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Steinburg



Mittelalterliche Richtstätten lagen in Schleswig-Holstein oft auf Hügelgräbern aus vorgeschichtlicher Zeit: etwa in Meldorf und Heide. Der besterhaltene Grabhügel der Bronzezeit, der sich, am Gardeweg in Itzehoe, über zwölf Gräbern aus neun Bauperioden wölbte, wird heute noch Galgenberg genannt. Galgen über den Toten. Galgen auf der Vergangenheit ? Die womögl ich unbewußte Entweihung der Hügelgräber ist beileibe nicht so pietätlos wie die bewußte Zerstörung der Kaaksburg auf halbem "Weg zwischen Itzehoe und Schenefeld. Die sächsische Befestigungsanlage, um 800 n. Chr. auf einer Geestzunge in der Bekauniederung erbaut, wird von einer Bundesstraße durchgeschnitten. Nach deren Begradigung sind von dem baumbestandenen Ringwall nur zwei Bogenreste im Westen und Osten übriggeblieben. Als ich den immer noch drei bis fünf Meter hohen Erdwall, der um die Wende vom 14. zum 15. Jahrhundert dem Seeräuber Störtebeker und seinen Vitalienbrüdern als Zufluchtsort gedient haben soll, nach dreißig Jahren wieder emporkletterte, drang mir mit dem schleswig-holsteinischen Dauernieselregen Tristesse an die Haut.
      Traurigkeit mischte sich auch in die Freude beim Wiedersehen mit Itzehoe. Ich wanderte, den meckernden Schafen ausweichend, vom Schloß der Rantzauer, Breitenburg, ausgehend, auf dem Stördeich flußabwärts der Heimatstadt meiner Eltern zu. Den Graben zur Itzehoer Störschleife, in dem ich als Dreikäsehoch mit der Hand Stichlinge, am liebsten die bunten Männchen, fing, habe ich nicht wiedergefunden. Bald soll die Störschleife selbst, in die vor nun fast 750 Jahren Itzehoer Kauf leute mit dem Ziel, das Stadtrecht zu erwerben, die » Neustadt« bauten, teilweise zugeschüttet werden. Itzehoe und der von ihm aus verwaltete Kreis Steinburg besitzen nichts Großes außer ihrer Geschichte. Deren erstes Kapitel freilich schrieb die Natur. Erdgeschichtlich ist Schleswig-Holstein jung. Wo in der Eiszeit der Eisrand einen Endmoränenwall von Vaale über Huje, Edendorf und Sude bis Itzehoe und Kellinghusen emporstauchte, springt die Geest kopfüber in die erst in der Nacheiszeit gebildete Marsch hinab: eine Küste im Binnenland. Auf der Scheide von Marsch und Geest ist die Landschaft besonders abwechslungsreich. Saftige Weiden und fette Felder räkeln sich, markiert von Gräben und Stacheldrahtzäunen, über die flache Marsch bis zur Elbe. Wiesen und Kornfelder schecken auch die kupplige Geest, aber dort sind sie von bebuschten Knicks umgeben. Dazu Wald, allerdings nur auf der Geest. Herrlicher Wald! Echeho, wie Itzehoe in Helmolds Slawenchronik heißt, dürfte Eichenanhöhe oder Eichenwald bedeuten, und Holsten heißt Waldbewohner. Dazu gibt es Heide und Moor. »... dar schient de Bram so gel as Gold, dar lacht de Königsblom so stolt in Moß und Heid, wenn de Sommerdag öwer de Heiloh geiht«, reimte Johann Hinrich Fehrs begeistert. Sogar Dünen, mit Strandhafer, verstecken sich bei Nordoe auf der Münsterdorfer Geestinsel. Am Flaschenhals dieser Geestinsel, dem Breitenburger Moor zu, liegt Lägerdorf. Hier tritt ein Kreidegebirge aus Ãœberresten kalkgepanzerter Planktonalgen fast bis an die Erdoberfläche. Im Nordwesten des Kreises werden bei Wacken größere Tonvorkommen ausgebeutet. Aus Kreide und Ton wird in Itzehoe Zement gemacht; die 16 km lange Seilbahn mit Tonloren von Wacken bis Itzehoe ist ein Wahrzeichen des Kreises.
      Feste Wohnplätze an fließenden Gewässern haben in Stein-, Bronze- und Eisenzeit Siedler auf die Moränen an der Stör und ihrem Nebenarm Bekau gelockt. Im ganzen Norden sind nicht so viele Hünengräber und Urnenfelder gefunden worden wie auf Steinburgs und Dithmarschens Geest. Auch die Marsch ist bereits besiedelt gewesen, bevor sie sich senkte und die Flut wieder bis an den Geestrand brandete. Eine späte Senkung scheint viele Störsachsen veranlaßt zu haben, 449 mit nach Britannien auszuwandern. Sie haben dort sieben Flüsse Stour getauft. Die Wilstermarsch ist sogar nach der Eindeichung noch einmal gesunken. Von den 350 Windmühlen, die deshalb das Wasser in die Wettern schöpften, steht noch eine auf einer Weide vor Wüster. Die Holsten — Steinburg ist das Kernland des alten Holstengaus und wird daher auch Urholstein genannt — scheinen Häuser auf sicherem Baugrund der Geest mit » sted « bezeichnet zu haben: Hennstedt, Lockstedt, Brok-stedt, auch Hohenwestedt und Bramstedt, die zum Holstengau, aber nicht zu Steinburg gehörten. In der Marsch kommen andere Ortsnamen vor, etwa auf vlet wie Beidenfleth, Borsfleth, Dammfleth. Die cimbrische Halbinsel ist eine Völkerbrücke mit Heerwegen, vermutlich seit der Bronzezeit, für Handel, kulturellen Austausch, Völkerwanderung, Krieg und immer wieder Krieg. Wo die Geest besonders dicht an die schiffbare Stör herantritt und drei Heerwege zusammenliefen, war ein strategisch so wichtiger Punkt, daß Karl der Große dort 810 den nördlichsten Brückenkopf seines Reiches errichten ließ: ein Kastell auf dem Esesfeld an der Oldenburgkuhle zwischen Itzehoe und Heiligen-stedten. Die späteren Burgen sind in der Störschleife angelegt worden. Bei Ausgrabungen in der »Neustadt« ist man jetzt auf verschiedene Schichten gestoßen. Die unterste gibt womöglich Aufschluß über die Burg, die 1032 den Slawen trotzte, eine weitere enthält vermutlich Reste der Burg der ersten Grafen von Holstein, der Schauen-burger. An die Steinburg, am Heerweg auf der Spitze einer in die Kremper Marsch ragenden Geestnase kurz nach 1300 erbaut, erinnert nur eine baumbestandene Erhebung auf einer Viehweide.
      Mit den Franken begann die Christianisierung . Die meisten Kirchdörfer besitzen Kirchen aus vorreformatorischer Zeit. Idyllisch wirkt die von Hohenaspe mit ihrem freistehenden Glockenturm aus Holzstreben. Dort können Romantiker beim Schein von 500 Kerzen Weihnachten feiern. Oder die Kirche von Stellau. Aus Findlingen erbaut, ist sie vom Teufel wiederum mit Findlingen bombardiert worden. Aber weil das Strumpfband seiner Großmutter, das er als Schleuder benutzte, riß, blieb der größte Findling vor der Kirche liegen. Wer's nicht glaubt, sehe nach!

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