Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Deutsche novellen
„Für uns, die wir seit Freud wissen, daß, wer natürliche Triebe aus dem Bewußtsein zu verdrängen sucht, sie damit keineswegs beseitigt, sondern nur ins Unterbewußtsein gefährlich verschiebt, ist es le
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Realisation



Die folgenden Ausführungen zur Realisation beruhen auf Erfahrungen und Beobachtungen, die bei der Erprobung dieses Unterrichtsmodells gewonnen wurden. Nicht in jedem Kurs/jeder Klasse werden sich dieselben Ergebnisse und Abläufe wiederholen; dazu müßten die Unterrichtsentwürfe mehrmals durchgeführt werden; nur so erhält man statistische 'Mittelwerte". Dennoch kann die praktische Einzelerprobung eines Modells grundsätzliche Probleme offenbaren.

     

In der Literaturdidaktik wird der primäre Leseakt häufig gelenkt, indem man dem Schüler zur Lektüre die Beantwortung von Leitfragen aufträgt . Dies kann eine nützliche Hilfe für den Lesenden darstellen; denn er wird dabei auf wichtige, u. U. strukturierende Elemente, aufmerksam gemacht. Arbeitsaufträge lassen sich dann während der Besprechung schneller erledigen, da der Schüler bereits Material gesammelt hat.
      In unserem Fall empfiehlt sich ein anderes Verfahren. Dichtung erlaubt meist vielfältige Assoziationen und damit auch unterschiedliche Deutungsmöglichkeiten. Wenn der Lehrer den Leseprozeß allzu sehr lenkt, werden manche kreative, wenn auch u. U. abweichende Interpretationsansätze, selektiert, die für die Organisation des Verstehens eines Textes wichtig sein können. Darüber hinaus geben diese spontanen Äußerungen Auskunft über Rezeptionsschwierigkeiten, die nur beseitigt werden können, wenn man sie kennt.
      Diesem Anliegen müssen die Fragen und Arbeitsaufträge schon von ihrer Formulierung her entsprechen. Sie werden recht allgemein gehalten sein müssen. Vor der Lektüre:
1. 'Traume sind Schäume".
      Was halten Sie von diesem alten Sprichwort?
2. Können Sie von einem eigenen Traumerlebnis berichten, das für Sie unverständlich gewesen ist? Schreiben Sie es kurz nieder.
      3. Wer war Sigmund Freud? Welche Lehre vertrat er?
Die Beantwortung gab Aufschluß darüber, inwieweit die Schüler mit Problemen der Traumdeutung und der Psychoanalyse vertraut waren. Wichtig war die Tatsache, daß für die Schüler dieses Kurses kaum unerklärbare Traumerlebnisse existieren und daß ein Grundwissen über die Lehre Freuds bereits vorhanden war.
      'Meistens lassen sich meine Träume durch vorhergegangene Fakten erklären. Der Traum spiegelt meine Ängste und Hoffnungen wieder. Wenn ich mich eine Zeitlang mit Dingen befasse, die ich nur schwer verarbeiten kann, träume ich auch davon, eben abstrahiert mit Symbolen und Metaphern, und finde dann im Traum eine Erklärung."
'Bei mir haben die Träume fast immer einen Bezug zu konkreten Erlebnissen der vorhergegangenen Tage. Ich verdaue sozusagen mein Leben im Traum."
'Ich träume z. B. immer wieder Zukunftserlebnisse, Träume, in denen ich mich in meinem zukünftigen Traumberuf sehe und dann Dinge erlebe, die ich mir zur Zeit erhoffe. Das läßt sich sicher daraus erklären, daß wir uns im Augenblick alle mit solchen Gedanken beschäftigen müssen. Abitur und was dann?"
Zur Lektüre selbst wurden folgende Fragen und Arbeitsaufträge gestellt:
1. Schreiben Sie spontan nieder, ob und warum Ihnen die 'Traumnovelle" gefallen hat!
2. Welche Passagen und Zusammenhänge sind Ihnen unverständlich ?
3. Wie beurteilen Sie das nächtliche Abenteuer Fridolins und den Traum Albertines?
4. Welchen Eindruck macht auf Sie der Schluß der 'Traumnovelle"?
Sie sollen vor allem Ihre subjektiven Gefühle und Eindrücke festhalten.
Zur Frage 1 schreibt ein Schüler:
'Nach negativem Vorurteil muß ich sagen, daß mir die ,Traumnovelle' gefallen hat. Fridolins Ausbruch aus dem Alltag - als diesen möchte ich es bezeichnen - ist von immenser Aktualität. Ich sah in Fridolin einen Teil von mir selbst."
Die spontanen Reaktionen zeigten überzeugte Zustimmung und auch ein Zögern, wie man das Geschehen einordnen könnte:
'Ich bin mir gar nicht so sicher, ob mir die ,Traumnovelle' gefallen hat oder nicht. Irgendwie hat sie mich gefesselt, Spannung war da, sie war leicht zu lesen und gerade wegen dieser unwirklichen Situation faszinierend."
Manche generellen Deutungsansätze werden bereits in diesen Spontanäußerungen versucht, z. B.:
'Die Novelle wirkt zwar ziemlich unwirklich und befremdend; aber es wird deutlich, daß wir nicht nur in einer Ebene existieren, in der uns die anderen sehen , sondern daß jeder einzelne von uns in einer für sich eigenen Welt lebt, die er sich selbst baut und in der er er selbst sein kann. In dieser Welt löst er sich von den Nonnen, die ihm von der Gesellschaft aufgezwungen werden. — Er handelte so, wie er normalerweise nicht handeln dürfte. Gedanken und Wünsche, die sonst verdrängt werden, tauchen auf und werden ausgeführt ."
Diese Deutungsansätze sind noch weitgehend undifferenziert und offenbaren manche Mißverständnisse. Es kristallisierten sich folgende hauptsächliche Verstehensproblemkreise heraus:
1. Inwiefern ist das nächtliche Abenteuer Fridolins Realität oder Traum? Wie sind die einzelnen Erlebensphasen in der Existenz Fridolins zu verstehen?
2. Wie ist der Traum Albertines zu deuten?
3. Wie ist der Schluß der Novelle zu verstehen? Von vielen wird er zunächst als ein billiges Happy End empfunden.
      Insgesamt wurden für die Arbeit im Unterricht jeweils 3 Doppelstunden benötigt. Dabei zeigte sich, daß im Laufe des Gesprächs das Geschehen in der 'Traumnovelle" eine Eigendynamik entwickelte, die die Schüler zu immer neuen Deutungsversuchen anregte, je intensiver sie sich damit beschäftigten. An den wichtigen Stellen werden die spontanen Reaktionen vom Lehrer zur Erinnerung und Auseinandersetzung eingebracht.
     

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