Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Deutsche novellen
"Für uns, die wir seit Freud wissen, daß, wer natürliche Triebe aus dem Bewußtsein zu verdrängen sucht, sie damit keineswegs beseitigt, sondern nur ins Unterbewußtsein gefährlich verschiebt, ist es le
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Interpretation



Schon im Titel "Traumnovelle" deutet Schnitzler an, was ihm besonders wichtig erscheint. Die Bedeutung, die die Psychoanalyse dem Traum zumißt, ist außerordentlich groß. Der Traum enthält den Schlüssel zum Unbewußten im menschlichen Leben.
      Freud hat bei der Psyche des Menschen unterschieden zwischen dem Es = Triebe, Triebkräfte, Unbewußtes, Unterbewußtes, dem Ich = selbstverantwortliche Persönlichkeit und dem Über-lch = Werte und Normen der Gesellschaft .
      Da in der Gesellschaft, und ganz besonders der um die Jahrhundertwende, das Individuum bestimmte Normen zu erfüllen hat , die sich als Gewissen in der Über-lch-Schicht manifestieren, werden oft nur in Träumen jene Triebkräfte der menschlichen Psyche offenbar, die im Unbewußten zu suchen sind. Freud nennt den Traum "die eigene psychische Leistung des Träumers."
Dabei ist für ihn die Bedeutung des Traumes außerordentlich groß: "der Traum beschäftigt sich niemals mit Dingen, die uns nicht auch bei Tag zu beschäftigen würdig sind, und Kleinigkeiten, die uns bei Tag nicht anfechten, vermögen es auch nicht, uns in den Schlaf zu verfolgen." Nach Freud können die meisten Träume der Erwachsenen durch die Analyse auf erotische Wünsche zurückgeführt werden.
      Bei der Bedeutung der unbewußten Triebkräfte in dieser Novelle, bietet sich die psychoanalytische Interpretationsweise geradezu an. Schnitzler als Zeitgenosse und Kollege kannte Freuds Theorien.
      Der Inhalt der "Traumnovelle" läßt sich so zusammenfassen:
Fridolin, ein Arzt, ist mit Albertine verheiratet. Sie haben eine kleine Tochter. Auf einer Faschingsveranstaltung, auf der sie sich trennen wollten, langweilen sie sich, begegnen sich und kehren vorzeitig nach Hause zurück. Am folgenden Tag geraten sie ins Gespräch und erzählen sich eine Begebenheit aus dem Urlaub, wobei beide beinahe einer Versuchung, dem Partner untreu zu werden, erlegen wären, wenn die Gelegenheit sich dazu ergeben hätte. Darüber hinaus gesteht Albertine ihrem Gatten, daß es mehr Zufall gewesen sei, daß sie ihn zum Manne gewählt habe. Diese Tatsache enttäuscht Fridolin doch mehr, als er sich zunächst eingestehen will. Er wird weggerufen zu einem Todkranken, der aber bereits gestorben ist, als er ankommt. Marianne, die Tochter des Hofrats, ist in ihn verliebt, ohne daß er diese Liebe zu erwidern in der Lage wäre. An diesem Abend hat er keine Lust, sofort nach Erledigung dieses Besuches nach Hause zurückzukehren. Er tritt damit aus der gewohnten Ordnung, und es beginnen die ungewöhnlichen nächtlichen Ereignisse. Er trifft seinen ehemaligen Studienfreund Nachtigall, der ihn auf eine geheime Gesellschaft, bei der er mit verbun-denen Augen Klavier spielt, aufmerksam macht. Die Frauen bei dieser geschlossenen Veranstaltung seien nackt. Fridolin bittet seinen Freund, ihm Zugang zu verschaffen. Er besorgt sich ein Mönchsgewand und begibt sich auf diese seltsame Party. Er verliebt sich sofort in eine dieser Frauen, die ihn warnt und bittet, sofort das Haus zu verlassen, sonst würde es ihm schlimm ergehen. Tatsächlich wird er bald erkannt, aber durch die ihm schon bekannte Unbekannte "ausgelöst".
      Nach Hause zurückgekehrt, erzählt ihm seine Frau einen langen Traum. Fridolin will sich mit seinem nächtlichen Abenteuer nicht zufrieden geben und forscht weiter nach der Unbekannten, die sich für ihn geopfert hat. In einer Zeitung liest er, daß sich eine unter dem Namen der Baronin D. abgestiegene Dame vergiftet habe; Fridolin glaubt, daß diese seine nächtliche Liebe gewesen sei. Aber alles, was er unternimmt, um Gewißheit zu bekommen, verflüchtigt sich seltsam. Auch der Besuch in der Anatomie - er betrachtet lange die nackte Tote - bringt ihm keine Sicherheit. Er kehrt nach Hause zurück und erzählt seiner Frau Albertine alles.
