Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Deutsche novellen
„Für uns, die wir seit Freud wissen, daß, wer natürliche Triebe aus dem Bewußtsein zu verdrängen sucht, sie damit keineswegs beseitigt, sondern nur ins Unterbewußtsein gefährlich verschiebt, ist es le
Index
» Deutsche novellen
» Arthur Schnitzler: Traumnovelle
» Stundeneinheit (Ausschnitt aus der Tonbandaufnahme)

Stundeneinheit (Ausschnitt aus der Tonbandaufnahme)



Katrin: Für mich hat die Frau die Funktion der Warnerin.
      Lehrer: Das ist immer noch konkret gedeutet. Das ist noch keine Umsetzung für das
Sein Fridolins. Peter: Ich weiß nicht. Ich möchte etwas Allgemeines dazu sagen. In der Schule wirduns immer wieder gesagt, wir sollen logisch denken, und Sie fordern jetzt vonuns, wir sollten paradox denken. Lehrer: Paradoxes Denken kann dennoch logisch sein. Das ist kein Widerspruch.
      Die Paradoxie liegt im Text. Versuchen wir also, die Bedeutung der nackten Fraugenauer zu fassen. Michael: Ich kann mir vielleicht vorstellen, daß die Frau eine Personifikation des Es
Bereiches ist. Der Es-Bereich warnt ihn, doch nicht weiter vorzudringen.
      Ich weiß nicht, ob das stimmt. . . Lehrer: Wie sind Sie auf diese Deutung gekommen? Michael: Ich meine, sie kann sich nicht aus der geheimen Gesellschaft lösen. Siegehört ihr an. Sie ist nackt. Die Triebwelt übt auf Fridolin eine unwahrscheinliche Faszination aus. Dennoch möchte er die Anonymität aufheben und das
Gesicht der Frau sehen. Lehrer: Lesen wir dazu einige Textstellen. Ulrike: Ich glaube, Fridolin will den Es-Bereich mit seiner Logik durchforschen undalles genau erfahren. Seine Logik kommt aber aus dem Ich-Bereich, würde ichsagen. Und deshalb scheitert er; er kann die Frau nicht herausholen, weil er den
Es-Bereich durch sein Ich erfahren will. Lehrer: Ja . . . Ulrike: Er will nicht ein Erlebnis mit irgendeiner Frau, sondern mit dieser. Er will die
'Liebe" - das ist nicht ganz das richtige Wort - ich denke, er will die
Liebe individualisieren, ihren Namen erfahren und eben ihr Gesicht sehen.
      Und dies zieht sich bis zum Schluß hin, er forscht nach ihr. Gerhard: Ich möchte die Deutung noch etwas konkreter haben. Diese nackte
Frau berührt die verschiedensten Bereiche, und ich kann sie auf keinen gemeinsamen Nenner bringen. Ich habe mir ein paar Notizen gemacht. Wir haben von den sadistisch-masochistischen Anlagen Fridolins gesprochen. Und diese Frau opfert sich doch für ihn. Macht sie das nun freiwillig, oder wie ist das?
Lehrer: Das ist eine sehr wichtige Frage.
      Michael: Die geheime Gesellschaft . . . könnte das nicht das geheime Innere Fridolins sein? So als Bild eine Art Projektion? Ich meine, dann kann nur das passieren, was auch im Inneren Fridolins, vielleicht dem Es-Bereich passiert. Dem Fridolin gefällt es doch, daß sich eine Frau so einfach für ihn opfert, stirbt.
      Lehrer: Das mit der Projektion ist eine gute Idee. Aber da könnten wir die Textstelle S. 60 unten dazu lesen: 'Vielleicht gibt es Stunden, Nächte, dachte er, in denen solch ein seltsamer, unwiderstehlicher Zauber von Männern ausgeht, denen unter gewöhnlichen Umständen keine sonderliche Macht über das andere Geschlecht innewohnt?"
Sylvia: Die Stelle zeigt doch eindeutig, daß er es sich wünscht, nur als Mann so unwiderstehlich zu wirken. Er steckt ganz schön in einem Dilemma; auf der einen Seite möchte er, um es ganz hart zu sagen als Geschlechtswesen - nicht er als Person Fridolin - so wirken, und auf der anderen Seite will er immer wieder das individuelle Erlebnis.
      Peter: Und deshalb - so finde ich jedenfalls - ist es doch klar, daß die nackte Frau nicht im üblichen Sinn frei ist."
