der Mütterlichkeit erfüllt, also gehört ihr das Kind. Entsprechend schreibt Helmut Schwimmer : 'Eine ,rechte' Mutter kann sowohl eine leibliche sein wie eine Pflegemutter".
      Diese Behauptung scheint einzuleuchten, sie klingt so selbstverständlich. Nur, sie entspricht in keiner Weise der Intention Brechts, die eben nicht darin besteht, Selbstverständliches zu bestätigen, sondern gerade es aufzubrechen, zu durchbrechen. Seine Grundthese von der Machbarkeit und Veränderbarkeit der Welt, die diese Erzählung wie sein gesamtes Werk bestimmt, zielt ja darauf ab, das scheinbar Selbstverständliche, das 'Natürliche", das 'Ewig-Menschliche" oder das 'Schicksalhafte" in ihrer Geltung aufzuheben und durch neue Werte zu ersetzen. Das gilt, wie zu zeigen ist, hier auch für den scheinbar 'natürlichen" Wert der Mutterliebe, der Mütterlichkeit.
      Die protestantische Stadt Augsburg wird im Dreißigjährigen Krieg von den katholisch-kaiserlichen Truppen überfallen und geplündert.
      Der reiche Gerberei-Besitzer Zingli kann nicht rechtzeitig entfliehen, er ' wird erschlagen. Auch seine Frau versäumt die rechtzeitige Abreise und wird von den Plünderern überrascht:
'Seine Frau sollte mit dem Kind zu ihren Verwandten in die Vorstadt ziehen, aber sie hielt sich zu lange damit auf, ihre Sachen, Kleider, Schmuck und Betten zu packen, und so sah sie plötzlich, von einem Fenster des ersten Stockes aus, eine Rotte kaiserlicher Soldaten in den Hof dringen. Außer sich vor Schrecken ließ sie alles stehen und liegen und rannte durch die Hintertür aus dem Anwesen" .
      Außer sich, ohne Ãoberlegung und Besinnung, allein darauf bedacht, ihr Leben zu retten, rennt die Frau hinweg und läßt 'alles", auch das Kind stehen und liegen. Jetzt war nur noch die junge Magd Anna im Hause. Und wie reagiert sie? Helmut Schwimmer beschreibt diese entscheidende Passage der Erzählung wie folgt:
'Schon als der Lärm der eindringenden Soldaten von der Gasse her in die Küche, wo sie gerade arbeitet, hörbar wird, gilt ihr erster Gedanke dem Kind ihrer Herrschaft, während die leibliche Mutter in dieser Situation nur an ihre materiellen Besitztümer denkt. [. . .| Ihr mütterlicher Instinkt ist wach geworden. Zunächst unternimmt sie freilich, gewissenhaft wie sie ist, noch einmal einen Versuch, das Kind seiner gesetzlich zuständigen Eigentümerin, der leiblichen Mutter, zurückzugeben. Nachdem dieser Versuch aber daran gescheitert ist, daß diese Mutter in der jetzigen kritischen Situation es für zu riskant hält, sich zu ihrem Kind zu bekennen, steht Annas Entschluß fest: Sie wird den Jungen zu sich nehmen" .
      Danach wäre es also mütterliches Gefühl, mütterlicher Instinkt gewesen, der Anna zur Rettung und später zur Pflege des Kindes veranlaßte. Schon ihr erster Gedanke, als die Soldaten anrückten, hätte dem Kind gegolten. Im Text steht aber nur:
'Sie lief in die Diele und wollte eben das Kind aus der Wiege nehmen, als sie das Geräusch schwerer Schläge gegen die eichene Haustür hörte. Sie wurde von Panik ergriffen und flog die Treppe hinauf" .
      Zu recht hat Jan Knopf darauf hingewiesen, daß hier nichts an instinktiven Muttergefühlen zu erkennen sei, instinktiv sei vielmehr, wenn überhaupt, nur die Angst um das eigene nackte Leben. Anna handelt nicht anders als Frau Zingli, die in ihrer panischen Angst ebenfalls 'alles", ihr eigenes Kind eingeschlossen, zurückläßt. Allerdings braucht Frau Zingli auch gar nicht an ihr Kind zu denken. Denn als reiche Frau hatte sie, wie derzeit üblich und in der Gerichtsverhandlung durch die Aussagen der Verwandten ihres Mannes bestätigt, die Sorgepflicht für ihr Kind an die Magd delegiert. Anna allein kommt es zu, will sie sich nicht ihrer materiellen wie gesellschaftlichen Existenz berauben, sich um das Kind zu kümmern, auch und gerade in dieser gefährlichen Situation.