      Vier ereignisse sind kunstvoll miteinander verschlungen:

1. das Redoutenerlebnis als Auslösermoment,
2. die Urlaubserlebnisse Albertines und Fridolins in Dänemark,

3. die nächtlichen Erlebnisse Fridolins und seine Folgen,
4. der Traum Albertines.
      "Aus dem leichten Geplauder über die nichtigen Abenteuer der verflossenen Nacht gerieten sie in ein ernsteres Gespräch über jene verborgenen, kaum geahnten Wünsche, die auch in die klarste und reinste Seele trübe und gefährliche Wirbel zu reißen vermögen, und sie redeten von den geheimen Bezirken, nach denen sie kaum Sehnsucht verspürten und wohin der unfaßbare Wind des Schicksals sie doch einmal, und wär's auch nur im Traum, verschlagen könnte."
Schnitzler spricht hier von dem Unbewußten, Unterbewußten der menschlichen Psyche. Jeder Mensch habe solch "verborgene" und "kaum geahnte Wünsche".
      Albertine erzählt Fridolin, daß sie im Urlaub in Dänemark beinahe bereit gewesen wäre, sich einem jungen Mann hinzugeben, mit dem sie nicht einmal gesprochen habe, der aber dann vorzeitig abreisen mußte. Fridolin begegnete nun seinerseits beim letzten Morgenspaziergang einem hinreißend schönen, jungen Mädchen, das einen tiefen Eindruck auf ihn machte. Er und seine Frau spüren in diesem Erlebnis das Unbewußte; sie entkommen dieser Versuchung mehr durch Zufall als durch eigenes Zutun. Die Faszination, den unbewußten Wünschen nachzugeben, ist für Albertine und Fridolin außerordentlich groß. Sie sind in hohem Maße gefährdet.
      Das nächtliche "Abenteuer" Fridolins ist eigentlich kein Traum. Dennoch trägt es alle Attribute des Traumhaften. Ich werde noch darauf zurückkommen. Mit dem Verlassen seines Hauses beginnt eine Veränderung der Bedeutung der Gegenstände:
"Auf der Straße mußte er den Pelz öffnen. Es war plötzlich Tauwetter eingetreten, der Schnee auf dem Fußsteig beinahe weggeschmolzen, und in der Luft wehte ein Hauch des kommenden Frühlings."
Der Kranke, den er besucht, ist bereits gestorben und Marianne, die etwas ältliche Tochter, gesteht ihm ihre Liebe. Er regisitriert:
"[. . .] natürlich ist auch Hysterie dabei. [. . .] Im selben Augenblick, er wußte nicht warum, mußte er an seine Gattin denken. Bitterkeit gegen sie stieg in ihm auf und ein dumpfer Groll gegen den Herrn in Dänemark mit der gelben Reisetasche auf der Hotelstiege."
Fridolin befindet sich in einem labilen psychischen Zustand; Ereignisse gewinnen für ihn eine besondere Bedeutung, denen er sich ausgeliefert sieht; er kann keinen Widerstand leisten. So geht er mit einer Dirne - mit einem Frauenzimmer dieser Art hatte er seit seiner Gymnasiastenzeit nichts mehr zu tun gehabt - auf ihr Zimmer, unterhält sich mit ihr.
      "Wer auf der Welt möchte vermuten, dachte er, daß ich mich jetzt gerade in diesem Raum befinde? Hätte ich selbst es vor einer Stunde, vor zehn Minuten für möglich gehalten? Und - Warum? Warum?"
Und so wird es verständlich, daß er seinen ehemaligen Studienfreund bedrängt, ihn auf einen Ball einer geheimen Gesellschaft mitzunehmen, die ein seltsames Ritual befolgt. Der Übergang zum Traumhaften wird hier vollzogen. Traum und Wirklichkeit werden austauschbar. Die Parole zu diesem Ball ist "Dänemark", die Erinnerung an das Urlaubserlebnis steigt in ihm hoch:

"Also - Parole ist Dänemark."
"Bist du toll, Nachtigall?"

"Weshalb toll?"
"Nicht, nichts. - Ich war zufällig heuer im Sommer an der dänischen Küste."