Als außerordentliche hilfreich erwies sich bei der Klärung dieser Ereignisse der Begriff der Projektion, den die Schüler in der Diskussion entwickelten und ausführten. Die geheime Gesellschaft stelle eine Projektion des psychischen Zustands Fridolins dar. Damit ist das Handeln der Mitglieder dieser geheimen Gesellschaft streng determiniert. Dies wurde im Unterrichtsgespräch von den Kollegiaten besonders an der Begegnung mit der unbekannten Nackten aufgezeigt.
      Fridolin fühlt sich fremd in dieser Umgebung ; Faszination beim Anblick der geheimen Wünsche, aber gleichzeitig ein Gefühl der Angst. Er hat das Bedürfnis nach Auslöschen der Individualität —> unbekannte Nackte und gleichzeitig den Wunsch nach Individuation ; diesem Wunsch nach individueller Liebesbegegnung kann aber die Unbekannte nicht entsprechen. In dem Augenblick, als der Schleier von ihrem Gesicht gleitet und sie sich nackt den Kavalieren darbietet, in diesem Augenblick wird Fridolin hinweggerissen, und er vermag ihr Gesicht nicht zu erkennen. Dem entspricht auch, daß es keine geheimen Gemächer in dieser Gesellschaft gibt, da das individuelle Erlebnis dem widerspräche. Im Augenblick des vollen Bewußtseins muß das Erlebnis enden.
      Damit aber wurde von den Schülern schon eine Vorentscheidung getroffen, ob es sich um einen Traum oder um wirkliche Erlebnisse handelt. Der
Rückgriff auf die Freudschen Traumdeutungen half weiter: Traum ist Realität und Realität kann Traum sein .
      Wichtig in diesem Zusammenhang ist die Frage nach den Folgen des nächtlichen Liebeserlebnisses:
Warum verflüchtigen sich am folgenden Tag seine nächtlichen Eindrük-ke so seltsam? Z. B. Einlieferung der Dirne ins Krankenhaus; die Pierrette entpuppt sichals Prostuierte; Marianne heiratet; Tod der nackten Unbekannten ; Besuch in der Anatomie. Für Fridolin gewinnen die nächtlichen Ereignisse im 'Lichte" des Tages eine andere, außerordentlich nüchterne Bedeutung. Es wurde vermutet, daß der Ich-Bereich die Bewertung übernehme; in der ereignisreichen Nacht sei dagegen sein ambivalentes Eindringen in die Triebwelt dargestellt worden. Damit werde aber auch das Oszillieren zwischen Realität und Traumgeschehen angedeutet.
      Nach der Beschäftigung mit den Aktivitäten Fridolins schließt sich die Entschlüsselung des Traumes von Albertine logisch an. Zunächst bereitet es Schwierigkeiten, die schockierenden Grausamkeiten Albertines zu begreifen. Die spontane Reaktion der Jugendlichen gleicht fast denen Fridolins, der es seiner Frau heimzahlen möchte.
      In den folgenden Auszügen aus der Tonbandaufnahme zeigt sich ganz deutlich, wie sehr Schüler in der Gruppe zu durchaus originellen und kreativen Deutungsansätzen fähig sind. Dabei kann man den 'brainstor-ming"-Effekt beobachten, daß nämlich die anregende Gruppenatmosphäre zu immer neuen Auslegungsversuchen provoziert. Wichtig ist es bei einem solchen Vorgehen, daß der Lehrer sich möglichst zurückhält bzw. sich wie ein 'normales" Gruppenmitglied einfügt und durch eine offene Unterrichtsführung die Kollegiaten zu Äußerungen ermuntert.
      'Vielleicht sind die Kleider auch als Symbol der Maske zu betrachten, der Larve . . . daß auch die Kleider eine gewisse Bedeutung haben, vielleicht die des Kaschierens, und die des Offen-da-Liegens des Eigentlichen, was nicht mehr hinter der Maske versteckt werden kann.,Kleider machen Leute'; aber auf das Eigentliche kommt es an. Jeder Mensch ist gleich."
'Im Traum hat Albertine keine Scham. Ich empfinde es als eine Art Gesellschaftskritik, weil man in der Realität ohne Kleider nicht auftreten kann. Der Mensch sehnt sich danach, so natürlich zu sein, wie er ist."
'Mir kommt es vor, als sei dies eine Parallele zur Bibel: ,Und sie sahen, daß sie nackt waren'; und dort wird die Schuld auf die Frau geschoben ,die hat mir den Apfel gegeben', während sie hier die Schuld auf den Mann schiebt. Also, das sind die Assoziationen, die mir bei dieser Stelle kommen."
