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Mensch oder Gesetz



Treffen unsere eben dargestellten Ãœberlegungen zu, kann das Urteil Richter Dollingers nur so gedeutet werden, daß auch er die Humanität Annas erkennt und anerkennt,' daß er ihr das Kind zuspricht, obwohl er über die wahren 'Besitzverhältnisse" aus der Voruntersuchung sehr wohl im Bilde ist, also gegen die Gesetze handelt, die die Blutsbindung wie das Besitzrecht zu achten vorschreiben. Hermann Pongs meint denn auch hierzu:
'Der Richter, schwäbisches Original, erkennt wohl, daß die Dienstmagd lügt, als sie das Kind als ihr eigenes, uneheliches ausgibt. Aber er sieht auch, wie sehr sie das Kind liebt und daß es der Reichen nur um das Erbteil geht. So erprobt er am Kreidekreis die Stärke der Liebe: die Dienstmagd läßt das Kind los, damit es keinen Schaden leide. Die ,Schlampe' reißt es an sich, ,würde es kalten Herzens in Stücke reißen'. Drum erhält die Dienstmagd das Kind als die ,rechte' Mutter. Des Richters Augen allerdings ,zwinkem' bei dem Urteil. Bei Salomo einst hieß es: ,Das mütterliche Herz entbrannte über ihrem Sohn'. Eine Urentscheidung, aus dem Blut. Dafür ist hier ein juristischer Trick getreten, er verwischt, wie leicht die Lüge der Dienstmagd aufzuklären wäre. Nicht um Urrätsel der Volksseele ist es Brecht zu tun, sondern um Propaganda gegen den Kapitalismus".
      Pongs polemisiert, weil er den Wert der Blutsbindung nicht aufgegeben wissen will, weil ihm Brecht die Verhältnisse offensichtlich auf den Kopf zu stellen scheint. Ziehen wir die Polemik ab, hat Pongs aber die Intention Brechts genau getroffen. Dann hat der Richter aber auch keinen juristischen Trick angewendet, sondern - im Sinne Brechts - völlig richtig geurteilt, indem er sich über geltendes Recht hinwegsetzte. Er hat sich auf die Seite des 'Menschen", nicht auf die des 'Rechts" geschlagen.
      Das geltende Recht ist in Gesetzen festgeschrieben und ebenso in Sprichwörtern, die zwar nicht Gesetzesrang haben, deren Gebrauch aber zeigt, daß sie als gültige Regeln verstanden und akzeptiert werden. Richter Dollinger beschwört beide, als er — vor der Kreidekreisprobe — seine 'Lektion" erteilt:
'Schön sei es allerdings von der Zeugin nicht gewesen, daß sie sich nur um ihr eigenes Kind gekümmert habe, andererseits aber heiße es ja im Volksmund, Blut sei dicker als Wasser, und was eine rechte Mutter sei, die gehe auch stehlen für ihr Kind, das sei aber vom Gesetz streng verboten, denn Eigentum sei Eigentum, und wer stehle, der lüge auch, und lügen sei ebenfalls vom Gesetz verboten" .
      Blieben diese Gesetze und Sprichwörter in Geltung, hätte Anna keine Chance, das Kind zugesprochen zu bekommen. Sie bekommt das Kind nur, weil Richter Dollinger an die Stelle der Blutsbindung des Gesetzes die soziale Bindung setzt und dieser neuen Norm gemäß urteilt. Er hat erkannt: 'Alles was das Kind geworden ist, ist es durch Anna geworden: sie hat ihm erst sein Leben gegeben. Aber auch umgekehrt: alles was Anna geworden ist, ist sie durch das Kind geworden". Leibliche Mutter und Kind sind dagegen einander entfremdet, 'sie haben nichts miteinander zu tun, obwohl zwischen beiden Blutsbindung besteht" .
      Jan Knopf bringt die gegenseitige Verkettung der Lebenswege von Anna und dem Kind auf den Begriff der 'gegenseitigen Anerkennung" . Weil Anna das Kind in seinem Menschsein 'anerkannt" hat, 'ist" sie die Mutter; sie ist es auch deshalb, weil das Kind sie 'anerkennt": Gestik, Mimik und die Artikulation im 'Schrei" bei der Gerichtsverhandlung bezeugen seine Bindung an Anna. Durch die gegenseitige Anerkennung ist nicht nur die Blutsbindung, sondern auch das Gesetz vom Eigentum aufgehoben.
      'Dollinger spricht Anna nicht das Kind als Besitz zu, wie es die leibliche Mutter für sich beansprucht, sondern er erkennt die gegenseitige Anerkennung an. Gesetz und Sprichwörter gelten nicht mehr. Die leibliche Mutter darf das Kind nicht erhalten, weil es bei ihr nicht es selbst sein dürfte, weil es von ihr nicht als Individuum anerkannt würde, zu dem es durch Anna geworden ist, weil es bloß Besitz wäre und ein Mittel darstellte, zu weiterem Besitz, nämlich zum Erbe des Hofes, zu kommen" .
      Gesetze und Sprichwörter sind fixierte Normen, die unter der Bedingung gelten, daß die Welt so beschaffen ist, wie sie sie voraussetzen. Sie fordern dann Gehorsam und Unterwerfung, lassen keine Ausnahme zu. 'Aus diesen Gründen schafft Brechts Geschichte die sprichwörtliche Welt ab. In einer zu verändernden Welt haben Sprachformeln, deren Konkretion nicht gut tut, die aber dennoch behaupten, immer neu gültig zu sein, keinen Platz" . In der Kalendergeschichte 'Der Augsburger Kreidekreis" belegt Brecht also wieder seine Grundthese, daß die Welt nur beschreibbar sei, 'wenn sie als eine veränderbare Welt beschrieben wird"
. Und er meint damit keineswegs eine ferne, von uns abgerückte Welt, zu der wir keine Beziehung mehr haben, er meint die heutige Welt, unsere Gegenwart, auch wenn er sein Exempel in der Geschichte festmacht. Das von uns Abgerückte schafft Distanz, zeigt seinen Modellcharakter besser als das uns Nahestehende, das zur Identifikation einlädt. Und Distanz fördert zugleich das Denken, fördert die Erkenntnis, die Voraussetzung ist für ein Handeln, das das Bestehende überwindet und in die Zukunft weist.
     

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