Hier wird wiederum deutlich, daß Schnitzler durch die assoziative Verknüpfung des nächtlichen Abenteuers mit seinem Alltag bzw. Unterbewußten die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit verschiebt. Er begibt sich auf diesen Ball im Mönchsgewand, die Frauen und Männer präsentieren sich zunächst ebenfalls als Mönche und Nonnen. Keuschheit und sexuelle Zügellosigkeit sind die Pole, die nach Schnitzler in jedem Menschen unmittelbar aufeinander bezogen sind; sie können auch jeweils dem Es bzw. dem Über-Ich zugeordnet werden. Die Außenseiterrolle, die ihm in diesem "Wach-träum" zufällt, wird durch die dritte seelische Seinsweise, das Ich, ausgelöst. Damit wird Fridolin als verantwortlicher Person die Peinlichkeit der Realisation seiner unterbewußten Strebungen bewußt, und er muß aus dem Kreis dieser Party ausgeschlossen werden. Die Figuren sind namenlos, rote, weiße Kavaliere, Nonnen, Mönche, die Gesichter durch Masken verdeckt, Repräsentanten dieser Es-Schicht des Menschen. Eine seltsame Rolle spielt die Frau , die Fridolin "auslöst" und sich schließlich dadurch für ihn opfert. Diese Tat entspringt wiederum der unbewußten Schicht Fridolins, der diese spontane Opfertat einer bis zu diesem Zeitpunkt ihm völlig unbekannten Frau als Erhöhung seines Ichs genießt. Dazu korrespondiert im Traum seiner Frau die Opferung Fridolins für sie. Der Anlaß ist geradezu banal. Nach der Traumliebesnacht sind plötzlich die Kleider verschwunden und Albertine berichtet:
"Doch nun war etwas Fürchterliches geschehen. Unsere Kleider waren fort. Ein Entsetzen erfaßt mich, brennende Scham bis zu innerer Vernichtung, zugleich Zorn gegen dich, als wärest du allein an dem Unglück schuld; |. . .]"
Die Über-lch-Instanzen lassen eine Situation, die Nacktheit, peinlich erscheinen, die andererseits im weiteren Verlauf des Traumes durchaus glückhaft erlebt wird. Fridolin, der in der Morgenzeitung vom Tod einer unter falschem Namen in einem Hotel abgestiegenen Baronin D. liest, vermutet sofort in ihr jene unbekannte Schöne, der er in dieser seltsamen Nacht begegnet ist. Er beschließt, diese in der Anatomie zu besichtigen. Nun wird endgültig klar, daß eine kunstvolle Verschränkung von Traum und Wirklichkeit durch Schnitzler beabsichtigt ist:
"Und er wußte doch zugleich, auch wenn es ihr Antlitz wäre, ihre Augen, dieselben Augen, die gestern so lebensheiß in die seinen geleuchtet, er wüßte es nicht, könnte es - wollte es am F2nde gar nicht wissen. Und sanft legte er den Kopf wieder auf die Platte hin und ließ seinen Blick den toten Körper entlang schweifen, vom wandernden Schein der elektrischen Lampe geleitet. War es ihr Leib? - der wunderbare, blühende, gestern noch so qualvoll ersehnte?"
Er sieht schon das "Werk der Verwesung" im Gange. Schnitzler bewegt sich hier beinah in einer barocken Betrachtung des Todes:
"[. . .] er sah, wie von einem dunklen, nun geheimnis- und sinnlos gewordenen Schatten aus wohlgeformte Schenkel sich gleichgültig öffneten, sah die leise auswärts gedrehten Kniewölbungen, die scharfen Kanten der Schienbeine und die schlanken Füße mit den einwärts gekrümmten Zehen."
Es wird Fridolin klar, daß das nächtliche Ereignis nun eine andere Bewertung erfahren muß. Er nimmt sich nach seiner Rückkehr vor, Albertine die "Geschichte der vergangenen Nacht zu erzählen, doch so, als wäre alles, was er erlebt, ein Traum gewesen - und dann, erst wenn sie die ganze Nichtigkeit seiner Abenteuer gefühlt und erkannt hatte, wollte er ihr gestehen, daß sie Wirklichkeit gewesen waren. Wirklichkeit? fragte er sich -, [. . .]". Auch der Traum wird hier nicht nur als Fiktion dargestellt. Im Gespräch mit Albertine sagt er: "Und kein Traum f. . .] ist völlig Traum." Der Bedeutung nach, die der Traum für die Psychoanalyse einnimmt, ist diese Austauschbarkeit von Wirklichkeit und Traum nur konsequent. Danach ist der Traum die Realität des Unterbewußten und offenbart eindeutiger das wirkliche Sein des Menschen als seine bewußten Reaktionen. Deshalb ist die Traumdeutung ein wichtiges Analyseinstrument der Psychoanalyse; diese Traumdeutung kann danach dazu beitragen, die Ursachen neurotischer Störungen zu erkennen und damit den Schlüssel zu deren Beseitigung.