     
'Von Mütterlichkeit kann hier also gar nicht die Rede sein, schon gar nicht von einem erwachenden Instinkt. Einzig erwacht bei beiden Frauen die Selbsterhaltung, der Egoismus, der auch Anna dazu bewegt, das Kind, obwohl es in großer Gefahr schwebt, wegzulegen und sich selbst zu retten. Mütterlichkeit dagegen hätte trotz aller eigener Gefahr zuerst das Kind zu retten versucht" .
      Auch den zweiten Rettungsversuch gibt Anna auf, als ihr bewußt wird, welche Gefahr sie läuft, wenn sie mit dem Kind des Protestanten auf der Straße aufgegriffen" wird . Wieder handelt sie egoistisch, ist sie zuerst auf ihre Sicherheit bedacht. Zwar legt sie das Kind 'schweren Herzens" in die Wege zurück, zieht es aber um ihrer Sicherheit willen vor, das Kind zu verlassen und es damit erneut zu gefährden.
      Erst der dritte Anlauf bringt die Wende. Entgegen dem ihrem Schwager gegebenen Versprechen, 'nichts Unvernünftiges zu tun" , nimmt sie das Kind zu sich. 'Sie stand schwerfällig auf, und mit langsamen Bewegungen hüllte sie es in die Leinendecke, hob es auf den Arm und verließ mit ihm den Hof, sich scheu umschauend, wie eine Person mit schlechtem Gewissen, eine Diebin" .
      Auch hier, wie Jan Knopf zutreffend hervorhebt, nichts von erwachender Mütterlichkeit, keine spontane Anteilnahme, sondern langes Zögern. Dann erst der gegen den eigenen Egoismus durchgesetzte Entschluß, die delegierte Verantwortung zu eigener Verantwortung werden zu lassen. Der Grund: Als sie 'einige Zeit, vielleicht eine Stunde, zugesehen hatte, wie das Kind atmete und an seiner kleinen Faust saugte, erkannte sie, daß sie zu lange gesessen und zu viel gesehen hatte, um noch ohne das Kind wegzugehen" .
      'Nicht Mütterlichkeit ist das Thema der Erzählung [. . .], sondern Humanität, die seufzend, zögernd, schwerfällig, als gefährliche Idee', unvernünftig sich gegen den Egoismus, der, wie das Verhalten der leiblichen Mutter zeigt, offenbar an der Zeit ist, durchsetzt. Erst zu langer Kontakt mit dem Anderen, erst daß der andere zu lange, zu intensiv in das eigene Leben getreten ist, es mitzubestimmen beginnt, machen es unmöglich, den Anderen allein zu lassen, ihn dem sicheren Tod auszuliefern" .
      'Schrecklich ist die Verführung zur Güte!" Mit dieser Aussage kommentiert Brecht in der Erzählung 'Die Geschichte vom kaukasischen Kreidekreis", der Fabel zum gleichnamigen Stück, die Para-lellstelle . Das heißt doch wohl, es ist schrecklich, in einer inhumanen Zeit human sein zu müssen. Die inhumane Zeit ist in der Kalendergeschichte konkret festgemacht, es ist die Zeit des Dreißigjährigen Krieges, die Zeit des großen Glaubenskrieges. 'Die historischen Ereignisse bestimmen die Handlungen der Menschen entscheidend, wie es vor allem im Verhalten der leiblichen Mutter deutlich wird. Auch Anna wäre beinahe der Affirmation an die herrschenden
Zustände verfallen, wenn sie nicht zu lange gesessen und gesehen hätte" . So aber kann sich ihre Humanität doch bewähren, und es eröffnen sich hoffnungsvolle Perspektiven auf die Zukunft. Für den Marxisten Brecht ist es dabei nur konsequent, daß diese Hoffnung auf Zukunft aus der Klasse der Unterdrückten und Besitzlosen erwächst, die das Bürgertum in seiner führenden Rolle ablösen soll. Die Besitzlosen und Abhängigen treten in diesem Prozeß zugleich aus ihrem Dasein in einer anonymen Masse heraus und erscheinen, wie Anna im 'Augsburger Kreidekreis", als die neuen Träger einer Humanität.
     

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