'Und dann geht es doch noch weiter. Ein Kreuz wird für Fridolin errichtet, und die Hände werden ihm auf den Rücken gebunden, er wird ausgepeitscht, daß das Blut in Bächen an ihm herabfließt. Das erinnert mich doch an den gekreuzigten Jesus. Dakommt mir jedenfalls jetzt diese Assoziation. Ich denke auch an die Bibel und den Sündenfall."
'Ja, ich auch: bei mir stellt sich das Bild vom Paradies, vom Garten Eden ein: das Glück, die Wiese und dazu die Blumen . . ."
'Am Anfang wird gesagt, daß sie wieder in die Gesellschaft zurück wollen. Und ich meine, die erste Stelle kann man dann praktisch - wenn wir beim Freudschen Modell bleiben - dem Ich-Bereich zuordnen, während die zweite Stelle weiter hinten, ich glaube da steigt Albertine in den Es-Bereich hinunter, und deswegen eben die Erklärung, daß sie am Anfang Scham empfindet, während sie dann später, da macht ihr die Nacktheit nichts mehr aus."
'Ich möchte zu der Fürstin noch etwas sagen. Ist das nicht derselbe Vorgang wie auch bei Fridolin. Wenn man das als Projektion auffaßt, dann wünscht sie sich jetzt, daß ihr Mann nicht der Gebliebte wird, sondern praktisch an der Liebe zu ihr festhält und dafür in den Tod zu gehen bereit ist. Das ist dasselbe für Albertine. Das bedeutet eine Erhöhung für sie. Und auch ihre sadistischen Strebungen werden dabei offenbar."
'Ich finde, daß sich Albertine im Traum in einem Maße wohl fühlt, wie sich Fridolin bei seinem nächtlichen Abenteuer nie wohl fühlt. Ja, es ist ein Glück, wie Albertine es in der Realität nie empfinden kann. Ich verstehe das nicht ganz."
'Die Frau ist von der Anlage her mehr in der Lage, in den Es-Bereich hinabzusteigen und da zu verweilen, während der Mann immer zwischen dem Es und dem Ich hin- und herpendelt, sich doch gewissermaßen am Ich festklammert. So sieht's doch Schnitzler, denke ich. Ich habe die in diesem Heft abgedruckte ,Braut' gelesen. Da ist diese Tatsache noch krasser ausgedrückt. Die wahre Berufung der ,Braut' ist eigentlich die Prostitution. Da heißt es doch : ,Denn haben wir's (die Männer] nicht alle an den Frauen, von denen wir wahrhaftig geliebt wurden, schaudernd und in stummer Verzweiflung hundertmal erlebt, wie wir im Moment der Erfüllung für sie verlorengingen, wir, mit der ganzen Majestät unseres Ich, und wie unsere gleichgültige Persönlichkeit nur mehr das alltägliche Gesetz bedeutete, zu dessen zufälligen Vertretern wir bestellt waren.'"
'Fridolin scheitert, ist frustriert, weil er nach der Individualität strebt, die Erfüllung aber nach Schnitzler sich hier nicht in dem Maße ergibt wie in der Anonymität. Und die Frau ist eben dazu fähig und erlebt dadurch den größeren Genuß."
Eine Schülerin: 'Er schreibt vielleicht bloß so aus eigener Erfahrung, weil er eben ein Mann ist. Der kann doch dies bei Frauen gar nicht nachfühlen!" Auf den Einwand des Lehrers, Freud habe eine ähnliche Position eingenommen, kommentieren die Mädchen lachend: 'Der ist doch auch ein Mann!"
Die unterschiedliche Konfliktverarbeitung von Mann und Frau rückten die Kollegiaten von sich aus in den Mittelpunkt. Dabei argumentierten sie auch von ihrem heutigen gesellschaftlichen Standpunkt aus; sie nahmen an, daß die heutige Frau dieselben Möglichkeiten habe wie der Mann. Die allgemeine Enttabuisierung der Sexualität erlaube auch der Frau einen freieren Umgang. Es wurde immer wieder deutlich, daß der Schüler sich die Frage stellte: 'Welche Bedeutung hat diese Novelle für mich persönlich noch heute?"

 Tags:
Stundeneinheit  (Ausschnitt  aus  der  Tonbandaufnahme)    


Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com