      Der Traum Albertines ist demnach ebenso wenig "nur" Traum wie die Wirklichkeit des nächtlichen Erlebnisses Fridolins "nur" Wirklichkeit ist. Beide "Abenteuer" besitzen identische Elemente, die ihren Ursprung u. a. in den Urlaubsbegegnungen in Dänemark haben. Traum und verdrängte Wirklichkeit sind einander äquivalent. So kann Albertine mit Recht am Ende behaupten: "Nun sind wir wohl erwacht, [. . .] auf lange."
In Albertines Traum trägt die Fürstin die Züge des jungen Mädchens, dem Fridolin am Strand begegnet war. Fridolin widersetzt sich nun aber standhaft allen Annäherungsversuchen. Für sie wird er ausgepeitscht, so daß das Blut "wie in Bächen" an ihm herabfließt; er soll gekreuzigt werden. Albertine betrachtet dies alles mit Genugtuung, mit einer Art Glücksgefühl; sie vergnügt sich mit anderen Männern, während ihr Mann für sie schreckliche Leiden zu erdulden hat. Ja, sie fühlt sich dazu gedrängt, ihn zu verhöhnen, daß er ihretwegen eine Fürstin ausgeschlagen hat.
      Nach Freud sind im Unterbewußten jedes Menschen masochistisch-sa-distische Strebungen erkennbar, die mühsam durch die Über-Ich-Nor-men beherrscht werden. Die Konstruktion eines Destruktions-, Todestriebes wird aus derselben Auffassung heraus begründet. Dieser Trieb kann sich gegen andere und gegen den Träger selbst richten. Der Schluß des Traumes Albertines zeigt an, wie sehr beide Ehepartner sich schon voneinander entfernt hatten:
" - ich begann zu schweben, auch du schwebtest in den Lüften; doch plötzlich entschwanden wir einander, und ich wußte: wir waren aneinander vorbeigeflogen. Da wünschte ich, du solltest doch wenigstens mein Lachen hören, gerade während man dich ans Kreuz schlüge."
Albertine spürt, wie sehr Fridolin sich von ihr entfernt hat, sie bestraft ihn dafür im Traum brutal und nimmt für sich selbst alle Freiheit in
Anspruch. Die Realebene ist von diesen Vorgängen zunächst noch nicht direkt beeinträchtigt. Die Partner tun so, als ob ihre gegenseitige Beziehung intakt sei. Daß diese Beziehung die Belastungsprobe überdauert, wird während der Novelle angedeutet. Denn sosehr sich Fridolin durch den Traum seiner Frau brüskiert fühlt und innerlich bereits beschließt, ihr diese nächtliche Brutalität heimzuzahlen, so sehr ist er dennoch im emotional Unterbewußten an sie gebunden:
"Nun merkte er, daß er immer noch ihre Finger mit seinen Händen umfaßt hielt und daß er, wie sehr er auch diese Frau zu hassen gewillt war, für diese schlanken, kühlen, ihm so vertrauten Finger eine unveränderte, nur schmerzlicher gewordene Zärtlichkeit empfand; und unwillkürlich, ja gegen seinen Willen, - ehe er diese vertraute Hand aus der seinen löste, berührte er sie sanft mit seinen Lippen."
Diese Bindung, diese intakte Beziehungsebene, bringt es mit sich, daß die Ehe nicht in einer Katastrophe endet, wie in so vielen Novellen und Erzählungen Schnitzlers. Ja, die Aufrichtigkeit der beiden Eheleute, die sich alles erzählen, eröffnet ihnen eine neue Dimension der Partnerschaft, aber im vollen Bewußtsein der Zerbrechlichkeit, der Anfälligkeit menschlicher Beziehungen. Die Traumerlebnisse sind Indiz für diese unbewußte Schicht, die nun, und das ist das Entscheidende, von Albertine und Fridolin nicht verdrängt, sondern durchlebt, verarbeitet wird. Diese Verarbeitung wird schon am Anfang angedeutet. Die selbstverantwortliche Person , die in soziale Bezüge eingeordnet bleibt , geht aus dieser Auseinandersetzung mit der Es-Schicht gestärkt hervor. Verantwortliche Partnerbeziehungen sind nach Schnitzler durch diese Triebschicht in einem labilen Gleichgewichtszustand zu halten. Dann aber, wenn dieses Gleichgewicht nicht von der Ich-Schicht, sondern von Über-Ich-Normen erhalten wird, kommt es zur Katastrophe, sobald sich die Es-Schicht durchsetzt, z. B. in "Fräulein Else", "Die Fremde" oder "Der Mörder". Von daher ist dieses Ehepaar in der bürgerlichen Gesellschaft der damaligen Zeit eine Ausnahmeerscheinung. Dies läßt sich durch die Kommunikationsstruktur belegen. Albertine ist ein gleichwertiger Kommunikationspartner; sie ist nicht, wie so häufig in bürgerlichen Ehen, die von vorneherein nur reaktive. Sie agiert aber nicht nur auf der verbalen Ebene, sondern vermag versöhnende Zeichen auch nonverbal zu setzen, als sie z. B. die Larve, die Fridolin bei seiner Rückkehr verloren hatte, auf das Kopfkissen legt:
"So konnte er auch nicht daran zweifeln, daß Albertine nach diesem Fund mancherlei ahnte und vermutlich noch mehr und noch Schlimmeres, als sich tatsächlich ereignet hatte. Doch die Art, wie sie ihm das zu verstehen gab, ihr Einfall, die dunkle Larve neben sich auf das Polster hinzulegen, als hätte sie nun sein, des Gatten, ihr nun rätselhaft gewordenes Antlitz zu bedeuten, diese schmerzhafte fast übermütige Art, in der zugleich eine milde Warnung und die Bereitwilligkeit des Verzeihens ausgedrückt schien, gab Fridolin die sichere Hoffnung, daß sie, wohl in Erinnerung ihres eigenen Traumes -, was auch geschehen sein mochte, geneigt war, es nicht allzu schwer zu nehmen."
Dies wiederum zeigt deutlich, daß die Beziehungsebene noch intakt ist, auch wenn sich Schwierigkeiten auf der Inhaltsebene bereits in ihrem Verhalten zueinander auszuwirken beginnen. Sein "Ich will dir alles erzählen" signalisiert Albertine jene vorbehaltslose Bereitschaft, sie als Partnerin anzuerkennen und zu akzeptieren.
      Die Inhaltsebene darf in diesem Zusammenhang nicht zu eng aufgefaßt werden; denn die potentielle Störung reicht bis in die unbewußten Schichten der Persönlichkeit. Daß sie in der Lage sind, durch rückhaltlose Ehrlichkeit diese Störung zu beseitigen, hebt sie weit über das Mittelmaß üblicher Partnerbeziehungen.
      Dennoch handelt es sich nicht um ein billiges Happy End, sondern es wird deutlich, daß lediglich ein psychisches Gleichgewicht der Ich-Person erreicht wurde, das keineswegs ein für allemal gesichert ist, sondern immer von neuem zu gewinnen sein wird. Dies zeigt der Schluß der Novelle, als Fridolin das Erwachen "für immer" feststellen möchte: da "legte sie ihm einen Finger auf die Lippen und, wie vor sich hin, flüsterte sie: ,Niemals in die Zukunft fragen.'"
Albertine ist in diesem Augenblick ihrem Manne überlegen; denn sie ist es, die die Zeichen des Vertrauens setzt und weiß, daß die Zukunft durchaus nicht ohne Probleme sein wird.
      Schnitzler dürfte sich wohl mit Fridolin identifiziert haben. Wie dieser war auch er Arzt und führte ein bütgerliches Leben. Es wird aus der Perspektive Fridolins erzählt; Albertine charakterisiert sich selbst durch ihre Teilhabe am Gespräch, oder es wird durch eine Art inneren Mo-nologes Fridolins ihre psychische Konstellation offenbar:
"Sie nahm seine Hände, streichelte sie und sah zu ihm auf mit umflorten Augen, auf deren Grund er ihre Gedanken zu lesen vermochte. Jetzt dachte sie seiner anderen, wirklicherer, dachte seiner Jünglingserlebnisse, in deren manche sie eingeweiht war, da er, ihrer eifersüchtigen Neugier allzu willig nachgebend, ihr in den ersten Ehejahren manches verraten, ja, wie ihm oftmals scheinen wollte, preisgegeben, was er lieber für sich hätte behalten sollen. In dieser Stunde, er wußte es, drängte manche Erinnerung sich ihr mit Notwendigkeit auf, und er wunderte sich kaum, als sie, wie aus einem Traum, den halbvergessenen Namen einer seiner Jugendgeliebten aussprach. Doch wie ein Vorwurf, ja wie eine leise Drohung klang er ihm entgegen."
Es wird deutlich, daß ein Erzähler das Geschehen berichtet, wenn auch meist aus der Sicht Fridolins; dennoch hat sich dieser schon so weit aus dem Novellengeschehen zurückgezogen, daß seine Anwesenheit nur noch indirekt erschlossen werden kann, wie in der oben zitierten Stelle, die nun tatsächlich als reiner innerer Monolog hätte gestaltet werden können, wie dies Schnitzler oft genug gemacht hat. Dies hat zur Folge, daß die erzählte Welt unmittelbar, fast distanzlos, auf uns wirkt; und der Leser wird zwar nicht angesprochen, aber dennoch ins Geschehen mit hineingezogen.
      Die Psychoanalyse wurde und wird von der psychologischen Forschung heftig angegriffen, vor allem ihre spekulative Grundlage. Moderne Richtungen der Psychologie gründen mehr auf empirischen Untersuchungen. Eine Interpretation auf psychoanalytischer Basis darf nicht gleichgesetzt werden mit dem Versuch, die Richtigkeit des psychoanalytischen Denkens nachzuweisen. Der Ansatz in diesem Zusammenhang ist deshalb legitim, da Schnitzlers Werk ohne Interdependenz zum Lehrgebäude Freuds kaum verstanden werden kann. Man könnte also behaupten, daß in dieser Novelle das psychoanalytische Erklärungsmodell menschlicher Existenz als Grundlage zu erkennen ist. So kann z. B. die Deutung Scheibles nicht akzeptiert werden, der das "Abenteuer" Fridolins eindeutig der Realitätsebene zuordnet:
"Die Gestaltung der geheimen Gesellschaft in der ,Traumnovelle' ist also durchaus nicht so phantastisch, wie es den Anschein haben mag; das phantastische Element ist eher das Produkt einer Gesellschaftsordnung, deren Unterscheidung zwischen offizieller und tatsächlich praktizierter Moral der strengen Abtrennung des privaten vom öffentlichen [. . .] entspricht."
Nur wenn man weiß, wie real nach der Psychoanalyse für das tatsächliche Sein des Menschen besonders Träume sind, kann man begreifen, daß dieses Erlebnis Fridolins auf derselben Ebene wie Albertines Traum anzusiedeln ist.
      Zu der Frage, inwiefern es sich hier um eine Novelle handelt, sei Arnold Hirsch zitiert:
"Der Novelle eigentümlich ist, daß sie das Subjektive in artistischer Formgebung verhüllt, daß diese Stilisierung der Ordnung und Fülle der Welt zu einer Beschränkung auf eine Situation und zur Wahl von ungewöhnlichen Geschehnissen führt."
Nach dieser Definition von Hirsch haben wir es hier wohl mit einer Novelle zu tun. Wir erleben die "Welt" durch die subjektive Perspektive Fridolins, die ergänzt wird durch die seiner Ehefrau Albertine. Die dem Hauptgestalten unbewußten Motive und Symbole werden kunstvoll artistisch verschränkt . Dennoch wird Einsicht in eine "Fülle von Welt" gegeben, nämlich in die unbewußte Triebstruktur eines Paares, dessen human-soziale Einbindung in die Gesellschaft, d. h. sie bewältigen einen Konflikt konstruktiv. Daß Schnitzler die "Novelle" mit dem "Traum" im Titel verbindet, weist auf die Bedeutung des Traumes hin, der nach der psychoanalytischen Auffassung den Zugang zum Es, zum Unbewußten, ermöglicht. Nur das bewußte Akzeptieren dieser eigenen Triebstruktur führt zu deren Bewältigung, zu deren Verarbeitung. Die Zuordnung zur Gattung der Novelle läßt sich also rechtfertigen, ohne daß diese Frage allzu sehr in den Mittelpunkt gerückt werden sollte. Da Schnitzler in seinem Titel die Einordnung selbst vornimmt, drängt sich allerdings die Frage nach den Gattungsspezifica geradezu auf, Wertungskategorien sollen damit keineswegs verbunden werden.
     

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